Freitag, 12. Februar 2016

ERNEUERUNG

Insofern ich heute "neu" bin im Vergleich zu gestern, bringe ich in die Welt die so dringend benötigte Erneuerung.

Samstag, 23. Januar 2016

Nicht sehr anspruchsvoll...

Beim Optiker belauscht:

Ein Kunde wünscht eine Lesebrille. 

Frage des Optikers: "Lesen Sie viel?"

Kunde: "Na ja: die Braunschweiger, den Spiegel, die Bild...."

Betriebsstrukturen in Ost, Mitte und West


Die Welt ist ein lebendiger Organismus. Ost, Mitte und West unterscheiden sich wesentlich.

Im Osten sind z.B. Wirtschaftsbetriebe patriarchalisch organisiert. Die Zugehörigkeit zu einer Firma hat etwas Familiäres. Diese Wirtschaftsfamilie wird durch ein Oberhaupt geführt. Dieses Oberhaupt wird allgemein anerkannt. Man stellt sich normalerweise nicht gegen es in Opposition. Dieser Gedanke ist den östlichen Seelen eher fremd.

Im Westen betrachtet man die Zusammenarbeit in einer Firma mehr unter dem Leistungsaspekt. Die Qualität dieser Leistung drückt sich in materieller Anerkennung aus. Selbstverständlich respektiert man den Mehrverdiener mehr als den Wenigverdiener. Dieses wird wie eine Art Naturordnung angesehen, die nicht infrage gestellt wird. Vielverdiener können geradezu als übermenschliche Wesen angesehen werden.  

 In der Mitte wollen sich heutzutage die Menschen mehr als gleichwertige Individuen begegnen. Sie wollen in einem sozialen Zusammenhang stehen und wollen keine Autorität über sich anerkennen. Wenn das durch eine hierarchische Betriebsstruktur gefordert wird, so tun die Menschen dies nur zum Schein. Innerlich stehen sie dazu in Opposition.

Werden Organisationsstrukturen des Westens oder des Ostens in der Mitte übernommen, so können sie nicht funktionieren. Wir brauchen ganz andere Strukturen der Zusammenarbeit in allen Einrichtungen.


Sonntag, 17. Januar 2016

"Geistige Gesetze", Ralph Waldo Emerson - Auszug

"Lasst uns, wenn wir große Taten haben wollen, unsere eigenen zu solchen machen. Alles Tun ist von einer unendlichen Elastizität, und auch das geringste lässt sich mit himmlischer Luft ausdehnen, bis es Sonne und Mond verfinstert. Lasst uns durch Treue den einen Frieden suchen. Lasst mich meine Pflichten sorgfältig beachten. Warum soll ich mich in den Szenen und der Philosophie Griechenlands und der italienischen Geschichte ergehen, bevor ich mich vor meinen Wohltätern gerechtfertigt habe? Wie kann ich es wagen, über Washingtons Feldzüge zu lesen, wenn ich die Briefe meiner eigenen Korrespondenten nicht beantwortet habe? Ist dies nicht ein ganz richtiger Einwand gegen unser vieles Lesen?"

Sonntag, 3. Januar 2016

MEINUNGEN


Was sehnen sich doch so viele Menschen danach, Gruppen anzugehören. Selbst das Teilen von Meinungen gerät zur allergrößten Befriedigung. Nicht umsonst beherrschen nur wenige Meinungen zur jeweiligen Sache die öffentliche Diskussion. Wohl streitet man sich erquicklich im Austausch gegensätzlicher Meinungen, und doch sind es überall die gleichen Standpunkte, die aufeinandertreffen.

Gewöhnlich weiß man im Gespräch mit anderen Menschen schon vorher, welche Meinung sie zu einem Thema äußern werden.

Merkwürdig, dass Menschen das Gefühl haben, sie würden ihre Individualität durch das Vertreten einer Meinung betonen. Sie meinen, dass es ihre eigene Meinung sei. Dabei teilen sie doch diese Meinungen mit einem erheblichen Anteil der Bevölkerung.  Und letztendlich kann man alle diese Standpunkte auch in den Medien wiederfinden.

Und gar komisch und lustig wird das Ganze dann, wenn man „Meinungsumfragen“ liest.

Der gleiche Brei wird immerzu neu aufgekocht und umgerührt.

Erst verbreitet man in den Medien eine bestimmte Meinung zu einer Angelegenheit. Dann finanziert man eine Meinungsumfrage und veröffentlicht sie. Und siehe da, die Mehrheit der Bevölkerung ist auch dieser Meinung!  

Und jeder Befragte ist sogar stolz auf seine Meinung, auf seinen „eigenen“ Standpunkt!

Dienstag, 29. Dezember 2015

Robert Spitzer

ZUM TOD DES PSYCHIATERS ROBERT SPITZER
aus FAZ vom Dienstag, 29.Dez.2015

"Gefühlssystem"

"In einem Interview hat sich der amerikanische Psychiater Robert Spitzer einmal daran erinnert, wie er als zwölfjähriger Junge den Urlaub in einem Sommercamp mit vielen Gleichaltrigen verbrachte. Jeden Abend ritzte er in die Holzbalken neben seinem Bett eine Graphik, in der er das Auf und Ab seiner Gefühle gegenüber verschiedenen Mädchen aus dem Camp festhielt. In seinem späteren beruflichen Schaffen habe er einen Bereich gewählt, in dem es um genau dasselbe ging: Um die Übertragung von Gefühlen in eine Art von System...."

Gefühle in eine Graphik bringen. Sie quantifizieren, gar messbar machen, das ist der Traum des modernen Seelenwissenschaftlers.
Welcher lebendige, beseelte, wirklich mit dem Herzen empfindende Mensch würde je auf eine solche Idee kommen? Welcher gesund empfindende Mensch könnte mit so etwas überhaupt etwas anfangen?
Schon mit zwölf Jahren beginnt er damit! D.h. dieses Anliegen hat er mitgebracht. Er ist vorbereitet, der Menschheit ein solches systemartiges Schema einzupflanzen.

Wir sehen die Technik derer am Werk, die die Entwicklung der Menschheit in das Mechanische vorantreiben wollen.

ÜBER DAS REISEN - Ralph Waldo Emerson - "Essays" (im 19.Jahrhundert)

"Es ist gleichfalls nur Mangel an Selbstbildung, dass der Aberglaube des Reisens, dessen Götzen Italien, England, Ägypten sind, seinen Zauber für alle wohlerzogenen Amerikaner behält. Diejenigen, welche England, Italien oder Griechenland so anziehend und ehrfurchtgebietend für unsere Phantasie machten, bewirkten dies dadurch, dass sie fest an ihrer Scholle klebten, als wäre sie die Achse der Erde. In männlichen Stunden fühlen wir, dass die Pflicht unseren Platz bestimmt. Der Geist ist kein Reisender; der weise Mann bleibt daheim – und wenn das Bedürfnis oder die Pflicht ihn hinausruft und ihn auf die Straße oder in die Fremde führt – er ist dennoch zu Hause, und am Ausdruck seines Antlitzes fühlen die Menschen, dass er als ein Missionär der Sittlichkeit und Weisheit dahinzieht und Städte und Menschen wie ein Souverän, nicht wie ein Bedienter oder Schleichhändler besucht. Ich bin kein pedantischer Gegner der Reisen um die Welt, wenn sie aus Liebe zur Kunst, aus Wissbegier, aus Menschenfreundlichkeit unternommen werden, wenn der Mensch nur erst eine Heimat hat und nicht in der Hoffnung auszieht, Größeres zu finden als er zu Hause gekannt. Wer um sich zu zerstreuen reist, oder um etwas zu finden, was er nicht mitbringt, der flieht vor sich selbst und wird unter den Trümmern des Alten in seiner Jugend alt. In Theben, in Palmyra werden sein Geist und Herz alt und zerfallen wie diese, und er trägt Ruinen zu Ruinen. Reisen ist das Paradies der Narren. Unsere ersten Ausflüge lehren uns, wie gleichgültig die Orte sind. Zu Hause träum' ich, dass in Rom oder Neapel mich die Schönheit berauschen und meine Verstimmung enden wird. Ich packe meine Koffer, nehme von meinen Freunden Abschied und schiffe mich ein – und erwache in Neapel, und an meinem Bette sitzt ernsthaft und wirklich – dasselbe traurige, unnachsichtliche Selbst, vor dem ich geflohen. Ich besuche den Vatikan und die Paläste, ich tue, als wäre ich von Ansichten und Ideen berauscht, aber ich bin nicht berauscht. Mein Riese geht mit mir, wohin ich auch gehe. Aber die Reisewut ist nur ein Symptom einer tieferen Ungesundheit, die unser ganzes geistiges Leben ergriffen hat. Unser Intellekt ist unstet, unser ganzes Erziehungssystem erzeugt Unruhe. Unser Geist ist selbst dann auf Reisen, wenn der Leib daheim bleiben muss.

Montag, 28. Dezember 2015

POLEN

Von unserem westlichen oder mitteleuropäischen Standpunkt aus betrachtet ist es natürlich nicht akzeptabel, was in Polen gerade passiert.

Wenn man allerdings die Sache aus polnischer Sicht betrachtet, dann kann man auch Verständnis entwickeln. Die wechselvolle spezifische Geschichte in diesem Land hat die Volksseele wund gemacht.

Wir können kaum ermessen, wie schwer es für die Menschen dort ist, diesen mächtigen, vielleicht sogar unberechenbaren Nachbarn zu haben. Wenn sich dieser Bär nur einmal im Schlafe herumwälzt, dann kann er leicht einen seiner kleinen Nachbarn erdrücken.

Die Flüchtlingssituation zu bewältigen ist für einen solchen "jungen" Staat viel schwerer als für ein gefestiges, wirtschaftlich prosperierendes Staatsgefüge.

Das alles macht den Leuten Angst. Und Angst verführt bei allen Menschen und Gruppen zu Aktionen und Reaktionen, die gewöhnlich unangemessen erscheinen können.
Wenn man nur sieht, wie sich manche Leute hier ihre Grundtücke absichern, aus Angst. Dann kann man verstehen, dass auch Regierungen etwas ähnliches tun.

Und wie schnell und leicht die öffentliche Meinung umschwenkt, das kann man wöchentlich selbst in unserem Land beobachten. Wobei die Menschen auch hier immer nur den Meinungsmachern folgen. Es sind nie ihre eigenen persönlichen Überzeugungen, sondern es ist alles ein Nachplappern.

Meinungsumfragen sind so ziemlich das Überflüssigste und Unwahrhaftigste, was es gibt, man kann die Ergebnisse immer schon vorher wissen.
Sie sind ein Machtinstrument.



