Montag, 10. Januar 2011

Perfektionismus - 80 Prozent reichen auch

Artikel aus der FAZ:

In ihrem nie endenden Drang, alles erstklassig zu machen, gehen Perfektionisten sich und anderen auf die Nerven. Dabei hat ordentliches Mittelmaß durchaus gewisse Vorteile.

Von Ursula Kals

01. Januar 2011

Das Leben ist ein Kindergarten. Morgens in Unterhaching bei München: Frau P. ist pünktlich wie immer, ihre Stiefel blitzen, auch Tochter Fiona erscheint wie aus dem Ei gepellt in ihrem entzückenden Cape. Selbstverständlich ist das Höher-schneller-weiter-Kind bereits in der musikalischen Frühförderung. Ein artiger Abschiedskuss für Mama, die Richtung München fährt. Dort wird sie den Tag über arbeiten, ihr Büro dann um 17 Uhr verlassen, die Tochter abholen, Kürbissuppe kochen, mit dem Gatten ein Glas Wein trinken und bis Mitternacht über den Akten sitzen – das lässt sie gerne verlauten. Frau P. lebt ihren Drang nach Vollkommenheit aus. Sie ist leistungsorientiert, eine perfekte Mutter, Ehefrau und Juristin.

Und keiner mag die Frau so recht. Nicht nur, dass sie einen Hauch verkniffen wirkt. Sie gibt den anderen das latente Gefühl, Dinge nicht im Griff zu haben, nicht den widerspruchsfreudigen Vierjährigen, nicht den knappen Abgabetermin der Kostenkalkulation, nicht den entnervten Partner, der müde von der Dienstreise heimkehrt. Das Leben rumpelt halt so vor sich hin.

„Ein Großteil der Leute ist nicht mal ehrlich zu sich selbst“

Dabei sei vieles Schein bei all jenen, die nach außen so perfekt wirkten. Davon ist der 39 Jahre alte Münchner Jo Kupfer* überzeugt: „In meinem Bekanntenkreis beobachte ich, dass angeblich alles so super ist. Leute übernehmen Führungspositionen, es läuft perfekt. Dann gehen sie oder müssen gehen, erst dann gestehen sie, dass gar nichts perfekt war. Schade, ein Großteil der Leute ist nicht mal ehrlich zu sich selbst. Schwäche zu zeigen geht überhaupt nicht. Da lassen sich Menschen von ihren Chefs fast mobben, nur weil sie die Raten fürs Haus abstottern müssen.“

Kupfer ist Bankkaufmann, Betriebswirt und hat ein Team von 25 Mitarbeitern bei einem Tochterunternehmen eines Dax-Konzerns geleitet. 14 Jahre lang hat sich der gutaussehende, sportliche Mann um Perfektion bemüht und wollte allen gerecht werden: Seiner Frau und den Kindern, seinem geliebten Sport, in erster Linie aber seiner Geschäftsführung, die Dinge gegen den Willen der Mitarbeiter durchdrückte und erwartete, dass er Sonntagabend zur Vorbesprechung anreiste, wenn die Konferenz Montag begann.


„Ich habe in dem Unternehmen als Diplomand angefangen, war am Schluss Bereichsleiter in einer schwierigen Sandwichposition und hatte den Anspruch, alles, was ich mache, sehr gut zu machen. Das heißt die kurzfristig anberaumte Neun-Uhr-Präsentation habe ich nachts vorbereitet und wenn es bis drei Uhr in der Früh war.“ Trotz Telefonkonferenz am Wochenende sollte Zeit bleiben für die Familie und den Skisport. „Man versucht, alles reinzupacken. Mit Muße Zeitung zu lesen, das ging gar nicht. Mir ging es auch darum, ein perfektes Bild nach außen abzugeben“, sagt er heute selbstkritisch. Dazu passten immer weniger die zwei Kulturen, die er im Großkonzern erlebt hat: Die einen erwarteten Dauerpräsenz und perfektes Funktionieren. Unangenehmer aber seien die leidenschaftslosen Vorgesetzten gewesen, „denen war vieles egal, solange ihr Konto stimmte“.
„Perfektionismus ist häufig ein Wunsch nach Anerkennung“

Körperliche Erschöpfung brachte Jo Kupfer zum Umdenken. Vor gut einem Jahr hat er gekündigt. Seither arbeitet er als Interimsmanager, berät Firmengründer, hat einen Modeladen eröffnet und erfolgreich verkauft. Zur Zeit bewirbt er sich und möchte zurück in seinen alten Beruf, „aber unter anderen Prämissen. Ich möchte Arbeit und Stress in einen geregelten Ablauf bringen.“ Dazu gehört auch, dass er nach seiner „fairen“ Trennung von seiner Frau alle zwei Wochen freitags um 16 Uhr frei haben möchte für das Wochenende mit seinen Kindern. „Ich plane jetzt für mich selbst Termine ein und gewichte das entsprechend.“

Bestärkt hat ihn darin Eva Link, die als Persönlichkeitstrainerin arbeitet und oft Menschen erlebt, die an ihren perfektionistischen Maßstäben scheitern. „Der äußere Perfektionismus ist häufig ein Wunsch nach Anerkennung“, sagt die Münchnerin. Kürzlich hat sie einen angehenden Bankkaufmann getroffen, der seine Tage minutiös verplant und grübelt: „Arbeiten, Freunde, Fußballspielen, wie schnell ist dann mein Leben vorbei?“ Und er klagt: „Ich weiß nicht, wo die Zeit bleibt.“ Der Mann ist 17 Jahre alt. „Das hat mich berührt“, sagt Eva Link.

