Im Westen hat die zunehmend ungehemmte Ausbreitung des Kapitalismus zu einem Verlust an Religion geführt. Der Mensch, der hauptsächlich auf Gelderwerb aus ist, ist ein ganz irdisch gewordener Mensch.
Ganz anders in China, dort wird die Religion nun eingesetzt, den Reichtum zu fördern. Man weiß noch aus uraltem Wissen heraus, dass es geistige Mächte sind, die hinter den irdischen Abläufen stehen.
Der westliche Mensch hat das vergessen. Im "Faust" und in den alten Volksmärchen wird der geistige Zusammenhang immer dadurch ausgedrückt, dass der Mensch seine Seele verkauft und dafür dann seinen irdischen Reichtum erhält. Im Westen geht das, weil der moderne Mensch davon ausgeht kann, dass er über eine individuelle Seele verfügt.
Dem chinesischen Menschen ist diese Vorstellung fremd. Hier gibt es gewissermaßen nur eine Seele, das ist die Staatsseele. Diese hat sich gewissermaßen kollektiv dem Gelde verschrieben.
Vierundachtzig Prozent der Chinesen glauben, dass sich der Erfolg eines Menschen an seinem Kontoauszug ablesen lässt
03. März 2010 In der zentralchinesischen Stadt Wuhan versammelten sich, wie Fotos des Nachrichtenportals „News 163“ dokumentieren, zu Beginn des neuen Tiger-Jahres 550.000 Menschen, um Cai Shen Ye, den Gott des Reichtums, zu verehren. Den Fotos nach zu urteilen, wurde die rauschhafte Energie des Ereignisses nur notdürftig durch die zahlreich anwesende Polizei im Zaum gehalten. ... Der Kult wurde inmitten der Masse auch individuell vollzogen: Man sieht auf den Bildern Einzelne im Zustand offenkundiger Verzückung die Arme ausbreiten oder eine Statue des Gottes vor sich halten, um den Reichtum auf sich herabzurufen. ....
Die wilde Kraft, die auf den Bildern sichtbar wird, kontrastiert auffällig mit der kühlen Abstraktheit, die dem westlichen Geldglauben in seinem Vertrauen auf den Finanzmarkt anhaftet. .... Die Globalisierung scheint von Energieströmen durchzogen zu sein, von denen die gemeine Volkswirtschaftslehre nichts ahnt.
Hans Magnus Enzensberger, Schriftsteller zum Thema »Elternsein an Waldorfschulen«
Hans-Magnus Enzensberger, Schriftsteller
Um es gleich vorwegzunehmen: Ich bin froh, dass meine Tochter Theresia in der Münchener Waldorf-Schule gelandet ist. Anfangs war mir das noch keineswegs klar. Meine eigene Schulkarriere hat mich zu wenig Wohlwollen für die Institution der Schule, so wie sie heute ist, inspiriert. Auch lag und liegt mir die Anthroposophie als Philosophie durchaus fern. Aber, wie es in der Bibel heißt: An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen. Und es war die Praxis, die mich innerhalb kurzer Zeit überzeugt hat. Schon die Tatsache, dass man hier die Kinder ernst nimmt und nicht für minderbemittelte Erwachsene hält, ist keineswegs selbstverständlich. Auch die Reichweite dessen, was ihnen angeboten und abverlangt wird, ist eindrucksvoll: Theaterspiel, Musik, Landwirtschaft, Handwerkspraktikum, Segeltörn, Landvermessung, Aufbauarbeit in einem rumänischen Zigeunerdorf, anspruchsvolle Abschlussarbeiten ohne Gängelung – an all das wäre in einer Staatsschule kaum zu denken.
Die üblichen Vorbehalte haben sich rasch von selber erledigt. Weder war die Schule klassenfixiert – ein Verdacht, der allen Privatschulen entgegengebracht wird –, noch wurden die Schüler im Sinne von Dornach indoktriniert oder auf die Lehren von Rudolf Steiner getrimmt. Es ist schon bemerkenswert, mit welchen Ressentiments den Waldorf-Schulen in der Öffentlichkeit begegnet wird. (Nur in Klammern bemerke ich, dass es Politiker gibt, die ihre Kinder dort gerne anmelden, obwohl das ihrer Parteilinie widerspricht.)
Natürlich fehlt es auch in diesen Einrichtungen nicht an Vorstandsquerelen und Intrigen. Davon habe ich allerdings kaum Notiz genommen, wie ich auch gestehen muss, dass ich mich zu den ernsthaft engagierten Vätern (und Müttern) nicht zählen darf, die auf jedem Elternabend mit peinlicher Genauigkeit auf vermeintliche oder wirkliche Versäumnisse oder Ungerechtigkeiten der Lehrerschaft reagieren. Solche Scherereien sollte man sich und andern ersparen und das Gute nehmen, wie es kommt.
Klaus von Dohnanyi, ehemaliger Bürgermeister von Hamburg zum Thema »Elternsein an Waldorfschulen«
Klaus von Dohnanyi, ehemaliger Bürgermeister von Hamburg
Aufwachsen und Erwachsenwerden heißt: Lernen. Aber »Lernen« ist mehr als »Wissen«.
Es bedeutet eben auch Erfahrung zu sammeln im Umgang mit Menschen und Natur. Und beide, Menschen und Natur, sind ja mehr als Genome und Strukturen. Das besondere Bemühen der Waldorfschulen, den jungen Menschen einen breiten und tieferen Blick auf eine Welt jenseits des »Wissens« zu ermöglichen, dieses Bemühen war es, das mich für meine Kinder und für die Bildungspolitik insgesamt stets mit der Waldorfpädagogik verbunden hat.
