Montag, 29. November 2010

Erst wird es schlimmer, dann besser

Diesen Beitrag von Rolf Dobelli finde ich bedenkenswert, er entspricht allerdings nicht ganz meiner persönlichen Erfahrung und Meinung:


Klarer denken
Warum die Alarmglocken läuten sollten, wenn jemand von einem „schmerzvollen Weg“ spricht
Von Rolf Dobelli
Vor einigen Jahren war ich auf Korsika im Urlaub und wurde krank. Die Symptome waren mir neu. Die Schmerzen wuchsen mit jedem Tag. Schließlich beschloss ich, mich untersuchen zu lassen. Der junge Arzt begann mich abzuhören und abzutasten, drückte an meinem Bauch herum, dann an den Schultern, an den Knien. Er tastete Wirbel um Wirbel ab. Langsam vermutete ich, dass er keine Ahnung hatte. Doch ich war unsicher und ließ die Tortur über mich ergehen. Als Zeichen, dass die Untersuchung nun zu Ende sei, zückte er den Notizblock und sagte: „Antibiotika. Nehmen Sie dreimal täglich eine Tablette. Bevor es besser wird, wird es schlechter.“ Froh, dass ich nun einen Befund hatte, schleppte ich mich ins Hotelzimmer zurück.
Die Schmerzen wurden tatsächlich schlimmer – wie vorausgesagt. Dieser Arzt wusste also, wovon er sprach. Als die Pein nach drei Tagen nicht nachließ, rief ich an. „Erhöhen Sie die Dosis auf fünfmal pro Tag. Es wird noch eine Weile schmerzen“, sagte er. Ich tat, wie verlangt. Nach weiteren zwei Tagen rief ich den internationalen Flugrettungsdienst an. Der Arzt in der Schweiz konstatierte Blinddarm und operierte mich sofort. „Warum zum Teufel haben Sie so lange gewartet?“, fragte er mich nach der Operation. „Der Krankheitsverlauf entsprach genau der Vorhersage, also vertraute ich dem jungen Arzt.“ „Sie sind der Es-wird-schlimmer-bevor-es-besser-kommt-Falle zum Opfer gefallen. Der korsische Arzt hatte keinen blassen Schimmer. Vermutlich ein Aushilfskrankenpfleger, wie sie in der Hochsaison in allen Touristenorten anzutreffen sind.“
Nehmen wir einen andern Fall, einen CEO, der weder ein noch aus wusste. Die Umsätze im Keller. Die Verkäufer unmotiviert. Marketing-Aktivitäten, die ins Leere liefen. In seiner Verzweiflung heuerte er einen Berater an. Für fünftausend Euro pro Tag analysierte dieser die Firma und kam mit diesem Befund zurück: „Ihre Verkaufsabteilung ist visionslos und Ihre Marke nicht klar positioniert. Die Situation ist verzwickt. Ich kann das für Sie zurechtrücken. Aber nicht über Nacht. Das Problem ist komplex, und die Maßnahmen verlangen Fingerspitzengefühl. Bevor es besser wird, werden die Umsätze nochmals zurückgehen.“ Der CEO heuerte den Berater an. Ein Jahr später gingen die Umsätze tatsächlich zurück. Auch im zweiten Jahr. Immer wieder unterstrich der Consultant, dass der Firmenverlauf genau seiner Vorhersage entsprach. Als nach dem dritten Jahr die Umsätze weiter serbelten, feuerte der CEO den Berater.


Die Es-wird-schlimmer-bevor-es-besser-kommt-Falle ist eine Spielvariante des sogenannten Confirmation Bias. Ein Fachmann, der nichts von seinem Fach versteht oder unsicher ist, tut gut daran, in diese Trickkiste zu greifen. Geht es weiter bergab, bestätigt sich seine Vorhersage. Geht es unerwarteterweise hinauf, ist der Kunde glücklich, und der Fachmann kann die Verbesserung seinem Können zuschreiben. So oder so – er hat immer recht. Angenommen, Sie werden Präsident eines Landes und haben keine Ahnung, wie das Land zu führen sei. Was tun Sie? Prognostizieren Sie „schwierige Jahre“, fordern Sie Ihre Landsleute auf, den „Gürtel enger zu schnallen“, und versprechen Sie eine Verbesserung der Situation erst nach dieser „heiklen Phase“ der „Entschlackung“, „Restrukturierung“. Lassen Sie bewusst offen, wie lange und wie tief das Tal der Tränen sein wird....



Fazit: Sagt jemand: „Es wird schlimmer, bevor es besser wird“, sollten bei Ihnen die Alarmglocken läuten. Aber Vorsicht: Es gibt tatsächlich Situationen, bei denen es erst nochmals runter- und erst dann wieder raufgeht. Ein Karrierewechsel kostet unter Umständen Zeit und ist mit Lohnausfall verbunden. Die Reorganisation eines Firmenteils braucht eine gewisse Zeit. Doch in all diesen Fällen sieht man relativ schnell, ob die Maßnahmen greifen. Die Meilensteine sind klar und überprüfbar. Schauen Sie darauf, und nicht in den Himmel.
Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 22.11.2010 Seite 30


Freitag, 26. November 2010

Der Kampf ist entbrannt

Schon immer kämpft die Pharmaindustrie gegen die Homöopathie. Die Pharmaindustrie meint, dass einzig ihre "wissenschaftlichen" Produkte die wahren Heilmittel wären.
Dennoch setzt sich die Homöopathie immer mehr durch.
Man sieht, dass die materialistische Wissenschaft doch nicht allmächtig ist.
So wird sich auch einst die anthroposophische Geisteswissenschaft mit ihren Fachgebieten gegen alle Widerstände durchsetzen.
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Medizin (Spiegel) 

Rückfall ins Mittelalter

Von Markus Grill und Veronika Hackenbroch
Die Homöopathie breitet sich an deutschen Universitäten aus. Ausgerechnet Ärztepräsident Jörg-Dietrich Hoppe macht sich jetzt für die skurrile Heilslehre stark.

In seiner Freizeit schreibt Rudolf Happle, 72, gern humorvolle Limericks. Doch 1992 war für den damaligen Chef der Uni-Hautklinik Marburg Schluss mit lustig: Damals sollte das Fach Homöopathie im medizinischen Staatsexamen geprüft werden - neben Chirurgie, Innerer Medizin und Kinderheilkunde.

"Der Fachbereich Humanmedizin der Philipps-Universität Marburg verwirft die Homöopathie als eine Irrlehre!", donnerte Happle damals in der "Marburger Erklärung", die vom Fachbereichsrat ohne Gegenstimmen verabschiedet wurde. Noch heute ist Happle überzeugt: "Das Streben nach wissenschaftlicher Erkenntnis der universitären Medizin und das magisch-mystische Denken der Homöopathie schließen sich gegenseitig aus."

Fast zwei Jahrzehnte danach muss der Medizinprofessor zugeben: Sein Aufschrei war vergebens. Die Homöopathie breitet sich unaufhaltsam an deutschen Hochschulen aus. An etlichen Universitätskliniken ist die Homöopathie inzwischen in der Krankenversorgung etabliert. Mehrere Stiftungsprofessuren verankern die skurrile Heilslehre im akademischen Forschungsbetrieb. Für Medizinstudenten sieht die neue Approbationsordnung die Homöopathie als Wahlpflichtfach vor...
Weiter hier :http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,730444,00.html

Berthold Beitz im Dritten Reich

DIE WELT
Autor: Joachim Käppner
|20.11.2010
"Als ob ein Engel in die Hölle kam"
Zum ersten Mal erscheint eine Biografie über Berthold Beitz. Sie wirft Licht auf seine Rolle im Dritten Reich


Im Juli 1942 läuft die "Aktion Reinhardt" an, in Galizien dirigiert von den SS-Führern Odilo Globocnik und Friedrich Katzmann. Wer als Jude nicht zur Zwangsarbeit taugt, soll "liquidiert" werden, auch wenn die offiziellen Aufträge dies noch verschleiern. Schon im März 1942 hat der Judenrat von Drohobycz 1500 Menschen für den Abtransport auswählen müssen. Die Opfer wurden in Viehwaggons verladen, verhöhnt von betrunkenen Schutzpolizisten. Im nahen Boryslaw sorgen die Berichte von Augenzeugen aus der Nachbarstadt für blankes Entsetzen. Wohin die Züge gefahren sind, nämlich ins Vernichtungslager Belzec, wissen freilich erst wenige. Auch Berthold Beitz ist "der Meinung, die Menschen würden ausgesiedelt, und ich habe nicht damit gerechnet, dass ihre totale Liquidierung erfolgte".

