Montag, 31. Januar 2011

Wer die Wahl hat, hat die Qual...

Klarer Denken
Warum Sie nie glauben sollten, Sie könnten die perfekte Wahl treffen
Von Rolf Dobelli

Meine Schwester und ihr Mann haben eine Wohnung im Rohbau gekauft. Seither können wir nicht mehr normal miteinander plaudern. Seit zwei Monaten dreht sich alles nur noch um die Kacheln fürs Badezimmer. Keramik, Granit, Marmor, Metall, Kunststein, Holz, Glas und Laminat in allen Spielarten stehen zur Auswahl. Noch selten habe ich meine Schwester in einer solchen Qual erlebt. „Die Auswahl ist einfach zu groß!“, sagt sie, ringt die Hände und wendet sich wieder dem Katalog der Plattenmuster zu, ihrem ständigen Begleiter.

Ich habe nachgezählt und nachgefragt. Das Lebensmittelgeschäft in meiner Nachbarschaft bietet 48 Sorten Joghurt, 134 verschiedene Rotweine, 64 Arten von Reinigungsprodukten, insgesamt etwa 30 000 Artikel. Bei Amazon sind zwei Millionen Buchtitel lieferbar. Dem heutigen Menschen stehen über fünfhundert psychische Krankheitsbilder, tausend verschiedene Berufe, fünftausend Feriendestinationen und eine unendliche Vielfalt an Lebensstilen zur Verfügung. Mehr Auswahl war nie.

Als ich klein war, gab es bei uns zu Hause drei Arten von Joghurt, drei Fernsehkanäle, zwei Kirchen, zwei Sorten Käse (Tilsiter scharf oder mild), eine Sorte Fisch (Forelle) und eine Art von Telefonapparat – von der Schweizerischen Post zur Verfügung gestellt. Der schwarze Kasten mit der Wählscheibe konnte nichts anderes als telefonieren, und das reichte damals völlig. Wer heute einen Handy-Laden betritt, droht in einer Lawine an Handymodellen und Tarifvereinbarungen zu ersticken.

Und doch: Auswahl ist die Messlatte des Fortschritts. Auswahl ist, was uns von der Planwirtschaft und der Steinzeit unterscheidet. Ja: Auswahl macht glücklich. Es gibt allerdings eine Grenze, bei der zusätzliche Auswahl Lebensqualität vernichtet. Der Fachbegriff dafür lautet The Paradox of Choice. Auf Deutsch etwa: Das Auswahl-Paradox.

In seinem Buch „Anleitung zur Unzufriedenheit“ beschreibt der amerikanische Psychologe Barry Schwartz, warum das so ist. Er nennt drei Gründe. Erstens: Große Auswahl führt zu innerer Lähmung. Ein Supermarkt stellte 24 Sorten Konfitüre zum Probieren auf. Die Kunden konnten nach Belieben degustieren und die Produkte mit Rabatt kaufen. Am folgenden Tag führte der Supermarkt dasselbe Experiment mit nur sechs Sorten durch. Das Ergebnis? Es wurde zehn Mal mehr Konfitüre verkauft als am ersten Tag. Warum? Bei einem großen Angebot kann sich der Kunde nicht entscheiden, und so kauft er gar nichts. Der Versuch wurde mehrmals mit verschiedenen Produkten wiederholt, das Resultat war stets dasselbe.

Zweitens: Große Auswahl führt zu schlechteren Entscheidungen. Fragt man junge Menschen, was ihnen an einem Lebenspartner wichtig ist, zählen sie all die ehrenwerten Eigenschaften auf: Intelligenz, gute Umgangsformen, ein warmes Herz, die Fähigkeit zuzuhören, Humor und physische Attraktivität. Aber werden diese Kriterien bei der Auswahl wirklich berücksichtigt? Während früher in einem Dorf durchschnittlicher Größe für einen jungen Mann etwa zwanzig potentielle Frauen in derselben Altersklasse zur Auswahl standen, die er zumeist schon aus der Schule kannte und entsprechend einschätzen konnte, stehen heute, im Zeitalter des Online-Dating, Millionen potentieller Partnerinnen zur Verfügung. Der Auswahlstress ist so groß, dass das männliche Hirn die Komplexität auf ein einziges Kriterium schrumpft – und das ist, empirisch nachweislich, die „physische Attraktivität“.

Drittens: Große Auswahl führt zu Unzufriedenheit. Wie können Sie sicher sein, dass Sie aus zweihundert Optionen die perfekte Wahl getroffen haben? Antwort: Sie können es nicht. Je mehr Auswahl Sie haben, desto unsicherer und damit unzufriedener sind Sie nach der Wahl.

Was tun? Überlegen Sie genau, was Sie wollen, bevor Sie die bestehenden Angebote mustern. Schreiben Sie Ihre Kriterien auf, und halten Sie sich unbedingt daran. Und rechnen Sie damit, dass Sie nie die perfekte Wahl treffen. Maximieren ist – angesichts der Flut an Möglichkeiten – irrationaler Perfektionismus. Geben Sie sich mit einer „guten Lösung“ zufrieden. Ja, auch in puncto Lebenspartner. Nur das Beste ist gut genug? Im Zeitalter unbeschränkter Auswahl gilt eher das Gegenteil: „Gut genug“ ist das Beste.

Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 24.01.2011 Seite 27

Sonntag, 30. Januar 2011

Urteil über Literatur

"Ich lese nicht allzu viel Gegenwartsliteratur, aber ich bin der König des ersten Kapitels: Ich habe von fast allem, was rauskommt, mindestens das erste Kapitel gelesen. Oder eine Seite oder einen Absatz. Der Segen des Älterwerdens: Man braucht nur noch einen Absatz, um zu wissen, dass einen etwas nicht interessiert."

Wolfgang Herrndorfer in einem Interview in der FAZ, 29.1.2011, Seite Z6


Dieses Zitat drückt aus, wie man mit zunehmender Leseerfahrung schon am Stil des Schreibens den Wert eines Buches für sich beurteilen lernt. Wohl kennt man nicht nach einigen Absätzen den ganzen Inhalt, aber man spürt, ob einem das Buch etwas bedeuten kann oder nicht.

Freitag, 28. Januar 2011

Antike Technologie

9. Januar 2011
Siehe Erklärung. Ein Klick auf das Bild lädt die höchstaufgelöste verfügbare Version.
Der Mechanismus von Antikythera
Credit und Bildrechte:
 Wikipedia
Beschreibung: Was ist das? Es wurde auf dem Grund des Meeres an Bord eines antiken griechischen Schiffes gefunden. Seine offensichtliche Komplexität löste Jahrzehnte an Untersuchungen aus, obwohl einige seiner Funktionen unbekannt blieben. Kürzlich durchgeführte Röntgenuntersuchungen des Apparats bestätigten nun den Zweck des Mechanismus von Antikythera und zeigten mehrere überraschende Funktionen auf. Der Mechanismus von Antikythera war, wie sich herausstellte, ein mechanischer Computer mit einer Genauigkeit, die für die damalige Zeit für unmöglich gehalten wurde - das Schiff, auf dem er sich befand, sank im Jahr Jahr 80 v.Chr. Es galt die Ansicht, dass eine so fortschrittliche Technologie erst 1000 Jahre entwickelt wurde. Seine Räder und Getriebe bilden eine tragbare Planetenmaschine des Himmels, die sowohl die Stern- und Planetenstände vorausberechnete als auch Mond- undSonnenfinsternisse. Der oben gezeigte Mechanismus von Antikythera ist 33 Zentimeter hoch und hat ähnliche Ausmaße wie ein großes Buch.

