Posts mit dem Label Gedichte werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Gedichte werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Samstag, 20. Dezember 2008

Zum Jahreswechsel

Am letzten Tag des Jahrs blick' ich zurück aufs ganze,
Und leuchten seh' ich es gleich einem Gottesglanze.
Es war nicht lauter Licht, nicht lauter reines Glück,
Doch nicht ein Schatten blieb in meinem Sinn zurück.
Die Freuden blühn mir noch, die Leiden sind erblichen,
Und ins Gefühl des Danks ist alles ausgeglichen.
Ich gab mit Lust der Welt das Beste, was ich hatte,
Und freute mich zu sehn, daß sie's mit Dank erstatte.
Nichts Bessres wünsch' ich mir, als daß so hell und klar,
Wie das vergangne mir sei jedes künft'ge Jahr.




Friedrich Rückert,Die Weisheit des Brahmanen


Mariä Sehnsucht

Es ging Maria in den Morgen hinein,
tat die Erde einen lichten Liebesschein,
und über die fröhlichen, grünen Höhn
sah sie den bläulichen Himmel still stehn.
"Ach, hätt ich ein Brautkleid von Himmelsschein,
zwei goldene Flüglein - wie flög ich hinein!"

Es ging Maria in stiller Nacht,
die Erde schlief, der Himmel wacht,
und durchs Herze, wie sie ging und sann und dacht,
zogen die Sterne mit goldener Pracht.
"Ach, hätt ich das Brautkleid von Himmelschein,
und goldene Sterne gewoben drein!"

Es ging Maria im Garten allein,
da sangen so lockend bunt Vögelein,
und Rosen sah sie im Grünen stehn,
viel rote und weiße so wunderschön.
"Ach, hätt ich ein Knäblein, so weiß und rot,
wie wollt ichs lieb haben bis in den Tod!"

Nun ist wohl das Brautkleid gewoben gar,
und goldene Sterne ins dunkele Haar,
und im Arme die Jungfrau das Knäblein hält
hoch über der dunkel umbrausenden Welt,
und vom Kindlein gehet ein Glänzen aus,
und lockt uns nur ewig: nach Haus, nach Haus!

Joseph von Eichendorf, 1788 - 1857

Freitag, 5. Dezember 2008

„Geburt eines neuen Weltjahres"

Einer der schönsten Weihnachtshymnen stammt aus vorchristlicher Zeit. Er zeigt, wie schon aus dem Wissen der alten Mysterien heraus die Weisen die Ankunft des Wesens kannten und erwarteten, das der Welt Heil und Rettung bringen würde. Hier wird darauf hingewiesen, dass sogar schon die Sibylle von Cumae die Ankunft des "Sprösslings" geweissagt habe. Der größte Teil ihrer Bücher sind später verloren gegangen. Es gab also nicht nur im Heiligen Land die Christuserwartung, sondern auch in der römischen Kultur.



Hymnus von Vergil, 40 vor Chr.


Sizilianische Musen lasset uns etwas Größeres singen!

Die letzte Weltzeit beginnt jetzt,

sie wird uns den Mächtigsten bringen;

So lautet die alte Weissagung der grauen Sibylle von Cumae:

Im kreisenden Reigen der Zeiten, auserkoren zu göttlichem Ruhme,

Schon kehret wieder die Jungfrau,

kehrt wieder aus himmlischen Reichen,

Schon wird ein Sprössling entsandt,

erkennet ihr Menschen die Zeichen.

Seid wohlgesonnen dem Kinde,

dem neugeborenen Jungen,

Von dem wir hören herrlich die frohesten Prophezeiungen.

Mit dem die Zeit von Eisen vergeht

und die von Gold wieder aufersteht.


Es beginnen zu strahlen am Himmelszelt

die mächtigen Monde hell in die Welt.

Und alle Spuren unserer Schulden sollen getilgt nun werden,

Erlöst seien vom Schrecken die Lande allüberall auf Erden.


Göttliches Sein wird er tragen in sich,

wie ein göttlicher Held wird er leben.

Unter den Helden erscheinen als Licht

und sein Friedensgeschenk übergeben.

Aus den Kräften des Vaters nur handelnd,

wüste Härte der Erde verwandelnd,

Und erweichend die steinigen Krumen,

Seine Wiege umblühen nur Blumen.


Sterben wird dann die Schlange, und das Kraut voller Gift

Und es wachsen wie Lilien Blüten, wie man im Paradiese sie trifft.

Weiche Ähren im Felde blond golden erglänzen.

Und die Schönheit der Welt übersteigt alle Grenzen.


