Montag, 25. April 2011

Der Krieg der französischen Intellektuellen

In Ergänzung meines vorletzten Beitrags muss ich diesen Artikel aus der FAZ hinzufügen. Denn das hat die Welt in dieser offenen Weise noch nie erlebt: Ein "Philosoph", der französische "Philosoph" Bernhard-Henri Levy (kurz BHL) hat ja in Wirklichkeit diesen Lybien-Einsatz angezettelt. Sarkozy hat sich von BHL in diesen Krieg hineintreiben lassen.

Ein anderer Intellektueller, der die BHL's Kriegspetition mit unterschrieben hat, bekennt nun, dass es ihm schon leid tut. Aber nun ist es zu spät. Es wäre gut, man würde ein wenig nachdenken, bevor man einen Krieg anzettelt.
Es ist unbeschreiblich, welch ein Wahnsinn heute hier ganz öffentlich betrieben wird.

Früher war das alles etwas verdeckter. Natürlich haben immer die Intellektuellen, Professoren und Wissenschaftler die Kriege mitvorbereitet, vielleicht sogar geistig verursacht, aber das war dann nicht so leicht zu durchschauen, weil die Politiker diese geistigen Impulse immer erst später aufgriffen:
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Nun der Text aus der FAZ:
Frankreich und Libyen
Engagement und wirklicher Krieg
Die französischen Intellektuellen und die Intervention in Libyen: Claude Lanzmann wechselt die Fronten, Bernard-Henri Levy verbreitet Durchhalteparolen und schickt in den Medien seine Gefolgsleute an die Front.

Von Jürg Altwegg

Nicht ohne das offene Hemd: Bernard-Henri Levy auf dem Weg in den Elysee zum Empfang der Vertreter des Libyschen Übergangsrats durch Präsident Nicolas Sarkozy am 10. März 2011.


24. April 2011

Claude Lanzmann will die Bombenangriffe gegen Gaddafi beenden, obwohl er die Petition namhafter Intellektueller, mit der Bernard-Henri Lévy "seinen" Krieg abstützte, unterschrieben hatte, unter "freundschaftlichem Druck", wie er jetzt in "Le Monde" bekannte. Gemeinsam hatten BHL und Lanzmann vor einem Jahr den ägyptischen Kulturminister Faruk Hosni als Unesco-Generalsekretär verhindert.

Lanzmann ist entsetzt über die frivole Leichtfertigkeit, mit der dieser Krieg ausgelöst wurde: er spricht von einer "Infantilisierung der Politik" und nennt Lévy einen "Phrasendrescher". Unerträglich ist ihm die Feigheit der "Option null Tote", mit der er geführt wird. Der "Pflicht"zur Einmischung" habe er schon immer misstraut. Nach den Feldzügen gegen Milosevic und Saddam Hussein hätten ihre "blinden Sänger" wieder einmal die "Leier des Eingreifens" angestimmt: Und gegen Gaddafi "hat ihre einzige und ausschließliche Stimme die Regierenden dazu gebracht, ihre Staaten in einen Krieg ohne Namen und mit ungewissem Ausgang zu führen." Die Zweifel nagen, die Zustimmung bröckelt. Für Tzvetan Todorov kann es keinen "gerechten Krieg" geben. Mitterrands Berater Jacques Attali äußert moralische und strategische Bedenken. Roni Brauman, einer der Väter der "Pflicht zur Einmischung", argumentiert gegen BHL: Man kann gegen Gaddafi, der seine Landsleute als menschliche Schutzschilde missbraucht, nicht siegen, ohne Bodentruppen einzusetzen. Brauman plädiert für "Internationale Brigaden" wie im Spanischen Bürgerkrieg.

Damals kämpfte - wie später im Widerstand - unter Einsatz seines Lebens André Malraux, auf den sich Bernard-Henri Lévy beruft. Seine Antwort auf Lanzmann im "Monde" bestätigt dessen Eindruck: Jetzt spielt sich der Philosoph und "Phrasendrescher" auch noch als militärischer und strategischer Experte auf und schwärmt von den schnellen Fortschritten der Rebellen. Lanzmann wirft er Fahnenflucht vor: "Es geht ihm alles zu lange, und er sucht das Weite." Zur öffentlichen Niedermachung schickte er seinem treuen Adlatus Gilles Hertzog an die Front: Lanzmann habe seine Vergangenheit in der Résistance verraten und sich selbst verleugnet. Hertzog reiht Lanzmann ein ins Lager der "Pontius Pilatus, der Münchner, der ewigen Nichtinterventionisten" - es ist die insinuierte Vorstufe der Kollaboration. Während die libyschen Rebellen wie einst "die freien Franzosen unter Leclerc" gegen Pétain und Hitler kämpfen.

Bernard-Henri Lévy: Der Resolutionsführer

Die "Pflicht zur Einmischung" ist das Resultat der französischen Aufarbeitung von Faschismus und Kommunismus. Politisch lautet seine Botschaft: Hitler verhindern, einen neuen Völkermord im Voraus bekämpfen. Doch die Kriterien sind fragwürdig geworden. André Glucksmann und Pascal Bruckner unterstützten den Krieg im Irak, den sie inzwischen als Irrtum bezeichnen. Seit dem Niedergang des Marxismus, dem sie alle gehuldigt hatten, bestimmt der Antitotalitarismus das intellektuelle Klima - zuweilen mit dem Anspruch einer Ideologie: die Rollenverteilung von Guten und Bösen fiel ihm stets leicht. Wer anders denkt, wird verabschiedet: "Adieu Lanzmann" überschreibt Hertzog seine Exkommunikation des Dissidenten.
Französische Krankheit?

Marc Weitzmann, ebenfalls ein "Antitotalitärer", hat die dramatisch veränderte Lage erkannt: "Es geht nicht mehr um Folklore, um unverbindliche Debatten über die Veränderung der Welt. Diesmal sind aus den Worten wirklich Taten geworden." Die Erschütterung ist erkennbar. "Der engagierte Intellektuelle ist eine französische Krankheit", schreibt Weitzmann, "und Lévys wahrer und einziger Krieg im Grunde wohl der Versuch, sich als letzter Vertreter dieser überholten Gattung zu retten." Nach seinem Engagement für den verhafteten Sittlichkeitsverbrecher Polanski und den als Mörder verurteilten Terroristen Battisti hat BHL mit Gaddafi nochmals einen wirklich guten Bösen gefunden.

An ihm - und mit Sarkozy als willigem Helfer - misst er seinen intellektuellen Einfluss. Es ist der Sieg der Intellektuellen über die Politik, wie sie ihn sich in ihrer kühnsten Träumen und Theorien wünschten. Die letzte Schlacht des engagierten Intellektuellen mündet in einen Krieg! Schmutzig und mit vielen unschuldigen Opfern, aber gerecht und zumindest notwendig. Nach Lanzmanns pazifistischem Schwächeanfall, der den nationalen Konsens der Zustimmung zerstörte, hat Sarkozy die Rebellen ostentativ nochmals ins Elysée eingeladen. BHL, den Sarkozy nach Benghasi zu begleiten erwägt, verbreitet Durchhalteparolen: "Mehr denn je, alles weist darauf hin: das freie Libyen, mit seinen Alliierten, kann den Tyrannen besiegen." Hoffentlich möglichst schnell. 

JÜRG ALTWEGG

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Reuters