Dienstag, 25. Januar 2011

Ätna

Feuerschleuder

Zur Großansicht
REUTERS
Der Ätna hat Sizilien ein atemberaubendes Feuerwerk beschert: In der Nacht zum Donnerstag hat der Vulkan bei einem kurzen Ausbruch Asche und Lava rausgeschleudert. Spektakuläre Gesteins- und Feuerfontänen schossen in den Himmel. Nach zwei Stunden war das Schauspiel schon wieder vorbei. An der Ostflanke des Bergs floss Lava hinunter, verletzt wurde nach Angaben der Behörden aber niemand.

Samstag, 22. Januar 2011

Der gute Vorsatz

Wie war dein Tag, Schatz?
Von Georg M. Oswald

Fesch hielt nichts von guten Vorsätzen zu Silvester, lachte verächtlich über Leute, die welche fassten, sagte, man müsse tagtäglich an sich arbeiten, nicht nur einmal im Jahr, und hatte sich, obwohl er es nicht laut zugegeben hätte, doch insgeheim eine ganze Menge vorgenommen.

Das Wichtigste war, fand er, sich weniger stressen zu lassen. Es galt, die eigene Mitte zu finden und seine so gewonnene innere Ruhe quasi nach außen abzugeben. Ganz automatisch hätte er dann wohl auch mehr Zeit für die Familie. Wenn er das Gefühl hatte, sie zu vernachlässigen, quälte ihn nämlich ein viel schlechteres Gewissen, als wenn es im Job drunter und drüber ging. Schließlich kam es doch darauf an, sich für die wirklich wichtigen Dinge im Leben Zeit zu nehmen. Man musste fit bleiben, sich mehr bewegen, sich mehr Zeit für sich selbst nehmen, alte Hobbys wieder anpacken, meine Güte, mit was für tollen Dingen man sich früher mal beschäftigt hatte! Natürlich musste man sich auch gesünder ernähren und abnehmen, was unweigerlich auch bedeutete: weniger Alkohol trinken und nicht mehr rauchen.

All dies nahm Fesch sich vor, was, zugegeben, eine Menge war, aber er wusste, tagtäglich musste man seine Vorsätze erneuern, nicht nur einmal im Jahr, und genau das wollte er beherzigen, ganz im Stillen, ganz für sich.

Als er dann jedoch beim Lesen einer Statistik erkennen musste, dass seine wichtigsten zehn Vorsätze nach Inhalt und Reihenfolge exakt dem gesellschaftlichen Durchschnitt entsprachen, fühlte er sich auf unerklärliche Weise niedergeschlagen. Es verunsicherte ihn nicht minder, dass die große Mehrheit der Befragten von sich behauptete, nicht wirklich etwas von guten Vorsätzen zu Silvester zu halten.

Die Berichterstattung über das Durchhaltevermögen seiner Landsleute aber demoralisierte ihn vollends. Gerade die Hälfte der Deutschen behauptete, ihre guten Vorsätze länger als drei Monate durchzuhalten. Von da an erschien es ihm geradezu zwingend, spätestens nach zwölf Wochen wieder gestresst, aber regungslos auf dem Wohnzimmersofa zu sitzen, während der Rest der Familie sonstwo unterwegs war. Auf der Suche nach der Fernbedienung würde er diese besonders leckeren englischen Salt and Vinegar Chips in sich hineinstopfen, die eine unbezwingbare Lust auf Bier und Zigaretten machten, und sich fluchend fragen, wieso er keine Minute Zeit für sich hatte.

Und er würde darüber sinnieren, wie Nietzsche eigentlich auf die Idee kommen konnte, die ewige Wiederkunft des Gleichen als Grundlage höchster Lebensbejahung zu betrachten.

Der Autor ist Schriftsteller und Rechtsanwalt und lebt in München.

Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 15.01.2011 Seite C1

Freitag, 21. Januar 2011

Und Sie ? Haben Sie ihr Leben im Griff?

Klarer Denken
Weshalb Sie viel weniger unter Kontrolle haben, als Sie denken
Von Rolf Dobelli

Jeden Tag, kurz vor neun Uhr, stellt sich ein Mann mit einer roten Mütze auf einen Platz und beginnt, die Mütze wild hin und her zu schwenken. Nach fünf Minuten verschwindet er wieder. Eines Tages tritt ein Polizist vor ihn: „Was tun Sie da eigentlich?“ „Ich vertreibe die Giraffen.“ „Es gibt keine Giraffen hier.“ „Tja, ich mache eben einen guten Job.“

Ein Freund. mit Beinbruch ans Bett gefesselt, bat mich, für ihn einen Lottoschein zu kaufen. Ich kreuzte sieben Zahlen an und schrieb seinen Namen drauf. Als ich ihm den Lottozettels überreichte, sagte er unwirsch: „Warum hast du den Zettel ausgefüllt? Ich wollte ihn ausfüllen. Mit deinen Zahlen werde ich bestimmt nichts gewinnen!“ „Denkst du wirklich, du kannst die Kugeln durch dein eigenhändiges Ankreuzen beeinflussen?“, fragte ich. Er schaute mich verständnislos an.

Im Casino werfen die meisten Menschen die Würfel möglichst kraftvoll, wenn sie eine hohe Zahl brauchen, und möglichst sanft, wenn sie auf eine tiefe hoffen. Was natürlich ebenso Unsinn ist wie die Hand- und Fussbewegungen von Fussballfans, die tun, als könnten sie selbst ins Spiel eingreifen. Diese Illusion teilen sie mit vielen Menschen: Sie wollen die Welt beeinflussen, indem sie gute Gedanken (Schwingungen, Energie, Karma) verschicken.

Die Kontrollillusion ist die Tendenz, zu glauben, dass wir etwas kontrollieren oder beeinflussen können, über das wir objektiv keine Macht haben. Entdeckt wurde sie 1965 von den beiden Forschern Jenkins und Ward. Die Versuchsanordnung war einfach: zwei Schalter und ein Licht, das entweder an oder aus war. Jenkins und Ward konnten einstellen, wie stark die Schalter und das Licht miteinander korrelierten. Selbst in den Fällen, in denen das Lampenlicht vollkommen zufällig an- oder ausging, waren die Versuchsteilnehmer überzeugt, durch das Drücken der Schalter das Licht irgendwie beeinflussen zu können.

Ein amerikanischer Wissenschaftler hat die akustische Schmerzempfindlichkeit untersucht, in dem er Menschen in einen Schallraum einschloss und den Lautstärkepegel kontinuierlich erhöhte, bis die Probanden abwinkten. Es standen zwei identische Schallräume A und B zur Verfügung – mit einem Unterschied: Raum B hatte einen roten Panik-Knopf an der Wand. Das Ergebnis? Menschen im Raum B ertrugen deutlich mehr Lärm. Der Witz war, dass der Panik-Knopf nicht einmal funktionierte. Die Illusion allein genügte, um die Schmerzgrenze zu heben. Wenn Sie Alexander Solschenizyn, Victor Frankl oder Primo Levi gelesen haben, dürfte Sie dieses Ergebnis nicht überraschen. Die Illusion, dass man das eigene Schicksal doch ein klein wenig beeinflussen kann, ließ diese Gefangenen jeden Tag von neuem überleben.