Lukas Beckmann, Fraktionsgeschäftsführer der Grünen Bundestagsfraktion
Waldorfschule bedeutet für mich,
dass mein Kind an einer guten Schule ist (was mich täglich beruhigt), in der Lehrer und Lehrerinnen unterrichten, die ihren Beruf als Berufung verstehen und ihren Unterricht frei gestalten;
dass mein Kind zu Freiheit, Eigenständigkeit und sozialer Kompetenz erzogen wird;
dass Erfahrung durch praktisches Tun im Unterricht eine wichtige Rolle spielt und nicht nur auf die Vermittlung von Wissen geachtet wird;
dass über einen Zeitraum von vielen Jahren die Leistungen und Fähigkeiten der Kinder von den Lehrern entwicklungsorientiert in Worten beschrieben und nicht in Zensuren festgeschrieben werden;
dass meinem Kind Raum und Zeit gelassen wird, seine eigene Persönlichkeit zu finden und zu entwickeln;
dass Lehrer Gesprächspartner sind für Eltern;
dass ich mit anderen Eltern im Rahmen der Selbstverwaltung Einfluss nehmen kann auf die Qualität und Weiterentwicklung der Schule.
Prof. Götz W. Werner, Gründer, Gesellschafter und Aufsichtsratmitglied von dm-drogerie markt, Leiter des Instituts für Entrepreneurship zum Thema »Elternsein an Waldorfschulen«
Götz W. Werner, dm-drogerie markt, Leiter des Instituts für Entrepreneurship
Elternsein an einer Waldorfschule bedeutet für mich der unerfüllbare Traum nach einer kindgerechten, kunstdurchdrungenen und zeitgemäßen Pädagogik, vermittelt von Persönlichkeiten, die mit Liebe und Begeisterung, inspiriert und getragen durch ihren Schulungsweg, bei Kindern und Eltern ein Feuer entfachen wollen.
Es ist Passionszeit 2010 und das war der Anlass, mich wieder auf drei Erlebnisse zu besinnen. Das erste zeigt, wie verdrängte Schuld vor dem Sterben wieder aufleben und den Menschen quälen kann. Der Patient sah auch seine schwere Erkrankung, sein Leiden und das Sterben müssen in noch relativ jungen Alters-Jahren in diesem Zusammenhang. Er selbst darf das so sehen, einem anderen Menschen steht diese Beurteilung aber nicht zu. – Die zweite Episode erzählt, was die Ehefrau träumte, während ihr Mann neben ihr im Bett ganz unerwartet starb. Der Traum wirkt auf mich wie ein weisheitsvolles Märchenbild. - Die dritte Geschichte ist aus dem letzten Tagebuch einer Patientin, die sich darin mit ihrer schweren Krebserkrankung auseinandersetzte. Die Angehörigen haben nach ihrem Tod eine Kopie dieses Heftes an die Freunde weitergegeben. – Die beschriebenen Menschen sind jetzt schon lange tot. Ich habe selbstverständlich die Namen geändert und wieder alles so aufgeschrieben, dass ein Fremder sie nicht erkennen und benennen kann.
Osteuropa druckt den Briefwechsel zwischen dem inhaftierten vom Oligarchen zum Putin-Kritiker gewandelten Michail Chodorkowski und der Schriftstellerin Ljudmila Ulitzkaja nach. Es geht um Dissidenz, die Jelzin-Jahre und das Gefängnis: "Das Gefängnis ist ein Ort der Antikultur, der Antizivilisation. Hier ist Gutes böse, Lüge Wahrheit. Pack erzieht Pack, und anständige Leute sind zutiefst unglücklich, weil sie innerhalb dieses abscheulichen Systems nichts tun können. Nein, das ist übertrieben, natürlich können sie etwas tun und tun es auch, aber es ist schlimm mit anzusehen, wie jeden Tag nur Einzelne es schaffen, während Dutzende menschlicher Schicksale untergehen. Und wie langsam und mit wie vielen Rückschlägen Veränderungen vorankommen. Mein Überlebensrezept lautet verstehen und verzeihen lernen. Je besser und tiefer du verstehst, dich in einen anderen hineinversetzt, desto schwerer wird das Verurteilen und desto leichter das Verzeihen. Am Ende geschieht manchmal ein Wunder: Ein Gebrochener richtet sich auf und wird ein Mensch im eigentlichen Sinne. Die Gefängnisaufseher fürchten das sehr."
(Unterstrichen ist der Link "Briefwechsel", durch den man zu den Original-Texten gelangt..)
Eigentlich gehört diese Meldung in meine Rubrik "Kuriositäten", wenn es nicht doch damit bitter-ernst wäre. Dass man Spiritualität mit einer Gehirnfunktion verbindet ist, ist noch das geringere Übel, nun wird sie auch noch mit einem Gehirnschaden verbunden.
Gegen Schäden gibt es aber auch Heilung. Eine logische Folge ist es deshalb, dass man Menschen bald von ihren spirituellen Phänomenen wird heilen wollen und können. Vielleicht erfindet ein Pharmakonzern bald eine Impfung gegen religiöse und spirituelle Gefühle.
Dass es soweit kommen wird, darauf hat vor hundert Jahren schon Rudolf Steiner hingewiesen:
NEUROLOGIE
Im Journal „Neuron“ berichten die Hirnforscher um Cosimo Urgesie, dass bei Patienten, denen ein Tumor in einer bestimmten Hirnregion entfernt wurde, die so genannte Selbsttranszendenz zugenommen hat.
Dahinter verbirgt sich die Fähigkeit, von sich selbst zu abstrahieren und sich weniger als isoliertes „Ich“ zu fühlen, sondern mehr als Teil des gesamten Universums. Diese Empfindung kann, so die Psychobiologen, in einer starken Ausprägung sogar zu spirituellem Erleben führen.
