Montag, 30. Mai 2011

Der Zusammenhang zwischen dem Geburtenrückgang und der sinkenden Zahl von Storchenpaaren


Von Rolf Dobelli

Für die Bewohner der Äußeren Hebriden, einer Inselkette im Norden Schottlands, gehörten Läuse im Haar zum Leben. Verließen die Läuse ihren Wirt, wurde er krank und bekam Fieber. Um das Fieber zu vertreiben, wurden kranken Menschen deshalb absichtlich Läuse ins Haar gesetzt. Der Erfolg gab den Inselbewohnern augenscheinlich recht: Sobald die Läuse sich wieder eingenistet hatten, ging es dem Patienten besser.

Eine Untersuchung der Feuerwehreinsätze in einer deutschen Stadt ergab, dass der Brandschaden mit der Anzahl der jeweils eingesetzten Feuerwehrleute korrelierte: Je mehr Feuerwehrleute im Einsatz standen, desto größer der Brandschaden. Der Bürgermeister verhängte sofort einen Einstellungsstopp und kürzte den Etat.

Beide Geschichten stammen aus dem Buch „Der Hund, der Eier legt“, und sie zeigen die Verwechslung von Ursache und Wirkung. Die Läuse verlassen den Kranken, weil er Fieber hat – sie bekommen ganz einfach heiße Füße. Wenn das Fieber abgeklungen ist, kommen sie gern wieder. Und je größer der Brand, desto mehr Feuerwehrleute werden eingesetzt – selbstverständlich nicht umgekehrt.

Wir mögen über diese Geschichten schmunzeln, doch die falsche Kausalität führt uns fast täglich in die Irre. Nehmen wir die Schlagzeile: „Gute Mitarbeitermotivation führt zu höherem Unternehmensgewinn.“ Tatsächlich? Oder sind die Mitarbeiter vielleicht motivierter, weil es der Firma so gut geht? Autoren von Wirtschaftsbüchern und Berater operieren oft mit falschen – oder zumindest ungesicherten – Kausalitäten.

Es gab in den neunziger Jahren niemanden in der Finanzwelt, der heiliger war als der damalige Chef der US-Notenbank, Alan Greenspan. Seine obskuren Äußerungen verliehen der Geldpolitik den Nimbus einer Geheimwissenschaft, die das Land auf dem sicheren Pfad der Prosperität hielt. Politiker, Journalisten und Wirtschaftsführer vergötterten Greenspan. Heute wissen wir, dass die Kommentatoren einer falschen Kausalität zum Opfer gefallen waren. Amerikas Symbiose mit China – dem globalen Billigproduzenten und Gläubiger der amerikanischen Schulden – spielte eine viel wichtigere Rolle. Überspitzt ausgedrückt: Greenspan hatte einfach Glück, dass die Wirtschaft zu seiner Zeit so gut funktionierte.

Ein weiteres Beispiel: Wissenschaftler haben festgestellt, dass lange Verweilzeiten im Krankenhaus für den Patienten nachteilig sind. Eine gute Nachricht für alle Krankenkassen, denen daran gelegen ist, die Aufenthaltsdauer ihrer Versicherten möglichst kurz zu halten. Aber natürlich sind Patienten, die gleich wieder entlassen werden, gesünder als solche, die lange bleiben müssen. Das liegt aber nicht daran, dass der lange Aufenthalt ungesund wäre.

Oder nehmen Sie diese Headline: „Wissenschaftlich erwiesen: Frauen, die täglich das Shampoo XYZ verwenden, haben kräftigeres Haar.“ Der Zusammenhang kann wissenschaftlich erhärtet sein, besagt aber trotzdem nichts. Schon gar nicht, dass Shampoo ihr Haar kräftiger macht. Genauso gut kann es nämlich sein, dass Frauen mit kräftigem Haar tendenziell das Shampoo XYZ verwenden (vielleicht weil dort draufsteht: „speziell für kräftiges Haar“).

Letzthin habe ich gelesen, dass Schüler, die aus bücherreichen Haushalten stammen, bessere Schulnoten erzielen. Diese Studie habe dazu geführt, dass Eltern wie wild Bücher gekauft hätten. Ein schönes Beispiel für falsche Kausalität. Wahr ist: Gebildeten Eltern ist die Ausbildung ihrer Kinder tendenziell wichtiger als ungebildeten. Und gebildete Eltern haben tendenziell mehr Bücher zu Hause stehen als ungebildete. Nicht die Bücher geben den Ausschlag, sondern der Bildungsgrad der Eltern – und deren Gene.

Das wohl schönste Beispiel einer falschen Kausalität ist der Zusammenhang zwischen dem Geburtenrückgang und der sinkenden Zahl von Storchenpaaren in Deutschland. Wenn man die beiden Entwicklungslinien zwischen 1965 bis 1987 aufzeichnet, liegen sie fast perfekt aufeinander. Stimmt es also doch, dass der Storch die Kinder bringt? Wohl nicht, denn das ist eine rein zufällige Korrelation und sicher keine Kausalität.