Wer als Fußgänger in Manhattan die Straße überqueren will und auf den Knopf der Ampel drückt, drückt auf einen Knopf ohne Funktion. Warum gibt es ihn dann überhaupt? Um die Fussgänger glauben zu machen, sie hätten einen Einfluss auf die Signalsteuerung. So ertragen sie die Warterei vor der Ampel nachweislich besser. Dasselbe gilt für die „Tür auf/Tür zu“-Knöpfe in vielen Aufzügen, die nicht mit der Liftsteuerung verbunden sind. Die Wissenschaft nennt sie „Placebo-Knöpfe“. Oder nehmen Sie die Temperaturregulierung in Grossraumbüros: Den einen ist es zu heiss, den anderen zu kalt. Clevere Techniker machen sich die Kontrollillusion zu Nutze, indem sie auf jeder Etage einen funktionslosen Temperaturregulierungsknopf anbringen. Die Anzahl der Reklamationen geht damit deutlich zurück.

Notenbanker und Wirtschaftsminister spielen auf einer ganzen Klaviatur von Placebo-Knöpfen. Dass die Knöpfe nicht funktionieren, sieht man seit zwanzig Jahren in Japan und seit drei Jahren in den Vereinigten Staaten. Und doch lassen wir den Wirtschaftslenkern die Illusion – und sie uns. Es wäre für alle Beteiligten unerträglich, sich einzugestehen, dass die Weltwirtschaft ein grundsätzlich unsteuerbares System ist.

Und Sie? Haben Sie Ihr Leben im Griff? Wahrscheinlich weniger, als Sie denken. Glauben Sie nicht, Sie seien ein stoisch-kontrollierter Marc Aurel. Wahrscheinlich ähneln Sie eher dem Mann mit der roten Mütze. Deshalb: Konzentrieren Sie sich auf die wenigen Dinge, die Sie wirklich beeinflussen können – und von denen wiederum konsequent nur auf die wichtigsten. Alles andere lassen Sie einfach geschehen.
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Der Schriftsteller Rolf Dobelli, Jahrgang 1966, ist Gründer und Kurator des Forums „Zurich .Minds“. Im Herbst erschien sein Roman „Massimo Marini“.


Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 20.12.2010 Seite 28

Donnerstag, 20. Januar 2011

Himmelskunde:

31. Dezember 2010
Siehe Erklärung. Ein Klick auf das Bild lädt die höchstaufgelöste verfügbare Version.
Analemma 2010


Bildcredit und Bildrechte: Tamas Ladanyi (TWAN)

Beschreibung: Wenn Sie auf das Jahr zurückblicken, fragen Sie sich da, wo die Sonne jeden Tag des Jahres 2010 um genau 9 Uhr Universal Time (UT) am Himmel stand? Natürlich tun Sie das. Suchen Sie nicht weiter nach einer Antwort! Sie stand irgendwo auf dieser himmlischen Achterschleife, die als Analemma bekannt ist. Dieses Analemma-Kompositbild, das im Garden eines Wohnhauses in der kleinen Stadt Veszprem in Ungarn aufgenommen wurde, besteht aus 36 Einzelbildern der Sonne, die in über das Jahr verteilten regelmäßigen Zeitabständen um 9:00 UT aufgenommen wurden, sowie einem Hintergrundbild, das ohne Sonnenfilter gemacht wurde. Das Hintergrundbild wurde am sonnigen Nachmittag des 9. Oktober (13:45 UT) aufgenommen. Links ist der Schatten des Fotografen zu sehen. Die Positionen der Sonne an den Sonnwendtagen von 2010 sind das obere (21. Juni) und das untere (21. Dezember) Ende der Analemmakurve. Zur Tag- und Nachtgleiche (20. März, 23. September) stand die Sonne auf halbem Weg der Kurve zwischen den Sonnenwenden. Die Neigung der Erdachse und die Schwankung der Geschwindigkeit bei ihrer Bewegung entlang ihrer elliptischen Bahn ergeben zusammen die zierliche Analemmakurve.

Sonntag, 16. Januar 2011

Perfektionismus? - 80% reichen auch

In ihrem nie endenden Drang, alles erstklassig zu machen, gehen Perfektionisten sich und anderen auf die Nerven. Dabei hat ordentliches Mittelmaß durchaus gewisse Vorteile.

Von Ursula Kals

01. Januar 2011

Das Leben ist ein Kindergarten. Morgens in Unterhaching bei München: Frau P. ist pünktlich wie immer, ihre Stiefel blitzen, auch Tochter Fiona erscheint wie aus dem Ei gepellt in ihrem entzückenden Cape. Selbstverständlich ist das Höher-schneller-weiter-Kind bereits in der musikalischen Frühförderung. Ein artiger Abschiedskuss für Mama, die Richtung München fährt. Dort wird sie den Tag über arbeiten, ihr Büro dann um 17 Uhr verlassen, die Tochter abholen, Kürbissuppe kochen, mit dem Gatten ein Glas Wein trinken und bis Mitternacht über den Akten sitzen – das lässt sie gerne verlauten. Frau P. lebt ihren Drang nach Vollkommenheit aus. Sie ist leistungsorientiert, eine perfekte Mutter, Ehefrau und Juristin.

Und keiner mag die Frau so recht. Nicht nur, dass sie einen Hauch verkniffen wirkt. Sie gibt den anderen das latente Gefühl, Dinge nicht im Griff zu haben, nicht den widerspruchsfreudigen Vierjährigen, nicht den knappen Abgabetermin der Kostenkalkulation, nicht den entnervten Partner, der müde von der Dienstreise heimkehrt. Das Leben rumpelt halt so vor sich hin.

„Ein Großteil der Leute ist nicht mal ehrlich zu sich selbst“

Dabei sei vieles Schein bei all jenen, die nach außen so perfekt wirkten. Davon ist der 39 Jahre alte Münchner Jo Kupfer* überzeugt: „In meinem Bekanntenkreis beobachte ich, dass angeblich alles so super ist. Leute übernehmen Führungspositionen, es läuft perfekt. Dann gehen sie oder müssen gehen, erst dann gestehen sie, dass gar nichts perfekt war. Schade, ein Großteil der Leute ist nicht mal ehrlich zu sich selbst. Schwäche zu zeigen geht überhaupt nicht. Da lassen sich Menschen von ihren Chefs fast mobben, nur weil sie die Raten fürs Haus abstottern müssen.“

Kupfer ist Bankkaufmann, Betriebswirt und hat ein Team von 25 Mitarbeitern bei einem Tochterunternehmen eines Dax-Konzerns geleitet. 14 Jahre lang hat sich der gutaussehende, sportliche Mann um Perfektion bemüht und wollte allen gerecht werden: Seiner Frau und den Kindern, seinem geliebten Sport, in erster Linie aber seiner Geschäftsführung, die Dinge gegen den Willen der Mitarbeiter durchdrückte und erwartete, dass er Sonntagabend zur Vorbesprechung anreiste, wenn die Konferenz Montag begann.


