Klarer Denken
Warum Sie nie glauben sollten, Sie könnten die perfekte Wahl treffen
Von Rolf Dobelli
Meine Schwester und ihr Mann haben eine Wohnung im Rohbau gekauft. Seither können wir nicht mehr normal miteinander plaudern. Seit zwei Monaten dreht sich alles nur noch um die Kacheln fürs Badezimmer. Keramik, Granit, Marmor, Metall, Kunststein, Holz, Glas und Laminat in allen Spielarten stehen zur Auswahl. Noch selten habe ich meine Schwester in einer solchen Qual erlebt. „Die Auswahl ist einfach zu groß!“, sagt sie, ringt die Hände und wendet sich wieder dem Katalog der Plattenmuster zu, ihrem ständigen Begleiter.
Ich habe nachgezählt und nachgefragt. Das Lebensmittelgeschäft in meiner Nachbarschaft bietet 48 Sorten Joghurt, 134 verschiedene Rotweine, 64 Arten von Reinigungsprodukten, insgesamt etwa 30 000 Artikel. Bei Amazon sind zwei Millionen Buchtitel lieferbar. Dem heutigen Menschen stehen über fünfhundert psychische Krankheitsbilder, tausend verschiedene Berufe, fünftausend Feriendestinationen und eine unendliche Vielfalt an Lebensstilen zur Verfügung. Mehr Auswahl war nie.
Als ich klein war, gab es bei uns zu Hause drei Arten von Joghurt, drei Fernsehkanäle, zwei Kirchen, zwei Sorten Käse (Tilsiter scharf oder mild), eine Sorte Fisch (Forelle) und eine Art von Telefonapparat – von der Schweizerischen Post zur Verfügung gestellt. Der schwarze Kasten mit der Wählscheibe konnte nichts anderes als telefonieren, und das reichte damals völlig. Wer heute einen Handy-Laden betritt, droht in einer Lawine an Handymodellen und Tarifvereinbarungen zu ersticken.
Und doch: Auswahl ist die Messlatte des Fortschritts. Auswahl ist, was uns von der Planwirtschaft und der Steinzeit unterscheidet. Ja: Auswahl macht glücklich. Es gibt allerdings eine Grenze, bei der zusätzliche Auswahl Lebensqualität vernichtet. Der Fachbegriff dafür lautet The Paradox of Choice. Auf Deutsch etwa: Das Auswahl-Paradox.
In seinem Buch „Anleitung zur Unzufriedenheit“ beschreibt der amerikanische Psychologe Barry Schwartz, warum das so ist. Er nennt drei Gründe. Erstens: Große Auswahl führt zu innerer Lähmung. Ein Supermarkt stellte 24 Sorten Konfitüre zum Probieren auf. Die Kunden konnten nach Belieben degustieren und die Produkte mit Rabatt kaufen. Am folgenden Tag führte der Supermarkt dasselbe Experiment mit nur sechs Sorten durch. Das Ergebnis? Es wurde zehn Mal mehr Konfitüre verkauft als am ersten Tag. Warum? Bei einem großen Angebot kann sich der Kunde nicht entscheiden, und so kauft er gar nichts. Der Versuch wurde mehrmals mit verschiedenen Produkten wiederholt, das Resultat war stets dasselbe.
Zweitens: Große Auswahl führt zu schlechteren Entscheidungen. Fragt man junge Menschen, was ihnen an einem Lebenspartner wichtig ist, zählen sie all die ehrenwerten Eigenschaften auf: Intelligenz, gute Umgangsformen, ein warmes Herz, die Fähigkeit zuzuhören, Humor und physische Attraktivität. Aber werden diese Kriterien bei der Auswahl wirklich berücksichtigt? Während früher in einem Dorf durchschnittlicher Größe für einen jungen Mann etwa zwanzig potentielle Frauen in derselben Altersklasse zur Auswahl standen, die er zumeist schon aus der Schule kannte und entsprechend einschätzen konnte, stehen heute, im Zeitalter des Online-Dating, Millionen potentieller Partnerinnen zur Verfügung. Der Auswahlstress ist so groß, dass das männliche Hirn die Komplexität auf ein einziges Kriterium schrumpft – und das ist, empirisch nachweislich, die „physische Attraktivität“.
Drittens: Große Auswahl führt zu Unzufriedenheit. Wie können Sie sicher sein, dass Sie aus zweihundert Optionen die perfekte Wahl getroffen haben? Antwort: Sie können es nicht. Je mehr Auswahl Sie haben, desto unsicherer und damit unzufriedener sind Sie nach der Wahl.
Was tun? Überlegen Sie genau, was Sie wollen, bevor Sie die bestehenden Angebote mustern. Schreiben Sie Ihre Kriterien auf, und halten Sie sich unbedingt daran. Und rechnen Sie damit, dass Sie nie die perfekte Wahl treffen. Maximieren ist – angesichts der Flut an Möglichkeiten – irrationaler Perfektionismus. Geben Sie sich mit einer „guten Lösung“ zufrieden. Ja, auch in puncto Lebenspartner. Nur das Beste ist gut genug? Im Zeitalter unbeschränkter Auswahl gilt eher das Gegenteil: „Gut genug“ ist das Beste.
Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 24.01.2011 Seite 27
Montag, 31. Januar 2011
Sonntag, 30. Januar 2011
Urteil über Literatur
"Ich lese nicht allzu viel Gegenwartsliteratur, aber ich bin der König des ersten Kapitels: Ich habe von fast allem, was rauskommt, mindestens das erste Kapitel gelesen. Oder eine Seite oder einen Absatz. Der Segen des Älterwerdens: Man braucht nur noch einen Absatz, um zu wissen, dass einen etwas nicht interessiert."
Wolfgang Herrndorfer in einem Interview in der FAZ, 29.1.2011, Seite Z6
Dieses Zitat drückt aus, wie man mit zunehmender Leseerfahrung schon am Stil des Schreibens den Wert eines Buches für sich beurteilen lernt. Wohl kennt man nicht nach einigen Absätzen den ganzen Inhalt, aber man spürt, ob einem das Buch etwas bedeuten kann oder nicht.
Wolfgang Herrndorfer in einem Interview in der FAZ, 29.1.2011, Seite Z6
Dieses Zitat drückt aus, wie man mit zunehmender Leseerfahrung schon am Stil des Schreibens den Wert eines Buches für sich beurteilen lernt. Wohl kennt man nicht nach einigen Absätzen den ganzen Inhalt, aber man spürt, ob einem das Buch etwas bedeuten kann oder nicht.
Freitag, 28. Januar 2011
Antike Technologie
9. Januar 2011
Der Mechanismus von Antikythera
Credit und Bildrechte: Wikipedia
Credit und Bildrechte: Wikipedia
Beschreibung: Was ist das? Es wurde auf dem Grund des Meeres an Bord eines antiken griechischen Schiffes gefunden. Seine offensichtliche Komplexität löste Jahrzehnte an Untersuchungen aus, obwohl einige seiner Funktionen unbekannt blieben. Kürzlich durchgeführte Röntgenuntersuchungen des Apparats bestätigten nun den Zweck des Mechanismus von Antikythera und zeigten mehrere überraschende Funktionen auf. Der Mechanismus von Antikythera war, wie sich herausstellte, ein mechanischer Computer mit einer Genauigkeit, die für die damalige Zeit für unmöglich gehalten wurde - das Schiff, auf dem er sich befand, sank im Jahr Jahr 80 v.Chr. Es galt die Ansicht, dass eine so fortschrittliche Technologie erst 1000 Jahre entwickelt wurde. Seine Räder und Getriebe bilden eine tragbare Planetenmaschine des Himmels, die sowohl die Stern- und Planetenstände vorausberechnete als auch Mond- undSonnenfinsternisse. Der oben gezeigte Mechanismus von Antikythera ist 33 Zentimeter hoch und hat ähnliche Ausmaße wie ein großes Buch.
Dienstag, 25. Januar 2011
Ätna
Feuerschleuder
Der Ätna hat Sizilien ein atemberaubendes Feuerwerk beschert: In der Nacht zum Donnerstag hat der Vulkan bei einem kurzen Ausbruch Asche und Lava rausgeschleudert. Spektakuläre Gesteins- und Feuerfontänen schossen in den Himmel. Nach zwei Stunden war das Schauspiel schon wieder vorbei. An der Ostflanke des Bergs floss Lava hinunter, verletzt wurde nach Angaben der Behörden aber niemand.
Freitag, 21. Januar 2011
Und Sie ? Haben Sie ihr Leben im Griff?
Klarer Denken
Weshalb Sie viel weniger unter Kontrolle haben, als Sie denken
Von Rolf Dobelli
Jeden Tag, kurz vor neun Uhr, stellt sich ein Mann mit einer roten Mütze auf einen Platz und beginnt, die Mütze wild hin und her zu schwenken. Nach fünf Minuten verschwindet er wieder. Eines Tages tritt ein Polizist vor ihn: „Was tun Sie da eigentlich?“ „Ich vertreibe die Giraffen.“ „Es gibt keine Giraffen hier.“ „Tja, ich mache eben einen guten Job.“
Ein Freund. mit Beinbruch ans Bett gefesselt, bat mich, für ihn einen Lottoschein zu kaufen. Ich kreuzte sieben Zahlen an und schrieb seinen Namen drauf. Als ich ihm den Lottozettels überreichte, sagte er unwirsch: „Warum hast du den Zettel ausgefüllt? Ich wollte ihn ausfüllen. Mit deinen Zahlen werde ich bestimmt nichts gewinnen!“ „Denkst du wirklich, du kannst die Kugeln durch dein eigenhändiges Ankreuzen beeinflussen?“, fragte ich. Er schaute mich verständnislos an.
Im Casino werfen die meisten Menschen die Würfel möglichst kraftvoll, wenn sie eine hohe Zahl brauchen, und möglichst sanft, wenn sie auf eine tiefe hoffen. Was natürlich ebenso Unsinn ist wie die Hand- und Fussbewegungen von Fussballfans, die tun, als könnten sie selbst ins Spiel eingreifen. Diese Illusion teilen sie mit vielen Menschen: Sie wollen die Welt beeinflussen, indem sie gute Gedanken (Schwingungen, Energie, Karma) verschicken.
Die Kontrollillusion ist die Tendenz, zu glauben, dass wir etwas kontrollieren oder beeinflussen können, über das wir objektiv keine Macht haben. Entdeckt wurde sie 1965 von den beiden Forschern Jenkins und Ward. Die Versuchsanordnung war einfach: zwei Schalter und ein Licht, das entweder an oder aus war. Jenkins und Ward konnten einstellen, wie stark die Schalter und das Licht miteinander korrelierten. Selbst in den Fällen, in denen das Lampenlicht vollkommen zufällig an- oder ausging, waren die Versuchsteilnehmer überzeugt, durch das Drücken der Schalter das Licht irgendwie beeinflussen zu können.
Ein amerikanischer Wissenschaftler hat die akustische Schmerzempfindlichkeit untersucht, in dem er Menschen in einen Schallraum einschloss und den Lautstärkepegel kontinuierlich erhöhte, bis die Probanden abwinkten. Es standen zwei identische Schallräume A und B zur Verfügung – mit einem Unterschied: Raum B hatte einen roten Panik-Knopf an der Wand. Das Ergebnis? Menschen im Raum B ertrugen deutlich mehr Lärm. Der Witz war, dass der Panik-Knopf nicht einmal funktionierte. Die Illusion allein genügte, um die Schmerzgrenze zu heben. Wenn Sie Alexander Solschenizyn, Victor Frankl oder Primo Levi gelesen haben, dürfte Sie dieses Ergebnis nicht überraschen. Die Illusion, dass man das eigene Schicksal doch ein klein wenig beeinflussen kann, ließ diese Gefangenen jeden Tag von neuem überleben.
Wer als Fußgänger in Manhattan die Straße überqueren will und auf den Knopf der Ampel drückt, drückt auf einen Knopf ohne Funktion. Warum gibt es ihn dann überhaupt? Um die Fussgänger glauben zu machen, sie hätten einen Einfluss auf die Signalsteuerung. So ertragen sie die Warterei vor der Ampel nachweislich besser. Dasselbe gilt für die „Tür auf/Tür zu“-Knöpfe in vielen Aufzügen, die nicht mit der Liftsteuerung verbunden sind. Die Wissenschaft nennt sie „Placebo-Knöpfe“. Oder nehmen Sie die Temperaturregulierung in Grossraumbüros: Den einen ist es zu heiss, den anderen zu kalt. Clevere Techniker machen sich die Kontrollillusion zu Nutze, indem sie auf jeder Etage einen funktionslosen Temperaturregulierungsknopf anbringen. Die Anzahl der Reklamationen geht damit deutlich zurück.
Notenbanker und Wirtschaftsminister spielen auf einer ganzen Klaviatur von Placebo-Knöpfen. Dass die Knöpfe nicht funktionieren, sieht man seit zwanzig Jahren in Japan und seit drei Jahren in den Vereinigten Staaten. Und doch lassen wir den Wirtschaftslenkern die Illusion – und sie uns. Es wäre für alle Beteiligten unerträglich, sich einzugestehen, dass die Weltwirtschaft ein grundsätzlich unsteuerbares System ist.
Und Sie? Haben Sie Ihr Leben im Griff? Wahrscheinlich weniger, als Sie denken. Glauben Sie nicht, Sie seien ein stoisch-kontrollierter Marc Aurel. Wahrscheinlich ähneln Sie eher dem Mann mit der roten Mütze. Deshalb: Konzentrieren Sie sich auf die wenigen Dinge, die Sie wirklich beeinflussen können – und von denen wiederum konsequent nur auf die wichtigsten. Alles andere lassen Sie einfach geschehen.
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Der Schriftsteller Rolf Dobelli, Jahrgang 1966, ist Gründer und Kurator des Forums „Zurich .Minds“. Im Herbst erschien sein Roman „Massimo Marini“.
Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 20.12.2010 Seite 28
Donnerstag, 20. Januar 2011
Himmelskunde:
31. Dezember 2010
Analemma 2010
Bildcredit und Bildrechte: Tamas Ladanyi (TWAN)
Beschreibung: Wenn Sie auf das Jahr zurückblicken, fragen Sie sich da, wo die Sonne jeden Tag des Jahres 2010 um genau 9 Uhr Universal Time (UT) am Himmel stand? Natürlich tun Sie das. Suchen Sie nicht weiter nach einer Antwort! Sie stand irgendwo auf dieser himmlischen Achterschleife, die als Analemma bekannt ist. Dieses Analemma-Kompositbild, das im Garden eines Wohnhauses in der kleinen Stadt Veszprem in Ungarn aufgenommen wurde, besteht aus 36 Einzelbildern der Sonne, die in über das Jahr verteilten regelmäßigen Zeitabständen um 9:00 UT aufgenommen wurden, sowie einem Hintergrundbild, das ohne Sonnenfilter gemacht wurde. Das Hintergrundbild wurde am sonnigen Nachmittag des 9. Oktober (13:45 UT) aufgenommen. Links ist der Schatten des Fotografen zu sehen. Die Positionen der Sonne an den Sonnwendtagen von 2010 sind das obere (21. Juni) und das untere (21. Dezember) Ende der Analemmakurve. Zur Tag- und Nachtgleiche (20. März, 23. September) stand die Sonne auf halbem Weg der Kurve zwischen den Sonnenwenden. Die Neigung der Erdachse und die Schwankung der Geschwindigkeit bei ihrer Bewegung entlang ihrer elliptischen Bahn ergeben zusammen die zierliche Analemmakurve.
