Montag, 29. Dezember 2008

Fußball-Kapelle: Eine sakrale Loge für die Pilger des FC St. Pauli


11. Dezember 2008, 12:56 Uhr

Das Stadion am Millerntor hat eine neue Loge, an der sich die Geister scheiden. Im Stil einer sakralen Kapelle mit Engelsfiguren, Altar und Ikonen der Kiezkicker wurde ein einzigartiges Séparée eingerichtet. Angebetet wird dort ausschließlich Gott Fußball. Offizielle Kirchenkreise sind empört.


Foto: DPA

Bundesliga-Zweitligist FC St. Pauli ist stets für eine Überraschung gut. Jetzt hat der etwas andere Klub vom Hamburger Kiez die wohl ungewöhnlichste Loge in einer deutschen Fußball-Arena eingeweiht. In Zusammenarbeit mit der Hamburger Werbeagentur Jung von Matt ist der exklusivste Zuschauerraum des Millerntor-Stadions als Kapelle gestaltet worden. In der Endetage der Südtribüne wurde das Séparée mit diversen Kirchenmotiven und einem Altar verziert. Ein sakraler Stilmix aus Gotik, Spätbarock und Rokoko sorgt für eine Atmosphäre, in der Fußball zum Gegenstand von Religion wird.

Auf dem Altar steht ein Schuh von Ex-Profi und Co-Trainer André Trulsen, außerdem liegen ein Stück Rasen und der Ball aus dem DFB-Pokalspiel St. Pauli gegen Hertha BSC im Jahr 2006 auf dem Boden der Kick-Kathedrale. Wie russische Ikonen werden der aktuelle Kader, die Mannschaften der Jahrgänge 1966, 1985 und 1988 und Idole wie Walter Frosch an der Wand gegenüber des Altars dargestellt.

Für die Gestaltung der Loge war der Künstler und Setbauer Ole Grönwoldt verantwortlich. Mit viel Liebe zum Detail setzte er die Idee einer Kirche für den Fußball um. "Wir sind wahnsinnig zufrieden mit der Arbeit", strahlt Jung von Matt-Geschäftsführer Christian Hupertz. „Wir lieben den Stadtteil St. Pauli, favorisieren klar den FC und sind vom Charme dieses Vereins einfach angetan. Alternativen gab es keine. Der FC St. Pauli ist ein toller Partner", so seine Begründung der Zusammenarbeit mit dem Kiezklub.


Sonntag, 28. Dezember 2008

Jahresrückblick 2008

Hier ein Jahresrückblick, der etwas wirklich Symptomatisches herausgearbeitet hat:


Das Jahr, das immer schneller wurde

Von Jan Ross | © DIE ZEIT, 23.12.2008 Nr. 01
Mehr Menschen, mehr Mächte, mehr Möglichkeiten: So viel wie in den vergangenen zwölf Monaten ist selten passiert – ein Versuch, das Jahr 2008 zu verstehen


Das war 2008: Olympia in Peking, Krieg im Kaukasus, Aufstand in Tibet, Weltgipfel in Washington, die Wahl Obamas und der Crash an der Wall Street (von links)



Das Jahr 2008 lässt uns mit einem Schwindelgefühl zurück, mit Hirnsausen, in einem Zustand weltpolitischer Seekrankheit. In den vergangenen zwölf Monaten sind passiert: der Aufstand in Tibet, die Olympischen Spiele der neuen Weltmacht China, der US-Vorwahlkrimi mit globalem Publikum, ein Krieg zwischen Russland und Georgien, die Wahl Obamas, die schwerste internationale Finanzkrise seit den 1930er Jahren, die Terroranschläge von Mumbai als »indisches 9/11«. Kleinere Erschütterungen wie das irische Nein zum EU-Verfassungsvertrag zählt man schon gar nicht mehr mit. Es hat in den vergangenen Jahren massivere, kompaktere historische Augenblicke gegeben als 2008: Der 11. September 2001 oder der Irakkrieg 2003 waren lautere Explosionen im Weltgewölbe. Aber die politisch-emotionale Achterbahnfahrt, das schiere Tempo der Stimmungs- und Schauplatzwechsel zwischen Wall Street und Kaukasus, Crash-Angst und Obamanie war atemberaubend und signalisiert eine neue Geschichtsqualität.