Die Forscher hatten 68 Patienten mit verschiedenen Hirnschäden mit einem standardisierten Test vor und nach der Operation auf ihre Fähigkeit zur Selbsttranszendenz getestet. Gleichzeitig untersuchten sie mit bildgebenden Verfahren, welche Hirnregionen genau geschädigt worden waren.
„Wir wollten herausfinden, welcher Teil des Netzwerkes genau für die Selbsttranszendenz verantwortlich ist“, sagte Forscher Franco Fabbro. Sie stellten fest, dass vor allem eine Verletzung der Großhirnrinde im hinteren Scheitellappen die Patienten dazu brachte, sich in einem transzendenteren Umfeld zu sehen.
Bisher war bekannt, dass die Fähigkeit zur Selbsttranszendenz durch verschiedene, miteinander vernetzte Hirnregionen gesteuert wird. „Wenn ein so tief verankertes Persönlichkeitsmerkmal wie die Fähigkeit zur Selbsttranszendenz sich sehr schnell durch einen Tumor verändern kann, dann könnte auch die vorübergehende Stimulation bestimmter Nervenzellen die Persönlichkeit verändern“, spekuliert Salvatore M. Aglioti von der Sapienza-Universität in Rom.
In der evangelischen Zeitschrift "CHRISMON 2/2010" befand sich ein Interview mit einem Millionär, der nun sein ganzes Vermögen aufgibt.
Man erhält darin Aufschluss über das, was das Leben mit Geld und mit dem beständigen Streben nach mehr Geld in Wahrheit für einen Menschen bedeutet.Was dieser Mensch empfand, das mag wohl nicht typisch für alle Menschen seiner Art sein, da nur wenig Menschen sich durch ihr Berufsleben hindurch eine offene Herzensempfindung für Sinn und Aufgabe eines Menschenlebens bewahren können.
Leider wird das Streben nach Äußerlichkeiten am stärksten schon in der Familie und in der Schule angelegt. Wer in der Schule nach guten Noten strebt, im Sportverein nach Erfolgen, im Musizieren nach Anerkennung usw.- und darin auch von seiner Familie angeregt oder gar gedrängt wird, der wird in seinem ganzen Leben davon geprägt sein, nicht seine eigenen, individuellen Lebensziele zu verfolgen, sondern sich an der Umwelt und am Echo der Umgebung auszurichten. Er wird immer etwas Besonderes sein wollen, mehr verdienen wollen, der Beste sein wollen, Sieger sein wollen.
Karl Rabeder genießt noch mal den Blick auf die Alpen, bevor er aus seiner Villa in eine 1-Zimmer-Mietwohnung zieht
Karl Rabeder will künftig von 1000 Euro im Monat leben und anderen Menschen von Nutzen sein. Er trennt sich von seiner Villa in Tirol, dem Herrenhaus in Frankreich, Luxuslimousine und fünf Segelflugzeugen. Schon geht's ihm besser.
Interview: Christine Holch
chrismon: Sind Sie reich? Karl Rabeder:Ich war mal reich und werde jetzt, wo ich immer weniger reich bin, glücklich und vermögend. Vermögend ist jemand, der mit seinem Besitz was Positives zu bewirken vermag.
Wie kamen Sie zu diesem Geld? Es kam zu mir! Ich hab Dinge produziert, die anderen Menschen gefallen haben - Wohnaccessoires.
Die meisten reichen Unternehmer hatten vermögende Eltern - da wird das kleine Vermögen schnell zum großen... Dann gehöre ich zur Minderheit. Meine Großeltern hatten ein Haus mit zwei Stockwerken auf 35 Quadratmetern Grundfläche und eine Nebenerwerbsgärtnerei. Ich bin schon als Sechsjähriger auf den Markt gefahren mit den Großeltern, um Gemüse zu verkaufen. Später hab ich die Gärtnerei weitergeführt, um mir mein Studium zu finanzieren. Daraus ist alles entstanden: Aus Gemüse wurden Blumen, aus Blumen Trockenblumen, für Trockenblumen braucht man Vasen, und weil es an Weihnachten vielleicht nicht ganz so spannend ist, schon wieder Trockenblumen und Vasen zu verschenken, kam ich auf Kerzen.
Sie waren früh Millionär, hätten jung in Rente gehen können... Ja, mit 32, das war 1994, da hatte ich meine Kontostände mal zusammengerechnet.
Aber Sie haben noch mal zehn Jahre weitergearbeitet. Warum? Ich hab schon damals das, was ich die Stimme meines Herzens nenne, gehört, und gar nicht undeutlich. Aber mir hat der Mut gefehlt.
Was sagt eine "Stimme des Herzens"? Bei mir spricht sie nicht, bei mir ist es ein magisches Angezogensein, das mir fast Tränen in die Augen treibt. Und es zog mich magisch dahin, aufzuhören mit dem, was ich bisher gemacht hab.
Sie haben nicht aufgehört. Wollten Sie sich noch ein paar Wünsche erfüllen, eine Jacht oder so was? Hätte ich mir damals schon leisten können. Nein, ich glaube, es war eher die Frage: Was ist möglich?
Bis zu welchen Möglichkeiten sind Sie vorgedrungen? Na bis zu denen hier: ein Haus in Tirol, eins in Südfrankreich, fünf Segelflugzeuge... Sie lachen. Es ist natürlich auch möglich, zwanzig Häuser und fünfzig Flugzeuge zu besitzen. Ich hab Dinge angestrebt, nur weil sie möglich sind. Erst heute frage ich mich: Was von dem, was möglich ist, will ich? Denn wenn die Natur - oder der Schöpfer - großzügig war, dann hat man ausreichend viele Talente und Möglichkeiten und nicht genug Lebenszeit dafür. Das wird mir jetzt erst klar.
