Dienstag, 7. Dezember 2010

Tatsachen und Geschichten

Bei dem heutigen Beitrag von "Klarer Denken" von Rolf Dobelli  würde ich schlichtweg das Gegenteil meinen: Es geht im Leben nicht nur mit nüchterner Sachlichkeit. Erst wenn aus Lebensstückwerk Geschichten geworden sind, hat man etwas davon erfasst. Auch die Welt der Tatsachen verbirgt viele Geschichten:
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Klarer Denken
Warum selbst die wahren Geschichten gar nicht so selten lügen
Von Rolf Dobelli


Wir probieren Geschichten an, wie man Kleider anprobiert“, heißt es bei Max Frisch. Das Leben ist ein Wirrwarr, schlimmer als ein Wollknäuel. Stellen Sie sich einen unsichtbaren Marsmenschen vor, der mit einem ebenso unsichtbaren Notizbuch in der Hand neben Ihnen hergeht und alles notiert, was Sie tun und denken und träumen. Das Protokoll Ihres Lebens bestünde aus Beobachtungen wie „Kaffee getrunken, zwei Würfelzucker“, „auf einen Reißnagel getreten und die Welt verflucht“, „geträumt: Nachbarin geküsst“, „Urlaub gebucht, Malediven, schweineteuer“, „Haar im Ohr, gleich weggezupft“ und so weiter. Dieses Chaos von Einzelheiten zwirnen wir zu einer Geschichte. Wir wollen, dass unser Leben einen Strang bildet, dem wir folgen können. Viele nennen diese Leitschnur „Sinn“. Verläuft unsere Geschichte über Jahre hinweg halbwegs gerade, nennen wir sie „Identität“.


Dasselbe stellen wir mit den Details der Weltgeschichte an. Wir zwängen sie in eine widerspruchslose Geschichte. Das Resultat? Plötzlich „verstehen“ wir zum Beispiel, warum der Versailler Vertrag zum Zweiten Weltkrieg oder warum die lockere Geldpolitik von Alan Greenspan zum Zusammenbruch von Lehman Brothers geführt hat. Wir verstehen, warum der Eiserne Vorhang fallen musste oder Harry Potter zum Bestseller wurde. Was wir „Verstehen“ nennen, hat damals natürlich niemand verstanden. Konnte gar niemand verstehen. Wir konstruieren den „Sinn“ nachträglich hinein. Geschichten sind also eine fragwürdige Sache – aber scheinbar können wir nicht ohne.


Warum das so ist, ist unklar. Klar ist, dass Menschen die Welt zuerst durch Geschichten erklärt haben, bevor sie begannen, wissenschaftlich zu denken. Die Mythologie ist älter als die Philosophie. Das ist der Story Bias: Geschichten verdrehen und vereinfachen die Wirklichkeit. Sie verdrängen alles, was nicht so recht hineinpassen will.


In den Medien wütet der Story Bias wie eine Seuche. Ein Beispiel: Ein Auto fährt über eine Brücke. Plötzlich kracht die Brücke zusammen. Was werden wir am nächsten Tag lesen? Wir werden die Geschichte des Pechvogels hören, der im Auto saß, von wo er kam und wohin er fahren wollte. Wir werden seine Biographie erfahren: geboren in soundso, aufgewachsen in soundso, Beruf soundso. Wir werden, falls er überlebt hat und Interviews geben kann, genau hören, wie es sich anfühlte, als die Brücke zusammenkrachte. Das Absurde: Keine einzige dieser Geschichten ist relevant. Relevant ist nämlich nicht der Pechvogel, sondern die Brückenkonstruktion: Wo genau lag der Schwachpunkt? War es Materialermüdung und falls ja: wo? Falls nein, war die Brücke beschädigt? Falls ja, durch was? Oder wurde gar ein grundsätzlich untaugliches Konstruktionsprinzip angewandt? Das Problem bei all diesen relevanten Fragen: Sie lassen sich nicht in eine Geschichte packen. Zu Geschichten fühlen wir uns hingezogen, von abstrakten Tatsachen abgestoßen. Das ist ein Fluch, denn relevante Aspekte werden zugunsten irrelevanter abgewertet. (Und es ist gleichzeitig ein Glück, denn sonst gäbe es nur Sachbücher und keine Romane.)


An welche der folgenden Geschichten würden Sie sich besser erinnern? A) „Der König starb, und dann starb die Königin.“ B) „Der König starb, und dann starb die Königin vor Trauer.“ Wenn Sie so ticken wie die meisten Menschen, werden Sie die zweite Geschichte besser im Gedächtnis behalten. Hier folgen die beiden Tode nicht einfach aufeinander, sondern sind emotional miteinander verknüpft. Geschichte A ist ein Tatsachenbericht. Geschichte B hat einen „Sinn“. Nach der Informationstheorie sollte eigentlich Geschichte A einfacher zu speichern sein. Sie ist kürzer. Aber so tickt unser Hirn nicht.


Werbung, die eine Geschichte erzählt, funktioniert besser als das rationale Aufzählen von Produktvorteilen. Beispiele dafür gibt es zuhauf, etwa der amerikanische Super-Bowl-Spot von 2010, der auf YouTube unter „Google Parisian Love“ zu finden ist.


Fazit: Von der eigenen Biographie über das Weltgeschehen bis hin zu Nachrichten – alles drechseln wir zu „sinnhaften“ Geschichten. Damit verzerren wir die Wirklichkeit – und das beeinträchtigt die Qualität unserer Entscheidungen. Sie wollen gegensteuern? Dann pflücken Sie die Geschichten auseinander. Fragen Sie sich: Was will die Geschichte verbergen? Und zum Training: Versuchen Sie Ihre eigene Biographie einmal zusammenhangslos zu sehen. Sie werden staunen.


Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 29.11.2010 Seite 30