Wahrscheinlich werden wir uns an dieses Trommelfeuer der Geschehnisse gewöhnen müssen. Es war kein Zufall und keine medial erzeugte Illusion. Der Ereignisdruck ist Ausdruck einer Demokratisierung von Weltgeschichte: mehr Menschen, mehr Mächte, mehr Möglichkeiten, sich bemerkbar zu machen, mitzureden, zu stören. Es ist nicht mehr wie früher, wo sich alle Blicke automatisch in eine Richtung wandten, wenn in Washington oder Moskau die Parole ausgegeben wurde: »Jetzt ist Nahostkonflikt!«. Täter, Opfer und Schauplätze haben sich vervielfacht. Wenn die Tibeter mit ihren Kräften am Ende sind, können sofort die Georgier einspringen. Weil eine Finanzkrise begonnen hat, hört nicht etwa der Terrorismus auf, wie die Attentate von Mumbai auf furchtbare Weise klargestellt haben. Die Finanzkrise selbst ist globalisiert und demokratisiert – keine Asien- oder sonstige Regionalkrise wie in den 1990er Jahren, auch keine Exklusivkrise der reichen Amerikaner und Europäer, die China oder Indien in ihrem Aufstieg unberührt lassen würde, sondern eine echte Weltkrise für jedermann.
Die früheren Entwicklungsländer nehmen Platz am Tisch der Macht
Der frühere US-Sicherheitsberater Zbigniew Brzezinski hat das Phänomen als »globales Erwachen« bezeichnet: Zum ersten Mal in der Geschichte ist die Menschheit in ihrer ganzen Breite politisch aktiv. Tibet-Freunde, die in San Francisco oder Paris gegen den olympischen Fackellauf protestierten, chinesische Auslandsstudenten im Westen, die umgekehrt für ihre Regierung Partei nahmen und ihren Nationalstolz demonstrierten, schwarze Amerikaner, die mit der Stimme für Barack Obama zum ersten Mal in ihrem Leben an einer Präsidentenwahl teilgenommen haben – das alles sind Symptome einer universalen Mobilisierung. Selbst im Terrorismus muslimischer Fanatiker steckt eine perverse Form des »globalen Erwachens«, des Kampfes um weltweite Aufmerksamkeit: Würden wir uns denn so viele Gedanken über den Islam machen, wenn es den 11. September 2001 und seine Folgetaten nicht gegeben hätte? Die Attentate von Mumbai haben eben nicht nur Sympathie für die Opfer geweckt, sondern, so verstörend das wirkt, auch erfolgreich das Indienbild verändert: weg vom Wirtschaftswunder und vom Touristenparadies der Werbespots bei CNN, hin zum ungelösten Kaschmirkonflikt und zum Schicksal der muslimischen Minderheit im Land.
Die neue, pluralistische Welt hat 2008 ihr erstes offizielles Forum bekommen, als Embryo einer globalen Ordnung des 21. Jahrhunderts. Die »G20«-Gruppe, die von den Vereinigten Staaten bis Indonesien Industrie- und Schwellenländer zusammenbringt, stellt das Eingeständnis der Reichen und Mächtigen von gestern dar, dass sie die Welt nicht mehr beherrschen können. Ausgerechnet diese bunte, Nord und Süd umfassende Runde, die seit ihrer Gründung 1999 ein Schattendasein geführt hatte, ist zur obersten Instanz in der Debatte über die Finanzkrise geworden, zum Rahmen, in dem Bush, Sarkozy oder Brown auftraten und ihre Rettungsvorschläge präsentierten. Diese Krise kann die alte Weltelite nicht mehr allein bewältigen – und das hat Folgen: Die früheren Entwicklungsländer werden sich ihren frisch erworbenen Platz am Tisch der Großen nicht nehmen lassen, wenn es demnächst um Klima, Handel oder Armutsbekämpfung geht. Wie provisorisch und unfertig auch immer, ist die G20 doch der Vorbote von etwas Neuem, im Unterschied zu den bisweilen zombiehaft weiterlebenden Gremien und Organen aus der Zeit vor 1989, die (wie die Nato) überholt oder (wie die Vereinten Nationen) schwergängig wirken. In einer Ad-hoc-Improvisation, getrieben durch die Angst vor dem großen Crash, hat die kollektive politische Fantasie mit der Entdeckung der G20 einen kleinen schöpferischen Geniestreich getan.