Im Goetheanum, 4, 2010 findet sich ein ausführlicher Nachruf von David Hornemann von Laer auf Michael Bockemühl, der vor kurzem verstarb. Zukunftweisend ist die wissenschaftliche Methode des Verstorbenen, die sich dadurch auszeichnet, dass sie den Kunstbetrachter zunächst in das bewusste Wahrnehmen einführt. Eine Schulung des Wahrnehmens, durch die man unterscheiden lernt, was ein wirklicher Sinneseindruck ist und wo sich bereits fertige Gedanken einmischen. Diese Unterscheidung ist heute eine allgemeine Kulturnotwendigkeit und muss im Zeitalter der Bewusstseinseele nach und nach von allen Menschen errungen werden. Nur so können neue, geistgemäße Erkenntnisse in der Welt fruchtbar werden.
Zur Person (aus Wikipedia):
Michael Bockemühl (* 1943 in Dresden; † 23. Dezember 2009) war ein deutscher Kunstwissenschaftler. Er war Inhaber des Lehrstuhls für Kunstwissenschaft, Ästhetik und Kunstvermittlung an der Fakultät für Kulturreflexion, der privaten Universität Witten/Herdecke
.
Zitat aus einem Prospekt:
Grün im Bild und Grün in der Natur
„… Andererseits hat auch nur der eine Chance, die Natur der
Farbe zu fassen, der sich ihrem Erlebnis aussetzt, sonst niemand.
… inwiefern Natur der Farbe? … insofern die Natur der Farbe ihr
Wesen ist. Auch im Kunstwerk erscheint die Farbe in ihrer Natur –
als ein Stück Natur. Grün im Bild und Grün in der Natur – beides
ist zunächst einmal Grün. Da gibt es keinen wesentlichen Unterschied.
Erst wenn ich auf die Weise achte, wie diese Farbe z.B. in
einer Landschaft erscheint oder wie sie im Kunstwerk gestaltet
Die einzige Gruppe, der ein spiritueller Mensch angehören darf, ist die Menschheit.
Wenn wir genug Feinfühligkeit entwickeln, dann werden wir notgedrungen Pilger werden müssen, denn keine andere Wahl bleibt, als sich auf eine mystische Suche einzulassen. Unser höchstes Bedürfnis und unser tiefster Wunsch ist dann die innere Arbeit. Es ist eine Forschungsreise ganz anderer Art als jene, die Wüsten bezwingt, Urwälder durchdringt, Berge besteigt. Sie spürt die geheimnisvollen Hinterlande des menschlichen Geistes auf, erklimmt die Gipfel menschlichen Bewusstseins und kehrt dann zurück, um anderen die Ziele zu beschreiben, damit auch sie den Weg dorthin finden können, wenn sie wollen.
1897 veröffentlichte Selma Lagerlöf den Roman "Die Wunder des Antichrist". Im Mittelpunkt der Handlung steht ein wundertätiges Jesusbild: ein Kindlein mit einer goldenen Krone. Dieses wird gefälscht und in die Krone wird die Inschrift geritzt:"Mein Reich ist nur von dieser Welt" statt "Mein Reich ist nicht von dieser Welt".
Damit spielt Selma Lagerlöf auf die marxistische Heilslehre an:
"Euer Reich ist nur von dieser Welt. Deshalb müsst ihr für dieses Leben sorgen und wie Brüder miteinander leben. Und ihr sollt eure Reichtümer miteinander teilen, damit keiner arm sei. Ihr sollt alle arbeiten, und die Erde soll allen gehören, und ihr sollt alle gleich sein.
Niemand soll hungern, niemand soll zur Üppigkeit verführt werden, und niemand soll Not leiden in seinem Alter.Und euer Bestreben soll das Glück aller sein, denn es wartet euer kein Ersatz. Euer Reich ist nur von dieser Welt!"....
...der Mann begann der Welt eine neue Lehre zu verkünden, die Sozialismus genannt wird, aber in Wirklichkeit das Antichristentum ist.
Und diese Lehre liebt und entsaget und duldet und leidet wie das Christentum, so dass sie alle Ähnlichkeit mit diesem hat, so wie das falsche Christusbild ... auch alle Ähnlichkeit mit dem echten hatte.
Und ebenso wie das falsche Christusbild sagt die neue Lehre:"Mein Reich ist nur von dieser Welt."
Und während das Bild, das die Lehre verkündigte, unbeachtet und unbekannt ist, ist es mit seiner Lehre nicht so; diese geht durch die Welt, um sie zu erlösen und umzuschaffen.
Sie verbreitet sich mit jedem Tag weiter: Sie geht hin über alle Lande; sie hat vielerlei Namen und wirkt dadurch so verführerisch; dass sie allen ihren Anhängern irdisches Glück und Genuss verspricht; deshalb zieht sie mehr Anhänger an sich als irgend sonst etwas seit der Zeit Christi."
(Auszug vom Ende des 3.Kapitels der Einleitung)
Heute ist diese Art von Sozialismus, die damals als Ideologie verbreitet wurde und schließlich zur Staatsform wurde, nicht mehr in dieser Form populär. Sie hat sich verwandelt, sie ist in neue Kostüme geschlüpft. Sie hat die Form der Wohltätigkeit, der sozialen Marktwirtschaft, der Sozialdemokratie, der christlich-sozialen Einstellung, der Spendenaufrufe und Spendengalas und sogar des Umweltschützer-Aktivismus angenommen. Sie alle wollen heute der Menschheit weiterhelfen und sogar die ganze Welt retten und führen sie doch sichtlich täglich tiefer in den Abgrund hinein.
Daneben ist inzwischen die andere Weltbeglückungsreligion getreten: der Kapitalismus mit seiner Waren-Wohlfahrt.