  Versteht sich als Krupps Testament-Vollstrecker:  Berthold Beitz

Der große Schlag trifft Boryslaws Juden im Sommer 1942. Am Abend des 6. August fallen SS-Einheiten, Schutzpolizisten und ihre ukrainischen Schergen in der Stadt ein und gehen auf Menschenjagd. Es kommt zu grauenvollen Szenen. Die Deutschen brechen Türen auf, suchen in Kellern und auf Böden nach Verstecken; sie erschießen Alte, die nicht gehen können, auf der Stelle und werfen die Säuglinge des jüdischen Waisenhauses aus den Fenstern. Größere Kinder werden barfuß und unter Prügeln zum Bahnhof getrieben. Dort warten die Viehwaggons für die Fahrt in den Tod. Jurek Rotenberg sieht das alles von seinem Versteck auf Danutas Dachboden aus. Er will wegschauen, aber die Mutter lässt ihn nicht: "Schau hin, damit du weißt, was sie getan haben!" Atemlos starrt der Junge durch das kleine Fenster, er hat freien Blick, das Haus liegt, leicht erhöht, dem Bahnhof genau gegenüber. Ukrainer und SS-Leute treiben Dutzende, dann Hunderte Juden zusammen. Manche sind gut angezogen, als hätten sie sich für eine Reise angekleidet, sie tragen Gepäck. Andere gehen in Lumpen. Die Kinder aus dem Waisenhaus haben nur Nachthemden an und keine Schuhe.

Da fährt ein Wagen vor, und ein Mann steigt aus, den Jurek noch nie gesehen hat. Er trägt Hut und Mantel und geht mitten hinein in das Chaos auf dem Bahnsteig. Bewaffnete SS-Leute treten ihm in den Weg. Ihr Anführer, ein Offizier, fuchtelt mit den Armen und brüllt auf den Fremden ein, wie sich Jurek Rotenberg erinnert: "Aber er ist ganz ruhig geblieben, wie ein Gentleman unter diesen schrecklichen Männern. Er zeigte auf die Waggons und ging einfach durch auf den Bahnsteig." Dort verschwindet er aus Rotenbergs Blickfeld. Was macht er bloß, fragen sich der Junge und seine Mutter. Haben sie ihn jetzt erschossen? Aber nach einer Weile kommt der Mann zurück, hinter ihm eine ganze Reihe von Juden aus den Bahnwaggons. Neben seinem Wagen sind einige Laster aufgefahren, die Menschen steigen ein, und die Kolonne entfernt sich. Der Mann ist Berthold Beitz. Er hat eigentlich auf eine Dienstreise fahren wollen, aber sein jüdischer Buchhalter und leitender Angestellter Jozef Hirsch, der Böses ahnt, beschwört ihn zu bleiben: "Besorgt ging er [Hirsch] mit dieser Nachricht zu Herrn Beitz und bat ihn, von der Reise Abstand zu nehmen. Herr Beitz verzichtete auf die Reise und blieb in der Stadt. In der Nacht kam die große Aktion." Schüsse, Gebrüll und Schreie der "Aktion" sind bis aufs Betriebsgelände zu hören. Beitz untersagt den jüdischen Angestellten, die noch im Haus sind, das Gelände der Karpathen-Öl zu verlassen.

Für andere ist es zu spät. Sie werden zu Hause oder auf der Straße geschnappt und zum Bahnhof getrieben, teils mit Hilfe deutscher Werksangehöriger. Beitz eilt in die Stadt und wird eine Weile bei der Polizei festgehalten, ehe er schließlich mit dem Wagen zum Bahnhof fährt. ... Beitz drängt sich, wie Rotenberg durch sein Dachfenster beobachtet hat, durch die Posten der SS und an einem schreienden Offizier vorbei bis auf den Bahnsteig. Er hört Weinen und Hilferufe aus den Waggons, das Gebrüll der SS-Männer und Polizisten, das Bellen der scharfen Hunde. Noch immer hallen Schüsse, als die Häscher einzelne Juden am Bahnhof erschießen. Beitz läuft an den Waggons entlang und ruft Namen, die er kennt. Er ruft, so laut er kann. Arbeiter der Karpathen-Öl sollen sich melden. Eine vielstimmige Menge schreit zurück: "Herr Direktor, nehmen Sie mich!" - "Ich arbeite bei Ihnen!" Er zieht so viele Menschen heraus, wie er kann, und keineswegs nur seine Leute. So deutet er auf den 21-jährigen Boryslawer Juden Zygmunt Spiegler: Auch der gehöre zu ihm. Spiegler selbst hat Beitz noch nie gesehen, es erscheint ihm, als ob "ein Engel plötzlich in die Hölle kam". Und er berichtet später, dass Beitz viele Menschen nach ihren Berufen fragt: "Die Antwort schien ihm allerdings ziemlich gleichgültig zu sein, denn er rief auch solche Personen heraus, die als Beruf 'Friseur' oder 'Gärtner' angaben."

Die SS-Leute geben oft nach, überrascht und überfordert. Gleichwohl vermag Beitz nicht jedem zu helfen. So kann er die Mutter jener Sekretärin mit den braunen, traurigen Augen nicht retten, über deren Schicksal er fast fünfzig Jahre später bei der Ehrung in Yad Vashem weinen wird. "Ist es erlaubt, Herr Direktor, dann gehe ich auch zurück", sagt die junge Frau, sie sieht ihn an und steigt wieder in den Waggon, in den ihre Mutter zurückgehen musste. Ein SS-Mann hat sie nicht gehen lassen, weil er nicht glaubte, dass die alte Frau in der Ölindustrie arbeiten könne: "Die geht wieder zurück. Die andere können Sie haben, die schenke ich Ihnen." Diese Tragödie ist eine Schlüsselszene für Berthold Beitz, für Macht und Ohnmacht, die er in Boryslaw oft im selben Moment spürt. Sie lässt ihn niemals mehr los, er wird sie in späteren Jahren immer wieder erzählen, wie in Jerusalem 1990. Er allein und niemand sonst hätte 1942 am Bahnhof von Boryslaw die Macht und die Kraft, die junge Frau zu retten, aber für ihre Mutter und viele andere kann er nichts tun; bei ihr funktioniert die Legende der Unabkömmlichkeit nicht, mit der er seine Rettungsaktionen oft so erfolgreich tarnt.

Viele Menschen bewahrt er an diesem Tag vor der Fahrt in den Tod, viele der Karpathen-Arbeiter und Angehörige, manche Beschäftigte, deren Familie dennoch nach Belzec transportiert wird, und nicht wenige Juden, die mit seiner Firma gar nichts zu tun haben. Zu den Geretteten gehört Oskar Bander, der als Buchhalter bei der Karpathen-Öl beschäftigt ist - seine Frau arbeitet dort in der Werksküche - und der nach dem Einmarsch der Deutschen im Vorjahr den einquartierten Kommandanten zornig gefragt hatte: "Wollt ihr uns alle erschießen?" Jetzt weiß er die Antwort. Beitz holt ihn aus dem Zug. Aber das Schicksal trifft die Familie dennoch hart an diesem Tag. Der ältere Sohn Karol hat sich, als die "akcja", wie die Polen sagen, durch die Straßen tobt, ganz oben in einem der großen hölzernen Fördertürme verborgen, die das Stadtbild dominieren. Ein Freund ruft ihn, der Vater suche ihn, er solle besser zur Karpathen-Öl kommen.

Aber als Karol die Stiegen herabsteigt, ist er kurz an einem kleinen Fenster zu sehen, und genau in diesem Moment schaut ein ukrainischer Polizist hoch. Als der Junge unten ist, warten die Menschenfänger schon und bringen ihn zum Bahnhof. Karol hat keinen rettenden Arbeitsausweis. Und der Vater wird Janek, dem jüngeren Sohn, später immer wieder erzählen, dass Berthold Beitz den großen Bruder trotzdem aus dem Waggon holen wollte, aber SS-Männer hätten es nicht erlaubt: "Der ist jung, den nehmen wir mit zur Arbeit!" Janek und seine Mutter haben für ein Versteck bezahlt und klettern in den großen Kleiderschrank bei einer Ukrainerin. Der Jüngere hört Poltern an der Haustür, dann die rauen Stimmen der Milizionäre: "Juden! Sind hier Juden?" Was wird die Frau jetzt tun?, fragt sich Janek, außer sich vor Angst. Aber die sagt geistesgegenwärtig: "Bei uns? Was denkt ihr denn? Wir sind doch alle Ukrainer! Wir hassen die Juden." Die Männer rücken ab. So überlebt Janek Bander die August-"Aktion". Doch sein geliebter Bruder Karol fährt für immer davon. Er wird in Janowska ermordet.

Der Fall Lizzy Lockspeiser ist von besonderer Tragik. Ihr Name gehört zu jenen, die Beitz im Chaos auf dem Bahnsteig immer wieder laut ruft. Und es muss sich eine Frau gemeldet haben, die dann aus dem Waggon geholt wurde. Jedenfalls erinnert sich Anita Lauf, dass die Familie im Lauf des Tages eine Botschaft von Beitz erhielt: "Die Lockspeiser habe ich." Die ungläubige Freude der Familie weicht dem erneuten Schock, als Lizzy nicht auftaucht. Sie war nicht die gerettete Frau. "Herr Beitz kannte Lizzy Lockspeiser ja nicht", sagt Anita Lauf heute, "er trägt keine Schuld - schließlich hat er alles versucht, um sie zu retten." ... Doch Lizzy Lockspeisers Leben haben die Mörder nun genommen. Beitz ist auf dem Bahnhof von Boryslaw bis an die Grenzen seiner Möglichkeiten gegangen. Er hat viele retten können und manche nicht: die Sekretärin, ihre Mutter, Frau Lockspeiser. Aber Hunderte verdanken ihm an diesem Tag ihr Leben. Er tut, woran andere nicht zu denken wagen. Und er tut das in einer Zeit, in der wenig Hoffnung besteht, dass das Regime des Terrors bald enden könnte, im Gegenteil.