2008 war das Jahr, in dem wir uns an die »multipolare Welt« endgültig gewöhnt haben – die Vielfalt von Machtzentren, die sich seit dem Irakkrieg anstelle der globalen Alleinherrschaft der Vereinigten Staaten herausgebildet hat, die Emanzipation des Südens und Ostens sind selbstverständlich geworden. Mit der Finanzkrise hat die Dominanz der USA nach dem Scheitern von Bushs Weltmachtpolitik einen zweiten Schlag erhalten – jetzt kann von einem amerikanischen Zeitalter wirklich nicht mehr die Rede sein. Zugleich ist aber der Honeymoon der Aufsteigermächte vorbei. Die Karriere des Nicht-Westens war bisher ein Boom-Phänomen: fantastische Zuwachsraten vor allem in Asien. Damit hat es für den Moment ein Ende. Dass die Wirtschaft in China, Indien oder Russland sich von den USA und Europa »abkoppeln« könne, wie schon prophezeit worden war, hat sich als Legende erwiesen. Die Wachstumsprognosen mussten scharf nach unten korrigiert werden. Die russische Staatspropaganda hat die Finanzkrise zunächst als amerikanische Sünde und amerikanisches Problem dargestellt; bald jedoch wurde die Moskauer Börse geschlossen, und die Oligarchen erlitten Milliardeneinbußen, die sie an den Rand des Konkurses brachten. Hinter dem auftrumpfenden Russland des Georgienfeldzugs ist eine höchst fragile Macht sichtbar geworden.

Vom Westen gefürchtete Öl- und Schurkenländer wie Iran und Venezuela haben mit dem Einbruch der Energiepreise ihre Staatseinnahmen schwinden sehen. Die Anschläge von Mumbai haben bloßgelegt, dass die viel gerühmte Atom- und Softwaremacht Indien weiterhin den Sicherheitsapparat eines Drittweltstaats besitzt. Das Emirat Dubai mit seinem Milliarden verpulvernden Märchenluxus muss vom solideren Nachbarn Abu Dhabi gestützt und heraus gekauft werden. Die neuen Mächte stehen nicht etwa stabiler da als die alten, etablierten, westlichen – im Gegenteil. Auf Dauer ist eine Machtverlagerung nach Osten und Süden unvermeidlich, aber eine glatte Karriere der Aufsteiger ist sie nicht.

Ein bei aller bürokratischen Farblosigkeit hochdramatischer Schlüsselsatz des ausklingenden Jahres fiel in einer Rede des chinesischen Präsidenten Hu Jintao vor dem Politbüro der KP Chinas: Ob die Partei den Druck der Krise in eine Motivation verwandeln und aus den Herausforderungen Chancen machen könne, werde über ihre Fähigkeit entscheiden, das Land zu regieren. Dass das chinesische Regime in Angst vor der Unruhe des Volkes lebt, dass es wirtschaftspolitische Leistungen zu seiner Legitimation braucht, ist eine Sache – aber dass der Staats- und Parteichef den gefährlichen Zusammenhang selbst herstellt und öffentlich an der Regierungsfähigkeit der eigenen Partei zweifelt, ist ein Alarmsignal. Man muss es mit dem Triumph der Olympischen Spiele zusammennehmen, um die ganze Spannung zu ermessen, unter der die Weltmacht, die es noch nicht ist, gegenwärtig steht.

In den letzten Jahren war die These Mode geworden, dass moderne Diktaturen wie die chinesische für die Zukunft besser gerüstet sein könnten als die müde gewordenen liberalen Demokratien des Westens. Putins Russland, das im August im Georgienkrieg eine Machtdemonstration abgelegt hat, galt schon als Kandidat für eine neue, gefährliche Systemkonkurrenz, einen »neuen Kalten Krieg«. Jetzt, am Ende des Jahres, nehmen sich die Autokratien, die im Abschwung letztlich doch vor den eigenen Bürgern zittern müssen, weniger eindrucksvoll aus. Statt einen neuen Kalten Krieg vom Zaun zu brechen, versucht die Welt gemeinsames Krisenmanagement. Und die als dekadent abgeschriebene Demokratie hat mit der global bejubelten Wahl Barack Obamas ihren stärksten Vitalitäts- und Attraktivitätsbeweis seit 1989 geliefert: Das ganze Pathos der Freiheit, das die Welt seit Bush schon nicht mehr in den Mund nehmen mochte, klang auf einmal wieder frisch und echt wie am ersten Tag. Das ist, neben dem »globalen Erwachen« und der Etablierung der neuen Mächte, die zweite, gegenläufige Kernerfahrung des Jahres 2008: die Anfälligkeit der Newcomer und die Erneuerungsfähigkeit des westlichen Modells.