"Wenn man nach Brüssel kommt, so trifft man dort das Wiertz‑Museum. Da sind Bilder des Malers Wiertz, und ich glaube nicht, daß es irgendeinen Menschen gebenkann, der nicht im allerhöchsten Maße überrascht wäre von der Eigenart der Bilder des Wiertz. Es sind ja allerdings Bilder, die nicht so gemalt sind, wie andere sie malen, aber sie haben eine außerordentlich eigene Note, sind zuweilen so, daß selbstverständlich der steife Philister sie verrückt finden wird. Nun, das ist ja vielleicht nicht immer ein Maßstab, aber jedenfalls sind auch solche drunter, von denen man im höchsten Maße ergriffen werden kann. Wiertz wurde geboren im Anfange des 19. Jahrhunderts aus armer Familie, war ein armer Kerl, wuchs auch als armer Kerl auf; aber wie durch eine Erleuchtung kam eines Tages über ihn der Gedanke ‑ und nun kam bei ihm zusammen, ich möchte sagen, wirkliche Berufung mit außerordentlicher Eitelkeit, die Dinge können ja zusammenkom men ‑ , er müsse ein Maler werden, größer als Rubens, Fortsetzer von Rubens, er müsse Rubens überrubensen; ein Über‑Rubens müsse er werden. Nicht wahr, man kann ja heute, in der Zeit nach Nietzsche, auch sagen: «Über‑Rubens». ... weiter: hier
Immer wieder kann man ganz bezaubert sein von der schlichten Weisheit, die in der folgenden Geschichte aus dem " Schatzkästlein des Rheinischen Hausfreundes" zum Ausdruck kommt.
Sie stammt aus der übrigens sehr empfehlenswerten Sammlung "Gutenberg"
.
Johann Peter Hebel
Der geheilte Patient
Reiche Leute haben trotz ihrer gelben Vögel doch manchmal auch allerlei Lasten und Krankheiten auszustehen, von denen gottlob! der arme Mann nichts weiss; denn es gibt Krankheiten, die nicht in der Luft stecken, sondern in den vollen Schüsseln und Gläsern und in den weichen Sesseln und seidenen Bettern, wie jener hautreiche Amsterdamer ein Wort davon reden kann. Den ganzen Vormittag sass er im Lehnsessel und rauchte Tabak, wenn er nicht zu faul war, oder hatte Maulaffen feil zum Fenster hinaus, ass aber zu Mittag doch wie ein Drescher, und die Nachbarn sagten manchmal: "Windet's draussen oder schnauft der Nachbar so?" - Den ganzen Nachmittag ass und trank er ebenfalls, bald etwas Kaltes, bald etwas Warmes, ohne Hunger und ohne Appetit, aus lauter langer Weile, bis an den Abend, also, dass man bei ihm nie recht sagen konnte, wo das Mittagessen aufhörte, und wo das Nachtessen anfing. Nach dem Nachtessen legte er sich ins Bett und war so müd, als wenn er den ganzen Tag Steine abgeladen oder Holz gespalten hätte. Davon bekam er zuletzt einen dicken Leib, der so unbeholfen war wie ein Maltersack. Essen und Schlaf wollte ihm nimmer schmecken, und er war lange Zeit, wie es manchmal geht, nicht recht gesund und nicht recht krank; wenn man aber ihn selber hörte, so hatte er 365 Krankheiten, nämlich alle Tage eine andere. Alle Ärzte, die in Amsterdam sind, mussten ihm raten. Er verschluckte ganze Feuereimer voll Mixturen und ganze Schaufeln voll Pulver, und Pillen wie Enteneier so gross, und man nannte ihn zuletzt scherzweise nur die zweibeinige Apotheke. Aber alles Doktern half ihm nichts, denn er folgte nicht, was ihm die Ärzte befahlen, sondern sagte: "Foudre, wofür bin ich ein reicher Mann, wenn ich soll leben wie ein Hund, und der Doktor will mich nicht gesund machen für mein Geld?" Endlich hörte er von einem Arzt, der hundert Stund weit wegwohnte, der sei so geschickt, dass die Kranken gesund werden, wenn er sie nur recht anschaue, und der Tod geh' ihm aus dem Weg, wenn er sich sehen lasse. Zu dem Arzt fasste der Mann ein Zutrauen und schrieb ihm seinen Umstand. Der Arzt merkte bald, was ihm fehle, nämlich nicht Arznei, sondern Mässigkeit und Bewegung, und sagte: "Wart', dich will ich bald kuriert haben."
Es folgt ein Bericht über einen Forscher, der in Indien die Erfahrungen von Kindern dokumentiert, die ihre vergangene Inkarnation noch erinnern.
Inzwischen ist es auch so, dass in unserem Kulturraum Kinder deutliche Erinnerungen an frühere Inkarnationen haben. Nur gibt es dafür noch keine ausreichende Bereitschaft der Umwelt, das aufzugreifen. Skepsis ist die Aura, in die die Berichte dieser Kinder heute noch sofort getaucht werden, selbst von Menschen, die theoretisch etwas davon wissen:
Der Glaube an die Wiedergeburt ist in Indien weit verbreitet. Am häufigsten entdecken Kinder zwischen zwei und vier Jahren, dass sie die Inkarnation einer früheren Persönlichkeit sind. Nur wenige Forscher wagen sich daran, diese Fälle wissenschaftlich zu untersuchen.
Unterwegs mit dem Forscher Kirti S. Rawat, der in Indien mit wissenschaftlichen Methoden Fälle von Wiedergeburt untersucht.
Von Mary Roach
Um die Glaubwürdigkeit einer Reinkarnation zu prüfen, befragt der Forscher die betroffenen Familien. Für den Fall von Aishwary spricht, dass beide Familien arm sind. Oft behaupten Leute aus finanziellen Gründen, sie seien die Reinkarnation einer reichen Person. ....weiter..http://www.nzzfolio.ch/
Ein wunderschöner Post ist zu finden unter: A O E A ....