Und dennoch folgt Beitz der Stimme des Gewissens und stellt sich den Mördern in den Weg. Sein Auftreten, so wie es der junge Jurek Rotenberg von seinem Versteck im Dachgeschoss aus beobachtet, verwirrt die SS-Männer. Dass ein Mann sich für andere, ihm meist ja völlig Fremde in Gefahr bringt - das ist in ihren Denkmustern nicht vorgesehen. Wer ihnen, wie Berthold Beitz, selbstbewusst gegenübertritt und Forderungen stellt, kann in ihren Augen nur ein mächtiger Mann sein. Es muss da etwas geben, was sie nicht wissen - Gönner in höchsten Positionen vielleicht? Beitz untersteht ja dem Oberkommando des Heeres (OKH). "Darauf", so Beitz, "berief ich mich immer, das machte Eindruck bei denen. Sonst wären die Rettungsaktionen in Boryslaw gar nicht möglich gewesen." Beitz trägt stets ein Telegramm aus dem OKH bei sich, das sämtliche Behörden in Boryslaw auffordert, "die für die Aufrechterhaltung der Erdölproduktion erforderlichen Arbeitskräfte zur Verfügung zu stellen". Als ein hoher SS-Offizier aus Lemberg das einmal liest, gibt er mit den Worten nach: "Aha, so ist die Sache." Ohne die jüdischen Rüstungsarbeiter aus dem Werk - oder die, die er als solche ausgibt - sei die Treibstoffproduktion in Gefahr, betont Beitz und erweckt den Eindruck, als sei sein Eingreifen direkt mit dem OKH abgesprochen.

Das ist nicht der Fall. Gewiss, im deutschen Besatzungsgebiet, gerade in Polen, gibt es einen natürlichen Widerspruch zwischen den Interessen der Rüstungsproduktion und den Massenmorden des Vernichtungsapparates. Aber nur sehr wenige Manager der Kriegswirtschaft lassen es auf massive Konflikte mit der SS ankommen, und noch weniger tun das uneigennützig, aus Menschlichkeit den Opfern gegenüber. Beitz dagegen spielt die Karte der Rüstungsinteressen, sooft er nur kann: "Ich habe keinen Zweifel daran gelassen, dass ich an höherer Stelle intervenieren würde, wenn sie nicht nachgeben, das hat oft funktioniert - aber nur, weil sie meinen Einfluss überschätzt haben."

Donnerstag, 25. November 2010

Tolstois Tod

Autor: Rosemarie Tietze 20.11.2010

Der Passagier von Zug Nr.12
DIE WELT - Quelle: http://www.welt.de/print/die_welt/vermischtes/article11071052/Der-Passagier-von-Zug-Nr-12.html



Lew Tolstoi ist der bedeutendste Romancier Russlands. Schon zu Lebzeiten wurde er "der Titan" genannt. Sein Tod erschütterte Tausende.


Leo Tolstoi

Astapowo, ein Bahnknotenpunkt in Zentralrussland. Trotz Wind und Spätherbstkälte wird der Abendexpress um 6 Uhr 35, Zug Nr.12 aus Richtung Smolensk, von vielen Menschen erwartet, meist Bahnbeamten oder Schaulustigen, denn für die öde Provinzstation ist selbst die Ankunft und Abfahrt der Züge noch Zerstreuung. Kaum hat der Zug gehalten, verbreitet sich auf dem Bahnsteig ein Gerücht: In diesem Zug reist Lew Tolstoi! Die Sensation wäre nicht größer gewesen, hätte die Nachricht gelautet: In diesem Zug reist der Zar.

Aus einem Waggon zweiter Klasse kommt ein Mann - es ist Tolstois Leibarzt Dusan Makovicky - und bespricht sich mit dem Bahnhofsvorsteher Iwan Osolin. Tolstoi sei unterwegs erkrankt, wahrscheinlich an Lungenentzündung, er brauche Ruhe und müsse dringend ins Bett. Nach dem ersten Schock bietet der Bahnhofsvorsteher sogleich sein Wohnzimmer an, in dem flachen Holzbau gegenüber dem Bahnhofsgebäude, das Zimmer sei geräumig, auch günstig, weil es einen eigenen Eingang hat.

Erneut läuft ein Raunen durch das Publikum: Lew Tolstoi steigt aus! Makovicky und ein Eisenbahner helfen dem 82jährigen Greis aus dem Waggon, und das Reisegrüppchen - mit von der Partie sind Tolstois Tochter Alexandra und deren Gesellschafterin - begibt sich zunächst in den Bahnhof, den leeren Wartesaal für Damen, während in Osolins Wohnzimmer ein Bett aufgeschlagen wird. Als Tolstoi wenig später über die Gleise zum Haus geführt wird, muss er von allen Seiten gestützt werden. Ringsum stehen gewiss siebzig Schaulustige in feierlicher Stille, die Männer nehmen die Mützen ab, dann werden Stimmen laut: Ihn sollte man nicht führen, sondern auf Händen tragen!
Im Zimmer angekommen, dankt Tolstoi dem rührenden Hausherrn und seiner Frau, dann legt er sich hin. Das Fieber steigt im Lauf des Abends auf fast 40°, gegen Mitternacht beginnt der Kranke zu fantasieren, er befürchtet, seine Frau Sofja Andrejewna werde ihm nachfahren.


Flucht oder Befreiung?

An diesem 13. November 1910 (oder 31. Oktober nach dem in Russland damals gültigen julianischen Kalender) war Tolstoi bereits den vierten Tag unterwegs, dennoch wusste er selbst nicht recht, wohin die Reise gehen sollte. Jedenfalls nach Süden, in Richtung Schwarzes Meer, und später, so hoffte Tolstoi, könnte er sich vielleicht in Bulgarien verstecken. Seine Reise glich einer Flucht, wovor - darüber diskutieren die Tolstoi-Interpreten bis heute.
Natürlich, das berühmte Ehe-Zerwürfnis. In 48 Ehejahren hatte Sofja Andrejewna ihrem Mann "treulich gedient", war sechzehnmal schwanger und trug dreizehn Kinder aus, von denen acht das Erwachsenenalter erreichten. Zur Erziehung der Kinder kam die Aufsicht über den Haushalt, die Tolstois führten ein gastliches Haus, außer der eigenen vielköpfigen Familie samt Erziehern und Gouvernanten saßen oft Verwandte und Freunde mit bei Tisch. Und meist nachts schrieb Sofja Andrejewna noch Tolstois Manuskripte ab, in späterer Zeit lag auch die Verantwortung für den Gutsbetrieb auf ihren Schultern.

Nach ersten glücklichen Ehejahren hatte sich der Zwist in den 80ern angebahnt, als Tolstoi im Zuge seiner Hinwendung zum Christentum jeglichen Besitz ablehnte und sein Leben in "Luxus" als Sünde ansah. Sofja Andrejewna, seit der Heirat mit Tolstoi "Gräfin", konnte seine Bekehrung nicht nachvollziehen und kämpfte für sich und die Kinder um den Besitz. Und der bestand nicht nur aus Gütern, sondern auch aus Urheberrechten, denn die Einnahmen aus Tolstois Werken bildeten einen wichtigen Teil des Familienbudgets. Die Situation entspannte sich, als Tolstoi seinen Besitz unter Frau und Kindern aufteilte und Sofja Andrejewna die Nutzung der vor 1881 geschriebenen Werke überließ, somit den Löwenanteil der Erzählprosa.


In Tolstois letzten Lebensjahren spitzte sich der Konflikt erneut zu. Unterm Einfluss seiner Anhänger, besonders seines Vertrauten Tschertkow, vermachte Tolstoi zuletzt sämtliche Werke der Tochter Alexandra, die sie nach seinem Tod zu Gemeineigentum erklären sollte. Das Testament hielt er vor seiner Frau geheim, aber natürlich bekam Sofja Andrejewna davon Wind, wodurch ihr ohnehin schon krankhaftes Misstrauen gesteigert wurde; ihre Nerven waren so zerrüttet, dass sie die Familie mit immer neuen hysterischen Anfällen tyrannisierte. Hinzu kam, dass Tolstoi nun auch Tagebücher vor ihr versteckte oder außer Haus gab; seit der Zeit, als Tolstoi seine Braut mit der Lektüre seiner Junggesellen-Tagebücher schockiert hatte, gehörte die gegenseitige Lektüre der Tagebücher zu den Eheritualen, und solche Intimkenntnis bedeutete für beide, eine gewisse Hoheit über des anderen Biografie zu besitzen. So schwankte das Ehepaar in Tolstois letzten Lebensmonaten andauernd zwischen Extremen, einerseits Beschwörungen ihrer alten Liebe, andrerseits Drohungen: Sie drohte mit Selbstmord, er mit Fortgang oder Flucht.