Das Jahr 2008 endet unvollendet: Die Wirtschaftskrise, die eines seiner zentralen Ereignisse ist, hat ihren Höhepunkt noch nicht erreicht, geschweige denn ihren Abschluss. Die Menschheit geht mit dem unbehaglichen Gefühl einer Gnadenfrist ins nächste Jahr, mit der Ahnung, dass eine Kugel schon abgeschossen wurde, die ihr Ziel noch nicht erreicht hat. Sicher ist, dass die Krise zum Stresstest für alle Länder und Gesellschaften wird – sie trifft sie jeweils an ihren empfindlichsten, prekärsten Stellen, sie treibt ihre typischen Widersprüche hervor. Für die Vereinigten Staaten bedeutet sie einen potenziellen Bruch in ihrer Liebesgeschichte mit dem Kapitalismus, sie wirft die Frage auf, ob nicht eine Umwertung fällig ist im Verhältnis von Staat und Markt, von Individuum und Gemeinschaft. Was würde es bedeuten, wenn die Amerikaner nicht mehr glauben könnten, dass der Einzelne seines Glückes Schmied ist und jeder die faire Chance zu Aufstieg und Erfolg hat? Für die Europäer ist das Gefahrenszenario das griechische: ein in privilegierte Insider und unversorgte Außenseiter gespaltener Wohlfahrtsstaat, der die an ihn gerichteten Ansprüche nicht mehr erfüllen kann, für Reformen keine Mehrheit findet und sich die Jungen, die Beschäftigungslosen, die Einwanderer zu Feinden macht. In Amerika wie in Europa arbeitet ein mächtiges Unruhepotenzial und Veränderungsbedürfnis, womöglich eine revolutionäre Energie. In den USA wird schon ein erster Antwort- und Lösungsversuch unternommen: »Change« mit Barack Obama als Neubesetzung von Franklin Roosevelt, der in den 1930er Jahren mit dem New Deal den amerikanischen Gesellschaftsvertrag neu schrieb, den Staatseinfluss ausweitete und den Privatinteressen Zügel anlegte. Den europäischen Obama gibt es nicht.
Barack Obama ist der Mann des Jahres 2008. Wie er am Ende des Jahres 2009 dastehen wird, ist vollkommen offen. Aber die historische Möglichkeit, die er verkörpert, lässt sich bezeichnen, und sie reicht über die Wiederherstellung des amerikanischen Ansehens und die Symbolik eines Schwarzen im mächtigsten Amt der Welt weit hinaus. Obama, der Coole und Multikulturelle, steht für so etwas wie die Hoffnung auf ein ziviles Weltgespräch, auf eine Menschheit, die sich globale Tagesordnungen zu setzen vermag, die zusammen Überlebensthemen identifizieren und sich auf manierliche Weise darüber auseinandersetzen kann.

Die vergangenen Jahre, die Jahre von George W. Bush und des »Kriegs gegen den Terror«, sind eine Zeit der Spaltung und Polarisierung gewesen, der dauernd erhöhten politischen und rhetorischen Temperatur – heiße Jahre, deren Inbegriff nicht zufällig der Krieg gewesen ist. Obama verspricht Abkühlung, und er verspricht Gemeinsamkeit – nicht im Sinne aufgehobener Interessengegensätze, das wäre eine absurde Erwartung, sondern als Habitus und Impuls: Die primäre Geste soll nicht mehr die geballte Faust sein, sondern die geöffnete Hand. Es gibt eine globale Sehnsucht nach Kooperation, wie ausgehungert ergreift die Welt die Chance zu Tagungen und Gipfelkonferenzen, über Klima, Finanzmarktregulierung oder Investitionsprogramme, zerstreitet sich dabei und kann doch vom Miteinanderreden nicht lassen. Es hat eine andere Phase begonnen als die Bush-Ära mit ihren starren, harten Gegensätzen von Freund und Feind, Licht und Dunkel, Gut und Böse, eine Zeit gewiss nicht geringerer Gefahr, aber größerer Flexibilität, und in Barack Obama hat sie für den Augenblick ihren smarten Helden gefunden.
Mit derselben Herkunft kann man Terrorist und US-Präsident werden
Der Schriftsteller John Updike hat vor einigen Jahren einen Roman veröffentlicht, der die Geschichte eines zum Terroristen gewordenen jungen Mannes erzählt. Die Hauptfigur ist der Sohn einer Amerikanerin und eines Austauschstudenten aus einem muslimischen Land, der seine Familie bald im Stich gelassen hat und in seine Heimat zurückgekehrt ist. Kommt uns das bekannt vor? 2008 ist das Jahr gewesen, in dem man in dieser Geschichte auf einmal eine andere, die Welt verblüffende erkennen konnte: Die Herkunft von Updikes Ahmad Mulloy deckt sich exakt mit der von Barack Obama. Es ist ein und dieselbe Geschichte, mit der einer in der Dichtung zum Terroristen und in der Wirklichkeit zum Präsidenten der Vereinigten Staaten werden kann. Das ist die abgründige Unsicherheit, mit der man sich vom ablaufenden Jahr abwendet – und die Hoffnung.


