Montag, 29. November 2010

Erst wird es schlimmer, dann besser

Diesen Beitrag von Rolf Dobelli finde ich bedenkenswert, er entspricht allerdings nicht ganz meiner persönlichen Erfahrung und Meinung:


Klarer denken
Warum die Alarmglocken läuten sollten, wenn jemand von einem „schmerzvollen Weg“ spricht
Von Rolf Dobelli
Vor einigen Jahren war ich auf Korsika im Urlaub und wurde krank. Die Symptome waren mir neu. Die Schmerzen wuchsen mit jedem Tag. Schließlich beschloss ich, mich untersuchen zu lassen. Der junge Arzt begann mich abzuhören und abzutasten, drückte an meinem Bauch herum, dann an den Schultern, an den Knien. Er tastete Wirbel um Wirbel ab. Langsam vermutete ich, dass er keine Ahnung hatte. Doch ich war unsicher und ließ die Tortur über mich ergehen. Als Zeichen, dass die Untersuchung nun zu Ende sei, zückte er den Notizblock und sagte: „Antibiotika. Nehmen Sie dreimal täglich eine Tablette. Bevor es besser wird, wird es schlechter.“ Froh, dass ich nun einen Befund hatte, schleppte ich mich ins Hotelzimmer zurück.
Die Schmerzen wurden tatsächlich schlimmer – wie vorausgesagt. Dieser Arzt wusste also, wovon er sprach. Als die Pein nach drei Tagen nicht nachließ, rief ich an. „Erhöhen Sie die Dosis auf fünfmal pro Tag. Es wird noch eine Weile schmerzen“, sagte er. Ich tat, wie verlangt. Nach weiteren zwei Tagen rief ich den internationalen Flugrettungsdienst an. Der Arzt in der Schweiz konstatierte Blinddarm und operierte mich sofort. „Warum zum Teufel haben Sie so lange gewartet?“, fragte er mich nach der Operation. „Der Krankheitsverlauf entsprach genau der Vorhersage, also vertraute ich dem jungen Arzt.“ „Sie sind der Es-wird-schlimmer-bevor-es-besser-kommt-Falle zum Opfer gefallen. Der korsische Arzt hatte keinen blassen Schimmer. Vermutlich ein Aushilfskrankenpfleger, wie sie in der Hochsaison in allen Touristenorten anzutreffen sind.“
Nehmen wir einen andern Fall, einen CEO, der weder ein noch aus wusste. Die Umsätze im Keller. Die Verkäufer unmotiviert. Marketing-Aktivitäten, die ins Leere liefen. In seiner Verzweiflung heuerte er einen Berater an. Für fünftausend Euro pro Tag analysierte dieser die Firma und kam mit diesem Befund zurück: „Ihre Verkaufsabteilung ist visionslos und Ihre Marke nicht klar positioniert. Die Situation ist verzwickt. Ich kann das für Sie zurechtrücken. Aber nicht über Nacht. Das Problem ist komplex, und die Maßnahmen verlangen Fingerspitzengefühl. Bevor es besser wird, werden die Umsätze nochmals zurückgehen.“ Der CEO heuerte den Berater an. Ein Jahr später gingen die Umsätze tatsächlich zurück. Auch im zweiten Jahr. Immer wieder unterstrich der Consultant, dass der Firmenverlauf genau seiner Vorhersage entsprach. Als nach dem dritten Jahr die Umsätze weiter serbelten, feuerte der CEO den Berater.


Die Es-wird-schlimmer-bevor-es-besser-kommt-Falle ist eine Spielvariante des sogenannten Confirmation Bias. Ein Fachmann, der nichts von seinem Fach versteht oder unsicher ist, tut gut daran, in diese Trickkiste zu greifen. Geht es weiter bergab, bestätigt sich seine Vorhersage. Geht es unerwarteterweise hinauf, ist der Kunde glücklich, und der Fachmann kann die Verbesserung seinem Können zuschreiben. So oder so – er hat immer recht. Angenommen, Sie werden Präsident eines Landes und haben keine Ahnung, wie das Land zu führen sei. Was tun Sie? Prognostizieren Sie „schwierige Jahre“, fordern Sie Ihre Landsleute auf, den „Gürtel enger zu schnallen“, und versprechen Sie eine Verbesserung der Situation erst nach dieser „heiklen Phase“ der „Entschlackung“, „Restrukturierung“. Lassen Sie bewusst offen, wie lange und wie tief das Tal der Tränen sein wird....



Fazit: Sagt jemand: „Es wird schlimmer, bevor es besser wird“, sollten bei Ihnen die Alarmglocken läuten. Aber Vorsicht: Es gibt tatsächlich Situationen, bei denen es erst nochmals runter- und erst dann wieder raufgeht. Ein Karrierewechsel kostet unter Umständen Zeit und ist mit Lohnausfall verbunden. Die Reorganisation eines Firmenteils braucht eine gewisse Zeit. Doch in all diesen Fällen sieht man relativ schnell, ob die Maßnahmen greifen. Die Meilensteine sind klar und überprüfbar. Schauen Sie darauf, und nicht in den Himmel.
Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 22.11.2010 Seite 30