Montag, 26. April 2010

„Hier wurde der Arzt selbst geheilt...“



Gerade stieß ich auf ein Buch von Henry Miller, Der Koloss von Maroussi. Er berichtet darin über Griechenland. Der folgende Auszug über Epidauros und die Medizin ist im rororo tb auf Seite 61ff zu finden:

„Wir wachten früh auf und mieteten ein Auto, um nach Epidauros zu fahren. Der Tag begann in tiefsten Frieden. Es war mein erster wirklicher Blick auf den Peloponnes: Es war aber nicht ein Blick, sondern eine Aussicht auf eine stille Welt, eine Welt, wie sie den Menschen eines Tages beschieden wird, wenn er aufhört, Mord und Diebstahl zu frönen... es gibt hier keine Spur von Hässlichkeit, es sei in Linie, Farbe, Form, Gestalt oder Gefühl. Es ist die höchste Vollkommenheit wie Mozartsche Musik. Ich wage sogar zu behaupten, dass man hier Mozarts Wesen mehr spürt als irgendwo in der Welt. Die Straße nach Epidauros ist wie die Straße zur Schöpfung. Man sucht nicht mehr. Man wird still.... Man nimmt teil an der Niederlage der Mächte wie Gier, Bosheit, Neid, Selbstsucht, Hass, Unduldsamkeit, Stolz, Anmaßung, Gerissenheit, Zweideutigkeit und so weiter.

Es ist früher Morgen, am ersten Tag des großen Friedens, des Friedens des Herzens, der durch Entsagung entsteht. Ehe ich nach Epidauros kam, wusste ich nicht, was Friede ist. Wie jeder Mensch hatte ich mein ganzes Leben lang dieses Wort gebraucht, ohne je zu erkennen, dass ich eine Fälschung beging. Friede ist ebenso wenig des Gegenteil von Krieg, wie Tod das Gegenteil von Leben ist. .. Der Friede, den die meisten von uns kennen, ist nichts als eine Einstellung der Feindseligkeiten, ein Waffenstillstand, ein Interregnum, eine Windstille, eine Atempause, aber all das ist negativ....Der Friede des Herzens ist positiv und unbesiegbar, er stellt keine Bedingungen, er benötigt keinen Schutz. Er ist. Wenn das ein Sieg ist, ist es ein eigenartiger Sieg, denn er beruht völlig auf Verzicht, selbstverständlich auf einem freiwilligen Verzicht.

Ich sehe nichts Geheimnisvolles in der Art der Kuren, die in diesem großen therapeutischen Zentrum in der antiken Welt vollbracht wurden: Hier wurde der Arzt selbst geheilt, es war der erste und wichtigste Schritt in der Entwicklung der Kunst, die nicht medizinisch, sondern religiös ist. Und der Patient wurde geheilt, bevor er überhaupt eine Kur durchmachte. Große Ärzte haben stets die Natur als den besten Arzt bezeichnet. Das ist aber nur zum Teil wahr. Allein kann die Natur nichts tun. Die Natur vermag nur zu heilen, wenn der Mensch seinen Platz in der Welt erkennt, der nicht in der Natur ist wie beim Tier, sondern im Bereich des Menschen, dem Bindeglied zwischen der Natur und der Gottheit.

Den Untermenschen unseres glorreichen wissenschaftlichen Zeitalters wird die Verbindung des Rituellen und des Religiösen mit der Heilkunst, wie sie in Epidauros ausgeübt wurde, als reiner Humbug verkommen. In unserer Zeit führt der Blinde den Blinden, und der Kranke geht zum Kranken, um sich heilen zu lassen. Wir machen ständig Fortschritte , die zum Operationstisch führen, zum Armenhaus, in die Irrenanstalt, in den Schützengraben. Wir haben keine Ärzte, wir haben nur Metzger... unsere Gebrachen herauszuschneiden oder abzuschneiden, so dass wir uns als eine Art Krüppel bewegen, bis wir für das Schlachthaus reif sind. Wir verkünden die Entdeckung dieser oder jener Kur, erwähnen aber nicht die neuen Krankheiten, die wir dabei geschaffen haben. ...

Mediziner sind hilflos wie Feldherren, sie führen von Anfang an einen hoffnungslosen Kampf. Was der Mensch will, ist Frieden, um leben zu können. Unsern Nachbarn zu besiegen verleiht ebenso wenig Frieden wie die Behandlung des Krebses Heilung bringt....“