Zum Thema
ZEIT ONLINE 52/2008: Krisen, Kriege und ein bisschen Hoffnung

Imre Makovecz - Ungarischer Architekt


Auf einer Reise nach Südost-Mitteleuropa war es möglich, einige Bauwerke des ungarischen Architekten Imre Makovecz zu besichtigen. Obwohl man seine beeindruckenden, einmaligen Kunstwerke dort überall sehen kann, so ist er doch relativ unbekannt. Man musste viele Leute fragen, um den Weg zu ihnen zu finden. Ein Student war denn auch regelrecht beschämt, dass er nichts von diesem Architekten von Weltrang wusste.

Aber nicht nur seine Gebäude sind bedeutsam, sondern auch die Gedanken, die hinter ihnen stehen. Man prüfe sie weniger auf ihre Richtigkeit oder Berechtigung hin, sondern folge mehr ihrer lebendigen Bewegung. Wenn man das tut, dann offenbart sich eine Persönlichkeit von hoher Bedeutung, eine Persönlichkeit, die ganz aus dem Wesen ihres Landes herauswächst, dieses aber zugleich wie ein Leuchtturm überragt und so zu einem Wegweiser für das Land und seine Menschen werden kann, wenn sie denn wahrgenommen wird. Damit hat sie nicht nur Bedeutung für den nationalen Umkreis, sondern auch für den Weltenkreis.

Es folgen nun Auszüge aus dem persönlichen Tagebuch dieser Reise und viele Texte aus dem Band:
Skizze der Waldschule - Mogyorohegy bei Visegrad, erbaut 1983-1987



Eigene Notizbucheinträge:

Bevor des Christus Gottessein
in Menschensphären trat herein,
die alten Kräfte schwanden hin
Naturkraft verlor Geist und Sinn.

Wild, grausam konnt ihr Wesen werden,
Urkräfte schwanden hin auf Erden.
Schamanen-Zauberkraft verschwinde-
Oh Menschenherz, den Christus finde.

Lausche auf der Landschaft Wort
Anders spricht ein jeder Ort
Leise flüsternd spricht er aus,
wie der Mensch erbau sein Haus.

Haus und Landschaft eng verbunden
Neue Einheit ward gefunden.
Nicht Gedankenkraft allein
lass der Wohnung Schöpfer sein.


Erfasse Erdenstoffe plastisch -
Baukunst entsteht - fantastisch

Literatur:
"Bewegte Form - Der Architekt
Imre Makovecz" von Anthony Tischhauser - erschienen im Jahr 2001 im Verlag Urachhaus.

Alle Seitenangaben beziehen sich auf dieses Buch.

„Architektur ist ihrem Ursprung nach nicht nur Architektur: Architektur ist ein Ereignis. ... Der Zugang zum Wesen eines Baues, oder wie auch immer man es nennen will, läuft nicht über das Anhäufen von Wissen ... Das Denken hat einen Inhalt, der immer schon existierte. Daraus kann sich etwas in unserer Welt manifestieren. Die Schwierigkeit des Manifestierens ist, dass es nie zu einer Vollendung kommt, sie kann nur auf den Prozess hinweisen. Die Eigenart der Denkwelt ist der Prozess in der Zeit selbst. Wir leben von der Gnade des Denkens. Das Objekt der Architektur ist das Gegenteil; absolut, eindeutig und stabil...“