Als Jesus zur Zeit des Königs Herodes in Betlehem in Judäa geboren worden war, kamen Sterndeuter aus dem Osten nach Jerusalem und fragten: Wo ist der neugeborene König der Juden? Wir haben seinen Stern aufgehen sehen und sind gekommen, um ihm zu huldigen.*** Hiermit klingt die Weihnachtszeit langsam aus. ......Weiter:....
Früher hat man sich bemüht, durch Lärm die Geister zu vertreiben. Man musste sein Ich in Freiheit eben ohne die alten Geister entwickeln.
Heute kehrt sich alles um: Man muss lernen mit dem vollbewussten Ich in der Ruhe den Geist in neuer Weise zu erleben.
Sylvester in moderner Weise zu feiern geht nur in der Ruhe.
Über die Traditionen des Umganges mit sog. Geistern folgender, wohl nicht sehr intelligente Text - aber für einen intelligenten Leser durchaus brauchbar:
Gespenster, Kobolde und Dämonen
Kulturgeschichte und Psychologie des Geister-Glaubens
Ein Feature von Andrea und Justin Westhoff
Silvester: Mit Böllern, Heulern und grellbuntem Feuerwerk wird das neue Jahr begrüßt - ursprünglich sollten Lärm und Licht böse Geister vertreiben. Bis heute gibt es Riten, die mit Geistern, Hexen und Spuk aller Art zu tun haben - von der alemannischen Fasenacht bis zur Walpurgisnacht.
Ausgelassenheit, Lärm und Lichtzauber erfüllen die Silvesternacht, in der das neue Jahr anhebt.
Laut muss es sein und Feuer sollen brennen in dieser Nacht, um die bösen Geister daran zu hindern, mit hinüberzuziehen ins neue Jahr. So ist es Tradition. Bis heute, etwa bei den Perchtenläufen im Süden Bayerns und im Salzburger Land.
"Rauchnächte" heißen sie, die zwölf vom 25. Dezember bis zum Dreikönigstag am 6. Januar, in denen Haus und Hof mit Weihrauch erfüllt werden sollen, um böse Geister zu vertreiben. Denn hier gehen die Perchten um, benannt nach Frau Percht. Der Sage nach Wotans Weib, das mit den Seelen verstorbener Kinder umherzieht. In ihrem Gefolge auch Nachtgeister und Unholde. Frau Percht ist doppelgesichtig, Seelenbegleiterin und Schicksalsfrau. Und um das Geisterheer hinwegzufegen, ziehen die Bürger beim Perchtenlauf mit grausligen Masken lärmend durch Dörfer und Städte.
Doch wie laut die Geister auch vertrieben werden, sie scheinen immer wieder zu kommen - oder waren nie fort?
Mehr als alles, was ich bisher zu diesem Thema gelesen habe, hat mich folgender persönliche Bericht eines Afrikaners bewegt, der sogar mehrfach versucht hat nach Europa zu gelangen und es schließlich auch geschafft hat:
Wer hat Angst vorm schwarzen Mann?
von Corinna Milborn
In Nordafrika warten schätzungsweise zwei Millionen Menschen darauf, das Meer nach Europa zu überqueren. Und täglich sterben viele bei diesem Versuch. Frank Dumnoi hat es auch versucht. Er hat überlebt. Das ist die Geschichte seiner tragischen Odyssee.
Wenn einstmals ein Bauer einen Knecht hatte, eine Kuh und ein Pferd, dann konnte er über diese Wesen bestimmen. Er hatte über sie eine gewisse Macht. Eine viel größere Macht hatte ein König, er konnte über die Menschen in seinem Land bestimmen. Millionen mussten seinen Anordnungen folgen. Wollte er Krieg führen, dann zogen Tausende für ihn ins Feld.
Heute ist diese Form der Machtausübung in westlichen Gesellschaften nur noch in der Wirtschaft möglich. Betriebe werden nach den Strukturen von effizienter Machtausübung geführt. Staatliche Macht wird durch viele Kontrollorgane gefiltert und ist nur indirekt ausübbar. Es ist dies auch keine persönliche Macht mehr, sondern eine anonyme.
Dafür hat der einzelne Mensch eine neue Möglichkeit Macht auszuüben. Es ist die Macht der Maschine. Ein Auto mit hundert "PS" (Pferdestärken) vermittelt dem Benutzer ein dementsprechendes Machtgefühl. Das Unheil, das er mit seiner Maschine anrichten kann, ist auch dementsprechend groß.
Immer, wenn wir eine Maschine benützen, infiltriert sie uns unmerklich mit der Energie, Kraft, Macht, die verborgen hinter ihr oder in ihr wirkt.
Ins Unermessliche wächst die Macht-Suggestion, durch das Internet. Über das Wissen der Menschheit nach Belieben verfügen zu können, hat starke, unbewusste Rückwirkungen auf die einzelnen Individuen. Sie fühlen sich in historisch einzigartiger Weise erhaben über alles. Es steht ihnen alles in der Welt zu Diensten.
Das bedeutet eine neue moralische Aufgabe für die Menschheit.
In dieser Zeit ständig schwindender Religiosität kommt es zu merkwürdigen Stimmungen in den menschlichen Seelen. Gerade Menschen, die aus einer gewissen Tradition heraus noch eine Beziehung zum Religiösen hatten, kommen heute in zeit-typische Schwierigkeiten. Intellektuell meinen sie, dass das Religiöse irgendeine Bedeutung hat, aber mit ihrem Denken kommen sie nicht an diese Dimension heran. Mit der Zeit verlieren sich dann auch im Fühlen die letzten Beziehungen zu einer religiösen Welt. Es bleiben meist noch Reste von pseudo-religiösen Handlungen, wie man sie z.B. beim massenhaften Kirchgang am Heiligen Abend beobachten kann.