Sonntag, 16. Januar 2011
Strahlende Korona
15. Januar 2011

Eine totale Finsternis am Ende der Welt
Credit und Bildrechte: Fred Bruenjes (moonglow.net)
Beschreibung: Würden Sie ans Ende der Welt reisen um eine totale Sonnenfinsternis zu sehen? Wenn Sie das tun würden, wären Sie überrascht dort schon jemanden vorzufinden? 2003 standen die Sonne, der Mond, die Antarktis und zwei Fotografen während einer ungewöhnlichen totalen Sonnenfinsternis in der Antarktis in einer Reihe. Trotz des extremen Schauplatzes wagte sich eine Gruppe begeisterter Finsternisjäger ans untere Ende der Welt um das unwirkliche, flüchtige Verschwinden der Sonne hinter dem Mond zu erleben. Einer der gesammelten Schätze war das obige Bild - ein Komposit aus vier digital zusammengefügten Einzelbildern, das realistisch zeigen soll, wie das anpassungsfähige menschliche Auge die Finsternis sah. Als das Bild aufgenommen wurde, erreichten Mond und Sonne zusammen den höchsten Punkt über einem antarktischen Bergkamm. In der plötzlichen Dunkelheit wurde die prächtige Korona der Sonne um den Mond herum sichtbar. Eher zufällig ist ein weiterer Fotograf auf einem der Bilder zu sehen, als er seine Videokamera überprüfte. Links von ihm sind eine Ausrüstungstasche und ein Klappstuhl zu sehen.
Eine totale Finsternis am Ende der Welt
Credit und Bildrechte: Fred Bruenjes (moonglow.net)
Beschreibung: Würden Sie ans Ende der Welt reisen um eine totale Sonnenfinsternis zu sehen? Wenn Sie das tun würden, wären Sie überrascht dort schon jemanden vorzufinden? 2003 standen die Sonne, der Mond, die Antarktis und zwei Fotografen während einer ungewöhnlichen totalen Sonnenfinsternis in der Antarktis in einer Reihe. Trotz des extremen Schauplatzes wagte sich eine Gruppe begeisterter Finsternisjäger ans untere Ende der Welt um das unwirkliche, flüchtige Verschwinden der Sonne hinter dem Mond zu erleben. Einer der gesammelten Schätze war das obige Bild - ein Komposit aus vier digital zusammengefügten Einzelbildern, das realistisch zeigen soll, wie das anpassungsfähige menschliche Auge die Finsternis sah. Als das Bild aufgenommen wurde, erreichten Mond und Sonne zusammen den höchsten Punkt über einem antarktischen Bergkamm. In der plötzlichen Dunkelheit wurde die prächtige Korona der Sonne um den Mond herum sichtbar. Eher zufällig ist ein weiterer Fotograf auf einem der Bilder zu sehen, als er seine Videokamera überprüfte. Links von ihm sind eine Ausrüstungstasche und ein Klappstuhl zu sehen.
Dienstag, 11. Januar 2011
Himmlisch...
10. Januar 2011

Ein Sonnenhalo außerhalb von Stockholm
Credit und Bildrechte: Peter Rosén
Ein Sonnenhalo außerhalb von Stockholm
Credit und Bildrechte: Peter Rosén
Beschreibung: Was ist mit der Sonne passiert? Manchmal sieht es so aus, als würde man die Sonne durch eine riesige Linse sehen. Im obigen Fall jedoch sind es Millionen von Linsen: Eiskristalle. Wenn Wasser in der oberen Atmosphäre friert, können sich kleine, flache, sechsseitige Eisprismen bilden. Wenn diese Kristalle zu Boden taumeln, sind ihre Stirnseiten die meiste Zeit parallel zur Erde ausgerichtet. Ein Beobachter kann sich kurz nach Sonnenauf- oder vor Sonnenuntergang in der gleichen Ebene bewegen wie viele der fallenden Eiskristalle. Bei dieser Ausrichtung kann sich jeder Eiskristall wie eine Miniaturlinse verhalten, die das Sonnenlicht in unsere Sichtlinie bricht und Phänomene wie Parhelia erzeugt - der technische Ausdruck für Nebensonnen. Das obige Bild wurde letztes Jahr in Stockholm(Schweden) aufgenommen. In der Bildmitte ist die Sonne zu sehen, während links und rechts davon zwei helle, markante Nebensonnen leuchten. Auch ein helles 22-Grad-Halo ist zu sehen - sowie das seltenere und viel blassere 46-Grad-Halo, das ebenfalls durch aus atmosphärischen Eiskristallen hinausreflektiertes Sonnenlicht entsteht.
Montag, 10. Januar 2011
Sonnenfinsternis - umgekehrt: Erdfinsternis
2. Januar 2011
Blick auf die verfinsterte Erde
Credit: Mir-27-Besatzung; Bildrechte: CNES
Beschreibung: Hier ist zu sehen, wie die Erde während einer Sonnenfinsternis aussieht. Der Schatten des Mondes verdunkelt sichtlich einen Teil der Erde. Dieser Schatten bewegte sich mit fast 2000 Kilometern pro Stunde über die Erde. Nur Beobachter nahe der Mitte des dunklen Kreises sehen eine totale Sonnenfinsternis - andere sehen eine partielle Finsternis, wo nur ein Teil der Sonne vom Mond bedeckt erscheint. Dieses spektakuläre Bild der Sonnenfinsternis vom 11. August 1999 war eine der letzten je in der Raumstation Mir fotografierten Aufnahmen. Die beiden hellen Punkte oben links sind vermutlich Jupiter und Saturn. Die Mir wurde 2001 in einem kontrollierten Wiedereintritt zum Absturz gebracht.
Samstag, 8. Januar 2011
Die Mondfinsternis von 21.12. aufgenommen auf Teneriffa
29. Dezember 2010
Finsternis zu Monduntergang
Bildcredit und Bildrechte: Itahisa N. González (Grupo de Observadores Astronómicos de Tenerife)
Bildcredit und Bildrechte: Itahisa N. González (Grupo de Observadores Astronómicos de Tenerife)
Beschreibung: Ein dunkelroter Mond am Horizont grüßte am frühen Morgen des 21. Dezember die Himmelsbeobachter der Ostatlantik-Regionen, als die totale Phase der Sonnwend-Mondfinsternis von 2010 fast zu Monduntergang begann. Dieses gut komponierte Bild des geozentrischen Himmelsereignisses ist ein Komposit aus mehreren Aufnahmen, die dem Fortschritt der Finsternis von der kanarischen Insel Teneriffa aus folgten. Der Mond, der sich zunächst hell auf einem Wolkenmeer und der Küste des Ozeans spiegelt, sinkt tiefer in die Finsternis, während er von links nach rechts über den Himmel wandert. Er stand gegenüber der Sonne und war in den dunkelsten Teil des Erdschattens getaucht, als er den westlichen Horizont erreichte, kurz bevor über Teneriffa die Sonne aufging.
Mittwoch, 5. Januar 2011
Sonnwend-Himmel in Italien
21. Dezember 2010

Tyrrhenisches Meer und Sonnwendhimmel
Credit und Bildrechte: Danilo Pivato
Beschreibung: Heute um 23.38 Weltzeit ist Sonnenwende, die Sonne erreicht ihre südlichste Deklination am Himmel des Planeten Erde. Die Dezembersonnenwende markiert auf der Nordhalbkugel den Beginn des Winters im Süden den Sommeranfang. Von nördlichen Breiten aus gesehen und wie im obigen waagrecht komprimierten Bild gezeigt zieht die Sonne am Himmel ihren tiefsten Bogen über den südlichen Horizont. Daher vergeht am Sonnwendtag im Norden der kürzeste Zeitraum zwischen Sonnenauf- und -untergang, und er hat die wenigsten Stunden an Tageslicht. Dieses eindrucksvolle Kompositbild folgt dem Sonnenpfad am Dezember-Sonnwendtag 2005 an einem schönen, blauen Himmel mit Blick von Santa Severa Richtung Fiumicino in Italien hinunter zur Küste des Tyrrhenischen Meeres. Der Blick umfasst etwa 115 Grad in 43 gut geplanten Einzelaufnahmen von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang.
Tyrrhenisches Meer und Sonnwendhimmel
Credit und Bildrechte: Danilo Pivato
Beschreibung: Heute um 23.38 Weltzeit ist Sonnenwende, die Sonne erreicht ihre südlichste Deklination am Himmel des Planeten Erde. Die Dezembersonnenwende markiert auf der Nordhalbkugel den Beginn des Winters im Süden den Sommeranfang. Von nördlichen Breiten aus gesehen und wie im obigen waagrecht komprimierten Bild gezeigt zieht die Sonne am Himmel ihren tiefsten Bogen über den südlichen Horizont. Daher vergeht am Sonnwendtag im Norden der kürzeste Zeitraum zwischen Sonnenauf- und -untergang, und er hat die wenigsten Stunden an Tageslicht. Dieses eindrucksvolle Kompositbild folgt dem Sonnenpfad am Dezember-Sonnwendtag 2005 an einem schönen, blauen Himmel mit Blick von Santa Severa Richtung Fiumicino in Italien hinunter zur Küste des Tyrrhenischen Meeres. Der Blick umfasst etwa 115 Grad in 43 gut geplanten Einzelaufnahmen von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang.
Montag, 3. Januar 2011
Zeit und Raum
Wenn man die Polarität von Ost und West betrachtet, dann fällt auf, dass in Amerika die Dimension des Raumes überwiegt und zu gewaltiger Ausdehnung gekommen ist.
In Asien dagegen scheint die Zeit die größere Dimension zu sein. Ein Asiat scheint im Gegensatz zum westlichen Menschen über sehr viel Zeit zu verfügen.
In Asien dagegen scheint die Zeit die größere Dimension zu sein. Ein Asiat scheint im Gegensatz zum westlichen Menschen über sehr viel Zeit zu verfügen.
Sonntag, 19. Dezember 2010
Den Himmel betrachten
13.12.2010
Credit und Bildrechte: Amir TaheriBeschreibung: Haben Sie in letzter Zeit den Himmel betrachtet? Heute Nacht haben Nachteulen an vielen nördlichen Beobachtungsplätzen eine gute Gelegenheit dazu, wenn immer wieder Meteore desGeminidenstroms vorbeiflitzen. Der Meteorstrom der Geminiden ist langsam stärker geworden und soll heute Nacht seinen Höhepunkt erreichen. Auf dem oben gezeigten Bild wurde vor zehn Tagen eine Gruppe Himmelsschaulustiger in der Marandschabwüste im Iran kurz vor der Morgendämmerung vor einem dunklen, wundersamen Himmel fotografiert, an dem der Planet Venus und eine Mondsichel zu sehen waren. Heute Nacht werden Mars und Merkur bei Sonnenuntergang knapp über dem südwestlichen Horizont sichtbar sein, während der zunehmende Halbmond etwa um Mitternacht untergeht.
Mittwoch, 15. Dezember 2010
Mittwoch, 8. Dezember 2010
Die Inkarnation unseres Universums
"Der theoretische Physiker Roger Penrose glaubt, dass unser Universum bereits die soundsovielte Inkarnation einer Serie von Universen ist, die von Big Bang(Urknall)zu Big Bang reichen. Für diese Theorie unterstellt er, dass jedes Universum einen Punkt erreicht, an dem die Materie masselos wird und die Zeit deshalb stillsteht."
Eine "neue" Idee, mit der ein Wissenschaftler der Wirklichkeit langsam immer näher kommt.

Eine "neue" Idee, mit der ein Wissenschaftler der Wirklichkeit langsam immer näher kommt.
Wie ein Mensch stirbt, sein Leib sich auflöst und dann nach einiger Zeit neu geboren wird, so wird es auch mit dem Universum sein.
Man kann sich den "Urknall" auch vorstellen wie den Spross einer Pflanze, die den harten Boden durchbricht. Auch das ist eine Art "Urknall". Und dann entfaltet sie sich nach und nach immer gewaltiger. Sie wird riesig. Bis sie eines Tages abstirbt. So wird einst auch das Universum absterben.
Auf dem Bild sieht der Urknall ja schon fast wie eine Blüte aus. Ja, auch das Öffnen einer Blüte ist ein "Urknall".
Montag, 6. Dezember 2010
Ich habe dich getragen
Es könnte ja jemanden auf der Welt geben, der diese Geschichte noch nicht kennt:
Spuren im Sand
Eines Nachts hatte ich einen Traum:
Ich ging am Meer entlang mit meinem Herrn.
Vor dem dunklen Nachthimmel erstrahlten,
Streiflichtern gleich, Bilder aus meinem Leben.
Und jedesmal sah ich zwei Fußspuren im Sand,
meine eigene und die meines Herrn.
Als das letzte Bild an meinen Augen vorübergezogen
war, blickte ich zurück. Ich erschrak, als ich entdeckte,
daß an vielen Stellen meines Lebensweges nur eine Spur
zu sehen war. Und das waren gerade die schwersten
Zeiten meines Lebens.
Ich ging am Meer entlang mit meinem Herrn.
Vor dem dunklen Nachthimmel erstrahlten,
Streiflichtern gleich, Bilder aus meinem Leben.
Und jedesmal sah ich zwei Fußspuren im Sand,
meine eigene und die meines Herrn.
Als das letzte Bild an meinen Augen vorübergezogen
war, blickte ich zurück. Ich erschrak, als ich entdeckte,
daß an vielen Stellen meines Lebensweges nur eine Spur
zu sehen war. Und das waren gerade die schwersten
Zeiten meines Lebens.
Besorgt fragte ich den Herrn:
"Herr, als ich anfing, dir nachzufolgen, da hast du
mir versprochen, auf allen Wegen bei mir zu sein.
Aber jetzt entdecke ich, daß in den schwersten Zeiten
meines Lebens nur eine Spur im Sand zu sehen ist.
Warum hast du mich allein gelassen, als ich dich am
meisten brauchte?"
"Herr, als ich anfing, dir nachzufolgen, da hast du
mir versprochen, auf allen Wegen bei mir zu sein.
Aber jetzt entdecke ich, daß in den schwersten Zeiten
meines Lebens nur eine Spur im Sand zu sehen ist.
Warum hast du mich allein gelassen, als ich dich am
meisten brauchte?"
Da antwortete er:
"Mein liebes Kind, ich liebe dich und werde dich nie
allein lassen, erst recht nicht in Nöten und Schwierigkeiten.
Dort wo du nur eine Spur gesehen hast,
da habe ich dich getragen."
Originalfassung des Gedichts Footprints © 1964 Margaret Fishback Powers.
Deutsche Fassung des Gedichts Spuren im Sand © 1996 Brunnen Verlag, Gießen.
"Mein liebes Kind, ich liebe dich und werde dich nie
allein lassen, erst recht nicht in Nöten und Schwierigkeiten.
Dort wo du nur eine Spur gesehen hast,
da habe ich dich getragen."
Originalfassung des Gedichts Footprints © 1964 Margaret Fishback Powers.
Deutsche Fassung des Gedichts Spuren im Sand © 1996 Brunnen Verlag, Gießen.
Samstag, 4. Dezember 2010
Entschuldigung
Man kann sich nicht entschuldigen; man kann nur um Entschuldigung bitten!
Hamburg (dpa) - Der US-Botschafter in Deutschland, Philip Murphy, hat Forderungen nach seiner Abberufung zurückgewiesen. Diese Rufe waren nach den Wikileaks-Enthüllungen vor allem aus der FDP laut geworden. «Ich gehe nirgendwo hin», sagte Murphy dem «Hamburger Abendblatt». Er habe den kritischen FDP-Abgeordneten angeboten, mit ihnen privat zu reden, habe sich in der vergangenen Woche nach Kräften entschuldigt und werde das auch weiterhin tun. In den von Wikileaks veröffentlichten Depeschen der US-Botschaft hatte sich Murphy vor allem über Außenminister Westerwelle kritisch geäußert.
