Sonntag, 22. Mai 2011

Wie man sich mit fremden Federn schmückt

Man stelle sich vor, es wohnt in der Nachbarschaft ein Handwerker, der tüchtig arbeitet. Er beginnt sein Haus zu verschönern und auszubauen.

Daneben wohnt einer, bei dem weiß man nicht so recht, wovon er lebt. Er spricht viel und laut von seinen Plänen und Vorhaben. Er weiß immer, was die anderen alles falsch machen und wie man es richtig machen müsste. Es meint auch, wenn man ihm Geld gäbe, dann würde er schon seine Pläne umsetzen können und damit die ganze Welt verbessern, nur bisher habe es noch nicht die richtigen Möglichkeiten für ihn gegeben.

Als Beweis dafür, dass an seinen Reden etwas dran sei, führt er, wenn er mit seiner Rederei durch die Welt zieht, nun kurioserweise seinen Nachbarn an. Er verkündet: „Leute seht einmal, was ich für ein toller Kerl bin! Mein Nachbar, der Handwerker verdient glänzend! Er baut sogar sein Haus aus! Also übergebt mir die Verantwortung für die Verbesserung der Welt und das nötige Geld dazu, dann wird es bald allen so gut gehen, wie meinem wohlhabenden Nachbarn.“

Was hier so ganz unmöglich und ungereimt klingt, das fällt aber fast keinem der Menschen auf, die ihm zuhören. Fast alle glauben ihm.

Es geht sogar noch weiter:

Der arbeitsame Nachbar, der Handwerker, ist sich seiner eigenen Überzeugung nicht ganz sicher, er lässt sich von dem Großsprecher und Vielredner aufs Glatteis führen und gibt ihm wirklich etwas Geld, weil er denkt, an dessen großen Reden sei etwas dran und er könnte wirklich etwas Gutes in der Welt bewirken, wenn man ihm Geld gäbe.

Dieser hier geschilderte Vorgang ist ein alltäglicher in unserem heutigen gesellschaftlichen und politischen Leben.

Auf einem Plakat einer großen politischen Partei ist gerade etwa sinngemäß folgendes zu lesen:
„Wir bringen Deutschland voran. Soundsoviel Prozent mehr Wirtschaftsleistung in soundsoviel Jahren. Soundsoviel Prozent weniger Arbeitslose...!“
Es suggeriert, dass die wirtschaftliche Entwicklung direkt etwas mit der Politik zu tun habe. Obwohl jeder weiß, dass das zwei ganz verschiedene Dinge sind. Und täglich beweist die wirtschaftliche Entwicklung, dass sie von ganz anderen Dingen abhängig ist. Nämlich von Prozessen, die sich im wirtschaftlichen Leben selber abspielen, nicht im Politischen. Die Wirtschaft ist in Wahrheit erstaunlich resistent gegenüber der jeweiligen Politik. Man kann sagen, trotz der politischen Einflussnahme auf die Wirtschaft, entwickelt sich die Wirtschaft. Und trotz Politik bricht sie gelegentlich völlig zusammen.