Freitag, 15. Mai 2015

Leiden

Heinrich Seuse
Aus dem Büchlein der ewigen Weisheit

"Leiden ist vor der Welt eine Verworfenheit, ist aber vor dir eine unermessliche Würdigkeit. Leiden ist ein Löscher meines Zorns und ein Erwerber meiner Huld. Leiden macht mir den Menschen liebenswert, denn der leidende Mensch ist mir ähnlich. Leiden ist ein verborgenes Gut, das niemand vergelten kann...Es macht aus einem irdischen Menschen einen himmlischen Menschen. Leiden bringt der Welt Entfremdung und verleiht dafür meine beständige Vertraulichkeit. Es vermindert die Zahl der Freunde und mehret die Gnade.
Der muss gänzlich von aller Welt verleugnet und verlassen werden, dessen ich mich freundlich annehme. Es ist der sicherste Weg und ist der kürzeste und der nächste Weg. Sieh, wer recht wüsste, wie nützlich Leiden ist, der sollte es als eine werte Gabe von Gott empfangen.
Eya, wie gibt es so manchen Menschen, der ein Kind des ewigen Todes war und entschlafen war in tiefen Schlaf den das Leiden erfrischt und ermuntert hat zu einem guten Leben. ...

Leiden behütet vor schwerem Fall, es lässt den Menschen sich selbst erkennen, in sich selbst bestehen, seinem Nächsten nachsichtig sein. Leiden hält die Seele in Demut und lehrt Geduld; diese ist eine Hüterin der Reinheit, sie bringt die Krone ewiger Seligkeit."


Montag, 22. September 2014

Don Quichotte

Aus Don Quichotte , Erster Teil, etwa Mitte:

"Und zur Bekräftigung dieser meiner Darlegung will ich dir eine Stanze anführen, die der berühmte Dichter Ludwig Tansillo am Ende des ersten Teils seiner "Tränen des heiligen Petrus" geschrieben. Sie lautet so:

Es wächst der Schmerz, es wächst das Schambewußtsein

In Petrus, da der Hahn den Tag verkündigt;

Und stürmisch zieht die Scham in seine Brust ein,

Obwohl es niemand sah, als er gesündigt.


Ein edles Herz muß sich der Schmach bewußt sein,

Weiß auch kein andrer, daß es sich versündigt;

Es schämt sich vor sich selbst ob dem Vergehen,

Wenn auch nur Himmel es und Erde sehen."

Mittwoch, 10. September 2014

URAL

"Der Sommer ist in der Ural-Region zwar kurz, dafür aber arm an Schnee", erkärt lachend Swetlana....

Samstag, 16. August 2014

Karl der Große und Aachen

Noch zur Zeit Karls des Großen muss man sich das mittelalterliche Europa mehr so vorstellen, dass es sich um kein einheitliches Gebiet handelte, sondern um ein wenig homogenes von vielen Völkern, Stämmen und Stammesgruppen bewohntes Land. 

Wir können es vergleichen mit dem griechischen Gebiet - im Gegensatz zum römischen. Die Vielzahl der griechischen Städte ist uns überliefert. Und dennoch gab es etwas Einheitliches z.B. in der Verehrung bestimmter Kultstätten wie Delphi. Die Bedeutung einer solchen Kultstätte ragte sogar weit über das griechische Territorium – im engeren Sinne – hinaus.
 

Während wir im Römischen Reich ein überwiegend durch Gesetze und Gewalten gewissermaßen zentral regiertes Imperium vor uns haben.


Der Charakter des Germanischen war nun mehr dem Griechischen vergleichbar, weniger dem Römischen. Es gab keine zentrale politische Gewalt​, a​ber eine gemeinsame geistige Grundlage, die u.a. auch ihren Ausdruck in einer zentralen Kultstätte, wie d​er​ Irminsul, fand. 

Bei Karl dem Großen wird immer wieder durch die Geschichtsschreiber erwähnt, dass er in seinem Herrschaftsgebiet etwas​ "vereinheitlicht​" hat. Damit setzte er in gewisser Hinsicht die römische Tradition fort, weniger die germanische. Seine Ernennung zum „Kaiser“ entspricht auch diesem Anspruch und seiner Nachfolge der römischen Caesaren. 

Seine Wurzeln liegen in demjenigen germanischen Gebiet, das stark vom römischen Geist durchsetzt war, dem romanisierten Frank​(en​)reich. Während sich das Germanische am reinsten noch bei den sächsischen und thüringischen Gruppen erhalten hatte. 

Der Widerstand, den die Sachsen gegen die sog. Christianisierung leisteten, ​begründete sich also mehr in einem Konflikt zwischen dem alten römischen Geist, der sich mehr im Westen erhalten hatte - und dessen Repräsentant nun Karl der Große ist - , und dem eigentlichen Wesen des Germanischen, das sich mehr im Norden und Osten in Resten fand. Die blutige Unterwerfung und die anschließende Zwangstaufe der Sachsen durch ​Kaiser ​Karl bedeuteten einen Sieg des romanischen Zentralisierungs-Gesichtspunktes über den mehr freiheitlichen germanischen Geist, der nun drohte völlig zu ​unterliegen. 

Später kam es dann unter Karls Enkeln, Karl dem Kahlen (im Westen) Lothar (in der Mitte) und Ludwig dem Deutschen (im Osten) zu einer Aufteilung des Herrschaftsgebietes. ​D​ies​er "Zerfall​" des karolingisch-fränkischen Reiches unter Karls Enkeln bedeutete einen Rückschlag für die ​romanischen​ Zentralisierungstendenzen. Die Abtrennung des „ostgermanischen“- deutschen von den mittleren und den westlichen europäischen Gebieten (heute z.B. Belgien und Frankreich)  ermöglichte dann eine mehr eigenständige Entwicklung des deutschen Teiles unter Bewahrung germanisch - freiheitlicherer Gesichtspunkte.


Copyright:
„Teilung Lotharingiens“. Lizenziert unter Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 über Wikimedia Commons - http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Teilung_Lotharingiens.png#mediaviewer/Datei:Teilung_Lotharingiens.png

Während sich im westlichen Europa die Zentralisierung weiter fortsetzte. ​

In unserer heutigen Zeit wurde Karl der Große schließlich der Patron der europäischen Vereinigung. Damit kehrte auch das Vereinheitlichungsprinzip, für das Karl steht, wieder in größeren Dimensionen zurück.
    

Freitag, 8. August 2014

Für alles, was man nimmt, sei es seelisch, geistig oder physisch, ist entsprechende Gegenleistung zu erbringen; gleich, später oder noch viel, viel später. 

Egoismus ist wie unsere Erde als physischer Planet.
Individualismus ist eine Sonne. 

Dienstag, 27. März 2012

Armutsgefahr

Mit diesen Überschriften erschien die gleiche Nachricht heute in verschiedenen Zeitungen:

"Armutsgefahr in Deutschland erneut gestiegen"
Welt Online

"Deutschland bei Armut im europäischen Mittelfeld"
Berliner Morgenpost

"Deutschland bei Armut unter EU-Durchschnitt"
Märkische Allgemeine

So färbt man die Dinge und gestaltet Meinungsbildung!

Sonntag, 5. Februar 2012

Herbert Vetter: Christliches Heilen durch erkennendes Bewusstsein



Interview mit Herbert Vetter, Goldschmiedemeister und Berater für anthroposophische Heilverfahren.

Text unter "Gedanken zur anthroposophischen Arbeit":

http://orioniden.blogspot.de/2012/02/herbert-vetter-christliches-heilen_08.html


Quelle: http://www.wahrheitssuche.org/geistheilen.html

Donnerstag, 26. Januar 2012

Der "HuKiGa"

Heute, früh morgens auf dem Weg zur Arbeit sehe ich einen jungen Mann mit kleinem Rucksack, der einen Hund ausführte. Der Mann sah aus, als wäre er auch auf dem Weg zur Arbeit.
"Was macht er dann nur mit seinem Hund?", dachte ich mir. "Er bräuchte einen Ort, um seinen Hund tagsüber abzugeben. So etwas wie einen Kindergarten - nur eben für Hunde, damit Berufstätige tagsüber ihre Vierbeiner versorgt wissen könnten."
Während ich dieses neue Unternehmensmodell in Gedanken weiter entwickelte, kam ich an einer roten Ampel zum Stehen. Da fuhr ein klappriger, alter VW-Bus vorbei. Auf ihm stand so etwas wie "HuKiGa - Tagesstätte für Hunde"!

So schnell werden Gedanken Wírklichkeit!



http://www.hukiga.de/

 Haustierdienstleistungen · Hannover

Sonntag, 22. Januar 2012

Saturn - Die große Überraschung: Es strömt im Sechseck!

Astronomy Picture of the Day

Entdecke den Weltraum! Täglich ein Bild über Astronomie und Raumfahrt aus dem Universum, zusammen mit einer kurzen Erklärung eines Astronomen.
22. Januar 2012
Siehe Erklärung. Ein Klick auf das Bild lädt die höchstaufgelöste verfügbare Version.
Saturns Sechseck kommt ans Licht


Beschreibung: Ob Sie es glauben oder nicht, das hier ist der Nordpol Saturns. Es ist unklar, wie so ein ungewöhnliches, sechseckiges Wolkensystem, das Saturns Nordpol umgibt, entstehen konnte und seine Form behält, oder wie lange es bestehen bleibt... Planetenwissenschaftler werden sicherlich noch einige Zeit diese äußerst ungewöhnliche Wolkenformation beobachten.

Samstag, 21. Januar 2012

Die Sonnenbahn im Jahreslauf

Astronomy Picture of the Day

Entdecke den Weltraum! Täglich ein Bild über Astronomie und Raumfahrt aus dem Universum, zusammen mit einer kurzen Erklärung eines Astronomen.
21. Januar 2012
Siehe Erklärung. Ein Klick auf das Bild lädt die höchstaufgelöste verfügbare Version.
Tage in der Sonne
Bildcredit und BildrechteRegina Valkenborgh
Beschreibung: Diese Aufnahme von Sonnwende zu Sonnwende wurde sechs Monate lang belichtet und komprimiert die Zeit vom 21. Juni bis 21. Dezember 2011 an einem Standort. Das unkonventionelle,als Solargraph bezeichnete Bild wurde mit einer Lochkamera fotografiert, die aus einer Getränkedose mit einem Stück Fotopapier im Inneren gebastelt wurde. Diese einfache Kamera wird während der gesamten Aufnahmezeit an einem Punkt fixiert und zeichnet jeden Tag kontinuierlich den Sonnenpfad als leuchtende Spur auf, die in das lichtempfindliche Papier gebrannt wird. In diesem Fall wurde der Standort so gewählt, dass er die Kuppeln und das Radioteleskop des Bayfordbury-Observatoriums der Universität Hertfordshire überblickte. Dunkle Lücken in den Tagesbögen werden von Wolkendecken verursacht, während kontinuierliche helle Spuren dem herrlichen Zauber des sonnigen Wetters folgen. Natürlich steht die Sonne anfangs im Juni zur Sommersonnenwende der Nordhalbkugel höher.Wenn dieWintersonnenwende im Dezember näherrückt, sinken die Spuren am Himmel tiefer. Der Herbst letzten Jahres war einer der mildesten, die je in Großbritannien aufgezeichnet wurden, wie die vielen hellen Bögen im tieferen Bereich des Bildes bezeugen.