„Ich habe in dem Unternehmen als Diplomand angefangen, war am Schluss Bereichsleiter in einer schwierigen Sandwichposition und hatte den Anspruch, alles, was ich mache, sehr gut zu machen. Das heißt die kurzfristig anberaumte Neun-Uhr-Präsentation habe ich nachts vorbereitet und wenn es bis drei Uhr in der Früh war.“ Trotz Telefonkonferenz am Wochenende sollte Zeit bleiben für die Familie und den Skisport. „Man versucht, alles reinzupacken. Mit Muße Zeitung zu lesen, das ging gar nicht. Mir ging es auch darum, ein perfektes Bild nach außen abzugeben“, sagt er heute selbstkritisch. Dazu passten immer weniger die zwei Kulturen, die er im Großkonzern erlebt hat: Die einen erwarteten Dauerpräsenz und perfektes Funktionieren. Unangenehmer aber seien die leidenschaftslosen Vorgesetzten gewesen, „denen war vieles egal, solange ihr Konto stimmte“.
„Perfektionismus ist häufig ein Wunsch nach Anerkennung“

Körperliche Erschöpfung brachte Jo Kupfer zum Umdenken. Vor gut einem Jahr hat er gekündigt. Seither arbeitet er als Interimsmanager, berät Firmengründer, hat einen Modeladen eröffnet und erfolgreich verkauft. Zur Zeit bewirbt er sich und möchte zurück in seinen alten Beruf, „aber unter anderen Prämissen. Ich möchte Arbeit und Stress in einen geregelten Ablauf bringen.“ Dazu gehört auch, dass er nach seiner „fairen“ Trennung von seiner Frau alle zwei Wochen freitags um 16 Uhr frei haben möchte für das Wochenende mit seinen Kindern. „Ich plane jetzt für mich selbst Termine ein und gewichte das entsprechend.“

Bestärkt hat ihn darin Eva Link, die als Persönlichkeitstrainerin arbeitet und oft Menschen erlebt, die an ihren perfektionistischen Maßstäben scheitern. „Der äußere Perfektionismus ist häufig ein Wunsch nach Anerkennung“, sagt die Münchnerin. Kürzlich hat sie einen angehenden Bankkaufmann getroffen, der seine Tage minutiös verplant und grübelt: „Arbeiten, Freunde, Fußballspielen, wie schnell ist dann mein Leben vorbei?“ Und er klagt: „Ich weiß nicht, wo die Zeit bleibt.“ Der Mann ist 17 Jahre alt. „Das hat mich berührt“, sagt Eva Link.

Getriebensein zeigt sich in Deutschland immer früher: Rund 25 Prozent der bis zu 18-Jährigen leiden an hohem Leistungsdruck und psychischen und psychosomatischen Problemen, zeigt eine Studie des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf. Das ist potentielle Kundschaft für Zeitlupenkurse, in denen man im Prinzip nichts macht außer essen, schlafen und sprechen. Und für Bücher mit launigen Titeln wie „Die Entdeckung der Faulheit“ und „Weniger Arbeiten, mehr Leben“.
Wo bitte ist der Ausstieg aus dem Hamsterrad?

Dass der Tag immer schneller vergehe, dieses Gefühl äußern viele Klienten von Eva Link. Der Druck von außen steigt: Was erwartet der Chef von mir? Mein Partner? Was erwarten die Freunde? „Es wird vorgegeben, was wir alles müssen.“ Wer gibt das vor? „Ich denke, das sind wir selbst.“ Wo bitte ist der Ausstieg aus dem Hamsterrad? „Wir sollten unsere inneren Muster und Glaubenssätze hinterfragen. Möchte ich wirklich joggen, ist das Genuss oder Pflichtprogramm?“

Anstatt mit seinen Schwächen zu hadern, sei es sinnvoller, sie zu akzeptieren, sich mit seinen Stärken beschäftigen und zu erkennen: „80 Prozent tun es auch.“ Kein einfacher Vorsatz für bekennende Ehrgeizige, die nicht nur von ihren Chefs Lob erhalten. Keine leichte Übung für Überarbeitete, die in ihrer kostbar-kurzen Freizeit Extremsportarten betreiben, um sich wieder selbst zu spüren, die an jedem Winterwochenende Richtung Alpen reisen, obwohl die Autobahnen schon morgens verstopft sind. Eva Link bestätigt: „Es ist ein langer Prozess, sich selbst einen Stopp zu geben und zu klären – was macht mir persönlich Druck, was ist mir wirklich wichtig.“
„Hinter Perfektionismusstreben verbirgt sich ein schlechtes Selbstwertgefühl“

Denn das Beste zu geben, das reicht Perfektionisten in ihrem Windmühlenkampf nicht. Stefanie Stahl stellt den 120-Prozentigen ein schlechtes Zeugnis aus und warnt vor den pathologischen Eigenschaften, hohe Standards zu verfolgen, eisern Fehler zu vermeiden, risikoaversiv und kontrollsüchtig zu sein. „Hinter Perfektionismusstreben verbirgt sich ein schlechtes Selbstwertgefühl und der Versuch, sich unangreifbar zu machen. Diese Menschen leben oft in der diffusen Angst, Fehler zu machen. Eine Sache perfekt zu machen gibt ihnen Sicherheit.“

Stahl klammert hierbei diejenigen aus, die „nicht überall glänzen möchten“, sondern aus Leidenschaft auf einem Gebiet Höchstleistungen erstreben, sei es in der Musik oder beim Sport. Vielmehr gehe es um jene, die in allen Rollen perfekt sein möchten, „sie rennen wie der Esel hinter der Mohrrübe immer den eigenen Ansprüchen hinterher und sind damit zwangsläufig frustriert“. Der Beste zu sein beschere zwar ein Überlegenheitsgefühl, aber auch Unfreiheit. „Diese Menschen denken oft in Kategorien, besser-schlechter, schöner-hässlicher, sie vergleichen viel und machen sich damit unglücklich.“

Im Extremfall, so hat die Gutachterin in der Arbeitswelt beobachtet, „sind das Korinthenkacker ohne Flexibilität, die sich aus Angst vor Vorgesetzten bis zur Unmenschlichkeit an Vorschriften klammern, damit ihnen kein Fehler nachgewiesen werden kann.“ Woher rührt dieses verkrampfte Streben? Stefanie Stahl sieht eine genetische Disposition, aber auch einen schlechten Erziehungsstil, wenn nämlich die elterliche Zuneigung an Bedingungen geknüpft ist und die Botschaft vermittelt: So wie du bist, bist du nicht okay. Geliebt wirst du nur für die 1 in Mathe.
„Viele erkennen nicht, was sie antreibt“

Wie entkommt man der Perfektionismusfalle? „Viele erkennen nicht, was sie antreibt. Sie sollten sich die Ursachen klar machen. Dann gilt, Gefahr erkannt ist fast Gefahr gebannt. Reflektieren ist einer der wichtigsten Schritte, sich von dem Problem zu befreien und seine Werte zu verschieben. Konkret: statt bis 20 Uhr im Büro zu sitzen, nach Hause gehen und mit den Kindern spielen“, rät Stahl.

Zurück in Unterhaching. Während Madame Perfekt ihr Büro ansteuert, hetzt Frau H. mit Sohn und ebenso wildem Strubbelhund an. So gerade eben erwischt die Alleinerziehende noch die offene Kindergartentür. Frau H. ist Buchhalterin, gilt dort als sehr genau, was man über ihren gemütlich-schlampigen Haushalt nicht sagen kann. Staubflockendiskussionen lacht sie weg. „Schon meine Hebamme hat gesagt: ,Entweder Sie haben eine saubere Küche oder einen zufriedenen Säugling.‘“ Frau H. wirkt unaufgeräumt, unperfekt und ziemlich glücklich. Zum Kinder-Yoga, wie Fiona, ist ihr Sohn nicht angemeldet.

* Name geändert

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Cyprian Koscielniak / F.A.Z.