Tolstois Aufbruch allein aus dem Ehezerwürfnis zu erklären, griffe allerdings zu kurz. Vieles war dem alten Mann lästig geworden. In Jasnaja Poljana riss der Strom der Besucher nicht ab, vor dem Gutshaus standen Bittsteller, die um Lebenshilfe oder Almosen baten, tagtäglich trafen 30 bis 35 Briefe ein. Tolstojaner, oftmals päpstlicher als ihr Idol, drängten ihn zur Konsequenz: Es genüge nicht, den Besitz wegzugeben, er müsse auch dem luxuriösen Leben auf dem Gut entsagen.

Vor allem aber war Flucht ein Reflex, dem Tolstoi im Leben mehrfach nachgab, durch radikale Kehrtwenden befreite er sich aus unerträglich gewordenen Lebenslagen. So, als er lange vor seiner Ehe in den Kaukasus aufbrach; der Entschluss kam derart plötzlich, dass er nicht einmal die notwendigen Papiere mitnahm. Auch in seinen Werken gestaltete er solches Verschwinden, zuletzt im "Lebenden Leichnam" und den "Aufzeichnungen des Starez Fjodor Kusmitsch". Unterzutauchen, als namenloser Wandermönch durch die Lande zu ziehen ... Dass Tolstoi erst jetzt zur Tat schritt, war wohl der Rücksicht auf Sofja Andrejewna geschuldet. Nun aber war es zu spät: Für ein Pilgerdasein fehlte dem kränkelnden alten Mann bereits die Kraft. Übrig blieb eine fast kreatürliche Bewegung - so sucht sich ein Tier zum Sterben zurückzuziehen. Selbst das misslang auf tragische Weise.

Überstürzte Abreise

Den unmittelbaren Anlass lieferte wieder Sofja Andrejewna. Tolstoi hört sie mitten in der Nacht unter seinen Papieren wühlen. Was dann geschah, beschreibt Makovicky: "Im Schlafrock, barfuß in den Schuhen und in der Hand eine Kerze, weckte mich Lew Nikolajewitsch um drei Uhr früh." Er wolle wegfahren, sagt Tolstoi, der Arzt solle mitkommen, Tochter Alexandra packe das Nötigste zusammen. Tolstoi eilt selbst durch die Nacht zum Kutscherhäuschen, weckt den Kutscher und lässt anspannen. Erst auf der Fahrt zum Bahnhof beratschlagt er mit dem Arzt, wohin sie fahren könnten, und erst am Fahrkartenschalter merkt Makovicky, dass sie zu wenig Rubel dabeihaben; er bittet um Fahrkarten "für Tolstoi", das Geld werde nachgereicht - und erhält das Gewünschte. Ein recht kopfloser Aufbruch, bedenkt man, dass die Idee, auf- und davonzugehen, Tolstoi seit einem Vierteljahrhundert beschäftigt.
Erstes Ziel ist das Kloster Optina Pustyn, von dort fährt Tolstoi zu seiner Schwester Marija, die unweit davon in einem Frauenkloster lebt. Aber auch da hält es ihn nicht; als er erfährt, dass Sofja Andrejewna auf die Nachricht von seiner Abreise sich im Gutspark in den Teich gestürzt hat, gleich gerettet wurde, aber schwor, ihm nachzureisen, bricht er wieder auf, nun noch begleitet von Tochter Alexandra und deren Gesellschafterin; Tolstoi hat sie telegrafisch hergebeten.

Am ersten Reisetag hatte es auf einer Teilstrecke nur einen verrauchten Waggon dritter Klasse gegeben, Tolstoi war unterwegs lange vor der Waggontür im Freien gestanden, bei Temperaturen um Null Grad; das rächt sich nun. Der Arzt stellt fest, dass Tolstoi fiebert und Schüttelfrost hat, die Reise muss unterbrochen werden. Auf den Rat eines Schaffners entscheidet sich Makovicky für Astapowo, da es dort neben dem Bahnhof ein Ambulatorium gibt. Als Tolstoi später vom dortigen Arzt befragt wurde und dieser beim Ausfüllen des Krankenblatts vor der Rubrik "Beruf" stockte, riet Tolstoi ihm, "Passagier von Zug Nr.12" einzutragen.



Tod in aller Öffentlichkeit

Der "Titan" wie die Zeitgenossen ihn nannten, hatte seine Berühmtheit unterschätzt. Überall, auf Bahnhöfen wie in Zügen, wird er erkannt, bald entdeckt das Reisegrüppchen in einer Zeitung die Sensationsmeldung "Tolstois Abreise". Auch ein Geheimagent reist mit, wie Makovicky schreibt, verrät er sich dadurch, "dass er fast auf jeder Station ausstieg, sich gegenüber unserem Waggon hinstellte, auf unser Fenster starrte und mehrfach während der Reise in anderer Kleidung erschien".
Am Morgen nach der Ankunft wird Osolin von der Presse telegrafisch um Auskunft bedrängt, bekommt sogar 100 Rubel überwiesen, die er ablehnt, als er erfährt, Tolstoi wünsche solche Publikationen nicht. Bald fällt in Astapowo eine Meute von Zeitungsreportern ein, sie umlagern das Holzhaus, auch "Operateure" mit Filmkameras tauchen auf. Makovicky und Alexandra, ohnehin rund um die Uhr mit der Pflege des Kranken beschäftigt, müssen nun auch die Presse abweisen. Den Bahnhofsvorsteher sucht selbst der Ortsgendarm auszuhorchen, und nicht nur um die Unterbringung vieler Menschen hat sich Osolin zu kümmern, ihm untersteht auch der telegrafische Dienst: In den sieben Tagen bis Tolstois Tod werden 1500 Telegramme von Astapowo abgesandt.
Lew Tolstoi hatte trotz der Reisestrapazen die ganzen Tage weiter gearbeitet, er schrieb oder diktierte und ließ sich aus Zeitungen vorlesen. Vom 16. (3.) November stammt sein letzter eigenhändiger Tagebucheintrag. In der darauffolgenden Nacht diktiert er ebenfalls, aber das Fieber ist hoch, man versteht ihn nicht. Als er ungeduldig verlangt, man solle ihm das Diktierte vorlesen, greift Alexandra in ihrer Not zum "Lesekreis" und liest daraus Tolstois Aphorismen vor - der Vater beruhigt sich.
Mit jedem Tag wächst um das Holzhaus der Trubel. Natürlich hat Sofja Andrejewna vom Aufenthaltsort ihres Ehemanns erfahren, und am 15.11. trifft sie mit Tochter Tatjana und zwei Söhnen per Sonderzug in Astapowo ein. Die Kinder können sie davon abhalten, zu Tolstoi vorzudringen, aber sie späht durch die Fenster, um wenigstens zu erkunden, in welchem Raum sich Tolstoi befindet. Erst eine Stunde vor dem Ende, als Tolstoi bereits im Koma liegt, darf sie zu ihm.
Im Lauf des 19.11. ist Tolstoi nur noch zeitweise bei Bewusstsein, und in einem dieser Augenblicke sagt er zu den beiden Töchtern: "Bitte denkt daran, es gibt ungeheuer viele Menschen auf der Welt, aber ihr schaut nur auf Lew." Danach sind bloß Bruchstücke von seinem Gemurmel im Fieberwahn zu verstehen, Makovicky notiert: "Wie schwer ist es zu sterben" oder "Lasst mich in Ruhe ... Davonlaufen ..." Der Todeskampf dauert die ganze Nacht, erst am Morgen des 20. (7.) November ist er ausgestanden: Um 6 Uhr 5 hört Tolstois Herz zu schlagen auf.

 Am nächsten Tag wird der Leichnam nach Jasnaja Poljana überführt und dort unter Anteilnahme einer tausendköpfigen Menge unweit des Hauses begraben.





Astapowo heute

Nach Tolstois Tod hat in seinem Sterbezimmer nie mehr jemand gewohnt. Osolin schloss den Raum ab, dank seiner Vorsorge blieb alles erhalten. Und im heute frisch restaurierten Museum kann die Führerin stolz darauf hinweisen, dies seien die Eichenbohlen, über die Tolstoi geschritten ist, und an der alten Tapete sind noch die Umrisse von Tolstois Profil zu erkennen, jemand hat den Schatten mit Bleistift nachgezeichnet. Seit 1918 heißt Astapowo "Lew Tolstoi", nun ist jedoch geplant, zumindest der Bahnstation den alten Namen zurückzugeben. Ohnehin lebt der Ort unter dem Namen Astapowo im Bewusstsein der Tolstoi-Verehrer in aller Welt. Hier soll am 20.11., dem hundertsten Todestag, auch die zentrale Gedenkfeier stattfinden.

