Dienstag, 5. Oktober 2010

Wenn Millionen eine Dummheit behaupten, wird sie deshalb nicht zur Wahrheit

Der Gruppenzwang ist selbst in einer weit entwickelten Gruppenform - z.B. Lehrerkollegium - eine ungeheuere Macht. Jeder denkt, er sei ein Individuum und würde individuell handeln, aber kaum einer wagt sich wirklich über den Gruppenkonsens hinaus.

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"Von Rolf Dobelli
Wenn Millionen eine Dummheit behaupten, wird sie deshalb nicht zur Wahrheit 

(Auszüge)

Sie sind auf dem Weg in ein Konzert. An einer Straßenkreuzung treffen Sie auf eine Gruppe Menschen, die alle in den Himmel starren. Ohne sich etwas zu überlegen, schauen auch Sie hoch. Warum? Social Proof. Mitten im Konzert, an einer erstklassig gemeisterten Stelle, beginnt einer zu klatschen, und plötzlich klatscht der ganze Saal. Auch Sie. Warum? Social Proof. .... Social Proof, manchmal unscharf als Herdentrieb bezeichnet, besagt: Ich verhalte mich richtig, wenn ich mich so wie die anderen verhalte. Anders ausgedrückt: Je mehr Menschen eine Idee richtig finden, desto korrekter ist diese Idee – was natürlich absurd ist. Social Proof ist das Übel hinter Blasen und Panik an der Börse. Man findet Social Proof in der Kleidermode, bei Managementtechniken, im Freizeitverhalten, in der Religion und bei Diäten. Social Proof kann ganze Kulturen lahmlegen – ...

Die Werbung nützt unsere Schwäche für Social Proof systematisch aus. Sie funktioniert am besten, wenn die Situation unübersichtlich ist (unüberschaubare Anzahl von Automarken, Reinigungsmitteln oder Schönheitsprodukten ohne offensichtliche Vor- und Nachteile) und zugleich Menschen „wie du und ich“ vorkommen. Im deutschen Fernsehen werden Sie daher vergeblich eine afrikanische Hausfrau suchen, die ein Putzmittel anpreist.

Seien Sie skeptisch, wann immer eine Firma behauptet, ihr Produkt sei das „meistverkaufte“. Ein absurdes Argument, denn warum soll das Produkt besser sein, nur weil es das „meistverkaufte“ ist? Der Schriftsteller Somerset Maugham drückte es so aus: Wenn fünfzig Millionen Menschen eine Dummheit behaupten, wird sie deswegen nicht zur Wahrheit.

Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 27.09.2010 Seite 34"