Gipsarm verändert Gehirn in 16 Tagen

Aus der Sicht der Menschenkunde ist diese Meldung wieder eine grandiose Bestätigung dessen, was man aus der Geisteswissenschaft längst schon weiß:

[Quelle: Spiegel -Online: http://www.spiegel.de/wissenschaft/medizin/0,1518,809673,00.html]


iStockphoto

"Eingegipster Arm: Ruhigstellung verändert sensorische und motorische Hirnareale

Nach einem Bruch wird ein Arm in der Regel in Gips ruhiggestellt. Forscher haben beobachtet, dass sich dann schon nach wenigen Tagen bestimmte Hirngebiete verändern. Der Effekt spielt eine wichtige Rolle bei der Therapie von Schlaganfällen.

Mit einem Gipsarm hantiert es sich schlecht. Rechtshänder, deren rechter Arm nach einem Bruch ruhiggestellt ist, müssen wohl oder übel ihren schwächeren linken Arm einsetzen, um den Alltag zu bewältigen. Forscher der Universität Zürich haben nun beobachtet, dass sich dadurch bestimmte Hirngebiete bereits nach 16 Tagen deutlich verändern.

Die Dicke der linksseitigen Hirnareale werde reduziert, diese seien für die Kontrolle der ruhiggelegten rechten Hand zuständig, schreiben Nicki Langer und seine Kollegen im Fachblatt "Neurology". Die Hirnsubstanz der rechten motorischen Areale, welche die linke Hand steuern, wachse hingegen.

Für die Studie wurden zehn Rechtshänder mit gebrochenem rechten Oberarm untersucht. Wegen des Gipses oder einer Schlinge konnten die Versuchspersonen 16 Tage lang ihre rechte Hand nicht oder nur wenig bewegen. Sie benutzten daher für alltägliche Handlungen wie Essen, Zähneputzen oder Schreiben ihre linke Hand.

Die Gehirne der Personen wurden zweimal durch eine Magnet-Resonanz-Tomografie aufgenommen - zuerst 48 Stunden nach der Verletzung, das zweite Mal 16 Tage nach der Ruhigstellung des Armes. Anschließend ermittelten die Forscher die Dicke der Hirnrinde und maßen die Feinmotorik der linken Hand.

"Interessant ist, dass sich während der 16 Tage dauernden Ruhigstellung die Feinmotorik der linken Hand deutlich verbessert hat", berichtet der Neuropsychologe Lutz Jäncke. Die motorische Leistungsverbesserung korreliere mit den anatomischen Veränderungen: Je besser die feinmotorischen Fähigkeiten der linken Hand seien, desto mehr Hirnsubstanz gebe es im rechten motorischen Areal.

Die Wissenschaftler sind überzeugt, dass dieser Effekt eine wichtige Rolle bei die Therapie von Schlaganfällen spielt. So wird beispielsweise bei bestimmten Therapien der unbeschädigte Arm ruhiggestellt, um den betroffenen Arm zu stärken und das entsprechende Hirnareal für neue Fähigkeiten zu stimulieren. Mediziner sollten bei derartigen Therapien unbedingt die kurzfristigen Veränderungen im Gehirn beachten. Die gezielte Ruhigstellung habe positive Wirkungen auf ein Hirnareal und zugleich negative auf das gegenüberliegende.

hda"

Freitag, 30. Dezember 2011

"Kommunalka"

„….Aber nicht alle Kommunalki – (eine Kommunalka ist eine große, bürgerliche Wohnung der Zarenzeit, in der dann  im Sowjetsystem mehrere Familien gleichzeitig untergebracht wurden)- in einem Haus wurden (nach Ende des Kommunismus) aufgelöst; in meinem Treppenaufgang zum Beispiel blieb eine Kommunalka bestehen. Darin lebten zwei Brüder um die dreißig, die beschlossen, den kapitalistischen Weg einzuschlagen. Sie machten einen Trinkwassergroßhandel auf. Dieses Geschäft warf allem Anschein nach Gewinn ab. Alle Stockwerke in unserem Aufgang waren  mit Zehnliterplastikflaschen zugestellt, denn sie beiden Jungunternehmer hatten keine Lagerräume. Die Brüder veränderten sich: Sie trugen nur noch modische Kleidung und Schuhe, alles sehr schick und italienisch. Doch dann ging die russische Seele mit ihnen durch: Sie schwammen in Geld und begannen zu trinken -  kein Wasser, versteht sich. Sie tranken und tranken; und einer der Brüder trank so viel, dass er starb. Der andere Bruder veranstaltete einen pompösen Leichenschmaus in der Kommunalka. Dabei  - sein Bruder war eben erst unter die Erde gebracht – betrank er sich dermaßen- dass er ins Badezimmer verschwand und ebenfalls starb. In unserem Aufgang war es vorbei mit dem Trinkwasser-Kapitalismus. Weit und breit keine Plastikflaschen mehr....“

Viktor Jerofejew, FAZ 30.10.09, S. 34

Samstag, 24. Dezember 2011

Sonntag, 20. November 2011

Samstag, 12. November 2011

Polk wollt Kong sehen


 

Wie war dein Tag, Schatz?
Von Georg M. Oswald


Fring hatte die Probezeit ohne Probleme überstanden. Polk, sein Chef, war sehr einverstanden mit ihm, wenngleich er fand, Fring übertrieb ein bisschen seine Korrektheit. Auch beim heutigen Geselligkeitsabend stand er mit festgezurrter Krawatte da, jederzeit bereit zu einer angedeuteten Verbeugung. Polk fand, er solle sich ein bisschen mehr zu Hause fühlen. „Was wünschen Sie sich für die nähere Zukunft? Ich meine so allgemein hier im Unternehmen?“, fragte er ihn. „Abgesehen von der Zielerreichung?“, lautete Frings beflissene Gegenfrage. Polk runzelte die Stirn: „Natürlich. Abgesehen von der Zielerreichung.“ „Nun, ich würde zu gerne einmal Herrn Kong persönlich begegnen.“

Kong war der Vorstandsvorsitzende. Fring war ihm noch nie gegenübergestanden, wie viele der anderen sechstausend Mitarbeiter des Unternehmens auch. „Das kommt sicher noch“, sagte Polk, bevor er sich verabschiedete. Fring stand eine Weile alleine in der Nähe des Buffets und lauschte der Musik, die ein eigens engagierter DJ auflegte. Eine Kollegin aus seiner Abteilung sprach ihn an, ob er sich zu ihr an den Tisch setzen wolle. Fring begann ein Gespräch mit ihr über die Zielerreichung, doch die Kollegin schien nicht allzu interessiert. Sie nahm ihn an der Hand und führte ihn auf die Tanzfläche.

Als sie an ihren Platz zurückkehrten, kamen weitere Kollegen hinzu. Sie brachten eine Flasche Wein an den Tisch mit. Fring trank, lauschte der Musik und wippte nun mit dem Fuß dazu. Er wollte noch einmal etwas über die Zielerreichung sagen, aber seine Kollegin zog ihn sogleich ein zweites Mal auf die Tanzfläche, und als er zurückkam, wurde ihm wieder kräftig nachgeschenkt. Fring lockerte seine Krawatte, knöpfte das Hemd auf, trommelte mit den Zeigefingern auf der Tischplatte und trank ein weiteres sogenanntes Gläschen. Das war wirklich ein ausgezeichneter Tropfen und diese Kollegin wirklich ausgesprochen nett. Zigarette? Warum nicht. Fring kam mehr und mehr in Schwung.

Er fand nun, es gab nicht den geringsten Grund, an diesem Abend länger über die Zielerreichung nachzudenken. Man musste ja nicht die ganze Zeit durch die Firma laufen, als habe man einen Stock verschluckt. Wenig später stand er rückwärts gebeugt im Kreis seiner Kollegen mit aufgeknöpftem Hemd, trug die Krawatte als Stirnband und spielte mit zugekniffenen Augen ein ausgedehntes Luftgitarrensolo, als Polk hereinkam und rief: „Fring, gut, dass Sie noch da sind! Stellen Sie sich vor, was sich gerade zufällig für Sie ergeben hat: Kong will Sie sehen! Jetzt gleich in seinem Büro!“

Der Autor ist Schriftsteller und Rechtsanwalt und lebt in München.

Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 05.11.2011 Seite C1

Mittwoch, 19. Oktober 2011

Der Kulturwissenschaftler Friedrich Kittler

forderte die „Austreibung des Geistes aus den Geisteswissenschaften“. 


Kittler: "Gott schuf den Menschen, weil er ihn träumte. Der Mensch aber vergaß Gott und schuf die Maschine, weil er sie träumte. Am Ende des zwanzigsten Jahrhunderts aber hat die Maschine den Menschen vergessen. Wer wollte vorhersagen können, von wem oder was sie träumt?"


Friedrich Kittler 1943 - 2011 

Dienstag, 4. Oktober 2011

"Warum wir uns in die eigenen Ideen verlieben"



Klarer denken

Von Rolf Dobelli

Meine Kochkünste sind bescheiden, das weiß auch meine Frau. Und doch gelingt mir ab und zu ein Gericht, das man als essbar bezeichnen könnte. Vor einigen Wochen kaufte ich zwei Seezungen. Um der Langeweile bekannter Fischsoßen zu entgehen, erfand ich eine neue – eine waghalsige Kombination aus Weißwein, pürierten Pistazien, Honig, geraspelten Orangenschalen und einem Schuss Balsamico. Meine Frau zog die gebratene Seezunge auf den Tellerrand und streifte mit dem Messer die Soße vom Fisch, dazu lächelte sie entschuldigend. Mir hingegen schmeckte die Soße nicht schlecht. Ich erklärte ihr im Detail, welch kühne Kreation sie hier verpasse – was nichts an ihrem Gesichtsausdruck änderte.

Zwei Wochen später gab es wieder Seezunge. Diesmal kochte meine Frau. Sie hatte zwei Soßen parat. Zum einen ihre etablierte Butterschwitze, zum anderen die „Kreation eines französischen Top-Chefs“. Die zweite schmeckte scheußlich. Nach dem Essen gestand sie, dass es sich nicht um die Kreation eines französischen Top-Chefs handelte, sondern um meine eigene Kreation, die ich vor zwei Wochen ausprobiert hatte. Sie wollte mich testen und hatte mich aus Spaß des Not-Invented-Here-Syndroms (NIH-Syndrom) überführt: Man findet alles schlecht, was „nicht hier erfunden“ ist.

Das NIH-Syndrom bringt einen dazu, sich in die eigenen Ideen zu verlieben. Das gilt nicht nur für Fischsoßen, sondern für alle Arten von Lösungen, Geschäftsideen und Erfindungen. Firmen tendieren dazu, intern entwickelte Ideen als besser und wichtiger einzuschätzen als Lösungen von externen Anbietern, selbst wenn diese objektiv besser sind. Ich hatte vor kurzem ein Essen mit dem Geschäftsführer einer Software-Firma, die sich auf Krankenkassen spezialisiert. Er erzählte mir, wie schwierig es sei, seine Software – in puncto Bedienung, Sicherheit und Funktionalität objektiv führend – den potentiellen Kunden schmackhaft zu machen. Die meisten Versicherer seien überzeugt, dass die beste Software genau jene ist, die sie selbst im eigenen Haus, entwickelt haben.