Gegenüber, am Bahnhofsgebäude hängt nach wie vor die alte Uhr, ihre Zeiger stehen auf 6 Uhr 5, dem Augenblick von Tolstois Tod.

Mittwoch, 24. November 2010

Boris Palmer - ehemaliger Waldorfschüler

Oberbürgermeister von Tübingen

Er selbst schreibt auf seiner Internetseite www.borispalmer.de in seinem Lebenslauf über seine Zeit als Waldorfschüler:


"SCHULE

"Erziehung zur Freiheit" lautet ein Schlagwort der Waldorfschulbewegung. Die meisten Schlagwörter überzeichnen einen Sachverhalt, so auch hier, denn zur Freiheit erziehen, das ist ein Widerspruch in sich. Anstöße zur Entwicklung einer freien Persönlichkeit geben, das ist allerdings möglich. Die Waldorfschule zeichnet sich eben dadurch aus, daß sie diesem hohen Ziel den Vorrang gegenüber der Vermittlung nackten Faktenwissens gibt und zuvörderst aus diesem Grunde betrachte ich es heute als Glücksfall und für meine Entwicklung entscheidendes Ereignis, daß ich die Chance erhielt, eine Waldorfschule zu 
besuchen.


 



Natürlich wußte ich davon noch nichts, als ich mit sieben Jahren erstmals die Freie Waldorfschule Engelberg betrat, ich hegte einfach nur eine große Vorfreude auf die Schule. Schon bald fühlte ich mich sehr wohl in meiner neuen Umgebung und sah in meiner Klassenlehrerin, Frau Kreßler, eine zweite Mutter. Ich freute mich auf jeden Schultag, lauschte mit Begeisterung den Erzählungen unserer Lehrerin und durchlebte die
Schicksale der verschiedensten Märchenfiguren - noch heute habe ich die Bilder vor mir, die meine Phantasie damals zeichnete. Nach und nach hielten auch Fächer Einzug in den Unterricht, die intellektuell Forderungen stellten, und hier konnte ich immer mehr meine Begabungen ausspielen. Lesen hatte ich ohnehin schon vor der Einschulung gelernt, und besonders im Rechnen wurde ich zum Klassenprimus. Bei all dem bemühte ich mich stets, meiner geliebten Lehrerin zu gefallen, die Hausaufgaben wurden immer erledigt, und wo es Arbeit gab, bot ich stets meine Hilfe an. Nur in den musischen und praktischen Fächern hatte ich meine liebe Müh', doch das ließ sich ertragen, hielt ich dies sowieso für Frauensache.


Mit Beginn der fünften Klasse zerbrach die Kinderwelt allmählich, im gleichen Maße, wie ich im Elternhaus vereinsamte, distanzierte ich mich auch von meiner Schule, von Frau Kreßler und den Klassenkameraden. Aus der Verehrung für die Lehrerin wurde massive Opposition, mein fortschreitender Wissensstand ermöglichte es mir, ihre fachlichen Defizite zu erkennen, die nun ihr unschätzbares Talent im Umgang mit Kindern überdeckten. Innerhalb der Klasse wurde ich zum Sonderling, an dem man zwar nicht vorbeikonnte, den man aber auch nicht mehr als nötig einband. Umso mehr trachtete ich danach, durch Vermehrung meines
Wissensvorsprungs meine Position zu festigen. Doch Befriedigung erwuchs daraus in der Schule nicht, in der siebten Klasse führte ich ein Aufnahmegespräch an einem Gymnasium, und nur die Angst vor dem Unbekannten verhinderte einen Wechsel.


Heute bin ich sehr froh über diese Entwicklung, denn schon bald setzte ein grundlegender Wandel ein. Meine Lehrer erkannten sehr wohl, daß es mir an Aufgaben und Zielen mangelte, da ich die Anforderungen im Unterricht nicht als solche empfand. So stellte mir Herr Peter, mein künftiger Mathematiklehrer, Sonderaufgaben mit dem Stoff höherer Klassen und ich durfte früher als sonst jemand, eine Beleuchterkarriere an unserer Bühne beginnen.


Setze ich sonst voraus, daß die Eigenarten einer Waldorfschule dem geschätzten Leser bekannt sind, so muß ich dies wohl etwas näher erläutern. In der achten und zwölften Klasse werden an unserer Schule sogenannte Klassenspiele aufgeführt, von Shakespeare über Goethe und Schiller bis Zuckmayer und Wilder reicht das Programm. Dazu gibt es an unserer Schule zwei Bühnen, den großen und kleinen Saal, die jeweils mit einer semiprofessionellen Beleuchtungstechnik ausgestattet sind. Herr Morris, mein Englischlehrer, kümmert sich noch heute um deren Einsatz, und so lernte ich damals bei ihm das Handwerk, Theater ins rechte Licht zu setzen. Gleich meine erste große Aufgabe war es, den Kopf des Mephisto in Goethes Faust, den Herr Rüttinger 1987 mit einer zwölften Klasse inszenierte, über fünf Stunden mittels eines Verfolgers in ein grünliches Licht zu setzen. Auf eine Entfernung von zwanzig Metern nicht so einfach!


Viel wichtiger als die technischen und künstlerischen Fertigkeiten, die ich mir als Beleuchter in fünf Jahren erworben habe, waren aber die Kontaktmöglichkeiten, die sich daraus ergaben. Denn die Klassenspiele sind mit eine der Einrichtungen, die die besondere Zusammengehörigkeit der Oberstufe an einer Waldorfschule ermöglichen. Und ich war nun bei Proben und Aufführungen aller Spiele dabei! So fand ich endlich eine Möglichkeit, mich in das soziale Gefüge der Schule einzubringen, und ich hatte sehr großen Spaß daran, ergriff die Chance mit brennendem Eifer. Durch die Freundschaft zu den Beleuchtern meiner Vorgängergeneration, mit denen ich noch heute eng verbunden bin, wurde mir das Tor zur ganzen Oberstufe geöffnet, bald sah man mich nur noch bei den 12ern stehen, wo ich doch gerade in die 9.Klasse gekommen war. So wandelte ich mich vom arroganten Eigenbrötler in der eigenen Klasse zum engagierten Oberstufenschüler.


Zudem konnte ich nun auch meinen Wissensdurst in der Schule besser stillen, denn vom ersten Tag der Oberstufe kehrte ein ganz neuer Arbeitsstil ein, endlich wurde ich in meinen Paradefächern wieder gefordert. Zu meinem neuen Klassenbetreuer, Herrn Schneider, fand ich bald ein noch tieferes Verhältnis als am Anfang meiner Schulzeit zu Frau Kreßler. War es damals kindliche Liebe, so brachte ich ihm nun die aufrichtige Zuneigung eines jungen Erwachsenen entgegen und spürte bald, daß er diese erwiderte, wir verstanden uns glänzend. Der Umbruch war geschafft, ich ging wieder gerne zur Schule, und immer mehr nahm sie mein ganzes Denken und Fühlen ein, ich engagierte mich fast ausnahmslos bei allen Unternehmungen der Schule, und so kam es auch, daß ich dazu stieß, als im Sommer 1988 eine neue Schülerzeitung gegründet werden sollte. Zunächst agierte ich zurückhaltend, übernahm nur wenige Artikel und die Aufgabe, das Layout herzustellen. Gemeinsam mit Ivar, einem jener älteren Beleuchter, arbeitete ich 24 Stunden daran, dann hatten wir die erste Ausgabe des "Steinschlag" vor uns. Welch ein Gefühl, endlich das fertige Heft in Händen zu halten! Von der Nächsten Ausgabe an brachte ich mich auch hier voll ein, immer besser sollte das Heft werden, und bis zur Ausgabe 8 oblag mir die Gestaltung des Heftes, arbeitete ein Team von Freunden in unvergeßlichen Wochen oft tagelang ohne Schlaf an diesem Layout. Ein wenig flüchtete ich aus der von Streit zerrütteten Welt der Eltern in die heile Welt meiner Schule, hier fand ich Anerkennung, Aufgabe und Befriedigung. Unmöglich, all die Klassenspiele, Bälle, Martinsmärkte, Jahresabschlüsse und Vorträge zu erwähnen, zu denen ich in die Schule eilte, kaum eine Veranstaltung, die nicht einen Beleuchter gebrauchen konnte.


Obwohl all diese Aktivitäten sehr zeitaufwendig waren, hatte ich noch genügend Kapazitäten für die Schule frei. In den naturwissenschaftlichen Fächern, aber auch in Geschichte und Deutsch war es für mich selbstverständlich, stets unter den Besten zu sein. Doch anders als in den vorausgegangenen Jahren veranlaßte mich dies nicht mehr zu herablassenden Bemerkungen gegenüber Schwächeren, ich bemühte mich,vom hohen Roß herabzusteigen und erkannte, daß die bessere intellektuelle Ausstattung noch lange keinen besseren Menschen macht.