„Ich glaube nicht an Architekten, die dem funktionellen Programm während des Entwurfs die Priorität geben und so moderne und intelligente Häuser definieren wollen. Entweder irren sie sich oder sie haben keine Phantasie und wissen nichts von der Architektur. Der echte Architekt geht auf den Bauplatz, um irgendwann in einem unerwarteten Moment das Haus zu entdecken, das er dort bauen wird. Dann ist es seine Aufgabe, diese innere Substanz herauszuarbeiten und sie in Archtitktur umzuwandeln. Anders gesprochen: Architektur ist kein architektonisches Problem – sie ist nur das Resultat....“


(Seite 23)



Samstag, 20. Dezember 2008

Zum Jahreswechsel

Am letzten Tag des Jahrs blick' ich zurück aufs ganze,
Und leuchten seh' ich es gleich einem Gottesglanze.
Es war nicht lauter Licht, nicht lauter reines Glück,
Doch nicht ein Schatten blieb in meinem Sinn zurück.
Die Freuden blühn mir noch, die Leiden sind erblichen,
Und ins Gefühl des Danks ist alles ausgeglichen.
Ich gab mit Lust der Welt das Beste, was ich hatte,
Und freute mich zu sehn, daß sie's mit Dank erstatte.
Nichts Bessres wünsch' ich mir, als daß so hell und klar,
Wie das vergangne mir sei jedes künft'ge Jahr.




Friedrich Rückert,Die Weisheit des Brahmanen


Mariä Sehnsucht

Es ging Maria in den Morgen hinein,
tat die Erde einen lichten Liebesschein,
und über die fröhlichen, grünen Höhn
sah sie den bläulichen Himmel still stehn.
"Ach, hätt ich ein Brautkleid von Himmelsschein,
zwei goldene Flüglein - wie flög ich hinein!"

Es ging Maria in stiller Nacht,
die Erde schlief, der Himmel wacht,
und durchs Herze, wie sie ging und sann und dacht,
zogen die Sterne mit goldener Pracht.
"Ach, hätt ich das Brautkleid von Himmelschein,
und goldene Sterne gewoben drein!"

Es ging Maria im Garten allein,
da sangen so lockend bunt Vögelein,
und Rosen sah sie im Grünen stehn,
viel rote und weiße so wunderschön.
"Ach, hätt ich ein Knäblein, so weiß und rot,
wie wollt ichs lieb haben bis in den Tod!"

Nun ist wohl das Brautkleid gewoben gar,
und goldene Sterne ins dunkele Haar,
und im Arme die Jungfrau das Knäblein hält
hoch über der dunkel umbrausenden Welt,
und vom Kindlein gehet ein Glänzen aus,
und lockt uns nur ewig: nach Haus, nach Haus!

Joseph von Eichendorf, 1788 - 1857

Samstag, 13. Dezember 2008

Ralf Rangnick über den Erzengel Michael




Zum 80.Geburtstag von Peter Lampasiak wurde an der Freien Waldorfschule Hannover Bothfeld eine Festschrift vorgestellt: "Auf dem Weg".

In dieser findet sich eine bemerkenswerter Artikel eines Fußballtrainers (Hoffenheim):



Leseprobe


Michael, der Motivator
von Ralf Rangnick

Wer der Erzengel Michael ist, wusste ich ehrlich gesagt vor meinem ersten Besuch in der Michael-Kirche in Hannover nicht so genau. Ich wusste noch nicht einmal besonders viel über Erzengel, Engel und andere himmlische Wesen. Die Skulptur, die mir beim Verlassen der Kirche Ade sagte, wirkte auf mich wie eine Art Motivationstrainer: Als erstes fiel mir auf, dass drei verschiedenartige Engel dargestellt sind.

Das regte mich zum Nachdenken darüber an, ob wir nicht auch in dreierlei Weise im Leben stehen: Als mutiger Kämpfer im Privat- und Berufsleben, als kreativer Künstler, der im emotionalen Leben Harmonie und Ästhetik sucht sowie als rationaler Denker, der verstehen möchte, wie die Welt zusammenhängt. Was bewirkt nun der dreifache Engel im täglichen Leben - und wie kann uns das - auch als Fußballtrainer - weiterhelfen? Der Kämpferengel ist mutig, stark und hat das richtige Werkzeug, um mit dem Drachen fertig zu werden, der ihm und womöglich auch anderen nach dem Leben trachtet.