In dieser Meldung weist Murphy darauf hin, dass er sich "nach Kräften entschuldigt habe". Er tut das mit dem Unterton, dass damit doch alles Nötige geschehen sei.Der Begriff der "Entschuldigung" wird immer wieder in unserem Sprachgebrauch falsch verstanden oder missbraucht. Eine "Entschuldigung" ist so etwas, wie eine Schuld von einem anderen wegnehmen. Dieses kann aber nicht der Schuldner selber tun, sondern immer nur der andere, der Gläubiger, der, an dem man sich verschuldet hat.
Die Menschen tun so, als könnten sie mit dem Aussprechen des Wortes "Entschuldigung", die Schuld selber bei sich tilgen.
Das würde in der Finanzwelt als Vergleich heißen: Jemand hat bei einem anderen Schulden. Nun beschließt er bei sich selber, dass er sich diese Schulden erlässt. Was der andere dazu meint, ist ihm egal.
Eine wahrhaftige, ehrliche Ausdrucksweise kann immer nur lauten, dass man um Entschuldigung bittet. Durch die Annahme dieser Entschuldigung zeigt dann der andere, ob er den Verursacher einer Schuld auch wirklich "entschulden" möchte.
Donnerstag, 2. Dezember 2010
Prophezeiungen
"Im neunzehnten Jahrhundert hat man die Bewohner von New York einmal gefragt, was sie in fünfzig Jahren als das maßgebliche Hauptproblem ihrer Stadt ansehen. Die Antwort lautete: Pferdemist."
Das Problem aller wissenschaftlichen Zukunfts-Spekulationen ist immer, dass man nur die Gegenwart kennt und aus dieser Gegenwart die Schlussfolgerungen für die Zukunft zieht. Man rechnet dabei nicht mit dem menschlichen Genius, der immer wieder völlig neue, unvorhersehbare Dinge hervor bringt, die alles verändern.
Mit den Hochrechnungen in die Zukunft hinein schürt man gewöhnlich nur die Ängste von Menschen.
Eine Superzellen-Gewitterwolke über Montana
Astronomy Picture of the Day
Entdecke den Weltraum! Täglich ein Bild über Astronomie und Raumfahrt aus dem Universum, zusammen mit einer kurzen Erklärung eines Astronomen.30. November 2010
Ein Superzellen-Gewitterwolke über Montana
Credit und Bildrechte: Sean R. Heavey
Beschreibung: Ist das ein Raumschiff oder eine Wolke? Auch wenn es wie ein außerirdisches Mutterschiff aussieht - es ist eine eindrucksvolle, als Superzelle bezeichnete Gewitterwolke. Solche kolossalen Sturmsysteme drehen sich um Mesozyklone - rotierende Aufwinde, die mehrere Kilometer umfassen können und sturzflutartigen Regen und starken Wind mit sich bringen, sogar Wirbelstürme. Zerklüftete Wolken schmücken den Rand der Superzelle, während vom Wind verwehter Staub und Regen das Zentrum dominieren. Ein Baum wartet geduldig im Vordergrund. Die obige Superzellenwolke, die im Juli westlich von Glasgow in Montana (USA) fotografiert wurde, verursachte geringe Schäden und blieb mehrere Stunden lang, ehe sie weiterwanderte.
Mittwoch, 1. Dezember 2010
Druiden
Die folgende Abhandlung über die Druiden erscheint mir relativ kompetent zu sein - auch wenn sie im "Spiegel" erschien. Man findet hier eine Zusammenstellung der wichtigsten überlieferten Tatsachen. Den bei Wissenschaftlern üblichen Spekulationen muss man auch hier nicht folgen. Deutlich wird z.B., dass die Druiden etwas von der wahren Wiedergeburt wussten - in einem Menschenleib! Interessant ist auch der Zusammenhang mit Pythagoras; der hier wohl nicht ganz schlüssig erscheint. Er verweist aber auf die aus der Geisteswissenschaft bekannte Tatsache, dass es viel engere Beziehungen zwischen dem Norden und dem Süden gab, als man sich heute denkt.
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Druiden
Mistelzweig und Menschenopfer
Von Bernhard Maier
- 1. Teil: Mistelzweig und Menschenopfer
- 2. Teil: Vielfalt am Götterhimmel
- 3. Teil: Rinderopfer und Schädelkult
- 4. Teil: Mythos Goldene Sichel
- 5. Teil: Spuren von Pythagoras
Eines der ältesten Zeugnisse der druidischen Weltanschauung stammt aus der Feder von Julius Cäsar. In seinem "Gallischen Krieg" heißt es: "Viel disputieren sie über die Gestirne und ihren Lauf, die Größe der Welt und der Erde, die Natur der Dinge und das Walten und die Macht der unsterblichen Götter und geben das dann an die Jugend weiter." Funde wie der Bronzekalender von Coligny bestätigen diese Aussagen. ... Leider haben uns die Kelten selbst nur spärliche Anhaltspunkte über ihren Glauben hinterlassen. Eine Vielzahl von Götternamen finden sich zwar auf Weihinschriften - allerdings stammen sie fast ausnahmslos aus späterer Zeit, als längst die Römer in Gallien Fuß gefasst hatten. Vergleicht man diese gallorömischen Nennungen mit Cäsars Schilderung, fallen sogleich Ungereimtheiten ins Auge. Anders als Cäsars übersichtliches Pantheon erwarten ließe, finden sich Namen in Hülle und Fülle. Dass ein Name doppelt vorkommt, ist die Ausnahme, und noch seltener trifft man einen Namen an mehreren, weit voneinander entfernten Orten an. Wo das der Fall ist, könnte es sich tatsächlich um einen im ganzen Land verehrten Gott handeln, sofern die Erklärung nicht wesentlich banaler ist: Eine in Rom aufgetauchte Weihinschrift für die keltische Göttin Arduinna erklärt sich beispielsweise dadurch, dass ihr Stifter aus der gallischen Heimat der Göttin stammte.
Quelle und Fortsetzung: http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,728847,00.html
Der Autor des Spiegelartikels:
Prof. Dr. Bernhard Maier
Prof. Dr. Bernhard Maier (*1963); Studium der Vergleichenden Religionswissenschaft, Vergleichenden Sprachwissenschaft, Keltischen Philologie und Semitistik in Freiburg, Aberystwyth, Bonn und London; 1989 Promotion zum Dr. phil.; 1998 Habilitation für Vergleichende Religionswissenschaft; 1999-2004 Heisenberg-Stipendiat der Deutschen Forschungsgemeinschaft; 2000 Preis der Historisch-Philologischen Klasse der Akademie der Wissenschaften zu Göttingen; 2004-2006 Reader und Professor für Keltisch an der Universität Aberdeen; seit 2006 Professor für Allgemeine Religionswissenschaft und Europäische Religionsgeschichte an der Universität Tübingen.
Forschungsschwerpunkte: Religionsgeschichte der Kelten und Germanen und ihre Rezeption seit der Frühen Neuzeit, Religionsgeschichte Nordafrikas, Geschichte der Religionswissenschaft im 19. Jahrhundert
Freitag, 26. November 2010
Der Kampf ist entbrannt
Schon immer kämpft die Pharmaindustrie gegen die Homöopathie. Die Pharmaindustrie meint, dass einzig ihre "wissenschaftlichen" Produkte die wahren Heilmittel wären.
Dennoch setzt sich die Homöopathie immer mehr durch.
Man sieht, dass die materialistische Wissenschaft doch nicht allmächtig ist.
So wird sich auch einst die anthroposophische Geisteswissenschaft mit ihren Fachgebieten gegen alle Widerstände durchsetzen.
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In seiner Freizeit schreibt Rudolf Happle, 72, gern humorvolle Limericks. Doch 1992 war für den damaligen Chef der Uni-Hautklinik Marburg Schluss mit lustig: Damals sollte das Fach Homöopathie im medizinischen Staatsexamen geprüft werden - neben Chirurgie, Innerer Medizin und Kinderheilkunde.
"Der Fachbereich Humanmedizin der Philipps-Universität Marburg verwirft die Homöopathie als eine Irrlehre!", donnerte Happle damals in der "Marburger Erklärung", die vom Fachbereichsrat ohne Gegenstimmen verabschiedet wurde. Noch heute ist Happle überzeugt: "Das Streben nach wissenschaftlicher Erkenntnis der universitären Medizin und das magisch-mystische Denken der Homöopathie schließen sich gegenseitig aus."
Fast zwei Jahrzehnte danach muss der Medizinprofessor zugeben: Sein Aufschrei war vergebens. Die Homöopathie breitet sich unaufhaltsam an deutschen Hochschulen aus. An etlichen Universitätskliniken ist die Homöopathie inzwischen in der Krankenversorgung etabliert. Mehrere Stiftungsprofessuren verankern die skurrile Heilslehre im akademischen Forschungsbetrieb. Für Medizinstudenten sieht die neue Approbationsordnung die Homöopathie als Wahlpflichtfach vor...
Weiter hier :http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,730444,00.html
Dennoch setzt sich die Homöopathie immer mehr durch.
Man sieht, dass die materialistische Wissenschaft doch nicht allmächtig ist.
So wird sich auch einst die anthroposophische Geisteswissenschaft mit ihren Fachgebieten gegen alle Widerstände durchsetzen.
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Medizin (Spiegel)
Rückfall ins Mittelalter
Von Markus Grill und Veronika Hackenbroch
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In seiner Freizeit schreibt Rudolf Happle, 72, gern humorvolle Limericks. Doch 1992 war für den damaligen Chef der Uni-Hautklinik Marburg Schluss mit lustig: Damals sollte das Fach Homöopathie im medizinischen Staatsexamen geprüft werden - neben Chirurgie, Innerer Medizin und Kinderheilkunde.
"Der Fachbereich Humanmedizin der Philipps-Universität Marburg verwirft die Homöopathie als eine Irrlehre!", donnerte Happle damals in der "Marburger Erklärung", die vom Fachbereichsrat ohne Gegenstimmen verabschiedet wurde. Noch heute ist Happle überzeugt: "Das Streben nach wissenschaftlicher Erkenntnis der universitären Medizin und das magisch-mystische Denken der Homöopathie schließen sich gegenseitig aus."
Fast zwei Jahrzehnte danach muss der Medizinprofessor zugeben: Sein Aufschrei war vergebens. Die Homöopathie breitet sich unaufhaltsam an deutschen Hochschulen aus. An etlichen Universitätskliniken ist die Homöopathie inzwischen in der Krankenversorgung etabliert. Mehrere Stiftungsprofessuren verankern die skurrile Heilslehre im akademischen Forschungsbetrieb. Für Medizinstudenten sieht die neue Approbationsordnung die Homöopathie als Wahlpflichtfach vor...
Weiter hier :http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,730444,00.html
Berthold Beitz im Dritten Reich
DIE WELT
Autor: Joachim Käppner
|20.11.2010
"Als ob ein Engel in die Hölle kam"
Im Juli 1942 läuft die "Aktion Reinhardt" an, in Galizien dirigiert von den SS-Führern Odilo Globocnik und Friedrich Katzmann. Wer als Jude nicht zur Zwangsarbeit taugt, soll "liquidiert" werden, auch wenn die offiziellen Aufträge dies noch verschleiern. Schon im März 1942 hat der Judenrat von Drohobycz 1500 Menschen für den Abtransport auswählen müssen. Die Opfer wurden in Viehwaggons verladen, verhöhnt von betrunkenen Schutzpolizisten. Im nahen Boryslaw sorgen die Berichte von Augenzeugen aus der Nachbarstadt für blankes Entsetzen. Wohin die Züge gefahren sind, nämlich ins Vernichtungslager Belzec, wissen freilich erst wenige. Auch Berthold Beitz ist "der Meinung, die Menschen würden ausgesiedelt, und ich habe nicht damit gerechnet, dass ihre totale Liquidierung erfolgte".

Der große Schlag trifft Boryslaws Juden im Sommer 1942. Am Abend des 6. August fallen SS-Einheiten, Schutzpolizisten und ihre ukrainischen Schergen in der Stadt ein und gehen auf Menschenjagd. Es kommt zu grauenvollen Szenen. Die Deutschen brechen Türen auf, suchen in Kellern und auf Böden nach Verstecken; sie erschießen Alte, die nicht gehen können, auf der Stelle und werfen die Säuglinge des jüdischen Waisenhauses aus den Fenstern. Größere Kinder werden barfuß und unter Prügeln zum Bahnhof getrieben. Dort warten die Viehwaggons für die Fahrt in den Tod. Jurek Rotenberg sieht das alles von seinem Versteck auf Danutas Dachboden aus. Er will wegschauen, aber die Mutter lässt ihn nicht: "Schau hin, damit du weißt, was sie getan haben!" Atemlos starrt der Junge durch das kleine Fenster, er hat freien Blick, das Haus liegt, leicht erhöht, dem Bahnhof genau gegenüber. Ukrainer und SS-Leute treiben Dutzende, dann Hunderte Juden zusammen. Manche sind gut angezogen, als hätten sie sich für eine Reise angekleidet, sie tragen Gepäck. Andere gehen in Lumpen. Die Kinder aus dem Waisenhaus haben nur Nachthemden an und keine Schuhe.
Da fährt ein Wagen vor, und ein Mann steigt aus, den Jurek noch nie gesehen hat. Er trägt Hut und Mantel und geht mitten hinein in das Chaos auf dem Bahnsteig. Bewaffnete SS-Leute treten ihm in den Weg. Ihr Anführer, ein Offizier, fuchtelt mit den Armen und brüllt auf den Fremden ein, wie sich Jurek Rotenberg erinnert: "Aber er ist ganz ruhig geblieben, wie ein Gentleman unter diesen schrecklichen Männern. Er zeigte auf die Waggons und ging einfach durch auf den Bahnsteig." Dort verschwindet er aus Rotenbergs Blickfeld. Was macht er bloß, fragen sich der Junge und seine Mutter. Haben sie ihn jetzt erschossen? Aber nach einer Weile kommt der Mann zurück, hinter ihm eine ganze Reihe von Juden aus den Bahnwaggons. Neben seinem Wagen sind einige Laster aufgefahren, die Menschen steigen ein, und die Kolonne entfernt sich. Der Mann ist Berthold Beitz. Er hat eigentlich auf eine Dienstreise fahren wollen, aber sein jüdischer Buchhalter und leitender Angestellter Jozef Hirsch, der Böses ahnt, beschwört ihn zu bleiben: "Besorgt ging er [Hirsch] mit dieser Nachricht zu Herrn Beitz und bat ihn, von der Reise Abstand zu nehmen. Herr Beitz verzichtete auf die Reise und blieb in der Stadt. In der Nacht kam die große Aktion." Schüsse, Gebrüll und Schreie der "Aktion" sind bis aufs Betriebsgelände zu hören. Beitz untersagt den jüdischen Angestellten, die noch im Haus sind, das Gelände der Karpathen-Öl zu verlassen.