Sehr hilfreich war mir dabei, daß man an Waldorfschulen großen Wert auf den praktischen Unterricht legt, und hier konnte ich erleben, wo meine Schwächen lagen, daß die meisten Klassenkameraden mir in dieser Hinsicht viel voraus hatten. Wenngleich ich mir heute sage, daß ich im praktischen Unterricht gerade deswegen viel gelernt habe, weil ich dafür nur wenig Talent mitbrachte, waren dies damals natürlich nicht unbedingt meine Lieblingsfächer, so daß ich im elften Schuljahr aus einer einfachen Überlegung heraus eine Entscheidung traf, die mir heute sehr wichtig ist: Aus dem Stundenplan ging hervor, daß zwei Wochenstunden entweder mit einem praktisch-künstlerischen Fach oder mit Latein zu belegen waren. Nun hatte ich in der siebten Klasse, in der der Lateinunterricht beginnt aus reinem Protest die Bitten meiner Klassenlehrerin abgelehnt, in die Lateinklasse einzutreten. Doch kurz entschlossen, fragte ich nun Herrn Stülpnagel, den Lateinlehrer unserer Schule, ob ich wohl versuchsweise noch jetzt in die Riege der Lateinschüler aufgenommen werden könne. Angesichts fehlender Präzedenzfälle hielt er dies für gewagt, doch ebenso für den Versuch wert. In eineinhalb Jahren bereitete ich mich daher auf die schriftliche Prüfung vor, und wenn ich auch oft mit mir selbst kämpfen mußte, faszinierte mich diese Sprache doch immer mehr, der Geist einer alten Zeit sprach durch sie zu mir. Diese Faszination machte es mir schließlich leicht, auch die Prüfung zu bestehen und nach nur zwei Jahren das kleine Latinum in den Händen zu halten.


Natürlich war das zwölfte Schuljahr, das letzte der Waldorfschule vor dem staatlich geprägten Abiturjahr, dadurch nicht ausgefüllt. Ganz im Gegenteil, nie nahm ich an mehr Aktivitäten teil: Im Herbst brachte meine Klasse "Die Heiratsvermittlerin" zur Aufführung, im Frühjahr standen gemeinsame Jahresarbeit und Walldorfabschluß an, wir gingen auf Klassenreise, der Schulchor führte die Carmina Burana auf und noch immer betätigte ich mich als Beleuchter und schrieb Artikel für die Schülerzeitung. Allmählich kündigte sich aber auch das nächste Jahr an, das ganz andere Schwerpunkte setzen sollte. Immer zielstrebiger ging man auf Abituraufgaben zu und mit großer Genugtuung registrierte ich, daß ich nun in der Lage war, Grundkursaufgaben der Mathematik vollständig zu lösen. Dadurch wußte ich endlich, für welchen der beiden einzigen zur Wahl stehenden Leistungskurse ich mich entscheiden sollte, der Mathematik, nicht der englischen Sprache, sollte mein Hauptaugenmerk im letzten Schuljahr gelten.




Unaufhaltsam rückte es näher, und im August des Jahres 1991 saßen wir erstmals in neuer Mischung beieinander, die Schüler der einstigen Parallelklassen, die sich für das Abitur qualifiziert hatten. Es dauerte nur wenigen Wochen, bis sich ein starker Zusammenhalt in der neuen Klasse gebildet hatte, geeint durch das gemeinsame Ziel, das uns voll beanspruchte, fanden wir zueinander. An die Stelle eines sinnlosen Konkurrenzkampfes setzten wir gemeinsames Lernen, hielten so dem Prüfungsdruck stand und knüpften echte Freundschaften. Für mich stand dabei ganz klar die Backbench im Vordergrund, die letzte Reihe, in der vier Jungs aus dem Mathe LK saßen, Ralf, genannt "Ray, der Marxist", Wolfgang, genannt "Wolle, der Wurstfabrikant", Johannes, genannt "Hannes der Marlboroman" und ich, die "1,0". Ich habe mich nie mehr so wohl in einer Gruppe gefühlt, wie in diesem Jahr in unserer Klasse. Die Zeit verging schließlich wie im Flug, und die meisten von uns konnten zufrieden auf ein schönes und erfolgreiches Jahr zurückblicken, wir hatten uns nicht unterkriegen lassen.


Ich denke ebenso gerne an mein Abiturjahr zurück, wie an die Oberstufenzeit. Kein Wunder also, daß ich nach dem erfolgreichen Abschluß meiner Schulzeit nicht nur fröhlich gestimmt war. Dies bedeutete für mich zugleich die Trennung vom bislang wichtigsten Abschnitt meines Lebens, von der Schule, die zum Inbegriff meiner Jugend geworden ist. Schon bald mußte ich erkennen, daß Idealismus und Engagement, Tugenden, die ich an meiner Schule als prägend empfand, in der heutigen Gesellschaft weitaus weniger verbreitet sind, als ich gehofft hatte. Ich bemerkte erst jetzt, wie andersartig ich als Waldorfschüler die Welt sah, wie anders ich fühlte und dachte. Mit meinen Mitschülern und Lehrern hatte mich eine Art Grundkonsens verbunden, der nun völlig fehlte. Ich hatte deswegen manche Krise zu bestehen, doch mein Wille im Rahmen meiner bescheidenen Möglichkeiten gesellschaftliche Veränderungen zu erstreben, ist noch immer ungebrochen - welchen Sinn könnte das Leben sonst bieten? ....

Montag, 22. November 2010

Christus - Darstellung

Im Berliner Bodemuseum findet man dieses Mosaik aus Ravenna , Italy, 545 AD.
Es ist ein erhabener, würdiger Christus zwischen Michael und Gabriel:

Ravenna Apse Mosaic (545)

Lieber falsch liegen, als gar nicht...

"Klarer Denken

Warum Sie eher einen falschen Stadtplan verwenden als gar keinen
Von Rolf Dobelli

Er hat sein Leben lang jeden Tag drei Pakete Zigaretten geraucht und wurde über hundert Jahre alt. So schädlich kann Rauchen also nicht sein.“ Oder: „Frankfurt ist sicher. Ich kenne jemanden, der lebt mitten in Sachsenhausen. Der schließt seine Tür nie ab, nicht einmal, wenn er in den Urlaub fährt, und noch nie wurde bei ihm eingebrochen.“ Solche Sätze wollen irgendetwas beweisen – doch sie beweisen überhaupt nichts. Leute, die so reden, sind dem Availability Biasverfallen.

Gibt es mehr deutsche Wörter, die mit einem R anfangen, oder mehr, die mit einem R aufhören? Antwort: Es gibt mehr als doppelt so viele deutsche Wörter, die mit einem R enden, als solche, mit einem R anfangen. Warum liegen die meisten, denen diese Frage gestellt wird, falsch? Weil uns Wörter, die mit R beginnen, schneller einfallen. Anders ausgedrückt: sie sind leichter verfügbar.

Der Availability Bias (auf Deutsch etwa Verfügbarkeits-Fehler) besagt Folgendes: Wir machen uns ein Bild der Welt anhand der Einfachheit, mit der uns Beispiele einfallen. Was natürlich idiotisch ist, denn in der Wirklichkeit kommt etwas nicht häufiger vor, nur weil wir es uns leichter vorstellen können. Dank des Availability Bias spazieren wir mit einer falschen Risiko-Karte im Kopf durch die Welt. So überschätzen wir systematisch das Risiko, durch einen Flugzeugabsturz, Autounfall oder Mord umzukommen. Und wir unterschätzen das Risiko, durch weniger sensationelle Arten zu sterben, wie Diabetes oder Magenkrebs. Bombenattentate sind viel seltener, als wir meinen, Depressionen viel häufiger. Allem, was spektakulär, grell oder laut ist, schreiben wir eine zu hohe Wahrscheinlichkeit zu. Allem, was stumm und unsichtbar ist, eine zu geringe. Das Spektakuläre, Grelle, Laute ist dem Hirn eher verfügbar als das Gegenteil. Unser Hirn denkt dramatisch, nicht quantitativ.

Ärzte fallen dem Availability Bias besonders häufig zum Opfer. Sie haben ihre Lieblingstherapien, die sie auf alle möglichen Fälle anwenden. Es gäbe vielleicht passendere Behandlungen, aber sie sind ihnen gedanklich nicht präsent. Also praktizieren sie, was sie kennen. Unternehmensberater sind nicht besser. Treffen sie auf eine völlig neue Situation, werden sie nicht die Hände ringen und seufzen: „Ich weiß wirklich nicht, was ich Ihnen raten könnte.“ Nein, sie werden einen der ihnen geläufigen Beratungsprozesse in Gang setzen – ob er passt oder nicht.

Wird etwas oft wiederholt, machen wir es unserem Hirn sehr leicht, es wieder abzurufen. Dabei muss es nicht einmal wahr sein. Man muss die Wörter UFO, Lebensenergie oder Karma nur oft genug wiederholen – plötzlich glaubt man daran.