Getriebensein zeigt sich in Deutschland immer früher: Rund 25 Prozent der bis zu 18-Jährigen leiden an hohem Leistungsdruck und psychischen und psychosomatischen Problemen, zeigt eine Studie des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf. Das ist potentielle Kundschaft für Zeitlupenkurse, in denen man im Prinzip nichts macht außer essen, schlafen und sprechen. Und für Bücher mit launigen Titeln wie „Die Entdeckung der Faulheit“ und „Weniger Arbeiten, mehr Leben“.
Wo bitte ist der Ausstieg aus dem Hamsterrad?

Dass der Tag immer schneller vergehe, dieses Gefühl äußern viele Klienten von Eva Link. Der Druck von außen steigt: Was erwartet der Chef von mir? Mein Partner? Was erwarten die Freunde? „Es wird vorgegeben, was wir alles müssen.“ Wer gibt das vor? „Ich denke, das sind wir selbst.“ Wo bitte ist der Ausstieg aus dem Hamsterrad? „Wir sollten unsere inneren Muster und Glaubenssätze hinterfragen. Möchte ich wirklich joggen, ist das Genuss oder Pflichtprogramm?“

Anstatt mit seinen Schwächen zu hadern, sei es sinnvoller, sie zu akzeptieren, sich mit seinen Stärken beschäftigen und zu erkennen: „80 Prozent tun es auch.“ Kein einfacher Vorsatz für bekennende Ehrgeizige, die nicht nur von ihren Chefs Lob erhalten. Keine leichte Übung für Überarbeitete, die in ihrer kostbar-kurzen Freizeit Extremsportarten betreiben, um sich wieder selbst zu spüren, die an jedem Winterwochenende Richtung Alpen reisen, obwohl die Autobahnen schon morgens verstopft sind. Eva Link bestätigt: „Es ist ein langer Prozess, sich selbst einen Stopp zu geben und zu klären – was macht mir persönlich Druck, was ist mir wirklich wichtig.“
„Hinter Perfektionismusstreben verbirgt sich ein schlechtes Selbstwertgefühl“

Denn das Beste zu geben, das reicht Perfektionisten in ihrem Windmühlenkampf nicht. Stefanie Stahl stellt den 120-Prozentigen ein schlechtes Zeugnis aus und warnt vor den pathologischen Eigenschaften, hohe Standards zu verfolgen, eisern Fehler zu vermeiden, risikoaversiv und kontrollsüchtig zu sein. „Hinter Perfektionismusstreben verbirgt sich ein schlechtes Selbstwertgefühl und der Versuch, sich unangreifbar zu machen. Diese Menschen leben oft in der diffusen Angst, Fehler zu machen. Eine Sache perfekt zu machen gibt ihnen Sicherheit.“

Stahl klammert hierbei diejenigen aus, die „nicht überall glänzen möchten“, sondern aus Leidenschaft auf einem Gebiet Höchstleistungen erstreben, sei es in der Musik oder beim Sport. Vielmehr gehe es um jene, die in allen Rollen perfekt sein möchten, „sie rennen wie der Esel hinter der Mohrrübe immer den eigenen Ansprüchen hinterher und sind damit zwangsläufig frustriert“. Der Beste zu sein beschere zwar ein Überlegenheitsgefühl, aber auch Unfreiheit. „Diese Menschen denken oft in Kategorien, besser-schlechter, schöner-hässlicher, sie vergleichen viel und machen sich damit unglücklich.“

Im Extremfall, so hat die Gutachterin in der Arbeitswelt beobachtet, „sind das Korinthenkacker ohne Flexibilität, die sich aus Angst vor Vorgesetzten bis zur Unmenschlichkeit an Vorschriften klammern, damit ihnen kein Fehler nachgewiesen werden kann.“ Woher rührt dieses verkrampfte Streben? Stefanie Stahl sieht eine genetische Disposition, aber auch einen schlechten Erziehungsstil, wenn nämlich die elterliche Zuneigung an Bedingungen geknüpft ist und die Botschaft vermittelt: So wie du bist, bist du nicht okay. Geliebt wirst du nur für die 1 in Mathe.
„Viele erkennen nicht, was sie antreibt“

Wie entkommt man der Perfektionismusfalle? „Viele erkennen nicht, was sie antreibt. Sie sollten sich die Ursachen klar machen. Dann gilt, Gefahr erkannt ist fast Gefahr gebannt. Reflektieren ist einer der wichtigsten Schritte, sich von dem Problem zu befreien und seine Werte zu verschieben. Konkret: statt bis 20 Uhr im Büro zu sitzen, nach Hause gehen und mit den Kindern spielen“, rät Stahl.

Zurück in Unterhaching. Während Madame Perfekt ihr Büro ansteuert, hetzt Frau H. mit Sohn und ebenso wildem Strubbelhund an. So gerade eben erwischt die Alleinerziehende noch die offene Kindergartentür. Frau H. ist Buchhalterin, gilt dort als sehr genau, was man über ihren gemütlich-schlampigen Haushalt nicht sagen kann. Staubflockendiskussionen lacht sie weg. „Schon meine Hebamme hat gesagt: ,Entweder Sie haben eine saubere Küche oder einen zufriedenen Säugling.‘“ Frau H. wirkt unaufgeräumt, unperfekt und ziemlich glücklich. Zum Kinder-Yoga, wie Fiona, ist ihr Sohn nicht angemeldet.

* Name geändert

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Cyprian Koscielniak / F.A.Z.