Strahlende Korona

15. Januar 2011
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Eine totale Finsternis am Ende der Welt
Credit und Bildrechte:
 Fred Bruenjes (moonglow.net)
Beschreibung: Würden Sie ans Ende der Welt reisen um eine totale Sonnenfinsternis zu sehen? Wenn Sie das tun würden, wären Sie überrascht dort schon jemanden vorzufinden? 2003 standen die Sonne, der Mond, die Antarktis und zwei Fotografen während einer ungewöhnlichen totalen Sonnenfinsternis in der Antarktis in einer Reihe. Trotz des extremen Schauplatzes wagte sich eine Gruppe begeisterter Finsternisjäger ans untere Ende der Welt um das unwirkliche, flüchtige Verschwinden der Sonne hinter dem Mond zu erleben. Einer der gesammelten Schätze war das obige Bild - ein Komposit aus vier digital zusammengefügten Einzelbildern, das realistisch zeigen soll, wie das anpassungsfähige menschliche Auge die Finsternis sah. Als das Bild aufgenommen wurde, erreichten Mond und Sonne zusammen den höchsten Punkt über einem antarktischen Bergkamm. In der plötzlichen Dunkelheit wurde die prächtige Korona der Sonne um den Mond herum sichtbar. Eher zufällig ist ein weiterer Fotograf auf einem der Bilder zu sehen, als er seine Videokamera überprüfte. Links von ihm sind eine Ausrüstungstasche und ein Klappstuhl zu sehen.

Donnerstag, 13. Januar 2011

Trugschlüsse

Klarer Denken
Warum Sie mit der natürlichen Schwankung Ihrer Leistungen rechnen sollten
Von Rolf Dobelli

Seine Rückenschmerzen waren mal stärker, mal schwächer. Es gab Tage, an denen er sich vorkam wie ein junges Reh, und solche, an denen er sich kaum bewegen konnte. Wenn das der Fall war – zum Glück selten –, fuhr ihn seine Frau zum Chiropraktiker. Am Tag danach ging es ihm jeweils deutlich besser. Er empfahl seinen Therapeuten bei jeder Gelegenheit. Ein anderer Mann, jünger und mit einem beachtlichen Golf-Handicap (Mittelwert 12), schwärmte in ähnlich hohen Tönen von seinem Golflehrer. Wenn sein Spiel miserabel war, buchte er anschließend eine Stunde beim Pro, und siehe da, das nächste Mal schlug er wieder besser. Ein dritter Mann, Anlageberater bei einer renommierten Bank, erfand eine Art „Regentanz“, den er immer dann im Klo aufführte, nachdem seine Performance an der Börse in den tiefroten Bereich gerutscht war. So absurd er sich dabei vorkam, so förderlich schien ihm der Tanz: Seine Performance an der Börse verbesserte sich nachweislich. Was diese drei Männer verbindet, ist ein Trugschluss: der Regression-zur-Mitte-Irrtum.

Angenommen, Sie erleben gerade einen Kälterekord an Ihrem Wohnort. Mit großer Wahrscheinlichkeit wird die Temperatur in den folgenden Tagen ansteigen – in Richtung des monatlichen Mittelwerts. Dasselbe bei extremen Hitze-, Dürre- oder Regenperioden. Das Wetter schwankt um einen Mittelwert herum. Dasselbe gilt für chronische Schmerzen, Golf-Handicaps, Erfolg bei Börsenspekulationen, Glück in der Liebe, subjektives Wohlbefinden, berufliche Erfolge, Prüfungsnoten. Kurzum, die horrenden Rückenschmerzen hätten mit großer Wahrscheinlichkeit auch ohne Chiropraktiker abgenommen. Das Handicap hätte sich auch ohne Zusatzlektionen wieder bei 12 eingependelt. Und die Performance des Anlageberaters wäre auch ohne „Regentanz“ wieder in Richtung Durchschnitt gewandert.

Extreme Leistungen wechseln sich mit weniger extremen ab. Die erfolgreichste Aktie der letzten drei Jahre wird kaum mehr die erfolgreichste Aktie der nächsten drei Jahre sein. Deshalb auch die Angst vieler Sportler, wenn Sie es auf die Titelseiten der Zeitungen schaffen: Unbewusst ahnen sie, dass sie beim nächsten Wettkampf wohl nicht mehr dieselbe Spitzenleistung erzielen werden – was natürlich nichts mit der Titelseite zu tun hat, sondern mit der natürlichen Schwankung ihrer Leistung.

Nehmen Sie das Beispiel eines Bereichsleiters, der die Mitarbeitermotivation in seinem Unternehmen fördern möchte, indem er die am wenigsten motivierten drei Prozent seiner Belegschaft in einen Motivationskurs schickt. Das Ergebnis? Wenn er das nächste Mal Daten zur Motivation erhebt, werden etliche Kursteilnehmer nicht mehr zu den untersten drei Prozent gehören – dafür andere. Hat sich der Kurs gelohnt? Schwer zu sagen, denn die miserable Motivation dieser Leute hätte sich vermutlich auch ohne Training wieder bei ihrem persönlichen Durchschnitt eingependelt. Ähnlich verhält es sich mit Patienten, die wegen einer Depression hospitalisiert werden. Sie verlassen die Klinik üblicherweise weniger depressiv. Gut möglich allerdings, dass der Klinikaufenthalt vollkommen nutzlos war.

Noch ein Beispiel: In Boston wurden die Schulen mit den schlechtesten Testresultaten einem aufwendigen Förderprogramm unterzogen. Im folgenden Jahr landeten diese Schulen nicht mehr auf den untersten Rängen – eine Verbesserung, die die staatliche Aufsichtsbehörde dem Förderprogramm und nicht der natürlichen Regression zur Mitte zuschrieb.

Die Regression zur Mitte zu ignorieren, kann verheerende Folgen haben: So kommen etwa Lehrer (oder Manager) zum Schluss, Strafen seien wirkungsvoller als Lob. Der Schüler mit dem besten Prüfungsergebnis wird gelobt. Der Schüler mit dem schlechtesten getadelt. In der nächsten Prüfung werden – rein stochastisch – vermutlich andere Schüler die obersten und untersten Spitzenplätze belegen. Der Lehrer schließt daraus: Tadel hilft, und Lob schadet. Ein Trugschluss.

Fazit: Wenn Sie Sätze hören wie: „Ich war krank, ging zum Arzt, jetzt bin ich gesund, also hat mir der Arzt geholfen“ oder „Die Firma hatte ein schlechtes Jahr, wir holten uns einen Berater ins Haus, jetzt ist das Resultat wieder normal“ kann der Regression-zur-Mitte-Irrtum im Spiel sein.

Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 03.01.2011 Seite 30

Dienstag, 11. Januar 2011

Himmlisch...

10. Januar 2011
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Ein Sonnenhalo außerhalb von Stockholm
Credit und Bildrechte:
 Peter Rosén
Beschreibung: Was ist mit der Sonne passiert? Manchmal sieht es so aus, als würde man die Sonne durch eine riesige Linse sehen. Im obigen Fall jedoch sind es Millionen von Linsen: Eiskristalle. Wenn Wasser in der oberen Atmosphäre friert, können sich kleine, flache, sechsseitige Eisprismen bilden. Wenn diese Kristalle zu Boden taumeln, sind ihre Stirnseiten die meiste Zeit parallel zur Erde ausgerichtet. Ein Beobachter kann sich kurz nach Sonnenauf- oder vor Sonnenuntergang in der gleichen Ebene bewegen wie viele der fallenden Eiskristalle. Bei dieser Ausrichtung kann sich jeder Eiskristall wie eine Miniaturlinse verhalten, die das Sonnenlicht in unsere Sichtlinie bricht und Phänomene wie Parhelia erzeugt - der technische Ausdruck für Nebensonnen. Das obige Bild wurde letztes Jahr in Stockholm(Schweden) aufgenommen. In der Bildmitte ist die Sonne zu sehen, während links und rechts davon zwei helle, markante Nebensonnen leuchten. Auch ein helles 22-Grad-Halo ist zu sehen - sowie das seltenere und viel blassere 46-Grad-Halo, das ebenfalls durch aus atmosphärischen Eiskristallen hinausreflektiertes Sonnenlicht entsteht.