In Aufsichtsratssesseln macht es sich der Wurm des Availability Bias besonders gern gemütlich. Die Herren diskutieren über das, was das Management ihnen vorlegt – meistens Quartalszahlen –, statt über Dinge, die ihnen das Management nicht vorlegt, die aber wichtiger wären, zum Beispiel ein geschickter Schachzug der Konkurrenz, das Absacken der Motivation der Belegschaft oder eine unerwartete Veränderung des Kundenverhaltens. Ich beobachte es immer wieder: Menschen verwenden in erster Linie Daten oder Rezepte, die einfach zu beschaffen sind. Auf dieser Basis treffen sie ihre Entscheidungen – mit oft verheerenden Resultaten.

Ein Beispiel: Seit zehn Jahren weiß man, dass die sogenannte Black-Scholes-Formel für die Preisberechnung von derivativen Finanzprodukten nicht funktioniert. Aber man hat keine andere. Also verwendet man lieber eine Formel, die falsch ist, als gar keine. So hat der Availability Bias den Banken Milliardenschäden beschert. Es ist, als wäre man in einer fremden Stadt ohne Stadtplan, doch in der Tasche findet man die Karte einer anderen Stadt, also verwendet man diese. Lieber eine falsche Karte als gar keine. Man kann jedoch gegensteuern: Tun Sie sich mit Menschen zusammen, die anders denken als Sie, Menschen mit ganz anderen Erfahrungen. Denn allein haben Sie keine Chance, den Availability Bias zu besiegen.

Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 15.11.2010 Seite 34"

Sonntag, 21. November 2010

Neue Trends im Theater

Quelle: http://www.focus.de/kultur/kunst/tid-20490/theater-das-grosse-klassiker-sterben_aid_573483.html"Das große Klassiker-Sterben

Freitag 19.11.2010, 06:05 · von FOCUS-Redakteur Gregor Dolak

Jahrzehntelang spielten die deutschen Theater Shakespeare und Schiller. In der aktuellen Spielzeit drehen sie erstmals den Trend: Autoren der Gegenwart und wilde Text-Collageure erhalten den Vorzug vor den Dichtern und Denkern

Die Entwicklung klingt paradox: Deutschlands Theater spielen immer weniger Theater. Zwar stehen landauf, landab überall Schauspieler auf den Bühnen, sprechen und spielen ihren Text, lieben, leiden, lachen, wüten, weinen. Das Publikum strömt auch noch immer zu Hunderttausenden in die Aufführungen. Weil weiterhin Regisseure inszenieren und Bühnenbildner nach ihren Vorstellungen Kulissen bauen.

Genüge wäre damit der ohnehin äußerst reduzierten Definition von Regie-Altmeister Peter Brook getan: „Ein Mann geht durch einen Raum, während ihm ein anderer zusieht, das ist alles, was für eine Theateraufführung notwendig ist.“ Veritable Dramen führen die deutschen Schauspielhäuser dennoch immer weniger auf.

Uraufführungen und exotische Mischformen

Johan Simons, der neue Intendant an den Münchner Kammerspielen, zeigt in seiner ersten Saison überwiegend Bühnenadaptionen von Romanen und Filmen. Ob am Leipziger Centraltheater, dem Deutschen Theater in Berlin oder dem Staatsschauspiel von Hannover – auf den Spielplänen dominieren Uraufführungen, Text-Collagen, theatralische Projekte, exotische Mischformen aus Literatur und dokumentarischen Formaten. Dialogische Texte, die originär für die Bühne geschrieben wurden, haben es dagegen zunehmend schwer.

Konjunktur haben neuerdings immerhin die lebenden Autoren der Gegenwart. Der Trend zeichnete sich bereits beim Berliner Theatertreffen im Frühjahr ab, zu dem eine Jury die zehn wichtigsten Inszenierungen der abgelaufenen Saison einlud. Erstmals seit mehr als fünfzig Jahren zeigte dieses Festival mehr Werke zeitgenössischer Dichter als Werke von Klassikern. Eine Entwicklung, die sich nun auf den Bühnen in der ganzen Republik fortsetzt. Bei Publikum und Theatermachern beobachtet der Dramatiker Roland Schimmelpfennig “ausgesprochenes Interesse an neuen Texten”. Die Regisseure hätten sich offenbar an den Werken von Shakespeare bis Goethe abgearbeitet, so dass nun Platz in den Theaterprogrammen für druckfrische Ware sei."

Mittwoch, 17. November 2010

Demokratie in den politischen Parteien

In Anknüpfung an den Post "China und die westliche Welt" (http://perseiden.blogspot.com/2010/11/china-und-die-westliche-welt.html) möchte ich auf den Parteitag der CDU hinweisen.
Auch bei Parteitagen geht es nicht um Demokratie, sondern z.B. um Geschlossenheit, Einheitlichkeit.

Dieses Prinzip ist in östlichen Ländern das Normale und entspricht der Lebensempfindung der Masse der Bevölkerung.

Wir belächeln es abfällig, wenn in China die Partei 90 % aller Stimmen erhält, wir nehmen es aber als selbstverständlich hin, dass Frau Merkel auch 90 % aller Stimmen auf ihrem Parteitag bekommt. Die Presse meint sogar, das Ergebnis müsste höher ausfallen.

Die klassischen Parteien, sollen einen demokratischen Staat führen, sind selbst aber gar nicht demokratisch geführt. Nur die Grünen versuchen das demokratische Prinzip auch in ihrer eigenen Partei zu praktizieren.

Wobei ich aber noch einmal bemerken will, dass das demokratische System eigentlich nur der alten griechischen Kultur entspricht und nicht unserer heutigen Zeit.
Heute müssen Formen gefunden werden, wo das Individuum voll einbezogen werden kann. Auch die Parteien sind dafür kein brauchbares Instrument.

Freie Individuen müssen zusammenkommen, in überschaubarer Größe - ohne parteiische Haltung, sondern mit ihren individuellen Meinungen - und sie finden einen aus ihrer Gruppe, den sie wiederum als Individuum in ein nächst höheres Gremium senden. Und immer so weiter. Man arbeitet intensiv  zusammen und aus der Zusammenarbeit ergibt sich dann, wer der freie Delegierte für überregionale Treffen sein kann. 

Italien bei Nacht

Dienstag, 16. November 2010

Unterschiedliche Entwicklungsgeschwindigkeiten


Nach den Hinweisen von Rudolf Steiners Geisteswissenschaft kann man die Menschheitsevolution so verstehen, dass die ausgestorbenen Menschenvorläufer in ihrer Entwicklung zu früh oder zu schnell waren. Sie haben sich zu früh oder zu stark mit der irdischen Substanz verbunden. Ihre Leiber verhärteten sich und wurden dadurch für die weitere Entwicklung unbrauchbar. 

Die Vorläufer der heutigen Menschheit bildeten mehr noch weichere Leiber; Leiber, die noch nicht so hart und physisch waren, dadurch kann man heute keine Überreste mehr von ihnen finden. Was bei den ausgestorbenen Entwicklungslinien z.B. schon zu Knochen verhärtete, das was bei den Vorläufern der heutigen Menschheit noch mehr knorpelartig, deshalb auch nach dem Tode vergänglicher als das Knochenhafte.

Das bereitet der Wissenschaft die großen Kopfschmerzen. Sie kann bisher noch nicht in der dargestellten Weise denken. Sie kann nur materiell-physisch linear denken.

In diesen weicheren Leibern verlief die Entwicklung langsamer, so wie auch heute noch der Mensch sich vom Tier besonders auch dadurch unterscheidet, dass er eine besonders lange Kindheit und Jugend hat, während beim Tier alles ganz schnell verläuft.
Doch die heutige Wissenschaft liefert immer mehr Belege für die Richtigkeit der anthroposophischen Sichtweise:

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(Zitat:)


Fossiler Zahn-Vergleich

Neandertaler mussten schnell erwachsen werden

PBS / Graham Chedd
Wenig Zeit zum Spielen: Neandertaler hatten eine kürzere Kindheit als der Homo-sapiens-Nachwuchs, der zur selben Zeit lebte. Das belegen Unterschiede in fossilen Zähnen. Die Forscher glauben, dass die lange Kindheit dem Menschen einen entscheidenden Vorteil brachte.
Neandertaler hatten eine kürzere Kindheit als der moderne Mensch, berichtet ein internationales Forscherteam, das die Wachstumsspuren in fossilen Zähnen von Neandertalern und modernen Menschen untersucht hat.
Die Neandertaler-Zähne wuchsen demnach deutlich schneller als die moderner Menschen - ein Zeichen dafür, dass die Frühmenschen auch früher erwachsen wurden. Für den Homo sapiens war die lange Kindheit vermutlich ein Segen: Sie scheint dem Menschen in der Evolution einen entscheidenden Vorteil gegenüber seinem Verwandten verschafft zu haben, schreiben Tanya Smith von der Harvard University in Cambridge und ihre Kollegen im Fachjournal "Proceedings of the National Academy of Sciences". Auch Forscher des Max-Planck-Instituts in Leipzig waren an der Untersuchung beteiligt. Ähnlich wie die Jahresringe bei Bäumen geben Wachstumslinien in den Zähnen Auskunft über das Alter eines Menschen. Die ersten bleibenden Backenzähne enthalten sogar eine bestimmte Geburtslinie, mit der sich relativ genau berechnen lässt, in welchem Alter ein Mensch starb.
So gelang es den Forschern um Smith nun, durch eine Art Röntgenverfahren mit Hilfe energiereicher Synchrotron-Strahlen das Wachstum von Neandertaler- und Homo-sapiens-Fossilien nachzuvollziehen. Sie verglichen dazu 90 Zähne von 28 verschiedenen Neandertalern mit 39 Zähnen von neun Homo-sapiens-Fossilien und 464 Zähnen von mehr als 300 jetztzeitlichen Menschen.
Entscheidender evolutionärer Vorteil
Der Vergleich der Zähne machte deutlich: Die Kauwerkzeuge des Neandertalers wuchsen schneller als bei Homo sapiens

