Dienstag, 28. September 2010

Selbstüberschätzung - der Overconfidence-Effekt

Wieder einmal hat Rolf Dobelli  in seiner Rubrik "Klarer Denken" bewiesen, dass er wirklich denken kann und dadurch zu einer gewissen Selbsterkenntnis kommt. Wer klar denken kann, wird immer gute Schritte auf dem Weg der Selbsterkenntnis voran kommen:
(Auszüge, FAZ vom 20.9.2010)



"...Wir überschätzen systematisch unser Wissen und unsere Fähigkeit zu prognostizieren – und zwar massiv. Beim Overconfidence-Effekt geht es nicht darum, ob eine einzelne Schätzung stimmt oder nicht. Der Overconfidence-Effekt misst den Unterschied zwischen dem, was Menschen wirklich wissen, und dem, was sie denken zu wissen. Wirklich überraschend ist Folgendes: Experten leiden noch stärker am Selbstüberschätzungseffekt als Nichtexperten. Ein Ökonomieprofessor liegt bei einer Fünfjahresschätzung der Entwicklung des Ölpreises genauso falsch wie ein Laie. Nur tut der Professor es mit einer ungeheuren Selbstüberschätzung.
Der Overconfidence-Effekt spielt auch in Bezug auf andere Fähigkeiten eine Rolle: In Befragungen geben vierundachtzig Prozent der französischen Männer an, überdurchschnittlich gute Liebhaber zu sein. Ohne Overconfidence-Effekt müssten es genau fünfzig Prozent sein – logisch, denn „Durchschnitt“ bedeutet ja gerade, dass fünfzig Prozent darüber und fünfzig Prozent darunter liegen. Oder: neunzig Prozent der Schweden geben an, überdurchschnittlich sichere Autofahrer zu sein....
Unternehmer sind wie Heiratswillige: überzeugt, von der Statistik ausgenommen zu sein. Die wirtschaftliche Aktivität wäre geringer, wenn es den Overconfidence-Effekt nicht gäbe. Jeder Restaurantbetreiber träumt davon, das nächste Borchardt zu etablieren – und die meisten machen schon nach drei Jahren wieder dicht. Die Eigenkapitalrendite im Restaurantgeschäft liegt chronisch unter null. Anders ausgedrückt: Die Restaurant-Unternehmer subventionieren systematisch ihre Gäste. Es gibt kaum ein Großprojekt, das schneller und billiger fertiggestellt wird als vorgesehen. Legendär sind die Verzögerungen und Kostenüberschreitungen beim Airbus A400M, beim Opernhaus in Sidney, ...
Warum ist das so? Hier spielen zwei Effekte zusammen. Zum einen die klassische Overconfidence. Zum anderen eine „incentivierte“ Unterschätzung der Kosten durch Leute, die ein direktes Interesse am Projekt haben. ...
Drei Details zum Schluss. Erstens: Das Gegenteil, einen Underconfidence-Effekt, gibt es nicht. Zweitens: Bei Männern ist der Overconfidence-Effekt ausgeprägter als bei Frauen – Frauen überschätzen sich weniger. Drittens: Nicht nur Optimisten leiden unter dem Overconfidence-Effekt. Auch selbsterklärte Pessimisten überschätzen sich – sie tun es nur weniger stark. Fazit: Seien Sie allen Vorhersagen gegenüber skeptisch, besonders wenn sie von sogenannten Experten stammen. Und gehen Sie bei allen Plänen immer vom pessimistischen Szenario aus. Damit haben Sie eine gute Chance, die Situation einigermaßen realistisch zu beurteilen.

Der Schriftsteller Rolf Dobelli, Jahrgang 1966, ist Gründer und Kurator des Forums „Zurich.Minds“. In Kürze erscheint sein neuer Roman „Massimo Marini“ im Diogenes Verlag.

Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 20.09.2010 Seite 29