Dienstag, 21. Juni 2011

Seien Sie Prognosen gegenüber kritisch - auch der zu 2012

"Die sicherste Prognose ist die, dass kaum eine Prognose sich erfüllen wird"

Von Rolf Dobelli/FAZ

"Regimewechsel in Nordkorea in den nächsten zwei Jahren. Argentinische Weine bald beliebter als französische. Facebook in drei Jahren wichtigstes Unterhaltungsmedium. Der Euro wird auseinanderbrechen. Weltraumspaziergänge für jedermann in zehn Jahren. Kein Rohöl mehr in fünfzehn Jahren.

Täglich bombardieren uns Experten mit ihren Prognosen. Wie verlässlich sind sie? Bis vor wenigen Jahren hat sich niemand die Mühe gemacht, ihre Qualität zu überprüfen. Dann kam Philip Tetlock. Der Berkeley-Professor wertete 82 361 Vorhersagen von insgesamt 284 Experten über einen Zeitraum von zehn Jahren aus. Das Resultat: Die Prognosen trafen kaum häufiger zu, als wenn man einen Zufallsgenerator befragt hätte. Als besonders schlechte Prognostiker erwiesen sich ausgerechnet die Experten mit der stärksten Medienaufmerksamkeit, insbesondere die Untergangspropheten, und unter ihnen wiederum die Vertreter von Desintegrationsszenarien – auf das Auseinanderbrechen von Kanada, Nigeria, China, Indien, Indonesien, Südafrika, Belgien und der EU warten wir noch immer (an Libyen hat bezeichnenderweise kein Experte gedacht).

„Es gibt zwei Arten von Leuten, die die Zukunft vorhersagen: jene, die nichts wissen, und jene, die nicht wissen, dass sie nichts wissen“, schrieb der Harvard-Ökonom John Kenneth Galbraith und machte sich damit in seiner eigenen Zunft verhasst. Noch süffisanter drückte sich der Fonds-Manager Peter Lynch aus: „Die Vereinigten Staaten haben sechzigtausend ausgebildete Ökonome. Viele von ihnen sind angestellt, um Wirtschaftskrisen und Zinsen vorherzusagen. Wenn ihre Prognosen nur zweimal hintereinander eintreffen würden, wären Sie Millionäre. Soweit ich weiß, sind die meisten noch immer brave Angestellte.“ Das war vor zehn Jahren. Heute dürften die Vereinigten Staaten die dreifache Anzahl von Ökonomen beschäftigen – mit einem Effekt von null auf die Prognosequalität.

Das Problem: Experten bezahlen für ihre falsche Prognosen keinen Preis – weder in Geld noch über den Verlust des guten Rufes. Anders ausgedrückt: Als Gesellschaft geben wir diesen Leuten eine Gratisoption. Es gibt kein „Downside“ beim Verfehlen der Prognose, aber ein „Upside“ an Aufmerksamkeit, Beratungsmandaten und Publikationsmöglichkeiten, falls die Prognose stimmt. Weil der Preis für diese Option null ist, erleben wir eine wahre Inflation an Vorhersagen. Damit steigt die Wahrscheinlichkeit, dass immer mehr Vorhersagen rein zufällig richtig liegen. Idealerweise würde man Prognostiker zwingen, Geld in einen „Prognose-Fonds“ einzubezahlen – sagen wir tausend Euro pro Vorhersage. Stimmt die Prognose, erhält der Experte sein Geld verzinst zurück. Stimmt sie nicht, geht der Betrag an eine wohltätige Stiftung.

Was ist prognostizierbar, was nicht? Ich werde mich bei der Vorhersage meiner Körpergröße in einem Jahr nicht groß verschätzen. Doch je komplexer ein System und je länger der Zeithorizont, desto verschwommener wird der Blick in die Zukunft. Klimaerwärmung, Ölpreis oder Wechselkurse sind fast unmöglich vorherzusagen. Erfindungen sind überhaupt nicht zu prognostizieren. Wüssten wir, welche Technologien uns dereinst beglücken werden, wären sie ja schon in diesem Moment erfunden.

Fazit: Seien Sie Prognosen gegenüber kritisch. Ich habe mir dazu einen Reflex antrainiert – ich schmunzle zuerst mal über jede Vorhersage, egal, wie düster sie sein mag. Damit nehme ich ihr die Wichtigkeit. Anschließend stelle ich mir zwei Fragen. Erstens, welches Anreizsystem hat der Experte? Ist er Angestellter, könnte er seinen Job verlieren, wenn er ständig danebenliegt? Oder handelt es sich um einen selbsternannten Trend-Guru, der sein Einkommen über Bücher und Vorträge generiert? Dieser ist auf die Aufmerksamkeit der Medien angewiesen. Seine Prognosen werden entsprechend sensationell ausfallen. Zweitens, wie gut ist die Trefferquote des Gurus? Wie viele Prognosen hat er in den letzten fünf Jahren abgegeben? Wie viele davon haben sich bewahrheitet, wie viele nicht? Mein Wunsch an die Medien: Bitte veröffentlicht keine Prognosen mehr, ohne den Leistungsausweis des vermeintlichen Auguren anzugeben. Zum Schluss, weil so treffend, ein Zitat von Tony Blair: „Ich mache keine Vorhersagen. Ich habe nie, und ich werde nie.“

Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 14.06.2011 Seite 34