Montag, 15. November 2010

Das Wirken der Gene

Dadurch dass die Genetik eine recht junge Wissenschaft ist, werden die allergrößten Irrtümer durch sie in die Welt gesetzt.
Hier zeigt sich die Unwissenschaftlichkeit mancher Wissenschaftler deutlich. Es werden ständig Schlussfolgerungen gezogen, Behauptungen aufgestellt und verbreitet, die jeder exakten wissenschaftlichen  Grundlage entbehren. Nach einigen Jahren kommen dann neue Forschungsergebnisse, die alle alten Theorien umstoßen.

Oft wird nicht deutlich unterschieden, ob man Theorien verbreitet oder Tatsachen. Würde man in der Genetik nur Tatsachen verbreiten, dann wäre das wirklich eine recht langweilige Angelegenheit für die Öffentlichkeit. Also schmückt man sie mit jeder Menge Behauptungen, die der Phantasie mancher Forscher entspringen.

Erst wenn man viele Jahre die Gene eines Menschen z.B. von der Kindheit bis ins Alter hinein analysiert haben wird, kann man etwas über die Gene und ihre Beziehung zum Menschen aussagen.

Aus der Logik einer spirituellen Geisteswissenschaft heraus gilt immer, dass das Physische eine Folge des Geistigen ist, es ist nicht dessen Ursache.
Deshalb kann in den Genen immer nur das abgebildet werden, was der Mensch in sie hineinprägt. Der Mensch bildet die Gene; nicht die Gene den Menschen. So wird er im Leben je nach Veränderung seines Charakters, dies auch in den Genen ausprägen. Verstärkt der Mensch ein gewisses Verhalten, so muss dies auch seine physische, genetische Spur hinterlassen.

Das Kind wird wohl in seiner Genstruktur noch ganz den Eltern ähneln, es hat sie zunächst erst übernommen, und wird sie dann durch seine eigene Persönlichkeit umprägen.
Hier müsste die Genetik noch eine große Forschungsarbeit bewältigen. Aber die bisherige Entwicklung zeigt, dass die Ideen der Geisteswissenschaft nach und nach schon bestätigt werden können.
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Ab hier nur Zitate aus anderen Quellen:
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Interview mit Gen-Pionier
"Verhaltensgenetik steckt in einer großen Krise"
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zUR PERSON

Jon Beckwith, 75, ist Professor für Mikrobiologie und Molekulare Genetik an der Harvard Medical School in Boston, Massachusetts. Er war 1969 der erste Wissenschaftler, dem es gelang, ein Gen zu isolieren. Seither hat er die atemberaubende Entwicklung der Gentechnik kritisch kommentiert.


DPA
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Verrät die DNA, ob ein Mensch gewalttätig veranlagt ist? Wissenschaftler melden immer öfter spektakuläre Erkenntnisse über Gene. Doch die meisten sind wissenschaftlicher Unfug, sagt Jon Beckwith, einer der Gründerväter der modernen Gentechnik.


SPIEGEL ONLINE: Regelmäßig melden Forscher die Entdeckung immer neuer Gene, die angeblich erklären, warum Menschen depressiv, gewalttätig oder etwa unkonzentriert sind. Was ist davon zu halten?


Jon Beckwith: Diese Studien können Sie getrost vergessen, weil sich wieder und wieder gezeigt hat: Vereinzelte Ergebnisse lassen sich nicht replizieren. Die Verhaltensgenetik des Menschen steckt da in einer großen Krise.


SPIEGEL ONLINE: Aber viele der Studien stehen in angesehenen Fachzeitschriften. Das Magazin "Science" etwa hat sogar geschrieben, man könnte gewalttätige Menschen dereinst an ihren Genen erkennen.


Beckwith: Da ging es um das Gen "MAOA", das für den Stoffwechsel des Botenstoffs Serotonin im Gehirn eine Rolle spielt. Menschen, die in der Kindheit missbraucht wurden und zudem eine auffällige MAOA-Variante trugen, hatten einer Studie zufolge ein erhöhtes Risiko, antisoziales Verhalten zu zeigen. Aber inzwischen gibt es zehn Studien, die versucht haben, die Ergebnisse zu bestätigen. Die meisten konnten den Original-Befund nicht replizieren.


SPIEGEL ONLINE: Die Wissenschaft korrigiert sich selbst. Was ist daran auszusetzen?


Beckwith: Das Problem ist, dass die Öffentlichkeit das Dementi zumeist gar nicht mitbekommt. Voreilige Behauptungen von Verhaltensgenetikern werden in vielen Fällen sogar Teil der Popkultur und tauchen in Schulbüchern auf. Kaum dass wir es merken, wird die öffentliche Meinung von falschen, längst überholten Ideen beeinflusst. Im Fall des MAOA-Gens ging die Diskussion so weit, dass Richter Genetiker fragten, ob die Genetik uns jetzt verrate, dass viele Kriminelle gar keinen freien Willen haben. Von einer Studie, die nur eine Familie untersuchte, wurden mögliche Einflüsse auf Gerichtsurteile abgeleitet - eine erstaunliche Karriere!


SPIEGEL ONLINE: Was folgt daraus?


Beckwith: Die Sprache der DNA ist zu einer sehr verbreiteten Sprache geworden, der Begriff DNA taucht in der Werbung auf, in TV-Shows. Die Vorstellung, die Gene bestimmten alles vor, der genetische Determinismus breitet sich leider allerorten aus.


SPIEGEL ONLINE: Sie haben 1969 als erster Biologe ein Gen aus einem Bakterium isoliert und damit die moderne Gentechnik mitbegründet. Warum warnen ausgerechnet Sie davor, die Macht der Gene zu überschätzen?


Beckwith: Nach der Isolierung des Gens haben wir in Boston sofort in einer Pressekonferenz verkündet, wir seien besorgt. Ich wusste damals noch gar nicht genau, warum ich besorgt war. Aber meine Bedenken haben dazu geführt, dass ich mir am meisten Sorgen mache über den genetischen Determinismus.


SPIEGEL ONLINE: Was tun Sie dagegen?


Beckwith: Am wichtigsten ist mir, Genetikern klarzumachen, dass ihre Arbeit soziale Aspekte mit sich bringt. Sie sollten sich diesen sozialen Fragen stellen und andere Forscher kritisieren, wenn es sein muss. Unsinnige Wissenschaft zu enttarnen, ist eine ehrenwerte Aufgabe.


Das Interview führte Jörg Blech
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Gene sind kein Schicksal: Wie wir unsere Erbanlagen und unser Leben steuern können

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Produktbeschreibungen

Kurzbeschreibung

Wir sind nicht die Marionetten unserer Gene.
Gene bestimmen unser Leben weit weniger, als wir glauben und als uns nur zu gerne suggeriert wird.
Das Mathe-Gen, das Glücks-Gen, das biologisch vorbestimmte Übergewicht: alles Mythen. Wir selbst haben den größten Einfluss auf unser Leben und unsere Gesundheit.
Tatsächlich bestimmen unsere Gene nur zum Teil unsere Geschicke. Größeren Einfluss haben Erfahrungen, Gedanken, soziale Beziehungen und Umweltfaktoren. So werden unsere Gene durch unseren Lebensstil wie Ton geknetet und geformt.
Der Bestsellerautor und Biologe Jörg Blech zeigt, wie wunderbar wandelbar unsere Gene sind und wie sehr wir selbst unser Leben und unsere Erbanlagen steuern können. Seine Schlussfolgerungen, die sich aus dem neuesten Zweig der Genforschung, der Epigenetik, ergeben, sind revolutionär und werden erstaunliche Auswirkungen auf unsere persönliche wie auch gesellschaftliche Lebensweise haben.

Über den Autor

Jörg Blech, geboren 1966, studierte Biologie und Biochemie in Deutschland und England. Er hat die Hamburger Journalistenschule besucht und ist seit 1994 Medizin- und Wissenschaftsredakteur zunächst beim "Stern", dann bei der "ZEIT". Seit 1999 arbeitet er für den "Spiegel", wo er zahlreiche Titelgeschichten veröffentlicht hat.