Wenn Menschen zusammenkommen, um Lösungen zu finden, und diese gleich selbst bewerten, lässt sich das NIH-Syndrom schön beobachten. Die eigene Idee ist stets die beste. Sinnvoll ist es deshalb, Teams ins zwei Gruppen aufzuspalten. Die eine Hälfte generiert Ideen, die andere bewertet – danach umgekehrt.

Geschäftsideen, die wir selbst erfunden haben, empfinden wir als erfolgreicher als Geschäftsideen von anderen. Das Syndrom ist verantwortlich für blühendes Unternehmertum. Und leider auch für die größtenteils miserablen Renditen von Start-ups.

In seinem Buch „The Upside of Irrationality“ beschreibt der Psychologe Dan Ariely, wie er das NIH-Syndrom gemessen hat. Im Blog der New York Times bat er Leser, Antworten auf sechs Probleme zu geben. Zum Beispiel: „Wie können Städte den Wasserverbrauch senken, ohne per Gesetz den Verbrauch zu limitieren?“ Die Leser sollten nicht nur Vorschläge machen, sondern ihre eigene Antwort und die Antworten der anderen auf Anwendbarkeit beurteilen. Auch mussten sie angeben, wie viel Freizeit und eigenes Geld sie in die jeweilige Lösung investieren würden. Dazu kam, dass die Leser ihre Antworten aus nur fünfzig Wörtern zusammensetzen durften – was sicherstellte, dass alle mehr oder weniger die gleichen Antworten gaben. Trotzdem: Die eigene Antwort wurde von der Mehrheit für wichtiger und anwendbarer gehalten als die fremden Antworten (die im Grunde die gleichen waren).

Auf gesellschaftlicher Ebene kann das NIH-Syndrom gravierende Auswirkungen haben. Schlaue Lösungen werden nicht übernommen, gerade weil sie aus einer anderen Kultur stammen. Dass der winzige Kanton Appenzell-Innerrhoden den Frauen nie freiwillig das Stimmrecht gegeben hat (es brauchte einen Bundesgerichtsentscheid im Jahr 1990), ist ein verblüffender Fall von NIH. Oder: Noch heute sprechen wir von der „Entdeckung Amerikas“ durch Kolumbus, obwohl Menschen dort schon lange lebten.

Fazit: Wir sind von unseren eigenen Ideen betrunken. Um wieder nüchtern zu werden, halten Sie ab und zu Abstand, und betrachten Sie die Qualität ihrer Einfälle rückblickend. Welche Ideen der letzten zehn Jahre waren wirklich herausragend? Eben.

Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 26.09.2011 Seite 30

Montag, 3. Oktober 2011

"Regierung" wird zu "Irre genug" - Anagramme

Nimmt man ein Wort, schüttelt seine Buchstaben durcheinander und setzt sie neu zusammen, so entstehen merkwürdige Verbindungen, so genannte Anagramme: "Tierschutz" zum Beispiel ergibt "Ist zu Recht", was ja noch Sinn macht. Auch "Regierung" lässt sich schön umstellen: "Irre genug". Aber nicht immer ist die Bedeutung sofort klar, aus "Christdemokraten" etwa wird, etwas rätselhaft: "Dank schmort Tiere", oder auch: "Hacke mordet Stirn". Das ist interpretationsbedürftig und lässt womöglich auf ein kleines mentales Problem der CDU beim Umgang mit Tieren schließen. Tatsächlich hat die Union sich ja vergangene Woche überraschend dafür ausgesprochen, den Tierschutz ins Grundgesetz aufzunehmen, nachdem sie jahrelang dagegen war.

Als Grund gibt sie an, der Tierschutz sei wichtiger geworden, seit den Muslimen das Schächten (Anagramm: "Ach, Stechen") von Tieren erlaubt worden sei, was in der Bevölkerung niemand so recht versteht. Rein zufällig kommt die Erkenntnis der Union zeitnah zur Bundestagswahl ("Bald hast weg uns"), und ob der Tierschutz im Grundgesetz irgendetwas bewirkt, ist eh zweifelhaft. Dass in Bayern der Umweltschutz als Staatsziel in der Verfassung steht, haben ja auch eine Menge Bäume nicht überlebt. Geht es nach dem Anagramm für "Angela Merkel", sollte die Union nicht allzu optimistisch sein: "Klare Maengel".

Sonntag, 2. Oktober 2011

Die doppelte Belastung









Unternehmen haben enorme Kosten durch psychische Störungen. Führungskräfte sollen Abhilfe schaffen – doch sie sind selbst häufig betroffen. Von Leonard Goebel



Irgendwann schnappt die Falle zu. So wie bei Frank Berndt. Der Theologe arbeitete zehn Jahre lang als Führungskraft in einer diakonischen Einrichtung. Er nahm sich die Arbeit zu Herzen: die vielen Aufgaben, die getan werden mussten, die Mitarbeiter, die ohnehin schon überlastet waren. Erst lief er heiß, dann brannte er aus, wie er sich ausdrückt.
Immer mehr Arbeitnehmer leiden unter psychischen Störungen – insbesondere auch leitende Angestellte. Jüngstes Beispiel: Der Fußballtrainer Ralf Rangnick, der wegen eines Erschöpfungssyndroms gestern seinen Rücktritt beim FC Schalke 04 verkündete. Sein Energielevel reiche nicht aus, um erfolgreich zu sein, lautete seine Erklärung. Aber auch unter weniger prominenten Arbeitnehmern hat sich die Zahl derer, die am Burn-out-Syndrom und anderen seelischen Störungen erkranken, seit 1994 mehr als verdoppelt. Zwar wird dies zum Teil auch auf Veränderungen bei der ärztlichen Diagnose zurückgeführt, aber auch die Arbeitsbedingungen in der modernen, digitalisierten und globalisierten Welt tragen nach Ansicht der meisten Fachleute zu der starken Zunahme bei. 36 Prozent der Arbeitnehmer empfinden heute das hohe Arbeitstempo als starke Belastung. Sieben der zehn am häufigsten genannten Belastungen am Arbeitsplatz beziehen sich auf psychische Faktoren.
Führungskräfte sind gleich in doppelter Hinsicht von der Burn-out-Thematik betroffen: Als engagierte Arbeitskräfte, die sich nur selten Pausen gönnen, sind sie oftmals selbst gefährdet – zumal viele Unternehmen inzwischen auch auf den Führungsebenen Personal einsparen und sich der Druck auf die Verbliebenen erhöht hat. Und auf der anderen Seite tragen sie Verantwortung für ihre Mitarbeiter, die sie nicht dauerhaft einer Überbelastung aussetzen dürfen.
Frank Berndt hat diesen Zwiespalt selbst erlebt. Heute hilft er anderen, damit zurechtzukommen. Nachdem er Ende der neunziger Jahre ausgebrannt war, besuchte er eine Führungsakademie und machte eine Fortbildung zum individualpsychologischen Coach. Seit 2005 leitet er hauptberuflich die von ihm gegründete Burn-out-Fachberatung. Er und sein Team bieten Präventionsseminare an und beraten Mitarbeiter in Einzelcoachings.
Eines der Unternehmen, mit denen er zusammengearbeitet hat, ist der IT-Dienstleister Datev. „Wir beschäftigen uns schon seit vielen Jahren mit Stressbewältigung“, sagt der Leiter der Weiterbildungsabteilung der Datev, Knut Eckstein. Die Nachfrage nach Seminaren zum Thema Burn-out sei groß. Mittlerweile würden neue leitende Angestellte sogar verpflichtet, ein Seminar zu dem Thema „Führungskräfte als Gesundheitsmanager“ zu belegen.
Führungskräfte als Gesundheitsmanager, als fürsorgliche Vorgesetzte? Das ist eine große Herausforderung. Denn oft arbeiten sie selbst bis zur Grenze der Belastbarkeit. An mehr als acht Tagen im Jahr gehen leitende Angestellte durchschnittlich krank zur Arbeit. Und dennoch: Sie haben eine Schlüsselrolle bei der Prävention psychischer Erkrankungen.
Werner Kissling, Leiter des Centrums für Disease Management an der TU München, beschäftigt sich schon lange mit dem Phänomen des Burn-out-Syndroms. Sein Institut hat in den vergangenen Jahren 150 Unternehmen betreut. An oberster Stelle steht für Kissling dabei die Schulung von Führungskräften. Sie sollen lernen, was es mit psychischen Störungen auf sich hat, wie sie Anzeichen für ein Ausbrennen erkennen können und wie sie mit Betroffenen umgehen sollten. „Wir versuchen darauf hinzuwirken, dass Führungskräfte nicht von ihren Mitarbeitern verlangen, am Wochenende Mails zu beantworten oder im Urlaub das Handy eingeschaltet zu lassen“, sagt Kissling.
Inzwischen suchen Unternehmen immer häufiger den Rat von Kissling und anderen Experten. „Jahrelang wurde das Thema Burn-out unter den Teppich gekehrt“, sagt er. Besonders in der Wirtschaft wollte man sich damit nicht beschäftigen. Doch Burn-out ist zu einem enormen Kostenfaktor geworden. Das hat zu einem Umdenken geführt. Laut Centrum für Disease Management entstehen einem Unternehmen mit 1000 Mitarbeitern durch psychische Störungen jedes Jahr Kosten von 2,25 bis 8,25 Millionen Euro.
Doch trotz des steigenden Interesses an Präventionsmaßnahmen nehmen die Fälle psychischer Erkrankungen nicht ab – im Gegenteil. „Der Druck nimmt eher noch zu, als dass er geringer wird“, sagt Hanns Pauli, Arbeitsschutzexperte des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB). Der DGB fordert neben der Einhaltung des regulären Arbeitsschutzes eine größere Anerkennung der Beschäftigten durch die Arbeitgeber – insbesondere durch eine bessere Bezahlung und eine höhere Arbeitsplatzsicherheit.
Dass die Betriebskultur eine wesentliche Rolle für die Vorsorge spielt, zeigte auch eine kürzlich veröffentlichte Studie der AOK. Demnach werden Angestellte, die wenig Anerkennung durch ihre Vorgesetzten erfahren, besonders oft krank. Und das betrifft viele: Mehr als die Hälfte der vom Wissenschaftlichen Institut der AOK befragten Mitarbeiter werden selten oder nie von ihrem Chef gelobt. Das kann auf Dauer schwere Folgen haben. Denn wer enorm engagiert ist, aber nur wenig zurückbekommt, läuft Gefahr, irgendwann auszubrennen. Das Engagement herunterzufahren schaffen nur wenige.
Frank Berndt spricht dabei von einer Falle: Zu erschöpft, um zu rennen, und zu ängstlich, um auszuruhen. Also wird weitergearbeitet, bis irgendwann der Kollaps kommt. Das ist schlimm für die Betroffenen – und ein riesiges Problem für die Unternehmen. Denn ein männlicher Arbeitnehmer mit einer psychischen Störung fällt im Durchschnitt 44 Arbeitstage aus, eine Arbeitnehmerin 39 Tage. Hinzu kommen die Tage, an denen sie eigentlich nicht mehr arbeitsfähig sind, aber trotzdem zur Arbeit kommen – Präsentismus heißt dieses Verhalten, das zu einer deutlich erhöhten Fehlerzahl führt und den Unternehmen noch mehr schadet als eine frühzeitige Krankschreibung.
Und wenn das Burn-out überwunden ist, treten einige Probleme erst auf: Kollegen, Vorgesetzte und der Betroffene selbst wissen oft nicht, wie sie die Arbeit und den Umgang miteinander nach dem Ausbrennen organisieren sollen. Nach einer Umfrage unter Psychiatern berichtet fast jeder fünfte Patient nach der Rückkehr an den Arbeitsplatz davon, von seinen Vorgesetzten zur Kündigung gedrängt worden zu sein. Bei fast 40 Prozent der Patienten seien die Vorgesetzten nicht bereit, die Arbeit an die Belastbarkeit des Patienten anzupassen.
Gerade für Führungskräfte ist es schwierig, nach einer seelischen Erkrankung kürzerzutreten oder gar eine Stufe auf der Karriereleiter nach unten zu gehen – vom Abteilungsleiter zum Stellvertreter zum Beispiel. „Das akzeptieren Führungskräfte oft nicht, weil sie das als Statusverlust empfinden“, sagt Ludger Ramme, Hauptgeschäftsführer des Deutschen Führungskräfteverbandes ULA. Viele entschieden sich dann lieber dafür, ganz aus dem Unternehmen auszuscheiden und manchmal sogar aus dem Beruf.
Dabei ist der Beruf nie die einzige Ursache für ein Ausbrennen, die höchste Rate psychischer Erkrankungen werde laut Werner Kissling vom Centrum für Disease Management bei Arbeitslosen registriert. Und auch Frank Berndt versucht, möglichst viele Menschen davon zu überzeugen, dass es nicht die Arbeit ist, die krank macht, sondern die Einstellung dazu. Burn-out-Patienten seien keine Opfer, sondern für sich selbst verantwortlich. „Burn-out ist keine Versagerkrankheit, sondern trifft die Leistungsträger. Aber auch die müssen lernen, dass sie nicht perfekt sind“, sagt er.

Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 24.09.2011 Seite C2



Donnerstag, 8. September 2011

Aphoristisches

Was dir an dem anderen als Schwäche erscheint, kann geistig seine Stärke sein.
Was dir als deine eigene Stärke erscheint, kann geistig deine Schwäche sein.

Betrachte Schwäche mit Milde.
Betrachte Stärke mit Sorge.

Nimm der Schwäche Kraft als Zukunftslicht.
Nimm der Stärke Gewordenheit als Vergangenheit.

Sonntag, 4. September 2011

Saturn


Astronomy Picture of the Day

Entdecke den Weltraum! Täglich ein Bild über Astronomie und Raumfahrt aus dem Universum, zusammen mit einer kurzen Erklärung eines Astronomen.
4. September 2011
Siehe Erklärung. Ein Klick auf das Bild lädt die höchstaufgelöste verfügbare Version.
Im Schatten Saturns


Bildcredit: Cassini Imaging Team, SSI, JPL, ESA, NASA

Beschreibung: Im Schatten Saturns geschehen unerwartete Wunder. Die robotische Raumsonde Cassini, die derzeit um Saturn kreist, trat 2006 für 12 Stunden in den Schatten des Riesenplaneten und blickte zurück zur verfinsterten Sonne. Cassini sah eine Ansicht wie kaum eine Zweite. Erstens ist die Nachtseite Saturns offensichtlich teilweise von Licht erhellt, das von seinem eigenen majestätischen Ringsystem reflektiert wird. Weiters erscheinen auf diesem überzeichneten Farbbild die Ringe selbst vor Saturn als dunkle Silhouette, abseits von Saturn jedoch relativ hell, wobei sie das Sonnenlicht leicht streuen. Saturns Ringe sind so stark aufgehellt, dass neue Ringe entdeckt wurden, wenngleich sie auf diesem Bild schwierig zu erkennen sind. Außergewöhnlich detailreich ist jedoch Saturns E-Ring zu sehen - jener Ring, der von den kürzlich entdeckten Eisfontänen des Mondes Enceladus erzeugt wird, und der äußerste, oben sichtbare Ring. Links in weiter Ferne, knapp über den hellen Hauptringen, steht der leicht zu übersehende, blasse, blaue Punkt der Erde.

Montag, 22. August 2011

WAHLEN

"Ich gebe meine Stimme nicht ab!
 Ich behalte meine Stimme!
 Ich erhebe meine Stimme!"


Die letzte Wahl





Montag, 15. August 2011

Träume sind keine Schäume:

Zitate aus ZEIT-online:

"DIE ZEIT: Frau Dr. Voss, einer verbreiteten Vorstellung nach knüpfen Träume eng an das reale Leben an. Stimmt das?

Ursula Voss: Ich bin da mittlerweile skeptisch. Im Rahmen einer Studie haben wir untersucht, wie sich die Träume von körperlich behinderten und nicht behinderten Menschen unterscheiden. 50 Probanden führten Tagebuch über ihre Träume. Vier der Versuchspersonen waren von Geburt an gelähmt, zehn taubstumm und 36 nicht behindert.

Voss: Es war verblüffend. Menschen, die in der Realität noch nie etwas gehört haben, träumten zum Beispiel von den Klängen eines Violinkonzerts. Gelähmte konnten im Traum gehen, Taubstumme hören und sprechen. In einigen Träumen waren Menschen auf einen Rollstuhl angewiesen, doch es handelte sich dabei um Träume von Nichtbehinderten. Auch Taubstummheit spielte manchmal eine Rolle – nicht aber bei taubstummen Probanden. Ein zentraler Bestandteil des realen Lebens behinderter Menschen, ihre Behinderung, kommt in ihren Träumen nicht vor. ..."

"Paul McCartney behauptet, er habe die Melodie für den Beatles-Welthit Yesterday Mitte der 1960er Jahre geträumt."


Quelle: http://www.zeit.de/2011/32/Traeume-Interview-Titel/seite-1


Über Träume:

Es ist schon etwas Besonderes, wenn ein Wissenschaftler, der einem fundamentalen Irrtum unterliegt, durch sein eigenes Schicksal so deutlich auf die Wahrheit hingewiesen wird:

Zitate aus "ZEIT": 
http://www.zeit.de/2011/32/Traeume-Wissenschaft

"Die Renaissance der Traumforschung begann mit heftigem Schwindel. Am 1. Februar 2001 saß Allan Hobson, der einflussreichste Schlafforscher der letzten Jahrzehnte, mit seiner Frau Lia beim Frühstück. Plötzlich drehte sich alles um ihn. Hobson, damals 68, presste seinen Kopf auf den Tisch, um das Gleichgewicht zu halten. Lia, eine Neurologin, erkannte die Symptome eines Schlaganfalls und brachte ihren Mann ins Krankenhaus. Eine Arterie in seinem Hirnstamm war geplatzt.

Der Schlaganfall brachte auch Hobsons Schlaf durcheinander. In den ersten zehn Tagen schlief er überhaupt nicht. Seine Träume blieben noch länger aus. Stattdessen hatte er im Wachen furchtbare Halluzinationen – so als wollte sein Gehirn dringend träumen. Sein erster Traum, 38 Tage nach dem Schlaganfall, kam just in jener Phase, in der er auch das Gehen wieder lernte. Das war kein Zufall, davon ist Hobson überzeugt – erst träumend habe sein Gehirn die grundlegenden Fähigkeiten wiedererlangt. Mittlerweile glaubt er sogar: »Ohne Träume gibt es kein Bewusstsein.«

"Ausgerechnet Allan Hobson! Der Psychiater hatte die Träume einst mit aller Macht den bisherigen Traumdeutern entreißen wollen, er hat sie gar zum sinnlosen Abfallprodukt der Hirntätigkeit degradiert."
__________________________________________

Worüber er allerdings nicht nachdachte, ist, dass seine Träume mit dem neuen Gehenlernen zusammen kamen!

Sonntag, 14. August 2011

"Im Rückblick muss ich sagen, dass der 11. September 2001 ein Einschnitt war. Ich weiß noch genau, dass ich an diesem Tag den bis dahin größten Verlust meiner Karriere gemacht habe, seltsamerweise aber nicht nachdem die Flugzeuge in die Türme geflogen sind, sondern davor. Das ging allen Händlern in unserem Handelshaus so. Es gab da Kursschwankungen, die ich mir nicht erklären konnte und die auch später eigentlich keinen Sinn ergaben, es sei denn, man würde denken, es habe vorher jemand von dem Anschlag gewusst."



FAZ vom 13.August 2011 - S.40

_________________________________________________________


Börsentagebuch: Montag, 8.8.2011



Börsentagebuch


Aus der Kurve


Er ist ein Day Trader und spekuliert an der Börse. Aber im Moment versteht er sie nicht mehr. Tagebuch einer Woche, in der die Welt angeblich pleitegehen sollte. Aufgezeichnet von Marcus Jauer.

Montag, 8.8.2011

Die ersten Order habe ich noch plaziert, bevor ich am Sonntag ins Bett gegangen bin, das war gegen Mitternacht, als in Asien die Börse öffnete. Zwei Tage zuvor hatte eine große Ratingagentur die Kreditwürdigkeit der Vereinigten Staaten herabgestuft, und wie wahrscheinlich alle rechnete ich damit, dass die Kurse in dieser Woche fallen würden, wenn nicht sogar einbrechen. Die Frage war nur, um wie viel.

Eigentlich kann es mir egal sein, ob die Kurse steigen oder fallen, mein Ziel besteht darin, in jedem Fall Geld zu verdienen, so oder so. Ich bin Börsenhändler, man könnte auch sagen ein Day Trader, aber den Begriff mag ich nicht so. Ich bin keiner, der nur für den Tag spekuliert. Früher habe ich für Handelshäuser gearbeitet, seit drei Monaten bin ich selbständig und arbeite nur noch mit meinem eigenen Geld. Ich habe mich auf Futures spezialisiert, das sind Termingeschäfte, die man sich wie Wetten vorstellen muss. Man spekuliert darauf, dass ein bestimmter Kurs bis zu einem bestimmten Zeitpunkt auf einen bestimmten Wert steigt oder fällt, was nicht heißt, dass man das Papier bis zur Fälligkeit halten muss. Normalerweise wird ein Future glattgestellt, sobald der Kurs in die richtige Richtung läuft, das kann nach wenigen Sekunden sein. Das ist einer der Vorteile auf dem Markt für Termingeschäfte, alles geht schnell und direkt. Außerdem ist es billiger, als mit Aktien zu handeln. Man braucht weniger Geld, um mitzuspielen.

