Samstag, 22. Januar 2011

Der gute Vorsatz

Wie war dein Tag, Schatz?
Von Georg M. Oswald

Fesch hielt nichts von guten Vorsätzen zu Silvester, lachte verächtlich über Leute, die welche fassten, sagte, man müsse tagtäglich an sich arbeiten, nicht nur einmal im Jahr, und hatte sich, obwohl er es nicht laut zugegeben hätte, doch insgeheim eine ganze Menge vorgenommen.

Das Wichtigste war, fand er, sich weniger stressen zu lassen. Es galt, die eigene Mitte zu finden und seine so gewonnene innere Ruhe quasi nach außen abzugeben. Ganz automatisch hätte er dann wohl auch mehr Zeit für die Familie. Wenn er das Gefühl hatte, sie zu vernachlässigen, quälte ihn nämlich ein viel schlechteres Gewissen, als wenn es im Job drunter und drüber ging. Schließlich kam es doch darauf an, sich für die wirklich wichtigen Dinge im Leben Zeit zu nehmen. Man musste fit bleiben, sich mehr bewegen, sich mehr Zeit für sich selbst nehmen, alte Hobbys wieder anpacken, meine Güte, mit was für tollen Dingen man sich früher mal beschäftigt hatte! Natürlich musste man sich auch gesünder ernähren und abnehmen, was unweigerlich auch bedeutete: weniger Alkohol trinken und nicht mehr rauchen.

All dies nahm Fesch sich vor, was, zugegeben, eine Menge war, aber er wusste, tagtäglich musste man seine Vorsätze erneuern, nicht nur einmal im Jahr, und genau das wollte er beherzigen, ganz im Stillen, ganz für sich.

Als er dann jedoch beim Lesen einer Statistik erkennen musste, dass seine wichtigsten zehn Vorsätze nach Inhalt und Reihenfolge exakt dem gesellschaftlichen Durchschnitt entsprachen, fühlte er sich auf unerklärliche Weise niedergeschlagen. Es verunsicherte ihn nicht minder, dass die große Mehrheit der Befragten von sich behauptete, nicht wirklich etwas von guten Vorsätzen zu Silvester zu halten.

Die Berichterstattung über das Durchhaltevermögen seiner Landsleute aber demoralisierte ihn vollends. Gerade die Hälfte der Deutschen behauptete, ihre guten Vorsätze länger als drei Monate durchzuhalten. Von da an erschien es ihm geradezu zwingend, spätestens nach zwölf Wochen wieder gestresst, aber regungslos auf dem Wohnzimmersofa zu sitzen, während der Rest der Familie sonstwo unterwegs war. Auf der Suche nach der Fernbedienung würde er diese besonders leckeren englischen Salt and Vinegar Chips in sich hineinstopfen, die eine unbezwingbare Lust auf Bier und Zigaretten machten, und sich fluchend fragen, wieso er keine Minute Zeit für sich hatte.

Und er würde darüber sinnieren, wie Nietzsche eigentlich auf die Idee kommen konnte, die ewige Wiederkunft des Gleichen als Grundlage höchster Lebensbejahung zu betrachten.

Der Autor ist Schriftsteller und Rechtsanwalt und lebt in München.

Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 15.01.2011 Seite C1