Montag, 10. Januar 2011

Sonnenfinsternis - umgekehrt: Erdfinsternis

2. Januar 2011
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Blick auf die verfinsterte Erde

Credit: Mir-27-Besatzung; Bildrechte: CNES

Beschreibung: Hier ist zu sehen, wie die Erde während einer Sonnenfinsternis aussieht. Der Schatten des Mondes verdunkelt sichtlich einen Teil der Erde. Dieser Schatten bewegte sich mit fast 2000 Kilometern pro Stunde über die Erde. Nur Beobachter nahe der Mitte des dunklen Kreises sehen eine totale Sonnenfinsternis - andere sehen eine partielle Finsternis, wo nur ein Teil der Sonne vom Mond bedeckt erscheint. Dieses spektakuläre Bild der Sonnenfinsternis vom 11. August 1999 war eine der letzten je in der Raumstation Mir fotografierten Aufnahmen. Die beiden hellen Punkte oben links sind vermutlich Jupiter und Saturn. Die Mir wurde 2001 in einem kontrollierten Wiedereintritt zum Absturz gebracht.

Perfektionismus - 80 Prozent reichen auch

Artikel aus der FAZ:

In ihrem nie endenden Drang, alles erstklassig zu machen, gehen Perfektionisten sich und anderen auf die Nerven. Dabei hat ordentliches Mittelmaß durchaus gewisse Vorteile.

Von Ursula Kals

01. Januar 2011

Das Leben ist ein Kindergarten. Morgens in Unterhaching bei München: Frau P. ist pünktlich wie immer, ihre Stiefel blitzen, auch Tochter Fiona erscheint wie aus dem Ei gepellt in ihrem entzückenden Cape. Selbstverständlich ist das Höher-schneller-weiter-Kind bereits in der musikalischen Frühförderung. Ein artiger Abschiedskuss für Mama, die Richtung München fährt. Dort wird sie den Tag über arbeiten, ihr Büro dann um 17 Uhr verlassen, die Tochter abholen, Kürbissuppe kochen, mit dem Gatten ein Glas Wein trinken und bis Mitternacht über den Akten sitzen – das lässt sie gerne verlauten. Frau P. lebt ihren Drang nach Vollkommenheit aus. Sie ist leistungsorientiert, eine perfekte Mutter, Ehefrau und Juristin.

Und keiner mag die Frau so recht. Nicht nur, dass sie einen Hauch verkniffen wirkt. Sie gibt den anderen das latente Gefühl, Dinge nicht im Griff zu haben, nicht den widerspruchsfreudigen Vierjährigen, nicht den knappen Abgabetermin der Kostenkalkulation, nicht den entnervten Partner, der müde von der Dienstreise heimkehrt. Das Leben rumpelt halt so vor sich hin.

„Ein Großteil der Leute ist nicht mal ehrlich zu sich selbst“

Dabei sei vieles Schein bei all jenen, die nach außen so perfekt wirkten. Davon ist der 39 Jahre alte Münchner Jo Kupfer* überzeugt: „In meinem Bekanntenkreis beobachte ich, dass angeblich alles so super ist. Leute übernehmen Führungspositionen, es läuft perfekt. Dann gehen sie oder müssen gehen, erst dann gestehen sie, dass gar nichts perfekt war. Schade, ein Großteil der Leute ist nicht mal ehrlich zu sich selbst. Schwäche zu zeigen geht überhaupt nicht. Da lassen sich Menschen von ihren Chefs fast mobben, nur weil sie die Raten fürs Haus abstottern müssen.“

Kupfer ist Bankkaufmann, Betriebswirt und hat ein Team von 25 Mitarbeitern bei einem Tochterunternehmen eines Dax-Konzerns geleitet. 14 Jahre lang hat sich der gutaussehende, sportliche Mann um Perfektion bemüht und wollte allen gerecht werden: Seiner Frau und den Kindern, seinem geliebten Sport, in erster Linie aber seiner Geschäftsführung, die Dinge gegen den Willen der Mitarbeiter durchdrückte und erwartete, dass er Sonntagabend zur Vorbesprechung anreiste, wenn die Konferenz Montag begann.


„Ich habe in dem Unternehmen als Diplomand angefangen, war am Schluss Bereichsleiter in einer schwierigen Sandwichposition und hatte den Anspruch, alles, was ich mache, sehr gut zu machen. Das heißt die kurzfristig anberaumte Neun-Uhr-Präsentation habe ich nachts vorbereitet und wenn es bis drei Uhr in der Früh war.“ Trotz Telefonkonferenz am Wochenende sollte Zeit bleiben für die Familie und den Skisport. „Man versucht, alles reinzupacken. Mit Muße Zeitung zu lesen, das ging gar nicht. Mir ging es auch darum, ein perfektes Bild nach außen abzugeben“, sagt er heute selbstkritisch. Dazu passten immer weniger die zwei Kulturen, die er im Großkonzern erlebt hat: Die einen erwarteten Dauerpräsenz und perfektes Funktionieren. Unangenehmer aber seien die leidenschaftslosen Vorgesetzten gewesen, „denen war vieles egal, solange ihr Konto stimmte“.
„Perfektionismus ist häufig ein Wunsch nach Anerkennung“

Körperliche Erschöpfung brachte Jo Kupfer zum Umdenken. Vor gut einem Jahr hat er gekündigt. Seither arbeitet er als Interimsmanager, berät Firmengründer, hat einen Modeladen eröffnet und erfolgreich verkauft. Zur Zeit bewirbt er sich und möchte zurück in seinen alten Beruf, „aber unter anderen Prämissen. Ich möchte Arbeit und Stress in einen geregelten Ablauf bringen.“ Dazu gehört auch, dass er nach seiner „fairen“ Trennung von seiner Frau alle zwei Wochen freitags um 16 Uhr frei haben möchte für das Wochenende mit seinen Kindern. „Ich plane jetzt für mich selbst Termine ein und gewichte das entsprechend.“

Bestärkt hat ihn darin Eva Link, die als Persönlichkeitstrainerin arbeitet und oft Menschen erlebt, die an ihren perfektionistischen Maßstäben scheitern. „Der äußere Perfektionismus ist häufig ein Wunsch nach Anerkennung“, sagt die Münchnerin. Kürzlich hat sie einen angehenden Bankkaufmann getroffen, der seine Tage minutiös verplant und grübelt: „Arbeiten, Freunde, Fußballspielen, wie schnell ist dann mein Leben vorbei?“ Und er klagt: „Ich weiß nicht, wo die Zeit bleibt.“ Der Mann ist 17 Jahre alt. „Das hat mich berührt“, sagt Eva Link.

Getriebensein zeigt sich in Deutschland immer früher: Rund 25 Prozent der bis zu 18-Jährigen leiden an hohem Leistungsdruck und psychischen und psychosomatischen Problemen, zeigt eine Studie des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf. Das ist potentielle Kundschaft für Zeitlupenkurse, in denen man im Prinzip nichts macht außer essen, schlafen und sprechen. Und für Bücher mit launigen Titeln wie „Die Entdeckung der Faulheit“ und „Weniger Arbeiten, mehr Leben“.
Wo bitte ist der Ausstieg aus dem Hamsterrad?