Fazit: Zusammenhang ist nicht Kausalität. Schauen Sie genau hin. Manchmal verläuft der Pfeil des Einflusses just in die Gegenrichtung. Und manchmal gibt es überhaupt keinen Pfeil – wie bei den Störchen und den Babys.

Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 23.05.2011 Seite 28

Sonntag, 22. Mai 2011

Wie man sich mit fremden Federn schmückt

Man stelle sich vor, es wohnt in der Nachbarschaft ein Handwerker, der tüchtig arbeitet. Er beginnt sein Haus zu verschönern und auszubauen.

Daneben wohnt einer, bei dem weiß man nicht so recht, wovon er lebt. Er spricht viel und laut von seinen Plänen und Vorhaben. Er weiß immer, was die anderen alles falsch machen und wie man es richtig machen müsste. Es meint auch, wenn man ihm Geld gäbe, dann würde er schon seine Pläne umsetzen können und damit die ganze Welt verbessern, nur bisher habe es noch nicht die richtigen Möglichkeiten für ihn gegeben.

Als Beweis dafür, dass an seinen Reden etwas dran sei, führt er, wenn er mit seiner Rederei durch die Welt zieht, nun kurioserweise seinen Nachbarn an. Er verkündet: „Leute seht einmal, was ich für ein toller Kerl bin! Mein Nachbar, der Handwerker verdient glänzend! Er baut sogar sein Haus aus! Also übergebt mir die Verantwortung für die Verbesserung der Welt und das nötige Geld dazu, dann wird es bald allen so gut gehen, wie meinem wohlhabenden Nachbarn.“

Was hier so ganz unmöglich und ungereimt klingt, das fällt aber fast keinem der Menschen auf, die ihm zuhören. Fast alle glauben ihm.

Es geht sogar noch weiter:

Der arbeitsame Nachbar, der Handwerker, ist sich seiner eigenen Überzeugung nicht ganz sicher, er lässt sich von dem Großsprecher und Vielredner aufs Glatteis führen und gibt ihm wirklich etwas Geld, weil er denkt, an dessen großen Reden sei etwas dran und er könnte wirklich etwas Gutes in der Welt bewirken, wenn man ihm Geld gäbe.

Dieser hier geschilderte Vorgang ist ein alltäglicher in unserem heutigen gesellschaftlichen und politischen Leben.

Auf einem Plakat einer großen politischen Partei ist gerade etwa sinngemäß folgendes zu lesen:
„Wir bringen Deutschland voran. Soundsoviel Prozent mehr Wirtschaftsleistung in soundsoviel Jahren. Soundsoviel Prozent weniger Arbeitslose...!“
Es suggeriert, dass die wirtschaftliche Entwicklung direkt etwas mit der Politik zu tun habe. Obwohl jeder weiß, dass das zwei ganz verschiedene Dinge sind. Und täglich beweist die wirtschaftliche Entwicklung, dass sie von ganz anderen Dingen abhängig ist. Nämlich von Prozessen, die sich im wirtschaftlichen Leben selber abspielen, nicht im Politischen. Die Wirtschaft ist in Wahrheit erstaunlich resistent gegenüber der jeweiligen Politik. Man kann sagen, trotz der politischen Einflussnahme auf die Wirtschaft, entwickelt sich die Wirtschaft. Und trotz Politik bricht sie gelegentlich völlig zusammen.

Montag, 16. Mai 2011

Warum Sie Auktionen meiden sollten wie der Teufel das Weihwasser - auch für Ebay wichtig!

Von Rolf Dobelli


Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 09.05.2011 Seite 28

Texas, in den fünfziger Jahren. Ein Stück Land wird versteigert. Zehn Ölfirmen bieten mit. Jede hat ihre eigene Schätzung gemacht, wie viel das Ölvorkommen wert sein könnte. Die tiefste Schätzung liegt bei zehn Millionen Dollar, die höchste bei hundert Millionen Dollar. Je höher der Preis während der Auktion klettert, desto mehr Firmen verabschieden sich aus dem Bieterwettkampf. Schließlich bekommt die Firma mit dem höchsten Angebot den Zuschlag. Sie ist übrig geblieben, hat gewonnen. Champagnerkorken knallen.

The Winner’s Curse (deutsch: der Fluch des Gewinners) besagt: Der Gewinner einer Auktion ist meistens der eigentliche Verlierer. Industrieanalysten stellten fest, dass die Firmen, die regelmäßig als Gewinner aus den Ölfeld-Auktionen hervorgingen, systematisch zu viel bezahlten und Jahre später daran zugrunde gingen. Das ist nachvollziehbar. Wenn die Schätzungen zwischen zehn und hundert Millionen variieren, wird der wirkliche Wert meistens irgendwo dazwischen liegen. Das höchste Angebot ist bei Auktionen oft systematisch zu hoch – es sei denn, dieser Bieter hätte einen Informationsvorsprung. Das war damals in Texas nicht der Fall. Die Öl-Manager feierten in Wahrheit einen Pyrrhussieg.