Für andere ist es zu spät. Sie werden zu Hause oder auf der Straße geschnappt und zum Bahnhof getrieben, teils mit Hilfe deutscher Werksangehöriger. Beitz eilt in die Stadt und wird eine Weile bei der Polizei festgehalten, ehe er schließlich mit dem Wagen zum Bahnhof fährt. ... Beitz drängt sich, wie Rotenberg durch sein Dachfenster beobachtet hat, durch die Posten der SS und an einem schreienden Offizier vorbei bis auf den Bahnsteig. Er hört Weinen und Hilferufe aus den Waggons, das Gebrüll der SS-Männer und Polizisten, das Bellen der scharfen Hunde. Noch immer hallen Schüsse, als die Häscher einzelne Juden am Bahnhof erschießen. Beitz läuft an den Waggons entlang und ruft Namen, die er kennt. Er ruft, so laut er kann. Arbeiter der Karpathen-Öl sollen sich melden. Eine vielstimmige Menge schreit zurück: "Herr Direktor, nehmen Sie mich!" - "Ich arbeite bei Ihnen!" Er zieht so viele Menschen heraus, wie er kann, und keineswegs nur seine Leute. So deutet er auf den 21-jährigen Boryslawer Juden Zygmunt Spiegler: Auch der gehöre zu ihm. Spiegler selbst hat Beitz noch nie gesehen, es erscheint ihm, als ob "ein Engel plötzlich in die Hölle kam". Und er berichtet später, dass Beitz viele Menschen nach ihren Berufen fragt: "Die Antwort schien ihm allerdings ziemlich gleichgültig zu sein, denn er rief auch solche Personen heraus, die als Beruf 'Friseur' oder 'Gärtner' angaben."
Die SS-Leute geben oft nach, überrascht und überfordert. Gleichwohl vermag Beitz nicht jedem zu helfen. So kann er die Mutter jener Sekretärin mit den braunen, traurigen Augen nicht retten, über deren Schicksal er fast fünfzig Jahre später bei der Ehrung in Yad Vashem weinen wird. "Ist es erlaubt, Herr Direktor, dann gehe ich auch zurück", sagt die junge Frau, sie sieht ihn an und steigt wieder in den Waggon, in den ihre Mutter zurückgehen musste. Ein SS-Mann hat sie nicht gehen lassen, weil er nicht glaubte, dass die alte Frau in der Ölindustrie arbeiten könne: "Die geht wieder zurück. Die andere können Sie haben, die schenke ich Ihnen." Diese Tragödie ist eine Schlüsselszene für Berthold Beitz, für Macht und Ohnmacht, die er in Boryslaw oft im selben Moment spürt. Sie lässt ihn niemals mehr los, er wird sie in späteren Jahren immer wieder erzählen, wie in Jerusalem 1990. Er allein und niemand sonst hätte 1942 am Bahnhof von Boryslaw die Macht und die Kraft, die junge Frau zu retten, aber für ihre Mutter und viele andere kann er nichts tun; bei ihr funktioniert die Legende der Unabkömmlichkeit nicht, mit der er seine Rettungsaktionen oft so erfolgreich tarnt.
Viele Menschen bewahrt er an diesem Tag vor der Fahrt in den Tod, viele der Karpathen-Arbeiter und Angehörige, manche Beschäftigte, deren Familie dennoch nach Belzec transportiert wird, und nicht wenige Juden, die mit seiner Firma gar nichts zu tun haben. Zu den Geretteten gehört Oskar Bander, der als Buchhalter bei der Karpathen-Öl beschäftigt ist - seine Frau arbeitet dort in der Werksküche - und der nach dem Einmarsch der Deutschen im Vorjahr den einquartierten Kommandanten zornig gefragt hatte: "Wollt ihr uns alle erschießen?" Jetzt weiß er die Antwort. Beitz holt ihn aus dem Zug. Aber das Schicksal trifft die Familie dennoch hart an diesem Tag. Der ältere Sohn Karol hat sich, als die "akcja", wie die Polen sagen, durch die Straßen tobt, ganz oben in einem der großen hölzernen Fördertürme verborgen, die das Stadtbild dominieren. Ein Freund ruft ihn, der Vater suche ihn, er solle besser zur Karpathen-Öl kommen.
Aber als Karol die Stiegen herabsteigt, ist er kurz an einem kleinen Fenster zu sehen, und genau in diesem Moment schaut ein ukrainischer Polizist hoch. Als der Junge unten ist, warten die Menschenfänger schon und bringen ihn zum Bahnhof. Karol hat keinen rettenden Arbeitsausweis. Und der Vater wird Janek, dem jüngeren Sohn, später immer wieder erzählen, dass Berthold Beitz den großen Bruder trotzdem aus dem Waggon holen wollte, aber SS-Männer hätten es nicht erlaubt: "Der ist jung, den nehmen wir mit zur Arbeit!" Janek und seine Mutter haben für ein Versteck bezahlt und klettern in den großen Kleiderschrank bei einer Ukrainerin. Der Jüngere hört Poltern an der Haustür, dann die rauen Stimmen der Milizionäre: "Juden! Sind hier Juden?" Was wird die Frau jetzt tun?, fragt sich Janek, außer sich vor Angst. Aber die sagt geistesgegenwärtig: "Bei uns? Was denkt ihr denn? Wir sind doch alle Ukrainer! Wir hassen die Juden." Die Männer rücken ab. So überlebt Janek Bander die August-"Aktion". Doch sein geliebter Bruder Karol fährt für immer davon. Er wird in Janowska ermordet.
Der Fall Lizzy Lockspeiser ist von besonderer Tragik. Ihr Name gehört zu jenen, die Beitz im Chaos auf dem Bahnsteig immer wieder laut ruft. Und es muss sich eine Frau gemeldet haben, die dann aus dem Waggon geholt wurde. Jedenfalls erinnert sich Anita Lauf, dass die Familie im Lauf des Tages eine Botschaft von Beitz erhielt: "Die Lockspeiser habe ich." Die ungläubige Freude der Familie weicht dem erneuten Schock, als Lizzy nicht auftaucht. Sie war nicht die gerettete Frau. "Herr Beitz kannte Lizzy Lockspeiser ja nicht", sagt Anita Lauf heute, "er trägt keine Schuld - schließlich hat er alles versucht, um sie zu retten." ... Doch Lizzy Lockspeisers Leben haben die Mörder nun genommen. Beitz ist auf dem Bahnhof von Boryslaw bis an die Grenzen seiner Möglichkeiten gegangen. Er hat viele retten können und manche nicht: die Sekretärin, ihre Mutter, Frau Lockspeiser. Aber Hunderte verdanken ihm an diesem Tag ihr Leben. Er tut, woran andere nicht zu denken wagen. Und er tut das in einer Zeit, in der wenig Hoffnung besteht, dass das Regime des Terrors bald enden könnte, im Gegenteil.
Und dennoch folgt Beitz der Stimme des Gewissens und stellt sich den Mördern in den Weg. Sein Auftreten, so wie es der junge Jurek Rotenberg von seinem Versteck im Dachgeschoss aus beobachtet, verwirrt die SS-Männer. Dass ein Mann sich für andere, ihm meist ja völlig Fremde in Gefahr bringt - das ist in ihren Denkmustern nicht vorgesehen. Wer ihnen, wie Berthold Beitz, selbstbewusst gegenübertritt und Forderungen stellt, kann in ihren Augen nur ein mächtiger Mann sein. Es muss da etwas geben, was sie nicht wissen - Gönner in höchsten Positionen vielleicht? Beitz untersteht ja dem Oberkommando des Heeres (OKH). "Darauf", so Beitz, "berief ich mich immer, das machte Eindruck bei denen. Sonst wären die Rettungsaktionen in Boryslaw gar nicht möglich gewesen." Beitz trägt stets ein Telegramm aus dem OKH bei sich, das sämtliche Behörden in Boryslaw auffordert, "die für die Aufrechterhaltung der Erdölproduktion erforderlichen Arbeitskräfte zur Verfügung zu stellen". Als ein hoher SS-Offizier aus Lemberg das einmal liest, gibt er mit den Worten nach: "Aha, so ist die Sache." Ohne die jüdischen Rüstungsarbeiter aus dem Werk - oder die, die er als solche ausgibt - sei die Treibstoffproduktion in Gefahr, betont Beitz und erweckt den Eindruck, als sei sein Eingreifen direkt mit dem OKH abgesprochen.
Das ist nicht der Fall. Gewiss, im deutschen Besatzungsgebiet, gerade in Polen, gibt es einen natürlichen Widerspruch zwischen den Interessen der Rüstungsproduktion und den Massenmorden des Vernichtungsapparates. Aber nur sehr wenige Manager der Kriegswirtschaft lassen es auf massive Konflikte mit der SS ankommen, und noch weniger tun das uneigennützig, aus Menschlichkeit den Opfern gegenüber. Beitz dagegen spielt die Karte der Rüstungsinteressen, sooft er nur kann: "Ich habe keinen Zweifel daran gelassen, dass ich an höherer Stelle intervenieren würde, wenn sie nicht nachgeben, das hat oft funktioniert - aber nur, weil sie meinen Einfluss überschätzt haben."
Zum ersten Mal erscheint eine Biografie über Berthold Beitz. Sie wirft Licht auf seine Rolle im Dritten Reich
Im Juli 1942 läuft die "Aktion Reinhardt" an, in Galizien dirigiert von den SS-Führern Odilo Globocnik und Friedrich Katzmann. Wer als Jude nicht zur Zwangsarbeit taugt, soll "liquidiert" werden, auch wenn die offiziellen Aufträge dies noch verschleiern. Schon im März 1942 hat der Judenrat von Drohobycz 1500 Menschen für den Abtransport auswählen müssen. Die Opfer wurden in Viehwaggons verladen, verhöhnt von betrunkenen Schutzpolizisten. Im nahen Boryslaw sorgen die Berichte von Augenzeugen aus der Nachbarstadt für blankes Entsetzen. Wohin die Züge gefahren sind, nämlich ins Vernichtungslager Belzec, wissen freilich erst wenige. Auch Berthold Beitz ist "der Meinung, die Menschen würden ausgesiedelt, und ich habe nicht damit gerechnet, dass ihre totale Liquidierung erfolgte".
Der große Schlag trifft Boryslaws Juden im Sommer 1942. Am Abend des 6. August fallen SS-Einheiten, Schutzpolizisten und ihre ukrainischen Schergen in der Stadt ein und gehen auf Menschenjagd. Es kommt zu grauenvollen Szenen. Die Deutschen brechen Türen auf, suchen in Kellern und auf Böden nach Verstecken; sie erschießen Alte, die nicht gehen können, auf der Stelle und werfen die Säuglinge des jüdischen Waisenhauses aus den Fenstern. Größere Kinder werden barfuß und unter Prügeln zum Bahnhof getrieben. Dort warten die Viehwaggons für die Fahrt in den Tod. Jurek Rotenberg sieht das alles von seinem Versteck auf Danutas Dachboden aus. Er will wegschauen, aber die Mutter lässt ihn nicht: "Schau hin, damit du weißt, was sie getan haben!" Atemlos starrt der Junge durch das kleine Fenster, er hat freien Blick, das Haus liegt, leicht erhöht, dem Bahnhof genau gegenüber. Ukrainer und SS-Leute treiben Dutzende, dann Hunderte Juden zusammen. Manche sind gut angezogen, als hätten sie sich für eine Reise angekleidet, sie tragen Gepäck. Andere gehen in Lumpen. Die Kinder aus dem Waisenhaus haben nur Nachthemden an und keine Schuhe.
Da fährt ein Wagen vor, und ein Mann steigt aus, den Jurek noch nie gesehen hat. Er trägt Hut und Mantel und geht mitten hinein in das Chaos auf dem Bahnsteig. Bewaffnete SS-Leute treten ihm in den Weg. Ihr Anführer, ein Offizier, fuchtelt mit den Armen und brüllt auf den Fremden ein, wie sich Jurek Rotenberg erinnert: "Aber er ist ganz ruhig geblieben, wie ein Gentleman unter diesen schrecklichen Männern. Er zeigte auf die Waggons und ging einfach durch auf den Bahnsteig." Dort verschwindet er aus Rotenbergs Blickfeld. Was macht er bloß, fragen sich der Junge und seine Mutter. Haben sie ihn jetzt erschossen? Aber nach einer Weile kommt der Mann zurück, hinter ihm eine ganze Reihe von Juden aus den Bahnwaggons. Neben seinem Wagen sind einige Laster aufgefahren, die Menschen steigen ein, und die Kolonne entfernt sich. Der Mann ist Berthold Beitz. Er hat eigentlich auf eine Dienstreise fahren wollen, aber sein jüdischer Buchhalter und leitender Angestellter Jozef Hirsch, der Böses ahnt, beschwört ihn zu bleiben: "Besorgt ging er [Hirsch] mit dieser Nachricht zu Herrn Beitz und bat ihn, von der Reise Abstand zu nehmen. Herr Beitz verzichtete auf die Reise und blieb in der Stadt. In der Nacht kam die große Aktion." Schüsse, Gebrüll und Schreie der "Aktion" sind bis aufs Betriebsgelände zu hören. Beitz untersagt den jüdischen Angestellten, die noch im Haus sind, das Gelände der Karpathen-Öl zu verlassen.
Für andere ist es zu spät. Sie werden zu Hause oder auf der Straße geschnappt und zum Bahnhof getrieben, teils mit Hilfe deutscher Werksangehöriger. Beitz eilt in die Stadt und wird eine Weile bei der Polizei festgehalten, ehe er schließlich mit dem Wagen zum Bahnhof fährt. ... Beitz drängt sich, wie Rotenberg durch sein Dachfenster beobachtet hat, durch die Posten der SS und an einem schreienden Offizier vorbei bis auf den Bahnsteig. Er hört Weinen und Hilferufe aus den Waggons, das Gebrüll der SS-Männer und Polizisten, das Bellen der scharfen Hunde. Noch immer hallen Schüsse, als die Häscher einzelne Juden am Bahnhof erschießen. Beitz läuft an den Waggons entlang und ruft Namen, die er kennt. Er ruft, so laut er kann. Arbeiter der Karpathen-Öl sollen sich melden. Eine vielstimmige Menge schreit zurück: "Herr Direktor, nehmen Sie mich!" - "Ich arbeite bei Ihnen!" Er zieht so viele Menschen heraus, wie er kann, und keineswegs nur seine Leute. So deutet er auf den 21-jährigen Boryslawer Juden Zygmunt Spiegler: Auch der gehöre zu ihm. Spiegler selbst hat Beitz noch nie gesehen, es erscheint ihm, als ob "ein Engel plötzlich in die Hölle kam". Und er berichtet später, dass Beitz viele Menschen nach ihren Berufen fragt: "Die Antwort schien ihm allerdings ziemlich gleichgültig zu sein, denn er rief auch solche Personen heraus, die als Beruf 'Friseur' oder 'Gärtner' angaben."
Die SS-Leute geben oft nach, überrascht und überfordert. Gleichwohl vermag Beitz nicht jedem zu helfen. So kann er die Mutter jener Sekretärin mit den braunen, traurigen Augen nicht retten, über deren Schicksal er fast fünfzig Jahre später bei der Ehrung in Yad Vashem weinen wird. "Ist es erlaubt, Herr Direktor, dann gehe ich auch zurück", sagt die junge Frau, sie sieht ihn an und steigt wieder in den Waggon, in den ihre Mutter zurückgehen musste. Ein SS-Mann hat sie nicht gehen lassen, weil er nicht glaubte, dass die alte Frau in der Ölindustrie arbeiten könne: "Die geht wieder zurück. Die andere können Sie haben, die schenke ich Ihnen." Diese Tragödie ist eine Schlüsselszene für Berthold Beitz, für Macht und Ohnmacht, die er in Boryslaw oft im selben Moment spürt. Sie lässt ihn niemals mehr los, er wird sie in späteren Jahren immer wieder erzählen, wie in Jerusalem 1990. Er allein und niemand sonst hätte 1942 am Bahnhof von Boryslaw die Macht und die Kraft, die junge Frau zu retten, aber für ihre Mutter und viele andere kann er nichts tun; bei ihr funktioniert die Legende der Unabkömmlichkeit nicht, mit der er seine Rettungsaktionen oft so erfolgreich tarnt.