Als ich heute Morgen gegen acht den Computer hochgefahren habe, waren die Kurse weniger gefallen, als ich vermutet hatte, ich hab also auch weniger verdient als erhofft. Das ist meistens so. Wenn alle den Weltuntergang erwarten, tritt er nicht ein. Wir haben zwar in den letzten Tagen immer wieder ungewöhnlich stark schwankende Kurse gesehen mit aggressiven Ausschlägen. Aber ich glaube nicht, dass sich das allein damit erklären lässt, dass die Amerikaner so hohe Schulden haben und die Europäer Schwierigkeiten mit ihrer Währung, das sind beides keine Neuigkeiten, auch wenn die Presse seit dem Wochenende alles, was aus dem Finanzbereich kommt, über Liveticker meldet.

Im Moment ist früher Vormittag, und der Dax bewegt sich bisher kaum nach unten. Ich denke, ich halte mich heute erst einmal zurück und schaue aus der zweiten Reihe, ob es zum Ausverkauf kommt. Womöglich beruhigt sich alles ganz schnell wieder und Mitte der Woche reden wir schon über etwas anderes.

Dienstag, 9.8.2001
Ich habe gestern Abend dann noch sehr viel Geld verloren. Ich will nicht sagen, wie viel, aber das war ein rabenschwarzer Tag. Normalerweise steige ich aus, sobald ich mehr verloren habe, als ich an einem guten Tag gewinne. Das ist mein Limit, aber daran habe ich mich gestern nicht gehalten. Bis Mittag sah es noch so aus, als würde sich der Markt stabilisieren, aber dann brachen die Kurse ein, die Anleihen stiegen, es gab ständig neue Höchst- und Tiefststände, und ich bin immer wieder rein. Am Ende hatte ich in nur zwei, drei Stunden das Geld vernichtet, das ich in den letzten drei, vier Wochen verdient habe.

Würde ich noch in einem Handelshaus arbeiten, wäre längst mein Chef gekommen und hätte gefragt, was ich da mache. Es gibt für jeden Händler ein Exit-Limit. Wer das überschreitet, dem schalten sie den Rechner aus. Aber jetzt arbeite ich von zu Hause, ohne Chef, ohne die anderen Händler, die mit mir im Saal sitzen. Das ist weniger Wettbewerb, aber nicht weniger Druck, jetzt geht es ja um mein eigenes Geld. Ich habe einen Arbeitsplatz mit vier Bildschirmen, auf zweien beobachte ich den Markt, auf zweien meine Order, ab und an meldet sich noch der Nachrichtenkanal und bringt News aus der Finanzbranche.

Ich fange meist gegen 8 Uhr an und höre auf, wenn ich genug verdient habe. Normalerweise versuche ich zwischendrin immer wieder aufzustehen, auf die Straße zu gehen, zum Bäcker, um Abstand zu bekommen, aber das habe ich gestern nicht geschafft. Bis ich abends um zehn den Rechner abgeschaltet habe, hatte ich kaum etwas gegessen. Das ist nicht gut. Der Job ist anstrengend, man muss sich konzentrieren. Man beobachtet den Markt und versucht, ein Gefühl dafür zu bekommen, wohin er steuert und wann das Momentum entsteht, wo man handeln muss. Es ist wie beim Fußball. Man sieht, dass das Spiel eine Richtung nimmt, und spürt irgendwann, dass gleich ein Tor fallen müsste, und dann fällt es. Oder es fällt nicht, das Momentum geht vorbei und ein neuer entsteht, weil nun die Chancen für einen Konter steigen.

Aber zurzeit funktioniert das nicht. Es ist, als könne jederzeit alles passieren. Die Kurse und die Nachrichten passen nicht mehr zusammen. Geben die amerikanische Notenbanken oder die europäischen Finanzminister große Entscheidungen bekannt, beschäftigt das die Märkte nur ein, zwei Minuten. Gleichzeitig brechen sie wegen Ereignissen ein, die seit langem bekannt sind. Ich kann mir das nicht erklären. Ich bin seit dreizehn Jahren Börsenhändler, aber gerade scheint mich meine Erfahrung sogar eher zu stören. Ich versuche immer, Muster wiederzuerkennen, aber da sind keine. Als gestern Nachmittag die Kurse fielen, dachte ich, das muss doch irgendwann mal aufhören, es ist doch gar nichts passiert, aber sie fielen immer weiter. Am Ende wurden alle panisch, und ich war mit bis zu sieben Produkten gleichzeitig im Handel. Heute werde ich mich auf jeden Fall zurückhalten. Ich muss erst einmal analysieren, was da überhaupt passiert ist.

Mittwoch, 10.8.2011

Der Tag war für mich schmerzfrei. Ich scheine mich langsam an die Bewegungen zu gewöhnen, aber ich handele im Moment auch sehr kurzfristig. Am Morgen war der Dax noch einmal gefallen, das hatte ich zwar so erst nicht erwartet, war dann aber gut dabei. Ich hab vermutet, dass er danach wieder steigt, aber erst passierte nichts, und dann fiel er wieder. Es klingt für einen Börsenhändler, der im Markt doch ständig mehrere Indikatoren prüft, sicher ein bisschen simpel, wenn er sagt, heute ist der Dax sechshundert Punkte gefallen, also muss er bald auch wieder nach oben gehen, aber die Wahrheit ist im Moment archaisch.

Ich habe Ende der neunziger Jahre angefangen zu handeln. Ich hatte Volkswirtschaft studiert und eine Ausbildung bei einer Investmentbank begonnen, als ein Handelshaus kam und mir anbot, gleich mit richtigem Geld zu arbeiten. Wenn es funktionierte, konnte ich bleiben, wenn nicht, würden sie mich feuern. Mich hat das nicht geschreckt, damals wurden einem die Jobs in der Finanzbranche nur so nachgeworfen. Aber ich hab mich durchgesetzt. Ich habe schnell gelernt, dass man als Händler zwei Eigenschaften haben muss, die sich eigentlich widersprechen. Man muss aggressiv sein und gelassen. Je nachdem, wie diese zwei Eigenschaften sich bei einem verteilen, gehört man eher zu den risikobereiteren Händlern oder zu den vorsichtigeren. Trotzdem, man braucht beide.

Als ich später für ein Handelshaus in einer Steueroase gearbeitet habe, hatte ich zwei Chefs, die zwei vollkommen unterschiedliche Ansätze fuhren. Der eine war eher ein Macho, der überall Gelegenheiten erkannte, oft viel verdiente, nach einer Zeit aber immer auch schwer einbrach. Der andere war ein ruhiger Asiate, der es hasste, Geld zu verlieren, und sich lieber mal ein Geschäft entgehen ließ. Der eine hatte große Ausschläge, der andere nicht, doch über das Jahr haben beide gleich gut verdient. Jeder hat eben seinen Rhythmus. Ich bin eher jemand, bei dem es zwei, drei Wochen läuft, der sich dann zu sicher wähnt und einen Absturz hat. Insofern kenne ich solche Situationen wie am Montag. Ich bin nur froh, dass ich das jetzt noch zwei Tage aufholen kann, sonst wär das Wochenende gelaufen. Aber heute mache ich mal um fünf Schluss und gehe zum Fußballtraining.

Donnerstag, 11.8.2011

Heute ist es gut gelaufen. Ich habe wie seit Dienstag schon den ganzen Tag gescalpt, so nennt man das, wenn einer ohne klare Strategie im Markt liegt und einfach nur schnell kauft und wieder verkauft. Das ist zwar orientierungslos, aber trotzdem anstrengend. Zu Beginn fiel der Dax auf ein neues Tief, dann kamen die Konjunkturdaten aus Amerika, die besser waren als gedacht, und er stieg wieder. Es hätte mich aber auch nicht gewundert, wenn sie gar keinen Effekt gehabt hätten. Insgesamt habe ich 241 Order abgegeben, was heißt, dass ich jeden Future nach etwa einer Minute wieder verkauft habe. Inzwischen habe ich die Verluste vom Montag zur Hälfte wettgemacht. Das hätte ich zum Beispiel auch nicht erwartet.

Die Schwankungen, die wir jetzt sehen, kenne ich eigentlich nur vom Ende der neunziger Jahre. Damals gab es viel weniger Händler, es war viel weniger Geld im Spiel, und die Order wurden fast alle von Menschen abgegeben, wenn auch schon nicht mehr per Telefon. Im Rückblick muss ich sagen, dass der 11. September 2001 ein Einschnitt war. Ich weiß noch genau, dass ich an diesem Tag den bis dahin größten Verlust meiner Karriere gemacht habe, seltsamerweise aber nicht nachdem die Flugzeuge in die Türme geflogen sind, sondern davor. Das ging allen Händlern in unserem Handelshaus so. Es gab da Kursschwankungen, die ich mir nicht erklären konnte und die auch später eigentlich keinen Sinn ergaben, es sei denn, man würde denken, es habe vorher jemand von dem Anschlag gewusst.

Als ökonomisches Ereignis selbst ist der 11. September gar nicht so bedeutend gewesen, aber ab der Zeit danach drückte sehr viel Geld in den Markt, die Umsätze vervielfachten sich, die Gebühren sanken, und nach und nach kamen Computer auf. Heute wird ein Großteil der Order von Rechnern plaziert, die im Millisekunden-Takt miteinander handeln und die Limits, die ihnen einprogrammiert sind, nie überschreiten. Anders als ich sind sie damit nicht so anfällig für Katastrophentage, aber ich bin kein Freund von Computern als Händlern, ich habe mich auch nie bemüht, selbst Programme zu schreiben, wie das einige meiner Kollegen machen.

Ich kenne mich mit Computern nicht aus. Wenn bei mir zu Hause das Internet langsamer wird, bekomme ich eine Warnung. Dann muss ich einen Techniker holen und gehe bis dahin aus dem Markt. Es ist inzwischen alles so miteinander vernetzt, dass sich die Maschinen verselbständigen können und sich gegenseitig runterkaufen wie vor gut einem Jahr, als der Dow Jones plötzlich fast tausend Punkte verlor, ohne dass es einen Grund dafür zu geben schien, bis herauskam, dass es ein Computerfehler war.

Ich kann auch nicht sagen, ob all das - die Computer, das Geld, die Geschwindigkeit - die Bewegungen im Markt beruhigt haben, aber solche Ausschläge wie im Moment hatten wir in den letzten Jahren nur bei wirklichen Einschnitten, beispielsweise als Lehman Brothers pleiteging. Das war eine wichtige Bank, das hatte konkrete Auswirkungen auf die Leute. Die Panik, die jetzt im Markt ist, scheint mit keiner bestimmten Nachricht zusammenzuhängen. Man spürt nur, dass alle ihr Geld zurückziehen, sobald die Kurse fallen.

Freitag, 12.8.2011

Nachdem es in den letzten Tagen Gerüchte um die Kreditwürdigkeit Frankreichs gegeben hatte und eine französische Bank bereits unter Druck geriet, haben gestern Abend vier europäische Länder Leerverkäufe für Bankaktien verboten. Bei einem Leerverkauf setzt der Händler auf fallende Kurse, und die Hoffnung ist, dass der Kurs stabil bleibt, wenn man ihm den Leerverkauf verbietet. Im Moment scheint das aufgegangen zu sein. Die Kurse haben sich konsolidiert, aber ich weiß nicht, ob das lange anhält. Jetzt warten alle darauf, dass die Börse in Amerika öffnet, damit man sieht, wie sich die Spieler positionieren, bevor es über das Wochenende keine Möglichkeit mehr gibt, auf Nachrichten zu reagieren.