Ein paar Spuren zwar werden verbleiben des Frevels der Urzeit.

Doch wenn dich zum Manne gemacht die kräftige Erdzeit,

Nicht mehr duldet der Boden die Hacke, der Weinberg der Sichel Spur,

Jetzt löset die Stiere vom Joche der kräftige Bauer beim Pflügen.

Nicht mehr lernt dann die Wolle der Schafe die bunten Farben zu lügen,

Auf der Wiese schon wandelt der Widder sein Vlies in leuchtenden Purpur.


Bald ist's Zeit, tritt an deine Bahn, o strahlender Sprössling nun werde,

Siehe, es wankt und schwankt des Weltendomes Überwölbung,

Länder und Meere, unendlich gedehnt und die Tiefen der Erde,

Sie grüßen das neue Äon es jubelt das Weltall in Hoffnung.

O, es reiche aus mir mein Leben, deine Herrlichkeit zu lobpreisen,

Übertreffen will ich im Lobpreis der Sänger uralte Weisen.


Fang bald an, kleiner Junge, im Lachen die Mutter zu kennen!

Brachten der Monate zehn deiner Mutter doch lange Beschwerden.

Fang bald an, kleiner Junge deinen Weg hier auf Erden.


Auszug aus: 4. Lied der Hirtengedichte, bearbeitet von D. C.


Siehe auch: Hans Zimmermann http://12koerbe.de/pan/ekloga4.htm

Mittwoch, 12. März 2008

Rumi Gedicht

Du meinst, in jeder Kunst
und in jeder Wissenschaft geübt zu sein.
Und kannst doch nicht einmal vernehmen,
was dein eig'nes Herz dir sagt.

Wenn du nicht einmal diese schlichte Stimme hören kannst,
wie willst du ein Geheimnis hüten ?
Wie willst du auf diesem Weg weitergeh'n ?

Rumi - Das Lied der Liebe
-Die Weisheit göttlicher Liebe in den Versen des größten Sufi-Dichters - Knaur-Verl.

Samstag, 16. Februar 2008

Ich freue mich

Ich freue jeden Tag dem Abend mich entgegen

Und jede Nacht im Traum mich auf den Morgensegen.

Ich freue stille mich mit ungestümer Lust,

Nicht ungeduldig ist die Freud' in meiner Brust.

Ich freu' mich auf die Stund' und auf den Augenblick,

Auf groß und kleines, mein und anderer Geschick.

Vom Herbst den Winter durch freu' ich dem Lenz mich zu

Und aus dem Sommer durch den Herbst zur Winterruh'.

Ich freu' mich durch des Jahrs und durch des Lebens Zeit,

Und aus der Zeit hinaus mich in die Ewigkeit.


Quelle:
Friedrich Rückert: Werke, Band 2, Leipzig und Wien [1897], S. 121.

Samstag, 26. Januar 2008

Der Freundesgruß


Nicht auf die Schwalbe, die des Frühlings Botschaft bringt

Und mir von ewiger Erneuung Lieder singt,

Freu' ich so sehr mich als auf einen Freundesgruß,

Der das mir bringt, was ich zum Leben haben muß:

Daß Zeitenwechsel geht, fest die Gesinnung steht,

Ist, was mein Herz mit mehr als Frühlingshauch durchweht.



Aus: Friedrich Rückert "Die Weisheit des Brahmanen"


.

Montag, 26. März 2007

Gedicht von Richard Specht
geschickt an Rudolf Steiner 16. Nov. 1890

Wir beide

Sind wir denn wirklich Menschen erdgeboren,
zu Menschenglück und Menschenweh erkoren?

Ich sah so fremd dem farbgen Treiben zu,
Und fühle mich allein, - allein wie du.

Mir ist’s als käme ich aus andrer Welt,
von einem Stern, der einst in Nacht zerschellt.

Wenn Schmerz und Weh in meine Brust sich senken,
dann muss ich deiner, tote Welt, gedenken.

Dann schwingt im Traum die Seele sich empor
Zu seiner Heimat, die ich längst verlor.

Zu jener Heimat, licht und eisnachtklar,
Zu jener Heimat, die auch dich gebar...

Auch dich, auch dich! Denn du entsprangst dem Licht,
Die dunkle Erde ist dir Heimat nicht.

Drum haben wir uns ja so bald verstanden,
Weil sich im Aetherraum die Seelen fanden,

Weil uns das gleiche Heimweh tief bewegt,
Weil gleiche Sehnsucht unsre Brust gehegt,

Weil gleiche Träume seltsam uns umschweben,
Die keinem, keinem außer uns gegeben.