Viele Menschen bewahrt er an diesem Tag vor der Fahrt in den Tod, viele der Karpathen-Arbeiter und Angehörige, manche Beschäftigte, deren Familie dennoch nach Belzec transportiert wird, und nicht wenige Juden, die mit seiner Firma gar nichts zu tun haben. Zu den Geretteten gehört Oskar Bander, der als Buchhalter bei der Karpathen-Öl beschäftigt ist - seine Frau arbeitet dort in der Werksküche - und der nach dem Einmarsch der Deutschen im Vorjahr den einquartierten Kommandanten zornig gefragt hatte: "Wollt ihr uns alle erschießen?" Jetzt weiß er die Antwort. Beitz holt ihn aus dem Zug. Aber das Schicksal trifft die Familie dennoch hart an diesem Tag. Der ältere Sohn Karol hat sich, als die "akcja", wie die Polen sagen, durch die Straßen tobt, ganz oben in einem der großen hölzernen Fördertürme verborgen, die das Stadtbild dominieren. Ein Freund ruft ihn, der Vater suche ihn, er solle besser zur Karpathen-Öl kommen.
Aber als Karol die Stiegen herabsteigt, ist er kurz an einem kleinen Fenster zu sehen, und genau in diesem Moment schaut ein ukrainischer Polizist hoch. Als der Junge unten ist, warten die Menschenfänger schon und bringen ihn zum Bahnhof. Karol hat keinen rettenden Arbeitsausweis. Und der Vater wird Janek, dem jüngeren Sohn, später immer wieder erzählen, dass Berthold Beitz den großen Bruder trotzdem aus dem Waggon holen wollte, aber SS-Männer hätten es nicht erlaubt: "Der ist jung, den nehmen wir mit zur Arbeit!" Janek und seine Mutter haben für ein Versteck bezahlt und klettern in den großen Kleiderschrank bei einer Ukrainerin. Der Jüngere hört Poltern an der Haustür, dann die rauen Stimmen der Milizionäre: "Juden! Sind hier Juden?" Was wird die Frau jetzt tun?, fragt sich Janek, außer sich vor Angst. Aber die sagt geistesgegenwärtig: "Bei uns? Was denkt ihr denn? Wir sind doch alle Ukrainer! Wir hassen die Juden." Die Männer rücken ab. So überlebt Janek Bander die August-"Aktion". Doch sein geliebter Bruder Karol fährt für immer davon. Er wird in Janowska ermordet.
Der Fall Lizzy Lockspeiser ist von besonderer Tragik. Ihr Name gehört zu jenen, die Beitz im Chaos auf dem Bahnsteig immer wieder laut ruft. Und es muss sich eine Frau gemeldet haben, die dann aus dem Waggon geholt wurde. Jedenfalls erinnert sich Anita Lauf, dass die Familie im Lauf des Tages eine Botschaft von Beitz erhielt: "Die Lockspeiser habe ich." Die ungläubige Freude der Familie weicht dem erneuten Schock, als Lizzy nicht auftaucht. Sie war nicht die gerettete Frau. "Herr Beitz kannte Lizzy Lockspeiser ja nicht", sagt Anita Lauf heute, "er trägt keine Schuld - schließlich hat er alles versucht, um sie zu retten." ... Doch Lizzy Lockspeisers Leben haben die Mörder nun genommen. Beitz ist auf dem Bahnhof von Boryslaw bis an die Grenzen seiner Möglichkeiten gegangen. Er hat viele retten können und manche nicht: die Sekretärin, ihre Mutter, Frau Lockspeiser. Aber Hunderte verdanken ihm an diesem Tag ihr Leben. Er tut, woran andere nicht zu denken wagen. Und er tut das in einer Zeit, in der wenig Hoffnung besteht, dass das Regime des Terrors bald enden könnte, im Gegenteil.
Und dennoch folgt Beitz der Stimme des Gewissens und stellt sich den Mördern in den Weg. Sein Auftreten, so wie es der junge Jurek Rotenberg von seinem Versteck im Dachgeschoss aus beobachtet, verwirrt die SS-Männer. Dass ein Mann sich für andere, ihm meist ja völlig Fremde in Gefahr bringt - das ist in ihren Denkmustern nicht vorgesehen. Wer ihnen, wie Berthold Beitz, selbstbewusst gegenübertritt und Forderungen stellt, kann in ihren Augen nur ein mächtiger Mann sein. Es muss da etwas geben, was sie nicht wissen - Gönner in höchsten Positionen vielleicht? Beitz untersteht ja dem Oberkommando des Heeres (OKH). "Darauf", so Beitz, "berief ich mich immer, das machte Eindruck bei denen. Sonst wären die Rettungsaktionen in Boryslaw gar nicht möglich gewesen." Beitz trägt stets ein Telegramm aus dem OKH bei sich, das sämtliche Behörden in Boryslaw auffordert, "die für die Aufrechterhaltung der Erdölproduktion erforderlichen Arbeitskräfte zur Verfügung zu stellen". Als ein hoher SS-Offizier aus Lemberg das einmal liest, gibt er mit den Worten nach: "Aha, so ist die Sache." Ohne die jüdischen Rüstungsarbeiter aus dem Werk - oder die, die er als solche ausgibt - sei die Treibstoffproduktion in Gefahr, betont Beitz und erweckt den Eindruck, als sei sein Eingreifen direkt mit dem OKH abgesprochen.
Das ist nicht der Fall. Gewiss, im deutschen Besatzungsgebiet, gerade in Polen, gibt es einen natürlichen Widerspruch zwischen den Interessen der Rüstungsproduktion und den Massenmorden des Vernichtungsapparates. Aber nur sehr wenige Manager der Kriegswirtschaft lassen es auf massive Konflikte mit der SS ankommen, und noch weniger tun das uneigennützig, aus Menschlichkeit den Opfern gegenüber. Beitz dagegen spielt die Karte der Rüstungsinteressen, sooft er nur kann: "Ich habe keinen Zweifel daran gelassen, dass ich an höherer Stelle intervenieren würde, wenn sie nicht nachgeben, das hat oft funktioniert - aber nur, weil sie meinen Einfluss überschätzt haben."
Donnerstag, 25. November 2010
Tolstois Tod
Autor: Rosemarie Tietze 20.11.2010

Astapowo heute
Nach Tolstois Tod hat in seinem Sterbezimmer nie mehr jemand gewohnt. Osolin schloss den Raum ab, dank seiner Vorsorge blieb alles erhalten. Und im heute frisch restaurierten Museum kann die Führerin stolz darauf hinweisen, dies seien die Eichenbohlen, über die Tolstoi geschritten ist, und an der alten Tapete sind noch die Umrisse von Tolstois Profil zu erkennen, jemand hat den Schatten mit Bleistift nachgezeichnet. Seit 1918 heißt Astapowo "Lew Tolstoi", nun ist jedoch geplant, zumindest der Bahnstation den alten Namen zurückzugeben. Ohnehin lebt der Ort unter dem Namen Astapowo im Bewusstsein der Tolstoi-Verehrer in aller Welt. Hier soll am 20.11., dem hundertsten Todestag, auch die zentrale Gedenkfeier stattfinden.
Gegenüber, am Bahnhofsgebäude hängt nach wie vor die alte Uhr, ihre Zeiger stehen auf 6 Uhr 5, dem Augenblick von Tolstois Tod.
Der Passagier von Zug Nr.12
DIE WELT - Quelle: http://www.welt.de/print/die_welt/vermischtes/article11071052/Der-Passagier-von-Zug-Nr-12.html
Lew Tolstoi ist der bedeutendste Romancier Russlands. Schon zu Lebzeiten wurde er "der Titan" genannt. Sein Tod erschütterte Tausende.

Astapowo, ein Bahnknotenpunkt in Zentralrussland. Trotz Wind und Spätherbstkälte wird der Abendexpress um 6 Uhr 35, Zug Nr.12 aus Richtung Smolensk, von vielen Menschen erwartet, meist Bahnbeamten oder Schaulustigen, denn für die öde Provinzstation ist selbst die Ankunft und Abfahrt der Züge noch Zerstreuung. Kaum hat der Zug gehalten, verbreitet sich auf dem Bahnsteig ein Gerücht: In diesem Zug reist Lew Tolstoi! Die Sensation wäre nicht größer gewesen, hätte die Nachricht gelautet: In diesem Zug reist der Zar.
Aus einem Waggon zweiter Klasse kommt ein Mann - es ist Tolstois Leibarzt Dusan Makovicky - und bespricht sich mit dem Bahnhofsvorsteher Iwan Osolin. Tolstoi sei unterwegs erkrankt, wahrscheinlich an Lungenentzündung, er brauche Ruhe und müsse dringend ins Bett. Nach dem ersten Schock bietet der Bahnhofsvorsteher sogleich sein Wohnzimmer an, in dem flachen Holzbau gegenüber dem Bahnhofsgebäude, das Zimmer sei geräumig, auch günstig, weil es einen eigenen Eingang hat.
Erneut läuft ein Raunen durch das Publikum: Lew Tolstoi steigt aus! Makovicky und ein Eisenbahner helfen dem 82jährigen Greis aus dem Waggon, und das Reisegrüppchen - mit von der Partie sind Tolstois Tochter Alexandra und deren Gesellschafterin - begibt sich zunächst in den Bahnhof, den leeren Wartesaal für Damen, während in Osolins Wohnzimmer ein Bett aufgeschlagen wird. Als Tolstoi wenig später über die Gleise zum Haus geführt wird, muss er von allen Seiten gestützt werden. Ringsum stehen gewiss siebzig Schaulustige in feierlicher Stille, die Männer nehmen die Mützen ab, dann werden Stimmen laut: Ihn sollte man nicht führen, sondern auf Händen tragen!
Im Zimmer angekommen, dankt Tolstoi dem rührenden Hausherrn und seiner Frau, dann legt er sich hin. Das Fieber steigt im Lauf des Abends auf fast 40°, gegen Mitternacht beginnt der Kranke zu fantasieren, er befürchtet, seine Frau Sofja Andrejewna werde ihm nachfahren.
Flucht oder Befreiung?
An diesem 13. November 1910 (oder 31. Oktober nach dem in Russland damals gültigen julianischen Kalender) war Tolstoi bereits den vierten Tag unterwegs, dennoch wusste er selbst nicht recht, wohin die Reise gehen sollte. Jedenfalls nach Süden, in Richtung Schwarzes Meer, und später, so hoffte Tolstoi, könnte er sich vielleicht in Bulgarien verstecken. Seine Reise glich einer Flucht, wovor - darüber diskutieren die Tolstoi-Interpreten bis heute.
Natürlich, das berühmte Ehe-Zerwürfnis. In 48 Ehejahren hatte Sofja Andrejewna ihrem Mann "treulich gedient", war sechzehnmal schwanger und trug dreizehn Kinder aus, von denen acht das Erwachsenenalter erreichten. Zur Erziehung der Kinder kam die Aufsicht über den Haushalt, die Tolstois führten ein gastliches Haus, außer der eigenen vielköpfigen Familie samt Erziehern und Gouvernanten saßen oft Verwandte und Freunde mit bei Tisch. Und meist nachts schrieb Sofja Andrejewna noch Tolstois Manuskripte ab, in späterer Zeit lag auch die Verantwortung für den Gutsbetrieb auf ihren Schultern.
Nach ersten glücklichen Ehejahren hatte sich der Zwist in den 80ern angebahnt, als Tolstoi im Zuge seiner Hinwendung zum Christentum jeglichen Besitz ablehnte und sein Leben in "Luxus" als Sünde ansah. Sofja Andrejewna, seit der Heirat mit Tolstoi "Gräfin", konnte seine Bekehrung nicht nachvollziehen und kämpfte für sich und die Kinder um den Besitz. Und der bestand nicht nur aus Gütern, sondern auch aus Urheberrechten, denn die Einnahmen aus Tolstois Werken bildeten einen wichtigen Teil des Familienbudgets. Die Situation entspannte sich, als Tolstoi seinen Besitz unter Frau und Kindern aufteilte und Sofja Andrejewna die Nutzung der vor 1881 geschriebenen Werke überließ, somit den Löwenanteil der Erzählprosa.
In Tolstois letzten Lebensjahren spitzte sich der Konflikt erneut zu. Unterm Einfluss seiner Anhänger, besonders seines Vertrauten Tschertkow, vermachte Tolstoi zuletzt sämtliche Werke der Tochter Alexandra, die sie nach seinem Tod zu Gemeineigentum erklären sollte. Das Testament hielt er vor seiner Frau geheim, aber natürlich bekam Sofja Andrejewna davon Wind, wodurch ihr ohnehin schon krankhaftes Misstrauen gesteigert wurde; ihre Nerven waren so zerrüttet, dass sie die Familie mit immer neuen hysterischen Anfällen tyrannisierte. Hinzu kam, dass Tolstoi nun auch Tagebücher vor ihr versteckte oder außer Haus gab; seit der Zeit, als Tolstoi seine Braut mit der Lektüre seiner Junggesellen-Tagebücher schockiert hatte, gehörte die gegenseitige Lektüre der Tagebücher zu den Eheritualen, und solche Intimkenntnis bedeutete für beide, eine gewisse Hoheit über des anderen Biografie zu besitzen. So schwankte das Ehepaar in Tolstois letzten Lebensmonaten andauernd zwischen Extremen, einerseits Beschwörungen ihrer alten Liebe, andrerseits Drohungen: Sie drohte mit Selbstmord, er mit Fortgang oder Flucht.
Tolstois Aufbruch allein aus dem Ehezerwürfnis zu erklären, griffe allerdings zu kurz. Vieles war dem alten Mann lästig geworden. In Jasnaja Poljana riss der Strom der Besucher nicht ab, vor dem Gutshaus standen Bittsteller, die um Lebenshilfe oder Almosen baten, tagtäglich trafen 30 bis 35 Briefe ein. Tolstojaner, oftmals päpstlicher als ihr Idol, drängten ihn zur Konsequenz: Es genüge nicht, den Besitz wegzugeben, er müsse auch dem luxuriösen Leben auf dem Gut entsagen.
Vor allem aber war Flucht ein Reflex, dem Tolstoi im Leben mehrfach nachgab, durch radikale Kehrtwenden befreite er sich aus unerträglich gewordenen Lebenslagen. So, als er lange vor seiner Ehe in den Kaukasus aufbrach; der Entschluss kam derart plötzlich, dass er nicht einmal die notwendigen Papiere mitnahm. Auch in seinen Werken gestaltete er solches Verschwinden, zuletzt im "Lebenden Leichnam" und den "Aufzeichnungen des Starez Fjodor Kusmitsch". Unterzutauchen, als namenloser Wandermönch durch die Lande zu ziehen ... Dass Tolstoi erst jetzt zur Tat schritt, war wohl der Rücksicht auf Sofja Andrejewna geschuldet. Nun aber war es zu spät: Für ein Pilgerdasein fehlte dem kränkelnden alten Mann bereits die Kraft. Übrig blieb eine fast kreatürliche Bewegung - so sucht sich ein Tier zum Sterben zurückzuziehen. Selbst das misslang auf tragische Weise.
Überstürzte Abreise
Den unmittelbaren Anlass lieferte wieder Sofja Andrejewna. Tolstoi hört sie mitten in der Nacht unter seinen Papieren wühlen. Was dann geschah, beschreibt Makovicky: "Im Schlafrock, barfuß in den Schuhen und in der Hand eine Kerze, weckte mich Lew Nikolajewitsch um drei Uhr früh." Er wolle wegfahren, sagt Tolstoi, der Arzt solle mitkommen, Tochter Alexandra packe das Nötigste zusammen. Tolstoi eilt selbst durch die Nacht zum Kutscherhäuschen, weckt den Kutscher und lässt anspannen. Erst auf der Fahrt zum Bahnhof beratschlagt er mit dem Arzt, wohin sie fahren könnten, und erst am Fahrkartenschalter merkt Makovicky, dass sie zu wenig Rubel dabeihaben; er bittet um Fahrkarten "für Tolstoi", das Geld werde nachgereicht - und erhält das Gewünschte. Ein recht kopfloser Aufbruch, bedenkt man, dass die Idee, auf- und davonzugehen, Tolstoi seit einem Vierteljahrhundert beschäftigt.