Dass der Tag immer schneller vergehe, dieses Gefühl äußern viele Klienten von Eva Link. Der Druck von außen steigt: Was erwartet der Chef von mir? Mein Partner? Was erwarten die Freunde? „Es wird vorgegeben, was wir alles müssen.“ Wer gibt das vor? „Ich denke, das sind wir selbst.“ Wo bitte ist der Ausstieg aus dem Hamsterrad? „Wir sollten unsere inneren Muster und Glaubenssätze hinterfragen. Möchte ich wirklich joggen, ist das Genuss oder Pflichtprogramm?“

Anstatt mit seinen Schwächen zu hadern, sei es sinnvoller, sie zu akzeptieren, sich mit seinen Stärken beschäftigen und zu erkennen: „80 Prozent tun es auch.“ Kein einfacher Vorsatz für bekennende Ehrgeizige, die nicht nur von ihren Chefs Lob erhalten. Keine leichte Übung für Überarbeitete, die in ihrer kostbar-kurzen Freizeit Extremsportarten betreiben, um sich wieder selbst zu spüren, die an jedem Winterwochenende Richtung Alpen reisen, obwohl die Autobahnen schon morgens verstopft sind. Eva Link bestätigt: „Es ist ein langer Prozess, sich selbst einen Stopp zu geben und zu klären – was macht mir persönlich Druck, was ist mir wirklich wichtig.“
„Hinter Perfektionismusstreben verbirgt sich ein schlechtes Selbstwertgefühl“

Denn das Beste zu geben, das reicht Perfektionisten in ihrem Windmühlenkampf nicht. Stefanie Stahl stellt den 120-Prozentigen ein schlechtes Zeugnis aus und warnt vor den pathologischen Eigenschaften, hohe Standards zu verfolgen, eisern Fehler zu vermeiden, risikoaversiv und kontrollsüchtig zu sein. „Hinter Perfektionismusstreben verbirgt sich ein schlechtes Selbstwertgefühl und der Versuch, sich unangreifbar zu machen. Diese Menschen leben oft in der diffusen Angst, Fehler zu machen. Eine Sache perfekt zu machen gibt ihnen Sicherheit.“

Stahl klammert hierbei diejenigen aus, die „nicht überall glänzen möchten“, sondern aus Leidenschaft auf einem Gebiet Höchstleistungen erstreben, sei es in der Musik oder beim Sport. Vielmehr gehe es um jene, die in allen Rollen perfekt sein möchten, „sie rennen wie der Esel hinter der Mohrrübe immer den eigenen Ansprüchen hinterher und sind damit zwangsläufig frustriert“. Der Beste zu sein beschere zwar ein Überlegenheitsgefühl, aber auch Unfreiheit. „Diese Menschen denken oft in Kategorien, besser-schlechter, schöner-hässlicher, sie vergleichen viel und machen sich damit unglücklich.“

Im Extremfall, so hat die Gutachterin in der Arbeitswelt beobachtet, „sind das Korinthenkacker ohne Flexibilität, die sich aus Angst vor Vorgesetzten bis zur Unmenschlichkeit an Vorschriften klammern, damit ihnen kein Fehler nachgewiesen werden kann.“ Woher rührt dieses verkrampfte Streben? Stefanie Stahl sieht eine genetische Disposition, aber auch einen schlechten Erziehungsstil, wenn nämlich die elterliche Zuneigung an Bedingungen geknüpft ist und die Botschaft vermittelt: So wie du bist, bist du nicht okay. Geliebt wirst du nur für die 1 in Mathe.
„Viele erkennen nicht, was sie antreibt“

Wie entkommt man der Perfektionismusfalle? „Viele erkennen nicht, was sie antreibt. Sie sollten sich die Ursachen klar machen. Dann gilt, Gefahr erkannt ist fast Gefahr gebannt. Reflektieren ist einer der wichtigsten Schritte, sich von dem Problem zu befreien und seine Werte zu verschieben. Konkret: statt bis 20 Uhr im Büro zu sitzen, nach Hause gehen und mit den Kindern spielen“, rät Stahl.

Zurück in Unterhaching. Während Madame Perfekt ihr Büro ansteuert, hetzt Frau H. mit Sohn und ebenso wildem Strubbelhund an. So gerade eben erwischt die Alleinerziehende noch die offene Kindergartentür. Frau H. ist Buchhalterin, gilt dort als sehr genau, was man über ihren gemütlich-schlampigen Haushalt nicht sagen kann. Staubflockendiskussionen lacht sie weg. „Schon meine Hebamme hat gesagt: ,Entweder Sie haben eine saubere Küche oder einen zufriedenen Säugling.‘“ Frau H. wirkt unaufgeräumt, unperfekt und ziemlich glücklich. Zum Kinder-Yoga, wie Fiona, ist ihr Sohn nicht angemeldet.

* Name geändert

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Cyprian Koscielniak / F.A.Z.

Samstag, 8. Januar 2011

Die Mondfinsternis von 21.12. aufgenommen auf Teneriffa

29. Dezember 2010
Siehe Erklärung. Ein Klick auf das Bild lädt die höchstaufgelöste verfügbare Version.
Finsternis zu Monduntergang
Bildcredit und Bildrechte:
 Itahisa N. González (Grupo de Observadores Astronómicos de Tenerife)
Beschreibung: Ein dunkelroter Mond am Horizont grüßte am frühen Morgen des 21. Dezember die Himmelsbeobachter der Ostatlantik-Regionen, als die totale Phase der Sonnwend-Mondfinsternis von 2010 fast zu Monduntergang begann. Dieses gut komponierte Bild des geozentrischen Himmelsereignisses ist ein Komposit aus mehreren Aufnahmen, die dem Fortschritt der Finsternis von der kanarischen Insel Teneriffa aus folgten. Der Mond, der sich zunächst hell auf einem Wolkenmeer und der Küste des Ozeans spiegelt, sinkt tiefer in die Finsternis, während er von links nach rechts über den Himmel wandert. Er stand gegenüber der Sonne und war in den dunkelsten Teil des Erdschattens getaucht, als er den westlichen Horizont erreichte, kurz bevor über Teneriffa die Sonne aufging.

Herdentrieb

SO SOLLTE MAN DIE DINGE BETRACHTEN:
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"So funktioniert Kapitalismus

Der Leitartikel, den die FAZ nicht drucken wollte

 21. DEZEMBER 2010 UM 12:54 UHR
59600 Euro Vermögen
Die neuesten Daten der Bundesbank zur Geldvermögensbildung sprechen eine deutliche Sprache. Im zweiten Quartal stieg der Geldvermögensbestand der privaten Haushalte auf 4768 Milliarden Euro. Das ist der höchste Wert seit der Wiedervereinigung. Das ist schrecklich viel, wie eine Umrechung pro Kopf zeigt: Jedes Neugeborene beginnt in Deutschland sein Leben mit 59 600 Euro Vermögen.
stattdessen druckten die Kollegen das:
100 000 Euro Schuld
Die Älteren haben Schulden von 1,8 Billionen Euro für Bund, Länder um Gemeinden aufgetürmt. Insgesamt hat das Land – noch ohne Euro-Garantien – 8 Billionen Euro Schulden und Verpflichtungen. Das ist schrecklich viel, wie folgenden Umrechnung pro Kopf zeigt: Jedes Neugeborene in Deutschland beginnnt sein Leben mit 100 000 Euro Schulden.
Die Schulden des einen sind das Vermögen des anderen und welche Betrachtung man sich aussucht, hängt vom Erkenntnisinteresse ab. Oder von der wirtschaftspolitischen Grundüberzeugung. Jedenfalls ist nicht Deutschland arm wie eine Kirchenmaus, sondern der deutsche Staat – und ich hätte schon ein paar Ideen, wie er seine Kassen wieder auffüllen und den Gegensatz zwischen öffentlicher Armut und privatem Reichtum überwinden könnte.
Die Differenz zwischen den 1800 Milliarden und den 8000 Milliarden ist natürlich die so genannte implizite Staatsverschuldung – ein überaus fragwürdiges Konzept. Lässt man sie außen vor, stünden dem Vermögen von 59600 Euro sogar nur eine Schuld von 22500 Euro entgegen.
Don’t worry, be happy!