Am Ende dieser Woche kann ich sagen, dass sie mir sicher in Erinnerung bleiben wird. Den Kollegen, mit denen ich gesprochen habe, ging es genauso. Einige haben in den letzten Tagen viel Geld verloren, einige viel gewonnen, aber unruhig geschlafen haben sie alle. Ich bin mit meiner Strategie, ohne eigene Meinung richtungslos im Markt zu treiben, um dann immer nur kurzfristig zu reagieren, ab Dienstag ganz gut durchgekommen, ich denke auch, dass das funktionieren wird, bis sich die Kurse wieder beruhigt haben. Dass die Entwicklung aber so wenig mit der realen Nachrichtenlage zusammenhängt, hat es so bisher nicht gegeben. Man kann sich eigentlich auf keinen Indikator mehr verlassen.

Kann sein, dass sich für jemanden, der sich nicht an der Börse bewegt, das Virtuelle an meinem Job, wenn nicht das Sinnentleerte, nur noch verstärkt, während der Bürger mit seinem Steuergeld für die Rettung der Banken einstehen muss, aber so sehe ich das nicht. Ich habe viele Leute gekannt, die bei Lehman Brothers gearbeitet haben und denen nun, wie all den anderen Investmentbankern, Gier unterstellt wird. Aber das waren clevere Burschen, die wollten nichts Böses, die haben nur Instrumente angewendet, die ihnen erlaubt waren, und erlaubt hatte sie ihnen die Regierung. Dieselbe Regierung, die später entschied, dass einige Banken zu groß sind, um sie sterben zu lassen, dabei hatten sie Fehler gemacht wie alle anderen. Wenn ich einen Fehler mache, stand früher im Handelshaus mein Chef hinter mir, ich habe auf die Finger bekommen und daraus gelernt. Die Banken dagegen sind heute mit größerem Risiko im Markt als jemals zuvor.

Meine Eltern sind beide Ärzte. Ich weiß natürlich, dass auch mein Beruf eine ethische Komponente hat. Dazu muss ich mir gar nicht anschauen, wie Termingeschäfte über die Nahrungsmittelpreise in der Dritten Welt bestimmen können. Ich habe solche Geschäfte bislang nicht gemacht, sie sind nicht mein Bereich, aber sie sind erlaubt, und ich bin mit mir übereingekommen, dass ich alles mache, was erlaubt ist. Ich habe Freude an meiner Arbeit.

Donnerstag, 4. August 2011

Deutschland: Eine ernste Kultur

Alle folgenden Zitate sind entnommen dem Buch: GERMAN DREAM, Wolgang Blau, Alysa Selene - dtv


"...Eine ernste Kultur, eine extrem fordernde Kultur, Tiefgang, Themen wie Schicksal, Glaube, Tod...Was entdeckst du, wenn du etwas bis in seine Tiefen erforschst?..desto mehr Angst und Beklemmung wirst du erzeugen...Ihr werdet auf diese Weise niemals Frieden finden...Das ist der Preis, den ihr dafür bezahlt, tiefe Denker und diese tiefe Suche nach Bedeutung hervorzubringen... Eure Tiefe ist eure Kraft...In Deutschland können wir einen Ausdruck für die wirkliche Zukunft finden."
Clotaire Rapaille, Frankreich




"...Die Eltern in Kontinentaleuropa vermitteln ihren Kindern, dass Freiheit untrennbar davon abhängt, wie sehr eine Person in soziale Beziehungen eingebettet ist, welche Lebensqualität und welchen Zugang sie zu ihrer Gemeinschaft hat... es wird oft gesagt, dass Deutschland der wirtschaftliche Motor Europas sei....(es) war seit Ende des 2. Weltkrieges auch der moralische Motor Europas.... Da entwickelt sich gerade eine deutsche Seele, ein seelenvolles Deutschland. Viele meiner deutschen Freunde neigen zu extremem Pessimismus... Niedergeschlagenheit, Zynismus, Verzweiflung..."
Jeremy Rifkin, USA




Bescheidenheit, Effektivität, Ordnung, Kompetenz, Zuverlässigkeit, Struktur, Ordnung, Behörden.... Deutschland könnte das Gewissen der Welt sein: Hilfe für arme Länder, Friedenssicherung, Umwelttechnologie, freiheitliche Politik, Toleranz ...
Simon Aholt, GB




Aber als der Irakkrieg beginnen sollte,... da haben die Deutschen sich stur dagegen gestellt....Deutschland war beispielgebend für ganz Europa. Deutschland war erstmals eine Macht des Friedens...
Galsan Tschinag, Mongolei




...Es sollte dezentralisiert bleiben. abgesehen von der Zeit des Dritten Reiches hat Deutschland im 20. Jahrhundert den Vorteil gehabt, dass es dezentralisiert war. Im 18. Jahrhundert war es ein Vorteil für Frankreich oder England, zentralisiert zu sein. In modernen Zeiten ist es umgekehrt...
Avi Primor, Israel




...Es ist gut, wenn ein Land wie Deutschland an vorderster Front mit dabei ist, der sich entwickelnden Welt zu helfen... Deutschland hat in der Vergangenheit Großes geleistet. Es hat auch Fehler gemacht, aber jeder macht Fehler. Deutschland hat...heute allen Grund sehr, sehr stolz zu sein. Deutschland kann viele andere Länder inspirieren,,,
Wangari Maathai, Kenia

Mittwoch, 3. August 2011

Die Bildung brüderlicher Gemeinschaften

Es ist für mich eine der größten Lebenssorgen, dass es mit dem, was in der Überschrift angesprochen wird, in unserem Zeitalter kaum Fortschritte gegeben hat.

In den über hundert Jahren geisteswissenschaftlicher, theosophischer und anthroposophischer Arbeit
ist Gewaltiges geleistet worden. Auf den praktischen Lebensgebieten von Pädagogik, Landwirtschaft oder Medizin wurden unzählige Einrichtungen begründet. Allerorten arbeiten Menschen in Gruppen zusammen und bemühen sich um ihren geistigen Fortschritt. Das veröffentlichte Schriftgut ist so umfangreich, dass es kaum ein einzelnes Bewusstsein mehr umschließen kann.

 Immer wieder wurden und werden auch Versuche unternommen, dass in Gruppen und Gemeinschaften das Prinzip der Brüderlichkeit praktisch zum Tragen kommt. Oft scheitern diese Bestrebungen. Wir erleben nach wie vor eine gewisse Dominanz des Individualistischen gegenüber dem Prinzip des Gemeinschaftlichen. Oft täuscht auch das scheinbare Funktionieren einer Gemeinschaft darüber hinweg, dass es doch immer wieder einzelne, führende Menschen sind, die einer Gemeinschaft das Gepräge geben und sie als Form bewahren.

Im Grunde ist noch immer die Dimension der Brüderlichkeit als Teil der geistigen Arbeit nicht so ausreichend erfüllt, dass sie auf breiter Ebene zur Bildung stabiler brüderlicher Gemeinschaften führt. Man hat den Eindruck, dass die Kräfte, die aus der Welt heranbranden, den Individualitäten das selbstlose Aufgehen im Gemeinschaftlichen schwer macht. Denn ein gewisses Maß an Selbstlosigkeit ist eine Grundbedingung für das Gelingen einer Gemeinschaft. Außerdem leben hartnäckig viele Urteile, was z.B. den Wert der eigenen Meinung, die Bedeutung von Kritik oder den Umgang mit dem Gegner angeht, auch in den Seelen vieler geistig strebender Menschen. Auch das erschwert eine wahre Gemeinschaftsbildung.

Im Jahre 1905 hält Rudolf Steiner einen Vortrag über die Brüderlichkeit und das Bilden von Bruderschaften (GA 54, alle folgenden Zitate stammen aus dem Vortrag VIII. Bruderschaft und Daseinskampf, Berlin, 23. November 1905 ab Seite 179).

 „Der geisteswissenschaftlich Strebende ist überzeugt, und nicht nur überzeugt, sondern sich ganz klar darüber, dass die tiefe Erkenntnis, die Erkenntnis der geistigen Welt, wenn sie wahrhaft und wirklich den Menschen ergreift, zur Bruderschaft führen muss, dass die edelste Frucht tiefer, innerster Erkenntnis eben diese Bruderschaft ist.“


Rudolf Steiner stellt in diesem Vortrag das Prinzip der Brüderlichkeit dem darwinistischen Dogma vom „Kampf ums Dasein“ und dem Prinzip der Konkurrenz gegnüber.

 „Es wird gerade in gewissen Kreisen immer wieder und wieder auf die fortschrittlich wirkende Kraft des Kampfes hingewiesen, und wie oft können wir es heute noch hören, dass des Menschen Kräfte wachsen am Widerstand, dass der Mensch stark wird an Willen und intellektueller Initiative dadurch, dass er seine Kräfte an dem Gegner messen muss.“

Rudolf Steiner weist dann darauf hin, wie es in unserer mitteleuropäischen Geschichte immer wieder brüderliche Organisationsformen waren, die den eigentlichen Kulturfortschritt bewirkt haben:

„Wir finden dieses Prinzip der Bruderschaft vor allen Dingen in der Art und Weise ausgebildet, wie in den Zeiten vor und nach der Völkerwanderung der Besitz geregelt war. In ausgedehntestem Maße gab es da einen Gemeinbesitz an Grund und Boden. Die Dorfmark,in welcher die Menschen beisammen wohnten, hatte einen gemeinsamen Grundbesitz, und mit Ausnahme des wenigen, was unmittelbar zum Hausgebrauch gehört, mit Ausnahme der Werkzeuge, vielleicht auch eines Gartens, war alles, was Besitz war, gemeinschaftlich. Von Zeit zu Zeit wurde der Grund und Boden von neuem wieder unter den Menschen aufgeteilt, und es zeigte sich, dass diese Stämme dadurch stark geworden waren, dass sie die Bruderschaft in Bezug auf materielle Güter bis zu einer außerordentlichen Höhe getrieben hatten.“


Dann etwas später:


„Wenn wir einige Jahrhunderte weitergehen, finden wir, dass dieses Prinzip uns in außerordentlich fruchtbringender Weise entgegentritt. Das Prinzip der Bruderschaft, wie es ausgeprägt ist in der alten Dorfmark, in den alten Zuständen, wo die Menschen ihre Freiheit im brüderlichen Zusammenleben fanden, drückte sich besonders charakteristisch darin aus, dass man so weit ging, das, was der einzelne besaß, bei seinem Tode auf seinem Grunde zu verbrennen, weil man nichts, was einem einzelnen als Einzelbesitz gehörte, nach dem Tode desselben besitzen wollte. Als mit diesem Prinzip gebrochen worden war infolge verschiedener Verhältnisse, namentlich weil einzelne sich Großgrundbesitz angeeignet hatten und die Menschen in der umliegenden Gegend dadurch zur Leibeigenschaft und zu Frondiensten gezwungen waren, da machte sich das Prinzip der Bruderschaft in einer andern, leuchtenden Weise geltend.“