Wo sind die Ölfelder heute? Überall. Von Ebay über Groupon bis hin zu Google AdWords – durchweg werden Preise über Auktionen festgesetzt. Es gibt Bieterwettkämpfe um Mobilfunkfrequenzen, die Telekomfirmen an den Rand des Ruins bringen. Flughäfen vermieten ihre Ladenflächen im Auktionsverfahren. Und wenn Aldi ein neues Waschmittel einführen will und Offerten von fünf Lieferanten einfordert, ist das nichts anderes als eine Auktion – mit der Gefahr des Winner‘s Curse.

Die „Auktionierung des Alltags“ hat dank Internet mittlerweile auch die Handwerker erreicht. Meine Wohnung brauchte einen neuen Anstrich. Statt den nächstbesten Maler in Luzern anzurufen, stellte ich den Job ins Internet, wo sich dreißig Anbieter aus der ganzen Schweiz und Deutschland um den Auftrag stritten. Das beste Angebot war so tief, dass ich es aus Erbarmen nicht annahm – um den armen Maler vor dem Winner’s Curse zu schützen.

Auch Börsengänge sind Auktionen, bei denen überrissene Preise bezahlt werden. Und wenn Firmen andere Firmen kaufen – sogenannte Mergers & Acquisitions – ist vielfach der Winner’s Curse im Spiel. Mehr als die Hälfte aller Firmenkäufe vernichten Wert, was nichts anderes bedeutet, als dass sich ihr Kauf nicht im Geringsten gelohnt hat.

Warum fallen wir dem Winner’s Curse zum Opfer? Zum einen, weil der wirkliche Wert eines Gutes unbestimmt ist. Je mehr Parteien, desto höher die Wahrscheinlichkeit einer allzu optimistischen Offerte. Zum anderen, weil wir Konkurrenten ausstechen wollen. Ein Freund besitzt eine Fabrik für Mikroantennen. Er hat mir vom ruinösen Bieterwettkampf erzählt, den Apple für das iPhone veranstaltet. Jeder will der „offizielle Lieferant“ von Apple sein – und wer auch immer den Zuschlag erhält, läuft Gefahr, viel Geld zu verlieren.
....
Beherzigen Sie den Tipp von Warren Buffett: „Nehmen Sie niemals an Auktionen teil.“ Geht nicht, denn Sie arbeiten in einer Branche, in der Auktionen unumgänglich sind? Dann legen Sie einen Höchstpreis fest und ziehen davon zwanzig Prozent für den Winner’s-Curse-Effekt ab. Schreiben Sie diese Zahl auf ein Blatt Papier. Und: Halten Sie sich eisern daran!"

Sonntag, 8. Mai 2011

Zu meiner Großmutter Zeiten

"Eilende Wolken, Segler der Lüfte
Wer mit euch wanderte, wer mit euch schiffte..
der käm woanders hin..
Kommentar unserer Großmutter, die niemals reiste,
wenn man sie nicht aussiedelte:
Warum, Bruder, sind wir so bewegungssüchtig?"

Aus Christa Wolf - nuancen von grün - S.99
(Geschenk von Annemarie)

Samstag, 7. Mai 2011

Gewicht und Gegengewicht

Vor 150 Jahren
Das M.I.T. und Rudolf Steiner

Wenn man sich zwei Waagschalen an einer Balkenwaage vorstellt, und man legt auf die eine Schale ein Gewicht, so wird dieses durch ein Gegengewicht ins Gleichgewicht gebracht.
Auch in der Welt braucht es bei allem dieses Prinzip. Gäbe es immer nur die eine Seite der Medaille, dann würde die Welt aus dem Gleichgewicht geraten.
Der heutige Materialismus, das Finanzsystem, die Macht der Ökonomie braucht ein Gegengewicht, dieses muss spirituell-geistiger Natur sein.




Vor 150 Jahren, am 10.April 1861 wurde das M.I.T., Massachusetts Institute of Technologie, gegründet. Es ist wohl die größte intellektuelle Schmiede heutiger technischer Errungenschaften auf der Welt. Dort arbeitete Alexander Graham Bell an der Entwicklung des Telefons, Tim Berners-Lee am World Wide Web und Noam Chomsky an der modernen Linguistik. Die chemische Industrie, die Biotechnologie, die Rüstungsindustrie usw. auf der ganzen Welt sähen völlig anders aus, wenn es die Forschungen und Entwicklungen M.I.T. nicht gäbe.

Im Februar 1861 wurde Rudolf Steiner geboren, die von ihm entwickelte Geisteswissenschaft und mit ihr der Goetheanismus, stellt das notwendige Gegengewicht im Zeitenlauf dar.