Erstes Ziel ist das Kloster Optina Pustyn, von dort fährt Tolstoi zu seiner Schwester Marija, die unweit davon in einem Frauenkloster lebt. Aber auch da hält es ihn nicht; als er erfährt, dass Sofja Andrejewna auf die Nachricht von seiner Abreise sich im Gutspark in den Teich gestürzt hat, gleich gerettet wurde, aber schwor, ihm nachzureisen, bricht er wieder auf, nun noch begleitet von Tochter Alexandra und deren Gesellschafterin; Tolstoi hat sie telegrafisch hergebeten.
Am ersten Reisetag hatte es auf einer Teilstrecke nur einen verrauchten Waggon dritter Klasse gegeben, Tolstoi war unterwegs lange vor der Waggontür im Freien gestanden, bei Temperaturen um Null Grad; das rächt sich nun. Der Arzt stellt fest, dass Tolstoi fiebert und Schüttelfrost hat, die Reise muss unterbrochen werden. Auf den Rat eines Schaffners entscheidet sich Makovicky für Astapowo, da es dort neben dem Bahnhof ein Ambulatorium gibt. Als Tolstoi später vom dortigen Arzt befragt wurde und dieser beim Ausfüllen des Krankenblatts vor der Rubrik "Beruf" stockte, riet Tolstoi ihm, "Passagier von Zug Nr.12" einzutragen.
Tod in aller Öffentlichkeit
Der "Titan" wie die Zeitgenossen ihn nannten, hatte seine Berühmtheit unterschätzt. Überall, auf Bahnhöfen wie in Zügen, wird er erkannt, bald entdeckt das Reisegrüppchen in einer Zeitung die Sensationsmeldung "Tolstois Abreise". Auch ein Geheimagent reist mit, wie Makovicky schreibt, verrät er sich dadurch, "dass er fast auf jeder Station ausstieg, sich gegenüber unserem Waggon hinstellte, auf unser Fenster starrte und mehrfach während der Reise in anderer Kleidung erschien".
Am Morgen nach der Ankunft wird Osolin von der Presse telegrafisch um Auskunft bedrängt, bekommt sogar 100 Rubel überwiesen, die er ablehnt, als er erfährt, Tolstoi wünsche solche Publikationen nicht. Bald fällt in Astapowo eine Meute von Zeitungsreportern ein, sie umlagern das Holzhaus, auch "Operateure" mit Filmkameras tauchen auf. Makovicky und Alexandra, ohnehin rund um die Uhr mit der Pflege des Kranken beschäftigt, müssen nun auch die Presse abweisen. Den Bahnhofsvorsteher sucht selbst der Ortsgendarm auszuhorchen, und nicht nur um die Unterbringung vieler Menschen hat sich Osolin zu kümmern, ihm untersteht auch der telegrafische Dienst: In den sieben Tagen bis Tolstois Tod werden 1500 Telegramme von Astapowo abgesandt.
Lew Tolstoi hatte trotz der Reisestrapazen die ganzen Tage weiter gearbeitet, er schrieb oder diktierte und ließ sich aus Zeitungen vorlesen. Vom 16. (3.) November stammt sein letzter eigenhändiger Tagebucheintrag. In der darauffolgenden Nacht diktiert er ebenfalls, aber das Fieber ist hoch, man versteht ihn nicht. Als er ungeduldig verlangt, man solle ihm das Diktierte vorlesen, greift Alexandra in ihrer Not zum "Lesekreis" und liest daraus Tolstois Aphorismen vor - der Vater beruhigt sich.
Mit jedem Tag wächst um das Holzhaus der Trubel. Natürlich hat Sofja Andrejewna vom Aufenthaltsort ihres Ehemanns erfahren, und am 15.11. trifft sie mit Tochter Tatjana und zwei Söhnen per Sonderzug in Astapowo ein. Die Kinder können sie davon abhalten, zu Tolstoi vorzudringen, aber sie späht durch die Fenster, um wenigstens zu erkunden, in welchem Raum sich Tolstoi befindet. Erst eine Stunde vor dem Ende, als Tolstoi bereits im Koma liegt, darf sie zu ihm.
Im Lauf des 19.11. ist Tolstoi nur noch zeitweise bei Bewusstsein, und in einem dieser Augenblicke sagt er zu den beiden Töchtern: "Bitte denkt daran, es gibt ungeheuer viele Menschen auf der Welt, aber ihr schaut nur auf Lew." Danach sind bloß Bruchstücke von seinem Gemurmel im Fieberwahn zu verstehen, Makovicky notiert: "Wie schwer ist es zu sterben" oder "Lasst mich in Ruhe ... Davonlaufen ..." Der Todeskampf dauert die ganze Nacht, erst am Morgen des 20. (7.) November ist er ausgestanden: Um 6 Uhr 5 hört Tolstois Herz zu schlagen auf.
Am nächsten Tag wird der Leichnam nach Jasnaja Poljana überführt und dort unter Anteilnahme einer tausendköpfigen Menge unweit des Hauses begraben.
DIE WELT - Quelle: http://www.welt.de/print/die_welt/vermischtes/article11071052/Der-Passagier-von-Zug-Nr-12.html
Lew Tolstoi ist der bedeutendste Romancier Russlands. Schon zu Lebzeiten wurde er "der Titan" genannt. Sein Tod erschütterte Tausende.
Astapowo, ein Bahnknotenpunkt in Zentralrussland. Trotz Wind und Spätherbstkälte wird der Abendexpress um 6 Uhr 35, Zug Nr.12 aus Richtung Smolensk, von vielen Menschen erwartet, meist Bahnbeamten oder Schaulustigen, denn für die öde Provinzstation ist selbst die Ankunft und Abfahrt der Züge noch Zerstreuung. Kaum hat der Zug gehalten, verbreitet sich auf dem Bahnsteig ein Gerücht: In diesem Zug reist Lew Tolstoi! Die Sensation wäre nicht größer gewesen, hätte die Nachricht gelautet: In diesem Zug reist der Zar.
Aus einem Waggon zweiter Klasse kommt ein Mann - es ist Tolstois Leibarzt Dusan Makovicky - und bespricht sich mit dem Bahnhofsvorsteher Iwan Osolin. Tolstoi sei unterwegs erkrankt, wahrscheinlich an Lungenentzündung, er brauche Ruhe und müsse dringend ins Bett. Nach dem ersten Schock bietet der Bahnhofsvorsteher sogleich sein Wohnzimmer an, in dem flachen Holzbau gegenüber dem Bahnhofsgebäude, das Zimmer sei geräumig, auch günstig, weil es einen eigenen Eingang hat.
Erneut läuft ein Raunen durch das Publikum: Lew Tolstoi steigt aus! Makovicky und ein Eisenbahner helfen dem 82jährigen Greis aus dem Waggon, und das Reisegrüppchen - mit von der Partie sind Tolstois Tochter Alexandra und deren Gesellschafterin - begibt sich zunächst in den Bahnhof, den leeren Wartesaal für Damen, während in Osolins Wohnzimmer ein Bett aufgeschlagen wird. Als Tolstoi wenig später über die Gleise zum Haus geführt wird, muss er von allen Seiten gestützt werden. Ringsum stehen gewiss siebzig Schaulustige in feierlicher Stille, die Männer nehmen die Mützen ab, dann werden Stimmen laut: Ihn sollte man nicht führen, sondern auf Händen tragen!
Im Zimmer angekommen, dankt Tolstoi dem rührenden Hausherrn und seiner Frau, dann legt er sich hin. Das Fieber steigt im Lauf des Abends auf fast 40°, gegen Mitternacht beginnt der Kranke zu fantasieren, er befürchtet, seine Frau Sofja Andrejewna werde ihm nachfahren.
Flucht oder Befreiung?
An diesem 13. November 1910 (oder 31. Oktober nach dem in Russland damals gültigen julianischen Kalender) war Tolstoi bereits den vierten Tag unterwegs, dennoch wusste er selbst nicht recht, wohin die Reise gehen sollte. Jedenfalls nach Süden, in Richtung Schwarzes Meer, und später, so hoffte Tolstoi, könnte er sich vielleicht in Bulgarien verstecken. Seine Reise glich einer Flucht, wovor - darüber diskutieren die Tolstoi-Interpreten bis heute.
Natürlich, das berühmte Ehe-Zerwürfnis. In 48 Ehejahren hatte Sofja Andrejewna ihrem Mann "treulich gedient", war sechzehnmal schwanger und trug dreizehn Kinder aus, von denen acht das Erwachsenenalter erreichten. Zur Erziehung der Kinder kam die Aufsicht über den Haushalt, die Tolstois führten ein gastliches Haus, außer der eigenen vielköpfigen Familie samt Erziehern und Gouvernanten saßen oft Verwandte und Freunde mit bei Tisch. Und meist nachts schrieb Sofja Andrejewna noch Tolstois Manuskripte ab, in späterer Zeit lag auch die Verantwortung für den Gutsbetrieb auf ihren Schultern.
Nach ersten glücklichen Ehejahren hatte sich der Zwist in den 80ern angebahnt, als Tolstoi im Zuge seiner Hinwendung zum Christentum jeglichen Besitz ablehnte und sein Leben in "Luxus" als Sünde ansah. Sofja Andrejewna, seit der Heirat mit Tolstoi "Gräfin", konnte seine Bekehrung nicht nachvollziehen und kämpfte für sich und die Kinder um den Besitz. Und der bestand nicht nur aus Gütern, sondern auch aus Urheberrechten, denn die Einnahmen aus Tolstois Werken bildeten einen wichtigen Teil des Familienbudgets. Die Situation entspannte sich, als Tolstoi seinen Besitz unter Frau und Kindern aufteilte und Sofja Andrejewna die Nutzung der vor 1881 geschriebenen Werke überließ, somit den Löwenanteil der Erzählprosa.
In Tolstois letzten Lebensjahren spitzte sich der Konflikt erneut zu. Unterm Einfluss seiner Anhänger, besonders seines Vertrauten Tschertkow, vermachte Tolstoi zuletzt sämtliche Werke der Tochter Alexandra, die sie nach seinem Tod zu Gemeineigentum erklären sollte. Das Testament hielt er vor seiner Frau geheim, aber natürlich bekam Sofja Andrejewna davon Wind, wodurch ihr ohnehin schon krankhaftes Misstrauen gesteigert wurde; ihre Nerven waren so zerrüttet, dass sie die Familie mit immer neuen hysterischen Anfällen tyrannisierte. Hinzu kam, dass Tolstoi nun auch Tagebücher vor ihr versteckte oder außer Haus gab; seit der Zeit, als Tolstoi seine Braut mit der Lektüre seiner Junggesellen-Tagebücher schockiert hatte, gehörte die gegenseitige Lektüre der Tagebücher zu den Eheritualen, und solche Intimkenntnis bedeutete für beide, eine gewisse Hoheit über des anderen Biografie zu besitzen. So schwankte das Ehepaar in Tolstois letzten Lebensmonaten andauernd zwischen Extremen, einerseits Beschwörungen ihrer alten Liebe, andrerseits Drohungen: Sie drohte mit Selbstmord, er mit Fortgang oder Flucht.
Tolstois Aufbruch allein aus dem Ehezerwürfnis zu erklären, griffe allerdings zu kurz. Vieles war dem alten Mann lästig geworden. In Jasnaja Poljana riss der Strom der Besucher nicht ab, vor dem Gutshaus standen Bittsteller, die um Lebenshilfe oder Almosen baten, tagtäglich trafen 30 bis 35 Briefe ein. Tolstojaner, oftmals päpstlicher als ihr Idol, drängten ihn zur Konsequenz: Es genüge nicht, den Besitz wegzugeben, er müsse auch dem luxuriösen Leben auf dem Gut entsagen.
Vor allem aber war Flucht ein Reflex, dem Tolstoi im Leben mehrfach nachgab, durch radikale Kehrtwenden befreite er sich aus unerträglich gewordenen Lebenslagen. So, als er lange vor seiner Ehe in den Kaukasus aufbrach; der Entschluss kam derart plötzlich, dass er nicht einmal die notwendigen Papiere mitnahm. Auch in seinen Werken gestaltete er solches Verschwinden, zuletzt im "Lebenden Leichnam" und den "Aufzeichnungen des Starez Fjodor Kusmitsch". Unterzutauchen, als namenloser Wandermönch durch die Lande zu ziehen ... Dass Tolstoi erst jetzt zur Tat schritt, war wohl der Rücksicht auf Sofja Andrejewna geschuldet. Nun aber war es zu spät: Für ein Pilgerdasein fehlte dem kränkelnden alten Mann bereits die Kraft. Übrig blieb eine fast kreatürliche Bewegung - so sucht sich ein Tier zum Sterben zurückzuziehen. Selbst das misslang auf tragische Weise.
Überstürzte Abreise
Den unmittelbaren Anlass lieferte wieder Sofja Andrejewna. Tolstoi hört sie mitten in der Nacht unter seinen Papieren wühlen. Was dann geschah, beschreibt Makovicky: "Im Schlafrock, barfuß in den Schuhen und in der Hand eine Kerze, weckte mich Lew Nikolajewitsch um drei Uhr früh." Er wolle wegfahren, sagt Tolstoi, der Arzt solle mitkommen, Tochter Alexandra packe das Nötigste zusammen. Tolstoi eilt selbst durch die Nacht zum Kutscherhäuschen, weckt den Kutscher und lässt anspannen. Erst auf der Fahrt zum Bahnhof beratschlagt er mit dem Arzt, wohin sie fahren könnten, und erst am Fahrkartenschalter merkt Makovicky, dass sie zu wenig Rubel dabeihaben; er bittet um Fahrkarten "für Tolstoi", das Geld werde nachgereicht - und erhält das Gewünschte. Ein recht kopfloser Aufbruch, bedenkt man, dass die Idee, auf- und davonzugehen, Tolstoi seit einem Vierteljahrhundert beschäftigt.
Erstes Ziel ist das Kloster Optina Pustyn, von dort fährt Tolstoi zu seiner Schwester Marija, die unweit davon in einem Frauenkloster lebt. Aber auch da hält es ihn nicht; als er erfährt, dass Sofja Andrejewna auf die Nachricht von seiner Abreise sich im Gutspark in den Teich gestürzt hat, gleich gerettet wurde, aber schwor, ihm nachzureisen, bricht er wieder auf, nun noch begleitet von Tochter Alexandra und deren Gesellschafterin; Tolstoi hat sie telegrafisch hergebeten.
Am ersten Reisetag hatte es auf einer Teilstrecke nur einen verrauchten Waggon dritter Klasse gegeben, Tolstoi war unterwegs lange vor der Waggontür im Freien gestanden, bei Temperaturen um Null Grad; das rächt sich nun. Der Arzt stellt fest, dass Tolstoi fiebert und Schüttelfrost hat, die Reise muss unterbrochen werden. Auf den Rat eines Schaffners entscheidet sich Makovicky für Astapowo, da es dort neben dem Bahnhof ein Ambulatorium gibt. Als Tolstoi später vom dortigen Arzt befragt wurde und dieser beim Ausfüllen des Krankenblatts vor der Rubrik "Beruf" stockte, riet Tolstoi ihm, "Passagier von Zug Nr.12" einzutragen.