Die Menschen können dann noch einige Zeit durch äußere Anregungen, Stimulantien oder Dekorationen in der Seele die Erinnerung an so etwas wie ein weihnachtliches Gefühl künstlich erzeugen - vielleicht auch eher vortäuschen -, aber so eine rechte Befriedigung wird die Seele nicht mehr finden können. Die verbleibenden Gefühle haben mehr den Charakter des Sentimentalen. Ein Beispiel für solche geradezu dramatische und chaotische moderne Seelenkonstitutionen konnte man in einem Interview mit dem Dirigenten Enoch zu Guttenberg, dem Vater des aufstrebenden neuen Verteidigungsministers, in der Zeitschrift Cicero 1/2001 studieren:
...."Es heißt, Sie seien ein romtreuerAgnostiker. Was muss man darunter verstehen?
Ich gehe jeden Sonntag mit meinen Kindern in die Kirche, und wir beten jeden Abend mit ihnen, weil ich finde, sie können erst für oder gegen etwas entscheiden, wenn sie es kennen. Ich liebe die alte, tridentinische Kirchenliturgie und ich liebe das Evangelium. Es gibt keine schönere Religion als das Christentum mit seinen Gesetzen der Liebe... Doch mein Gehirn ist absolut atheistisch. Ich müsste wirklich lügen, wenn ich sagen würde, ich könnte glauben.
Sie glauben also nicht an die Existenz Gottes?
Nein, die halte ich für völlig ausgeschlossen. ... Am schlimmsten ist für mich der Abschied vom eigenen Glauben. Darunter leide ich täglich..
Wie dirigieren Sie ein Requiem oder die Matthäuspassion, wenn Sie nichts mehr glauben können?
Ja, das ist das Erstaunliche: Die Kunst ist der Ort, an dem ich das alles wiederfinde. Wenn ich die Matthäuspassion dirigiere, dann habe ich vom ersten Ton an auf einmal überhaupt keine Zweifel mehr. Und mit dem letzten Ton ist alles wieder weg. Dann gehe ich raus, hänge den Frack an den Haken und bin verzweifelt..."
Ein Vater, der jeden Abend mit den Kindern betet, ohne an das zu glauben, was er dabei sagt. Welche Gefühle und Empfindungen werden dabei wohl in den Kindern veranlagt? Sie wachsen auf in der Schizophrenie, äußerlich etwas zu tun, zu plappern, was innerlich nicht abgedeckt ist. Sie werden erzogen in der Unwahrheit. So gewöhnen sie sich daran ihr Leben in Unwahrheit zu gestalten.
Das ist ein Bild für vieles, was unsere heutige Kultur auszeichnet: Ein Mensch verkauft ein Produkt, von dem er im Innersten nicht voll überzeugt ist; er arbeitet in einem Beruf oder in einer Firma, und liebt ihn nicht...
Das Leben in Unwahrheit und Lüge gilt es zu überwinden, dann wird man auch die Religion in einem neuen Gewand wiederfinden können.
Man kann den Satz ernst nehmen: "Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben." Wer sich auf den Weg macht, in absoluter, konsequenter Wahrheit sein Leben zu gestalten, der findet zum Geiste; oder: der hat ihn schon.
Ein Weg ist es, weil man das Ziel kaum in einem Erdenleben erreicht. Man erlangt dabei zu gleicher Zeit auch das wahre Leben, eine neue Lebenskraft, Gesundheit und Heilung.
Heute wird in der FAZ auf einen alten hellseherischen Text von Scipio hingewiesen. In einer Überarbeitung will ich ihn hier noch einmal veröffentlichen:
Traum Sicipios
von Marcus Tullius Cicero
Der„Somnium Scipionis": Schlussstück des Dialogs "De re publica" von Cicero. Entnommen der Internetseite http://12koerbe.de/pan/qu.htm von Hans Zimmermann. - Stark gekürzt. D.C.
Scipio(Publius Africanus minor -* 185 v. Chr. † 129 v. Chr.) begegnet im “Traum” seinem Adoptiv-Großvater Africanus maior( Publius Africanus maior -* 236 v. Chr. † 183 v. Chr.),und seinem Vater Paulus (Lucius Aemilius Paullus Macedonicus -* um 229 v. Chr. † 160 v. Chr.) und wird von diesen über seine Schauungen aufgeklärt.
"...Hier zeigte sich mir Africanus maior, mein Großvater. Sobald ich ihn erkannt hatte, fuhr ich allerdings zusammen, aber jener sprach: "Bleib bei Bewusstsein und lass die Furcht fahren, Scipio, mein Enkel, und nimm ins Gedächtnis auf, was ich dir sage."
Hier fragte ich, ob er selbst denn lebe und auch mein Vater Paulus und alle die anderen, die wir für tot hielten.
"Eben die leben", sprach er, "die aus den Körperfesseln wie aus dem Kerker entflohen,während euer sogenanntes Leben nur Tod ist. Siehst du nicht deinen Vater Paulus, wie er zu dir kommt?" Sobald ich diesen erblickte, vergoss ich eine Menge Tränen, jener aber hinderte mich, indem er mich umarmte und küsste, weiter zu weinen.
Und, kaum dass ich meine Tränen verdrückt hatte und wieder zu sprechen fähig war, fragte ich ihn: "Bitte sag mir, heiligster und bester Vater, da dies nun das Leben ist, wie ich Africanus maior sagen höre, was bleibe ich auf Erden? Warum beeile ich mich nicht, zu euch zu kommen?"
"So ist es nicht", antwortete jener. "Denn solange nicht der Gott, dessen Tempel alles dies ist, was du hier erblickst, dich von diesen Wächtern deines Körpers befreit hat, kann dir der Zugang hierher nicht offen stehen.