Mittwoch, 5. Januar 2011

Sonnwend-Himmel in Italien

21. Dezember 2010
Siehe Erklärung. Ein Klick auf das Bild lädt die höchstaufgelöste verfügbare Version.
Tyrrhenisches Meer und Sonnwendhimmel
Credit und Bildrechte:
 Danilo Pivato
Beschreibung: Heute um 23.38 Weltzeit ist Sonnenwende, die Sonne erreicht ihre südlichste Deklination am Himmel des Planeten Erde. Die Dezembersonnenwende markiert auf der Nordhalbkugel den Beginn des Winters im Süden den Sommeranfang. Von nördlichen Breiten aus gesehen und wie im obigen waagrecht komprimierten Bild gezeigt zieht die Sonne am Himmel ihren tiefsten Bogen über den südlichen Horizont. Daher vergeht am Sonnwendtag im Norden der kürzeste Zeitraum zwischen Sonnenauf- und -untergang, und er hat die wenigsten Stunden an Tageslicht. Dieses eindrucksvolle Kompositbild folgt dem Sonnenpfad am Dezember-Sonnwendtag 2005 an einem schönen, blauen Himmel mit Blick von Santa Severa Richtung Fiumicino in Italien hinunter zur Küste des Tyrrhenischen Meeres. Der Blick umfasst etwa 115 Grad in 43 gut geplanten Einzelaufnahmen von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang.

Dienstag, 4. Januar 2011

„Frage nie einen Friseur, ob du einen Haarschnitt brauchst.“

"Klarer Denken
Warum Sie Ihren Anwalt nicht nach seinem Aufwand bezahlen sollten
Von Rolf Dobelli

Die französische Kolonialregierung in Hanoi verabschiedete ein Gesetz: Für jede tote Ratte, die man ablieferte, gab es Geld. Damit wollte man der Rattenplage Herr werden. Das Gesetz führte dazu, dass Ratten gezüchtet wurden. Als 1947 die Schriftrollen vom Toten Meer entdeckt wurden, setzten Archäologen einen Finderlohn für jedes neue Pergament aus. Resultat: Die Pergamente wurden zerrissen, um ihre Anzahl zu erhöhen. Dies sind Beispiele der „Incentive Superresponse“-Tendenz (auf Deutsch etwa: Anreiz-Sensitivität). Sie beschreibt zunächst einen banalen Sachverhalt: Menschen reagieren auf Anreizsysteme. Das verwundert nicht. Menschen tun, was in ihrem Interesse liegt. 

Erstaunlich sind zwei Nebenaspekte. Erstens: wie schnell und radikal Menschen ihr Verhalten ändern, wenn Anreize ins Spiel kommen oder verändert werden. Zweitens: dass Menschen auf die Anreize reagieren, aber nicht auf die Absicht hinter den Anreizen.

Gute Anreizsysteme bringen Absicht und Anreiz in Deckung. Ein Beispiel: Im alten Rom musste der Ingenieur einer Brücke unter dem Brückenbogen stehen, wenn sie eröffnet wurde. Ein ziemlich guter Ansporn, die Brücke stabil genug zu bauen. Schlechte Anreizsysteme hingegen schießen an der Absicht vorbei oder pervertieren sie gar. So macht etwa die Zensur eines Buches dessen Inhalte in der Regel erst recht bekannt. Möchten Sie das Verhalten von Menschen oder Organisationen beeinflussen? Dann können Sie Werte und Visionen predigen. Sie können an die Vernunft appellieren. Doch fast immer ist es einfacher, über Anreize zu gehen. Dabei müssen die Anreize nicht monetär sein. Von Schulnoten über Nobelpreise bis hin zu einer Spezialbehandlung im nächsten Leben ist alles denkbar.

Lange Zeit habe ich mich gefragt, warum sich geistig gesunde, vorwiegend adlige Menschen im dreizehnten Jahrhundert aufs Pferd geschwungen haben, um sich an den Kreuzzügen zu beteiligen. Der beschwerliche Ritt nach Jerusalem dauerte mindestens sechs Monate und führte durch feindliches Gebiet. All dies war den Teilnehmern bekannt. Wozu die Hasarderie? Eine Frage der Anreizsysteme. Kam man lebend zurück, durfte man die Kriegsbeute behalten. Starb man, ging man automatisch als Märtyrer ins Jenseits ein – mit allen Benefits, die der Märtyrerstatus versprach. Man konnte nur gewinnen.

Anwälte, Architekten, Berater, Wirtschaftsprüfer oder Fahrlehrer nach Aufwand zu bezahlen, ist idiotisch. Diese Leute haben einen Anreiz, möglichst viel Aufwand zu generieren. Machen Sie deshalb vorab einen festen Preis aus. Ein Facharzt wird immer ein Interesse haben, Sie möglichst umfassend zu behandeln und zu operieren – selbst wenn es nicht nötig ist. Anlageberater „empfehlen“ Ihnen jene Finanzprodukte, für die sie eine Verkaufskommission erhalten. Und die Businesspläne von Unternehmern und Investmentbankern sind wertlos, da diese Leute ein direktes Interesse an einer Transaktion haben. Wie sagt das alte Sprichwort? „Frage nie einen Friseur, ob du einen Haarschnitt brauchst.“

Fazit: Seien Sie auf der Hut vor der „Incentivesuperresponse“-Tendenz. Wenn Sie das Verhalten eines Menschen oder einer Organisation erstaunt, fragen Sie sich, welches Anreizsystem dahintersteckt. Ich garantiere Ihnen, dass Sie neunzig Prozent des Verhaltens auf diese Weise erklären können. Geistige Schwäche, psychische Störungen oder Bosheit machen höchstens zehn Prozent aus.

Der Investor Charlie Munger besuchte ein Geschäft für Angelzubehör. Plötzlich blieb er vor einem Gestell stehen, nahm einen auffällig glitzernden Plastikköder zur Hand und fragte den Ladenbesitzer: „Sag mal, stehen Fische wirklich auf solches Zeug?“ Der lächelte: „Charlie, wir verkaufen nicht an Fische.“

Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 27.12.2010 Seite 26"

Montag, 3. Januar 2011

Zeit und Raum

Wenn man die Polarität von Ost und West betrachtet, dann fällt auf, dass in Amerika die Dimension des Raumes überwiegt und zu gewaltiger Ausdehnung gekommen ist.

In Asien dagegen scheint die Zeit die größere Dimension zu sein. Ein Asiat scheint im Gegensatz zum westlichen Menschen über sehr viel Zeit zu verfügen.