Tod in aller Öffentlichkeit
Der "Titan" wie die Zeitgenossen ihn nannten, hatte seine Berühmtheit unterschätzt. Überall, auf Bahnhöfen wie in Zügen, wird er erkannt, bald entdeckt das Reisegrüppchen in einer Zeitung die Sensationsmeldung "Tolstois Abreise". Auch ein Geheimagent reist mit, wie Makovicky schreibt, verrät er sich dadurch, "dass er fast auf jeder Station ausstieg, sich gegenüber unserem Waggon hinstellte, auf unser Fenster starrte und mehrfach während der Reise in anderer Kleidung erschien".
Am Morgen nach der Ankunft wird Osolin von der Presse telegrafisch um Auskunft bedrängt, bekommt sogar 100 Rubel überwiesen, die er ablehnt, als er erfährt, Tolstoi wünsche solche Publikationen nicht. Bald fällt in Astapowo eine Meute von Zeitungsreportern ein, sie umlagern das Holzhaus, auch "Operateure" mit Filmkameras tauchen auf. Makovicky und Alexandra, ohnehin rund um die Uhr mit der Pflege des Kranken beschäftigt, müssen nun auch die Presse abweisen. Den Bahnhofsvorsteher sucht selbst der Ortsgendarm auszuhorchen, und nicht nur um die Unterbringung vieler Menschen hat sich Osolin zu kümmern, ihm untersteht auch der telegrafische Dienst: In den sieben Tagen bis Tolstois Tod werden 1500 Telegramme von Astapowo abgesandt.
Lew Tolstoi hatte trotz der Reisestrapazen die ganzen Tage weiter gearbeitet, er schrieb oder diktierte und ließ sich aus Zeitungen vorlesen. Vom 16. (3.) November stammt sein letzter eigenhändiger Tagebucheintrag. In der darauffolgenden Nacht diktiert er ebenfalls, aber das Fieber ist hoch, man versteht ihn nicht. Als er ungeduldig verlangt, man solle ihm das Diktierte vorlesen, greift Alexandra in ihrer Not zum "Lesekreis" und liest daraus Tolstois Aphorismen vor - der Vater beruhigt sich.
Mit jedem Tag wächst um das Holzhaus der Trubel. Natürlich hat Sofja Andrejewna vom Aufenthaltsort ihres Ehemanns erfahren, und am 15.11. trifft sie mit Tochter Tatjana und zwei Söhnen per Sonderzug in Astapowo ein. Die Kinder können sie davon abhalten, zu Tolstoi vorzudringen, aber sie späht durch die Fenster, um wenigstens zu erkunden, in welchem Raum sich Tolstoi befindet. Erst eine Stunde vor dem Ende, als Tolstoi bereits im Koma liegt, darf sie zu ihm.
Im Lauf des 19.11. ist Tolstoi nur noch zeitweise bei Bewusstsein, und in einem dieser Augenblicke sagt er zu den beiden Töchtern: "Bitte denkt daran, es gibt ungeheuer viele Menschen auf der Welt, aber ihr schaut nur auf Lew." Danach sind bloß Bruchstücke von seinem Gemurmel im Fieberwahn zu verstehen, Makovicky notiert: "Wie schwer ist es zu sterben" oder "Lasst mich in Ruhe ... Davonlaufen ..." Der Todeskampf dauert die ganze Nacht, erst am Morgen des 20. (7.) November ist er ausgestanden: Um 6 Uhr 5 hört Tolstois Herz zu schlagen auf.
Am nächsten Tag wird der Leichnam nach Jasnaja Poljana überführt und dort unter Anteilnahme einer tausendköpfigen Menge unweit des Hauses begraben.
Astapowo heute
Nach Tolstois Tod hat in seinem Sterbezimmer nie mehr jemand gewohnt. Osolin schloss den Raum ab, dank seiner Vorsorge blieb alles erhalten. Und im heute frisch restaurierten Museum kann die Führerin stolz darauf hinweisen, dies seien die Eichenbohlen, über die Tolstoi geschritten ist, und an der alten Tapete sind noch die Umrisse von Tolstois Profil zu erkennen, jemand hat den Schatten mit Bleistift nachgezeichnet. Seit 1918 heißt Astapowo "Lew Tolstoi", nun ist jedoch geplant, zumindest der Bahnstation den alten Namen zurückzugeben. Ohnehin lebt der Ort unter dem Namen Astapowo im Bewusstsein der Tolstoi-Verehrer in aller Welt. Hier soll am 20.11., dem hundertsten Todestag, auch die zentrale Gedenkfeier stattfinden.
Gegenüber, am Bahnhofsgebäude hängt nach wie vor die alte Uhr, ihre Zeiger stehen auf 6 Uhr 5, dem Augenblick von Tolstois Tod.
Mittwoch, 24. November 2010
Boris Palmer - ehemaliger Waldorfschüler
Oberbürgermeister von Tübingen
Er selbst schreibt auf seiner Internetseite www.borispalmer.de in seinem Lebenslauf über seine Zeit als Waldorfschüler:
"SCHULE
Natürlich wußte ich davon noch nichts, als ich mit sieben Jahren erstmals die Freie Waldorfschule Engelberg betrat, ich hegte einfach nur eine große Vorfreude auf die Schule. Schon bald fühlte ich mich sehr wohl in meiner neuen Umgebung und sah in meiner Klassenlehrerin, Frau Kreßler, eine zweite Mutter. Ich freute mich auf jeden Schultag, lauschte mit Begeisterung den Erzählungen unserer Lehrerin und durchlebte die
Schicksale der verschiedensten Märchenfiguren - noch heute habe ich die Bilder vor mir, die meine Phantasie damals zeichnete. Nach und nach hielten auch Fächer Einzug in den Unterricht, die intellektuell Forderungen stellten, und hier konnte ich immer mehr meine Begabungen ausspielen. Lesen hatte ich ohnehin schon vor der Einschulung gelernt, und besonders im Rechnen wurde ich zum Klassenprimus. Bei all dem bemühte ich mich stets, meiner geliebten Lehrerin zu gefallen, die Hausaufgaben wurden immer erledigt, und wo es Arbeit gab, bot ich stets meine Hilfe an. Nur in den musischen und praktischen Fächern hatte ich meine liebe Müh', doch das ließ sich ertragen, hielt ich dies sowieso für Frauensache.
Mit Beginn der fünften Klasse zerbrach die Kinderwelt allmählich, im gleichen Maße, wie ich im Elternhaus vereinsamte, distanzierte ich mich auch von meiner Schule, von Frau Kreßler und den Klassenkameraden. Aus der Verehrung für die Lehrerin wurde massive Opposition, mein fortschreitender Wissensstand ermöglichte es mir, ihre fachlichen Defizite zu erkennen, die nun ihr unschätzbares Talent im Umgang mit Kindern überdeckten. Innerhalb der Klasse wurde ich zum Sonderling, an dem man zwar nicht vorbeikonnte, den man aber auch nicht mehr als nötig einband. Umso mehr trachtete ich danach, durch Vermehrung meines
Wissensvorsprungs meine Position zu festigen. Doch Befriedigung erwuchs daraus in der Schule nicht, in der siebten Klasse führte ich ein Aufnahmegespräch an einem Gymnasium, und nur die Angst vor dem Unbekannten verhinderte einen Wechsel.
Heute bin ich sehr froh über diese Entwicklung, denn schon bald setzte ein grundlegender Wandel ein. Meine Lehrer erkannten sehr wohl, daß es mir an Aufgaben und Zielen mangelte, da ich die Anforderungen im Unterricht nicht als solche empfand. So stellte mir Herr Peter, mein künftiger Mathematiklehrer, Sonderaufgaben mit dem Stoff höherer Klassen und ich durfte früher als sonst jemand, eine Beleuchterkarriere an unserer Bühne beginnen.
Setze ich sonst voraus, daß die Eigenarten einer Waldorfschule dem geschätzten Leser bekannt sind, so muß ich dies wohl etwas näher erläutern. In der achten und zwölften Klasse werden an unserer Schule sogenannte Klassenspiele aufgeführt, von Shakespeare über Goethe und Schiller bis Zuckmayer und Wilder reicht das Programm. Dazu gibt es an unserer Schule zwei Bühnen, den großen und kleinen Saal, die jeweils mit einer semiprofessionellen Beleuchtungstechnik ausgestattet sind. Herr Morris, mein Englischlehrer, kümmert sich noch heute um deren Einsatz, und so lernte ich damals bei ihm das Handwerk, Theater ins rechte Licht zu setzen. Gleich meine erste große Aufgabe war es, den Kopf des Mephisto in Goethes Faust, den Herr Rüttinger 1987 mit einer zwölften Klasse inszenierte, über fünf Stunden mittels eines Verfolgers in ein grünliches Licht zu setzen. Auf eine Entfernung von zwanzig Metern nicht so einfach!
Viel wichtiger als die technischen und künstlerischen Fertigkeiten, die ich mir als Beleuchter in fünf Jahren erworben habe, waren aber die Kontaktmöglichkeiten, die sich daraus ergaben. Denn die Klassenspiele sind mit eine der Einrichtungen, die die besondere Zusammengehörigkeit der Oberstufe an einer Waldorfschule ermöglichen. Und ich war nun bei Proben und Aufführungen aller Spiele dabei! So fand ich endlich eine Möglichkeit, mich in das soziale Gefüge der Schule einzubringen, und ich hatte sehr großen Spaß daran, ergriff die Chance mit brennendem Eifer. Durch die Freundschaft zu den Beleuchtern meiner Vorgängergeneration, mit denen ich noch heute eng verbunden bin, wurde mir das Tor zur ganzen Oberstufe geöffnet, bald sah man mich nur noch bei den 12ern stehen, wo ich doch gerade in die 9.Klasse gekommen war. So wandelte ich mich vom arroganten Eigenbrötler in der eigenen Klasse zum engagierten Oberstufenschüler.
Zudem konnte ich nun auch meinen Wissensdurst in der Schule besser stillen, denn vom ersten Tag der Oberstufe kehrte ein ganz neuer Arbeitsstil ein, endlich wurde ich in meinen Paradefächern wieder gefordert. Zu meinem neuen Klassenbetreuer, Herrn Schneider, fand ich bald ein noch tieferes Verhältnis als am Anfang meiner Schulzeit zu Frau Kreßler. War es damals kindliche Liebe, so brachte ich ihm nun die aufrichtige Zuneigung eines jungen Erwachsenen entgegen und spürte bald, daß er diese erwiderte, wir verstanden uns glänzend. Der Umbruch war geschafft, ich ging wieder gerne zur Schule, und immer mehr nahm sie mein ganzes Denken und Fühlen ein, ich engagierte mich fast ausnahmslos bei allen Unternehmungen der Schule, und so kam es auch, daß ich dazu stieß, als im Sommer 1988 eine neue Schülerzeitung gegründet werden sollte. Zunächst agierte ich zurückhaltend, übernahm nur wenige Artikel und die Aufgabe, das Layout herzustellen. Gemeinsam mit Ivar, einem jener älteren Beleuchter, arbeitete ich 24 Stunden daran, dann hatten wir die erste Ausgabe des "Steinschlag" vor uns. Welch ein Gefühl, endlich das fertige Heft in Händen zu halten! Von der Nächsten Ausgabe an brachte ich mich auch hier voll ein, immer besser sollte das Heft werden, und bis zur Ausgabe 8 oblag mir die Gestaltung des Heftes, arbeitete ein Team von Freunden in unvergeßlichen Wochen oft tagelang ohne Schlaf an diesem Layout. Ein wenig flüchtete ich aus der von Streit zerrütteten Welt der Eltern in die heile Welt meiner Schule, hier fand ich Anerkennung, Aufgabe und Befriedigung. Unmöglich, all die Klassenspiele, Bälle, Martinsmärkte, Jahresabschlüsse und Vorträge zu erwähnen, zu denen ich in die Schule eilte, kaum eine Veranstaltung, die nicht einen Beleuchter gebrauchen konnte.
Obwohl all diese Aktivitäten sehr zeitaufwendig waren, hatte ich noch genügend Kapazitäten für die Schule frei. In den naturwissenschaftlichen Fächern, aber auch in Geschichte und Deutsch war es für mich selbstverständlich, stets unter den Besten zu sein. Doch anders als in den vorausgegangenen Jahren veranlaßte mich dies nicht mehr zu herablassenden Bemerkungen gegenüber Schwächeren, ich bemühte mich,vom hohen Roß herabzusteigen und erkannte, daß die bessere intellektuelle Ausstattung noch lange keinen besseren Menschen macht.
Sehr hilfreich war mir dabei, daß man an Waldorfschulen großen Wert auf den praktischen Unterricht legt, und hier konnte ich erleben, wo meine Schwächen lagen, daß die meisten Klassenkameraden mir in dieser Hinsicht viel voraus hatten. Wenngleich ich mir heute sage, daß ich im praktischen Unterricht gerade deswegen viel gelernt habe, weil ich dafür nur wenig Talent mitbrachte, waren dies damals natürlich nicht unbedingt meine Lieblingsfächer, so daß ich im elften Schuljahr aus einer einfachen Überlegung heraus eine Entscheidung traf, die mir heute sehr wichtig ist: Aus dem Stundenplan ging hervor, daß zwei Wochenstunden entweder mit einem praktisch-künstlerischen Fach oder mit Latein zu belegen waren. Nun hatte ich in der siebten Klasse, in der der Lateinunterricht beginnt aus reinem Protest die Bitten meiner Klassenlehrerin abgelehnt, in die Lateinklasse einzutreten. Doch kurz entschlossen, fragte ich nun Herrn Stülpnagel, den Lateinlehrer unserer Schule, ob ich wohl versuchsweise noch jetzt in die Riege der Lateinschüler aufgenommen werden könne. Angesichts fehlender Präzedenzfälle hielt er dies für gewagt, doch ebenso für den Versuch wert. In eineinhalb Jahren bereitete ich mich daher auf die schriftliche Prüfung vor, und wenn ich auch oft mit mir selbst kämpfen mußte, faszinierte mich diese Sprache doch immer mehr, der Geist einer alten Zeit sprach durch sie zu mir. Diese Faszination machte es mir schließlich leicht, auch die Prüfung zu bestehen und nach nur zwei Jahren das kleine Latinum in den Händen zu halten.
Natürlich war das zwölfte Schuljahr, das letzte der Waldorfschule vor dem staatlich geprägten Abiturjahr, dadurch nicht ausgefüllt. Ganz im Gegenteil, nie nahm ich an mehr Aktivitäten teil: Im Herbst brachte meine Klasse "Die Heiratsvermittlerin" zur Aufführung, im Frühjahr standen gemeinsame Jahresarbeit und Walldorfabschluß an, wir gingen auf Klassenreise, der Schulchor führte die Carmina Burana auf und noch immer betätigte ich mich als Beleuchter und schrieb Artikel für die Schülerzeitung. Allmählich kündigte sich aber auch das nächste Jahr an, das ganz andere Schwerpunkte setzen sollte. Immer zielstrebiger ging man auf Abituraufgaben zu und mit großer Genugtuung registrierte ich, daß ich nun in der Lage war, Grundkursaufgaben der Mathematik vollständig zu lösen. Dadurch wußte ich endlich, für welchen der beiden einzigen zur Wahl stehenden Leistungskurse ich mich entscheiden sollte, der Mathematik, nicht der englischen Sprache, sollte mein Hauptaugenmerk im letzten Schuljahr gelten.