 Es folgte historisch die Bildung von Handwerker-Gilden:

„Diejenigen, welche gemeinschaftliche, gleichartige Beschäftigungen hatten, schlossen sich zu Vereinigungen zusammen, die man Schwurbruderschaften nannte und die später zu den Gilden auswuchsen. Diese Schwurbruderschaften waren weit mehr als bloße Vereinigungen der gewerblichen oder handeltreibenden Menschen. Sie entwickelten sich aus dem praktischen Leben heraus zu einer moralischen Höhe. Das gegenseitige Sich-Beistehen, die gegenseitige Hilfeleistung war in hohem Maße bei diesen Bruderschaften ausgebildet, und viele Dinge, um die sich heute fast niemand mehr kümmert, waren Gegenstand solchen Beistandes. So leisteten sich zum Beispiel die Angehörigen einer solchen Bruderschaft in der Weise Hilfe, dass sie sich in Krankheitsfällen unterstützten. Es wurden von Tag zu Tag zwei Brüder bestimmt, die am Bette eines kranken Bruders Wache halten mussten. Es wurden die Kranken mit Nahrungsmitteln unterstützt, ja es wurde selbst über den Tod hinaus brüderlich gedacht, indem es als ganz besonders ehrenvoll galt, den zur Bruderschaft Gehörigen in entsprechender Weise zu begraben. Endlich gehörte es auch zur Ehre der Schwurbruderschaft, die Witwen und Waisen zu versorgen. Daraus sehen Sie, wie ein Verständnis für die Moral im Gemeinschaftsleben erwuchs, wie sich diese Moral auf dem Grunde eines Bewußtseins bildete, von dem sich der heutige Mensch schwer eine Vorstellung machen kann. Glauben Sie nicht, dass hier in irgendeiner Weise die gegenwärtigen Verhältnisse getadelt werden sollen. Sie sind notwendig geworden, so wie es auch nötig gewesen ist, dass die mittelalterlichen Verhältnisse in ihrer Art zum Ausdrucke gekommen sind. Verstehen müssen wir nur, dass es auch andere Phasen der Entwickelung gab als die heutige.“


Er schildert dann den menschlichen Organismus, wo die Abermillionen Zellen alle in sinnvoller Weise zusammen arbeiten. Das höhere Wesen der menschlichen Seele findet in diesem Zusammenwirken seinen Ausdruck. Wenn nun einige Menschen zusammenkommen, so können sie auch eine Gemeinschaft bilden, in der ein Höheres seinen Ausdruck finden kann:

„Aber niemals könnte die menschliche Seele hier auf Erden wirken, wenn nicht diese Millionen kleiner Wesen ihre Selbstheit aufgeben und sich in den Dienst des großen, gemeinsamen Wesens stellen würden, das wir als die Seele bezeichnen.“

Fünf Menschen, die zusammen sind, harmonisch miteinander denken und fühlen, sind mehr als 1 + 1 + 1 + 1 + 1 sie sind nicht bloß die Summe aus den fünf, ebensowenig wie unser Körper die Summe aus den fünf Sinnen ist, sondern das Zusammenleben, das Ineinanderleben der Menschen bedeutet etwas ganz Ähnliches, wie das Ineinanderleben der Zellen des menschlichen Körpers. Eine neue, höhere Wesenheit ist mitten unter den fünfen, ja schon unter zweien oder dreien. «Wo zwei oder drei in meinem Namen vereinigt sind, da bin ich mitten unter ihnen.» Es ist nicht der eine und der andere und der dritte, sondern etwas ganz Neues, was durch die Vereinigung` entsteht. Aber es entsteht nur, wenn der einzelne in dem andern lebt, wenn der einzelne seine Kraft nicht bloß aus sich selbst, sondern auch aus den andern schöpft. Das kann aber nur geschehen, wenn er selbstlos in dem andern lebt.“


 Damit sich eine solche brüderliche Gemeinschaft bilden kann sind verschiedene Voraussetzungen nötig:

 1. Der Gegner wird nicht mehr bekämpft, man tritt nur positiv für das eigene Ideal ein.
„Es möchte wohl ein jeder gerne wissen, wie man Daseinskampf und Bruderliebe miteinander vereinigt. Das ist sehr einfach. Wir müssen lernen, den Kampf durch positive Arbeit zu ersetzen, den Kampf, den Krieg zu ersetzen durch das Ideal. Man versteht heute nur noch zu wenig, was das heißt. Man weiß nicht, von welchem Kampf man spricht, denn man spricht im Leben überhaupt nur noch von Kämpfen. Da haben wir den sozialen Kampf, den Kampf um den Frieden, den Kampf um die Emanzipation der Frau, den Kampf um Grund und Boden und so weiter, überall, wohin wir blicken, sehen wir Kampf.
Die geisteswissenschaftliche Weltanschauung strebt nun dahin, an die Stelle dieses Kampfes die positive Arbeit zu setzen. Derjenige, der sich eingelebt hatte in diese Weltanschauung, der weiß, dass das Kämpfen auf keinem Gebiete des Lebens zu einem wirklichen Resultate führt. Suchen Sie das, was sich in Ihrer Erfahrung und vor Ihrer Erkenntnis als das Richtige erweist, in das Leben einzuführen, es geltend zu machen, ohne den Gegner zu bekämpfen.“

2.Man macht sich zum Diener der Mitglieder der Gemeinschaft

„Derjenige wirkt am besten, der nicht seine Meinung durchsetzen will, sondern das, was er seinen Mitbrüdern an den Augen ansieht; der in den Gedanken und Gefühlen der Mitmenschen forscht und sich zu deren Diener macht. Der wirkt am besten innerhalb dieses Kreises,..der die eigene Meinung (zurückzustellen kann).... Wenn wir in dieser Weise zu verstehen suchen, dass unsere besten Kräfte aus der Vereinigung entspringen und dass die Vereinigung nicht bloß als abstrakter Grundsatz festzuhalten, sondern vor allen Dingen in theosophischer Weise bei jedem Handgriffe, in jedem Augenblicke des Lebens zu betätigen ist, dann werden wir vorwärtskommen. Wir dürfen nur keine Ungeduld haben in diesem Vorwärtskommen.“

3.Man hört einander zu

 „Unterdrücken müssen wir also unsere Meinung, um den andern ganz zu hören, nicht bloß das Wort, sondern sogar das Gefühl, auch dann, wenn sich in uns das Gefühl regen sollte, dass es falsch ist, was der andere sagt. Es ist viel kraftvoller, zuhören zu können, solange der andere spricht, als ihm in die Rede zu fallen. Das gibt ein ganz anderes gegenseitiges Verständnis. Sie fühlen dann, wie wenn die Seele des andern Sie durchwärmte, durchleuchtete, wenn Sie ihr in dieser Weise mit absoluter Toleranz entgegentreten. Nicht bloß Freiheit der Person sollen wir gewähren, sondern völlige Freiheit, ja sogar die Freiheit der fremden Meinung sollen wir schätzen."


 4.Wir üben, uns Gedanken der Freundschaft und Liebe zuzusenden:

„Jeder mag sich darin ausbilden, wenn er Zeit dazu findet, seinen Lieben Gedanken der Liebe und Freundschaft zuzusenden. Der Mensch hält das gewöhnlich für etwas Bedeutungsloses. Aber wenn Sie einmal dahin gelangen, einzusehen, dass der Gedanke ebenso gut eine Kraft ist wie die elektrische Welle, die von einem Apparat ausgeht und zum Empfangsapparat überströmt, dann werden Sie auch das Bruderschaftsprinzip besser verstehen, dann wird allmählich das gemeinschaftliche Bewusstsein deutlicher, dann wird es praktisch.“




„Von diesem Gesichtspunkt aus können wir uns klar darüber werden, wie die geisteswissenschaftliche Weltanschauung den Daseinskampf und das Bruderschaftsverhältnis auffasst. Wir wissen ganz genau, dass mancher, der an diesen oder jenen Platz im Leben gestellt ist, einfach unterginge, wenn er nicht mit den Wölfen heulen würde, wenn er diesen Daseinskampf nicht ebenso grausam führen würde wie viele andere. Für denjenigen, der materialistisch denkt, gibt es fast kein Entrinnen aus diesem Daseinskampf. Wir sollen zwar an dem Platze unsere Pflicht tun, an den uns das Karma hingestellt hat. Wir tun aber das Richtige, wenn wir uns klar sind, daß wir viel mehr leisten würden, wenn wir darauf verzichteten, in der unmittelbaren Gegenwart die Erfolge zu sehen, die wir erreichen wollen. Bringen Sie es übers Herz, wenn Sie vielleicht mit blutender Seele im Daseinskampfe stehen, demjenigen, dem Sie wehe getan haben im Daseinskampfe, in liebevoller Gesinnung von Seele zu Seele Ihre Gedanken zuströmen zu lassen, dann werden Sie als Materialist vielleicht denken, Sie haben nichts getan. Nach diesen Auseinandersetzungen aber werden Sie einsehen, dass dies später seine Wirkung haben muss, denn nichts, das wissen wir, ist verloren, was im Geistigen vorgeht.
So können wir manchmal mit zagender Seele, mit Wehmut im Herzen den Daseinskampf aufnehmen und durch unsere Mitarbeit denselben umwandeln. So in diesem Daseinskampfe arbeiten, heißt in praktischer Beziehung den Daseinskampf ändern. Nicht von heute auf morgen ist das möglich, aber daß wir es können, ist außer allem Zweifel. Wenn wir an der eigenen Seele im Sinne der Bruderliebe arbeiten, dann nützen wir dadurch, daß wir uns nützen, am meisten der Menschheit, denn wahr ist es, dass unsere Fähigkeiten entwurzelt sind wie eine aus dem Boden gerissene Pflanze, wenn wir im selbstischen Sondersein verharren. So wenig ein Auge noch ein Auge ist, wenn es aus dem Kopfe gerissen wird, so wenig ist eine menschliche Seele noch eine Menschenseele, wenn sie sich von der menschlichen Gemeinschaft trennt. Und Sie werden sehen, dass wir unsere Talente dann am besten ausbilden, wenn wir in brüderlicher Gemeinschaft leben, dass wir am intensivsten leben, wenn wir im Ganzen wurzeln. Freilich müssen wir abwarten, bis das, was Wurzel schlägt im Ganzen, durch stille Einkehr in sich selbst zur Frucht reift.“



„Geben wir uns in der Bruderschaft auf, so ist dieses Aufgeben, dieses Aufgehen in der Gesamtheit eine Stählung, eine Kräftigung unserer Organe. Wenn wir dann als Mitglied einer solchen Gemeinschaft handeln oder reden, so handelt oder redet in uns nicht die einzelne Seele, sondern der Geist der Gemeinschaft. Das ist das Geheimnis des Fortschritts der zukünftigen Menschheit, aus Gemeinschaften heraus zu wirken.“


 Beginnen wir solche Brüderlichkeit zu üben und neue Gemeinschaften mit einem Menschen, mit zweien, mit dreien oder mit mehreren Menschen zu bilden!