Die Menschen sind nämlich unter dem Gesetz geschaffen, jenen Ball zu bewachen, den du in diesem Tempel in der Mitte siehst, der Erde genannt wird, und ihnen ist ein Bewusstsein gegeben aus jenen ewigen Feuern, die ihr Gestirne und Sterne nennt, die kugelig und rund, belebt von göttlichen Geistwesen, ihre Kreisbahnen mit erstaunlicher Geschwindigkeit vollenden.
Deshalb musst auch du, Publius, und jeder Frommgesinnte sein Bewusstsein in der Bewachung des Körpers zurückhalten und ohne Geheiß dessen, von dem jenes Bewusstsein euch gegeben ist, dürft ihr nicht aus dem menschlichen Leben davonwandern, damit ihr nicht vor der vom Gott zugewiesenen Menschen-Aufgabe zu fliehen scheint.
Aber so, Scipio Publius, mein Sohn, wie dein Großvater hier, und wie ich, der ich dich gezeugt habe, pflege Gerechtigkeit und fromme Gesinnung. Solch ein Leben ist die Straße zum Himmel und in die Vereinigung all derer, die schon gelebt haben und vom Körper gelöst jenen Ort bewohnen, den du hier siehst", – es war aber dieser Kreis zwischen den Flammen leuchtend in hellstem Glanz -, "den ihr, wie ihr es von den Griechen übernommen habt, Milchstraße nennt."
Von dort aus schien mir, wie ich es betrachtete,alles übrige herrlich und wunderbar. Es gab dort aber Sterne, die wir niemals von diesem Ort aus gesehen haben, und Größenverhältnisse bei ihnen allen, von denen wir keine Ahnung gehabt haben; die Kugeln der Sterne aber übertrafen die Größe der Erde mit Leichtigkeit. Ja die Erde selbst erschien mir so klein, dass es mich unseres Reiches, mit dem wir nur gleichsam einen Punkt von ihr berühren, schämte.
Als ich diese näher betrachtete, fragte der Africanus: "Bitte, wie lange noch wird dein Geist an die Erde geheftet sein? Siehst du nicht, in was für Tempel du gekommen bist? In neun Kreisen oder vielmehr Globen ist alles ineinander verschachtelt, von denen einer der himmlische ist, der äußerste, der alle anderen umfasst, der höchste Gott selbst, der die übrigen beschirmt und zusammenhält; in dem jene befestigt sind, die dort entlangwälzen, die ewigen Umläufe der Sterne.
Ihm untergeben sind sieben, die in Gegenbewegung zum Himmel sich rückwärts drehen.
Darunter allerdings gibt es nichts als Sterbliches und Hinfälliges, außer den Seelen, die als Gabe der Götter dem Menschengeschlecht gegeben sind; oberhalb des Mondes ist alles ewig.
Denn diejenige, die die mittlere und neunte ist, die Erde, bewegt sich nicht und ist die unterste, und auf sie fallen alle Gewichte hinab durch die eigene Neigung."
Als ich dies staunend betrachtete, fragte ich, sobald ich mich wieder gefasst hatte: "Was ist das für ein gewaltiger, süßer Klang, der meine Ohren erfüllt?"
"Es ist jener, der von dem Antrieb und der Bewegung der Sphären selbst hervorgebracht wird. Eben deswegen wird jener höchste sterntragende Himmelsumlauf, dessen Umschwung erregter ist, mit einem hohen und lauten Ton bewegt, mit dem tiefsten Ton aber dieser unterste Mondumlauf; denn die Erde als neunte, die unbeweglich bleibt, hängt in ihrer Stelle,
indem sie den Mittelpunkt der Welt umfasst.
Jene acht Umläufe jedoch, bei denen zwei die gleiche Größe haben, bewirken sieben in Intervall-Abständen auseinandergesetzte Töne; indem gelehrte Menschen dies mit Saiten und Gesängen nachahmten, öffneten sie sich die Rückkehr zu diesem Ort, wie auch andere, die aufgrund ihrer herausragenden Begabungen im menschlichen Leben göttliche Studien betrieben haben.
Von diesem Klang erfüllt sind die Ohren der Menschen taub geworden; und es gibt auch keinen abgestumpfteren Sinn bei euch, wie, wo der Nil in die sogenannten Katadupa herabstürzt von den höchsten Bergen,das Volk, das jenen Ort bewohnt, wegen des lauten Tosens des Gehörssinns entbehrt. Dieser Klang aber ist so laut aufgrund des intensiven Umschwungs des ganzen Alls, dass ihn die Ohren der Menschen nicht fassen können, wie ihr auch nicht in die Sonne geradewegs hineinblicken könnt, und von ihren Strahlen eure Sichtschärfe und euer Augenlicht überwältigt wird."
Über all dies verwundert richtete ich dennoch den Blick unverwandt auf die Erde. Da sprach Africanus: "Ich sehe, dass du Wohnsitz und Stätte der Menschen betrachtest; wenn es dir so klein scheint – wie es ja auch ist, dann blick immer zum Himmlischen auf und schätze jenes Menschliche gering. Denn welche Berühmtheit im Gespräch der Menschen oder welchen erstrebenswerten Ruhm kannst du erlangen? Du siehst, dass man auf Erden an spärlichen und engen Orten wohnt, und an diesen selbst, diesen "Flecken", wo man wohnt, wüste Einöden, dazwischengeschoben, und dass die Leute, die die Erde bewohnen, nicht nur so abgeschirmt sind, dass nichts zwischen ihnen von den einen zu den anderen fließen kann, sondern auch teils abseits, teils quer zu euch, teils auch euch entgegen stehen.
Bei diesen könnt ihr sicherlich keinen Ruhm erwarten."