Unaufhaltsam rückte es näher, und im August des Jahres 1991 saßen wir erstmals in neuer Mischung beieinander, die Schüler der einstigen Parallelklassen, die sich für das Abitur qualifiziert hatten. Es dauerte nur wenigen Wochen, bis sich ein starker Zusammenhalt in der neuen Klasse gebildet hatte, geeint durch das gemeinsame Ziel, das uns voll beanspruchte, fanden wir zueinander. An die Stelle eines sinnlosen Konkurrenzkampfes setzten wir gemeinsames Lernen, hielten so dem Prüfungsdruck stand und knüpften echte Freundschaften. Für mich stand dabei ganz klar die Backbench im Vordergrund, die letzte Reihe, in der vier Jungs aus dem Mathe LK saßen, Ralf, genannt "Ray, der Marxist", Wolfgang, genannt "Wolle, der Wurstfabrikant", Johannes, genannt "Hannes der Marlboroman" und ich, die "1,0". Ich habe mich nie mehr so wohl in einer Gruppe gefühlt, wie in diesem Jahr in unserer Klasse. Die Zeit verging schließlich wie im Flug, und die meisten von uns konnten zufrieden auf ein schönes und erfolgreiches Jahr zurückblicken, wir hatten uns nicht unterkriegen lassen.
Ich denke ebenso gerne an mein Abiturjahr zurück, wie an die Oberstufenzeit. Kein Wunder also, daß ich nach dem erfolgreichen Abschluß meiner Schulzeit nicht nur fröhlich gestimmt war. Dies bedeutete für mich zugleich die Trennung vom bislang wichtigsten Abschnitt meines Lebens, von der Schule, die zum Inbegriff meiner Jugend geworden ist. Schon bald mußte ich erkennen, daß Idealismus und Engagement, Tugenden, die ich an meiner Schule als prägend empfand, in der heutigen Gesellschaft weitaus weniger verbreitet sind, als ich gehofft hatte. Ich bemerkte erst jetzt, wie andersartig ich als Waldorfschüler die Welt sah, wie anders ich fühlte und dachte. Mit meinen Mitschülern und Lehrern hatte mich eine Art Grundkonsens verbunden, der nun völlig fehlte. Ich hatte deswegen manche Krise zu bestehen, doch mein Wille im Rahmen meiner bescheidenen Möglichkeiten gesellschaftliche Veränderungen zu erstreben, ist noch immer ungebrochen - welchen Sinn könnte das Leben sonst bieten? ....
"SCHULE
"Erziehung zur Freiheit" lautet ein Schlagwort der Waldorfschulbewegung. Die meisten Schlagwörter überzeichnen einen Sachverhalt, so auch hier, denn zur Freiheit erziehen, das ist ein Widerspruch in sich. Anstöße zur Entwicklung einer freien Persönlichkeit geben, das ist allerdings möglich. Die Waldorfschule zeichnet sich eben dadurch aus, daß sie diesem hohen Ziel den Vorrang gegenüber der Vermittlung nackten Faktenwissens gibt und zuvörderst aus diesem Grunde betrachte ich es heute als Glücksfall und für meine Entwicklung entscheidendes Ereignis, daß ich die Chance erhielt, eine Waldorfschule zu
besuchen.
besuchen.
Natürlich wußte ich davon noch nichts, als ich mit sieben Jahren erstmals die Freie Waldorfschule Engelberg betrat, ich hegte einfach nur eine große Vorfreude auf die Schule. Schon bald fühlte ich mich sehr wohl in meiner neuen Umgebung und sah in meiner Klassenlehrerin, Frau Kreßler, eine zweite Mutter. Ich freute mich auf jeden Schultag, lauschte mit Begeisterung den Erzählungen unserer Lehrerin und durchlebte die
Schicksale der verschiedensten Märchenfiguren - noch heute habe ich die Bilder vor mir, die meine Phantasie damals zeichnete. Nach und nach hielten auch Fächer Einzug in den Unterricht, die intellektuell Forderungen stellten, und hier konnte ich immer mehr meine Begabungen ausspielen. Lesen hatte ich ohnehin schon vor der Einschulung gelernt, und besonders im Rechnen wurde ich zum Klassenprimus. Bei all dem bemühte ich mich stets, meiner geliebten Lehrerin zu gefallen, die Hausaufgaben wurden immer erledigt, und wo es Arbeit gab, bot ich stets meine Hilfe an. Nur in den musischen und praktischen Fächern hatte ich meine liebe Müh', doch das ließ sich ertragen, hielt ich dies sowieso für Frauensache.
Mit Beginn der fünften Klasse zerbrach die Kinderwelt allmählich, im gleichen Maße, wie ich im Elternhaus vereinsamte, distanzierte ich mich auch von meiner Schule, von Frau Kreßler und den Klassenkameraden. Aus der Verehrung für die Lehrerin wurde massive Opposition, mein fortschreitender Wissensstand ermöglichte es mir, ihre fachlichen Defizite zu erkennen, die nun ihr unschätzbares Talent im Umgang mit Kindern überdeckten. Innerhalb der Klasse wurde ich zum Sonderling, an dem man zwar nicht vorbeikonnte, den man aber auch nicht mehr als nötig einband. Umso mehr trachtete ich danach, durch Vermehrung meines
Wissensvorsprungs meine Position zu festigen. Doch Befriedigung erwuchs daraus in der Schule nicht, in der siebten Klasse führte ich ein Aufnahmegespräch an einem Gymnasium, und nur die Angst vor dem Unbekannten verhinderte einen Wechsel.
Heute bin ich sehr froh über diese Entwicklung, denn schon bald setzte ein grundlegender Wandel ein. Meine Lehrer erkannten sehr wohl, daß es mir an Aufgaben und Zielen mangelte, da ich die Anforderungen im Unterricht nicht als solche empfand. So stellte mir Herr Peter, mein künftiger Mathematiklehrer, Sonderaufgaben mit dem Stoff höherer Klassen und ich durfte früher als sonst jemand, eine Beleuchterkarriere an unserer Bühne beginnen.
Setze ich sonst voraus, daß die Eigenarten einer Waldorfschule dem geschätzten Leser bekannt sind, so muß ich dies wohl etwas näher erläutern. In der achten und zwölften Klasse werden an unserer Schule sogenannte Klassenspiele aufgeführt, von Shakespeare über Goethe und Schiller bis Zuckmayer und Wilder reicht das Programm. Dazu gibt es an unserer Schule zwei Bühnen, den großen und kleinen Saal, die jeweils mit einer semiprofessionellen Beleuchtungstechnik ausgestattet sind. Herr Morris, mein Englischlehrer, kümmert sich noch heute um deren Einsatz, und so lernte ich damals bei ihm das Handwerk, Theater ins rechte Licht zu setzen. Gleich meine erste große Aufgabe war es, den Kopf des Mephisto in Goethes Faust, den Herr Rüttinger 1987 mit einer zwölften Klasse inszenierte, über fünf Stunden mittels eines Verfolgers in ein grünliches Licht zu setzen. Auf eine Entfernung von zwanzig Metern nicht so einfach!
Viel wichtiger als die technischen und künstlerischen Fertigkeiten, die ich mir als Beleuchter in fünf Jahren erworben habe, waren aber die Kontaktmöglichkeiten, die sich daraus ergaben. Denn die Klassenspiele sind mit eine der Einrichtungen, die die besondere Zusammengehörigkeit der Oberstufe an einer Waldorfschule ermöglichen. Und ich war nun bei Proben und Aufführungen aller Spiele dabei! So fand ich endlich eine Möglichkeit, mich in das soziale Gefüge der Schule einzubringen, und ich hatte sehr großen Spaß daran, ergriff die Chance mit brennendem Eifer. Durch die Freundschaft zu den Beleuchtern meiner Vorgängergeneration, mit denen ich noch heute eng verbunden bin, wurde mir das Tor zur ganzen Oberstufe geöffnet, bald sah man mich nur noch bei den 12ern stehen, wo ich doch gerade in die 9.Klasse gekommen war. So wandelte ich mich vom arroganten Eigenbrötler in der eigenen Klasse zum engagierten Oberstufenschüler.
Zudem konnte ich nun auch meinen Wissensdurst in der Schule besser stillen, denn vom ersten Tag der Oberstufe kehrte ein ganz neuer Arbeitsstil ein, endlich wurde ich in meinen Paradefächern wieder gefordert. Zu meinem neuen Klassenbetreuer, Herrn Schneider, fand ich bald ein noch tieferes Verhältnis als am Anfang meiner Schulzeit zu Frau Kreßler. War es damals kindliche Liebe, so brachte ich ihm nun die aufrichtige Zuneigung eines jungen Erwachsenen entgegen und spürte bald, daß er diese erwiderte, wir verstanden uns glänzend. Der Umbruch war geschafft, ich ging wieder gerne zur Schule, und immer mehr nahm sie mein ganzes Denken und Fühlen ein, ich engagierte mich fast ausnahmslos bei allen Unternehmungen der Schule, und so kam es auch, daß ich dazu stieß, als im Sommer 1988 eine neue Schülerzeitung gegründet werden sollte. Zunächst agierte ich zurückhaltend, übernahm nur wenige Artikel und die Aufgabe, das Layout herzustellen. Gemeinsam mit Ivar, einem jener älteren Beleuchter, arbeitete ich 24 Stunden daran, dann hatten wir die erste Ausgabe des "Steinschlag" vor uns. Welch ein Gefühl, endlich das fertige Heft in Händen zu halten! Von der Nächsten Ausgabe an brachte ich mich auch hier voll ein, immer besser sollte das Heft werden, und bis zur Ausgabe 8 oblag mir die Gestaltung des Heftes, arbeitete ein Team von Freunden in unvergeßlichen Wochen oft tagelang ohne Schlaf an diesem Layout. Ein wenig flüchtete ich aus der von Streit zerrütteten Welt der Eltern in die heile Welt meiner Schule, hier fand ich Anerkennung, Aufgabe und Befriedigung. Unmöglich, all die Klassenspiele, Bälle, Martinsmärkte, Jahresabschlüsse und Vorträge zu erwähnen, zu denen ich in die Schule eilte, kaum eine Veranstaltung, die nicht einen Beleuchter gebrauchen konnte.
Obwohl all diese Aktivitäten sehr zeitaufwendig waren, hatte ich noch genügend Kapazitäten für die Schule frei. In den naturwissenschaftlichen Fächern, aber auch in Geschichte und Deutsch war es für mich selbstverständlich, stets unter den Besten zu sein. Doch anders als in den vorausgegangenen Jahren veranlaßte mich dies nicht mehr zu herablassenden Bemerkungen gegenüber Schwächeren, ich bemühte mich,vom hohen Roß herabzusteigen und erkannte, daß die bessere intellektuelle Ausstattung noch lange keinen besseren Menschen macht.
Sehr hilfreich war mir dabei, daß man an Waldorfschulen großen Wert auf den praktischen Unterricht legt, und hier konnte ich erleben, wo meine Schwächen lagen, daß die meisten Klassenkameraden mir in dieser Hinsicht viel voraus hatten. Wenngleich ich mir heute sage, daß ich im praktischen Unterricht gerade deswegen viel gelernt habe, weil ich dafür nur wenig Talent mitbrachte, waren dies damals natürlich nicht unbedingt meine Lieblingsfächer, so daß ich im elften Schuljahr aus einer einfachen Überlegung heraus eine Entscheidung traf, die mir heute sehr wichtig ist: Aus dem Stundenplan ging hervor, daß zwei Wochenstunden entweder mit einem praktisch-künstlerischen Fach oder mit Latein zu belegen waren. Nun hatte ich in der siebten Klasse, in der der Lateinunterricht beginnt aus reinem Protest die Bitten meiner Klassenlehrerin abgelehnt, in die Lateinklasse einzutreten. Doch kurz entschlossen, fragte ich nun Herrn Stülpnagel, den Lateinlehrer unserer Schule, ob ich wohl versuchsweise noch jetzt in die Riege der Lateinschüler aufgenommen werden könne. Angesichts fehlender Präzedenzfälle hielt er dies für gewagt, doch ebenso für den Versuch wert. In eineinhalb Jahren bereitete ich mich daher auf die schriftliche Prüfung vor, und wenn ich auch oft mit mir selbst kämpfen mußte, faszinierte mich diese Sprache doch immer mehr, der Geist einer alten Zeit sprach durch sie zu mir. Diese Faszination machte es mir schließlich leicht, auch die Prüfung zu bestehen und nach nur zwei Jahren das kleine Latinum in den Händen zu halten.
Natürlich war das zwölfte Schuljahr, das letzte der Waldorfschule vor dem staatlich geprägten Abiturjahr, dadurch nicht ausgefüllt. Ganz im Gegenteil, nie nahm ich an mehr Aktivitäten teil: Im Herbst brachte meine Klasse "Die Heiratsvermittlerin" zur Aufführung, im Frühjahr standen gemeinsame Jahresarbeit und Walldorfabschluß an, wir gingen auf Klassenreise, der Schulchor führte die Carmina Burana auf und noch immer betätigte ich mich als Beleuchter und schrieb Artikel für die Schülerzeitung. Allmählich kündigte sich aber auch das nächste Jahr an, das ganz andere Schwerpunkte setzen sollte. Immer zielstrebiger ging man auf Abituraufgaben zu und mit großer Genugtuung registrierte ich, daß ich nun in der Lage war, Grundkursaufgaben der Mathematik vollständig zu lösen. Dadurch wußte ich endlich, für welchen der beiden einzigen zur Wahl stehenden Leistungskurse ich mich entscheiden sollte, der Mathematik, nicht der englischen Sprache, sollte mein Hauptaugenmerk im letzten Schuljahr gelten.
Unaufhaltsam rückte es näher, und im August des Jahres 1991 saßen wir erstmals in neuer Mischung beieinander, die Schüler der einstigen Parallelklassen, die sich für das Abitur qualifiziert hatten. Es dauerte nur wenigen Wochen, bis sich ein starker Zusammenhalt in der neuen Klasse gebildet hatte, geeint durch das gemeinsame Ziel, das uns voll beanspruchte, fanden wir zueinander. An die Stelle eines sinnlosen Konkurrenzkampfes setzten wir gemeinsames Lernen, hielten so dem Prüfungsdruck stand und knüpften echte Freundschaften. Für mich stand dabei ganz klar die Backbench im Vordergrund, die letzte Reihe, in der vier Jungs aus dem Mathe LK saßen, Ralf, genannt "Ray, der Marxist", Wolfgang, genannt "Wolle, der Wurstfabrikant", Johannes, genannt "Hannes der Marlboroman" und ich, die "1,0". Ich habe mich nie mehr so wohl in einer Gruppe gefühlt, wie in diesem Jahr in unserer Klasse. Die Zeit verging schließlich wie im Flug, und die meisten von uns konnten zufrieden auf ein schönes und erfolgreiches Jahr zurückblicken, wir hatten uns nicht unterkriegen lassen.
Ich denke ebenso gerne an mein Abiturjahr zurück, wie an die Oberstufenzeit. Kein Wunder also, daß ich nach dem erfolgreichen Abschluß meiner Schulzeit nicht nur fröhlich gestimmt war. Dies bedeutete für mich zugleich die Trennung vom bislang wichtigsten Abschnitt meines Lebens, von der Schule, die zum Inbegriff meiner Jugend geworden ist. Schon bald mußte ich erkennen, daß Idealismus und Engagement, Tugenden, die ich an meiner Schule als prägend empfand, in der heutigen Gesellschaft weitaus weniger verbreitet sind, als ich gehofft hatte. Ich bemerkte erst jetzt, wie andersartig ich als Waldorfschüler die Welt sah, wie anders ich fühlte und dachte. Mit meinen Mitschülern und Lehrern hatte mich eine Art Grundkonsens verbunden, der nun völlig fehlte. Ich hatte deswegen manche Krise zu bestehen, doch mein Wille im Rahmen meiner bescheidenen Möglichkeiten gesellschaftliche Veränderungen zu erstreben, ist noch immer ungebrochen - welchen Sinn könnte das Leben sonst bieten? ....