....
Der erste Kampf für den Kampf im äußeren Leben findet vielleicht in und mit uns selbst statt. Stärke, Zielstrebigkeit, Arbeit an den Werkzeugen der Selbstdisziplin - hehre Ziele, bei denen der Erzengel uns vielleicht helfen möchte. Der Künstlerengel ist der Schönheit und Ästhetik verpflichtet. Irgendwie soll das, was wir egal auf welchem Gebiet leisten, schön, harmonisch und ästhetisch wirken.

...mehr im dem Buch »Auf dem Weg« Erscheinungsdatum: 12.12.2008
Subskriptionspreis: 29 Euro (Ladenpreis: 36 Euro)

Mehr dazu unter: http://www.peter-lampasiak.de/index.html

Freitag, 5. Dezember 2008

„Geburt eines neuen Weltjahres"

Einer der schönsten Weihnachtshymnen stammt aus vorchristlicher Zeit. Er zeigt, wie schon aus dem Wissen der alten Mysterien heraus die Weisen die Ankunft des Wesens kannten und erwarteten, das der Welt Heil und Rettung bringen würde. Hier wird darauf hingewiesen, dass sogar schon die Sibylle von Cumae die Ankunft des "Sprösslings" geweissagt habe. Der größte Teil ihrer Bücher sind später verloren gegangen. Es gab also nicht nur im Heiligen Land die Christuserwartung, sondern auch in der römischen Kultur.



Hymnus von Vergil, 40 vor Chr.


Sizilianische Musen lasset uns etwas Größeres singen!

Die letzte Weltzeit beginnt jetzt,

sie wird uns den Mächtigsten bringen;

So lautet die alte Weissagung der grauen Sibylle von Cumae:

Im kreisenden Reigen der Zeiten, auserkoren zu göttlichem Ruhme,

Schon kehret wieder die Jungfrau,

kehrt wieder aus himmlischen Reichen,

Schon wird ein Sprössling entsandt,

erkennet ihr Menschen die Zeichen.

Seid wohlgesonnen dem Kinde,

dem neugeborenen Jungen,

Von dem wir hören herrlich die frohesten Prophezeiungen.

Mit dem die Zeit von Eisen vergeht

und die von Gold wieder aufersteht.


Es beginnen zu strahlen am Himmelszelt

die mächtigen Monde hell in die Welt.

Und alle Spuren unserer Schulden sollen getilgt nun werden,

Erlöst seien vom Schrecken die Lande allüberall auf Erden.


Göttliches Sein wird er tragen in sich,

wie ein göttlicher Held wird er leben.

Unter den Helden erscheinen als Licht

und sein Friedensgeschenk übergeben.

Aus den Kräften des Vaters nur handelnd,

wüste Härte der Erde verwandelnd,

Und erweichend die steinigen Krumen,

Seine Wiege umblühen nur Blumen.


Sterben wird dann die Schlange, und das Kraut voller Gift

Und es wachsen wie Lilien Blüten, wie man im Paradiese sie trifft.

Weiche Ähren im Felde blond golden erglänzen.

Und die Schönheit der Welt übersteigt alle Grenzen.


Ein paar Spuren zwar werden verbleiben des Frevels der Urzeit.

Doch wenn dich zum Manne gemacht die kräftige Erdzeit,

Nicht mehr duldet der Boden die Hacke, der Weinberg der Sichel Spur,

Jetzt löset die Stiere vom Joche der kräftige Bauer beim Pflügen.

Nicht mehr lernt dann die Wolle der Schafe die bunten Farben zu lügen,

Auf der Wiese schon wandelt der Widder sein Vlies in leuchtenden Purpur.


Bald ist's Zeit, tritt an deine Bahn, o strahlender Sprössling nun werde,

Siehe, es wankt und schwankt des Weltendomes Überwölbung,

Länder und Meere, unendlich gedehnt und die Tiefen der Erde,

Sie grüßen das neue Äon es jubelt das Weltall in Hoffnung.

O, es reiche aus mir mein Leben, deine Herrlichkeit zu lobpreisen,

Übertreffen will ich im Lobpreis der Sänger uralte Weisen.


Fang bald an, kleiner Junge, im Lachen die Mutter zu kennen!

Brachten der Monate zehn deiner Mutter doch lange Beschwerden.

Fang bald an, kleiner Junge deinen Weg hier auf Erden.


Auszug aus: 4. Lied der Hirtengedichte, bearbeitet von D. C.


Siehe auch: Hans Zimmermann http://12koerbe.de/pan/ekloga4.htm